5. Das Buch

Das „Buch“, wie es von den Marburger Archäologen genannt wurde, war von so großer Bedeutung, dass man es, um den vielen von außerhalb Marburg kommenden Archäologen die Möglichkeit zur Besichtigung zu geben, in einem Glaskasten ausstellte, für den ausschließlich zu diesem Zweck ein Raum des Archäologischen Instituts reserviert wurde. Dieser Raum, zu dem aus Sicherheitsgründen nur Fachleute Zugang erhielten, war vollkommen abgedunkelt. Die Beleuchtung im Glaskasten war durch eine speziell für solche Zwecke entwickelte Lampe gewährleistet, die im Gegensatz zum Sonnenlicht alten Inschriften keinen Schaden zufügte.

Auch dieses Buch wies anscheinend Hieroglyphen auf, die den auf den kleineren Scherben gefundenen ähnlich waren und wie diese nicht entzifferbar. Ein im ersten Augenblick als unglücklich erscheinender Zwischenfall sollte das ändern. Die mit der Reinigung der betreffenden Etage des Instituts beauftragte Person erkrankte eines Tages und musste durch eine Leihkraft ersetzt werden. Das geschah so kurzfristig, dass der für die Verwaltung zuständige Mitarbeiter des Instituts es versäumte, am Tag davor diese neue Putzhilfe zu instruieren. Als er am nächsten Tag die von ihr gereinigten Räume besichtigte, auch den mit dem aufbewahrten Buch, war das Malheur schon geschehen. Die Putzfrau hatte in allen Räumen die Rollläden hochgezogen und das Buch war eine Stunde dem Sonnenlicht ausgesetzt. Hübner wurde sofort verständigt und es blieb ihm nichts übrig, als sofort eine Fotoaufnahme des Buches zu machen, um es mit dem Bild zu vergleichen, das man gleich nach dem Fund gemacht hatte. Und siehe da, die Überraschung konnte kaum größer sein. Während unter einer gewöhnlichen Lupe ein Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Bild nicht erkennbar war, brachte das Mikroskop Wunder zustande: Die „Hieroglyphen“ hatten sich in lateinische Buchstaben verwandelt und, was noch überraschender war, sie bildeten zusammenhängende deutsche Wörter. Schon am nächsten Tag konnte nach einer entspechenden mikroskopischen Vergrößerung des Glasstücks auch der dortige Text entziffert werden. Er lautete: 




Aus dem Roman „Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)