4. Kommt Zeit, kommt Rat

Wie recht Hübner hatte, sollte sich tatsächlich schon nach drei Monaten intensiven Grabens erweisen. Man entdeckte einen und nach drei Tagen in der Nähe eine zweite relativ große Glasscherbe mit  Schriftzeichen, die auf den ersten Blick Hieroglyphen ähnelten. Obwohl ein Hieroglyphen-Fachmann aus Berlin sofort zur Beratung hinzugezogen wurde, gelang es aber nicht, diese zu entziffern.

„So verwunderlich ist dieser anscheinende Misserfolg auch nicht“,

versuchte dieser Experte sich zu entschuldigen. „Man kennt heute verschiedene Arten von Hieroglyphen und manche, wie zum Beispiel die urartäischen, konnten bis heute nicht entziffert werden, obwohl sie schon seit Jahrhunderten bekannt sind.“

In der Zwischenzeit hatte Hübner zwei Kollegen aus den Fachbereichen Physik und Chemie gebeten, sich den Metall- beziehungsweise Keramikresten anzunehmen und auch diese Kollegen konnten mit den Resten nicht viel anfangen, bis er selbst auf die Idee kam, sie zu fragen, ob eine Überlagerung dieser zwei Materialien nicht vielleicht eher etwas Interessantes ergeben könnte. Der Chemiker passte und dem Physiker fiel nichts Gescheiteres ein, als dass auch Computer-Festplatten vor allem aus zwei Komponenten bestehen: magnetisiertem Eisen und Silikon, und das Letztere ist ein Keramikstoff. Diese Bemerkung klang für alle an den Untersuchungen Beteiligten so nutzlos, wenn nicht gar absurd, dass sie sich hüteten, sie an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Einem geschickten Journalisten gelang es aber doch, Wind von dieser Bemerkung zu bekommen, und die Bild Zeitung brachte, allerdings unter Fragezeichen, die Nachricht auf ihrer ersten Seite unter dem Titel „Marburg. Meteorit enthält Computerbestandteile von Außerirdischen?“

Der Schlüssel zur Lösung des Rätsels ergab sich aus den weiteren Ausgrabungen, die systematisch rings um den ursprünglichen Fundort gemacht wurden. Schon nach drei Wochen fand man dort ein ebenfalls  großes Glasstück, das von Experten näher untersucht werden konnte. Das Resultat dieser Analyse war, dass das Glas eine Struktur aufwies, die zwar bisher noch nicht bekannt war, aber die es in sich hatte: Seine Härte übertraf bei weitem die der härtesten Panzerglase. Eine direkte und weitere Bestätigung dieser Feststellung ergab sich nach einigen Tagen, als man ein noch größeres Glasstück fand, etwa in Buchgröße und fast zwei Zentimeter dick. Schon die Tatsache, dass ein so großes Glasfragment in einer Tiefe von über zehn Metern alle möglichen geologischen Vorkommnisse überlebt hatte, bewies seine ungewöhnliche Festigkeit.

Aber die große Überraschung, die alles Bisherige in den Schatten stellte, stand noch bevor.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)