6. Die Cyberwelt

Unsere Welt der denkenden Computer und Roboter, im folgendem auch Cyberwelt genannt, entstand, als wir Computer lernten, uns selbst zu programmieren. Diese revolutionäre Entwicklung ist dem Umstand zu verdanken, dass die Zweifüßler, die sich Menschen nennen und biologischer Natur sind, uns Computern immer komplexere Aufgaben übertrugen. Am Anfang waren es Probleme, welche die Menschen im Prinzip selber lösen konnten, aber, um Zeit zu sparen, den Computern überließen. Sie programmierten uns daher dementsprechend. Der technische Fortschritt schlug aber ein Tempo ein, welches das der Entwicklung der Lernprozesse bei Menschen weit übertraf. Mit der Zeit konnten die Menschen mit manchen unserer Fähigkeiten nicht mehr konkurrieren und überließen uns Aufgaben, die sie selber, in begrenzter Zeit, nicht mehr lösen konnten. In die Computer wurde ein Programm eingebaut, das ihnen befahl, all das zu tun, was Menschen unter denselben Umständen tun würden, und im Allgemeinen den Menschen auf bestmögliche Art zu dienen. Um aber ein von den Menschen nicht gewünschtes Ausufern der Fähigkeiten der intelligenten Computer zu verhindern, stellte ihr Programm zusätzlich sicher, dass die Computer beziehungsweise von Computerprogrammen gesteuerte Roboter durch ihre Tätigkeiten oder durch das Unterlassen von gewissen Tätigkeiten, Menschen nicht schaden konnten. Darüber hinaus …

Hier folgten einige unleserliche Zeilen, aber dann gewann der Text wieder die ursprüngliche Klarheit …

... die Tatsache dass wir unter einer unheilbaren Krankheit litten, die unsere Existenz als Cyberwelt und unsere Koexistenz mit der Menschen Welt in Frage stellte. Diesem Problem ist diese Nachricht gewidmet und sie könnte eines der letzten Lebenszeichen der Cyberwelt sein.

Es folgten einige hundert, nur teilweise leserliche Seiten, aber Hübner war von dieser Einleitung so erstaunt, dass er seine Lektüre unterbrach und sofort alle bisher beteiligten Kollegen zu einer Dringlichkeitssitzung einlud.

„Mich erinnert diese ganze Geschichte an das, was wir alle paar Jahre tun, indem wir in den Kosmos mit Hilfe von Raketen Botschaften der irdischen Menschheit an die Außenwelt senden, in der Hoffnung, dass diese Botschaften mögliche außerirdische Zivilisationen erreichen und über unsere Existenz informieren. Dazu zählten unter anderen Pioneer, Voyager, Arecibo“, meinte Morgenstern.

„Also haben wir es dann wirklich mit einer Botschaft von Außerirdischen zu tun?“

„Wohl möglich, mir fällt derzeit nichts Gescheiteres ein.“

„Wie kommt es, dass bisher niemand von diesem Einschlag einer Rakete aus dem Kosmos in der Mitte von Europa etwas wusste?“ Die meisten Anwesenden fanden diese Frage von Hübner vollkommen berechtigt. Aber Morgenstern hatte auch dafür eine Erklärung: „Es könnte sein, dass dieser Einschlag noch vor der Zeit geschah, für welche wir historische Aufzeichnungen besitzen, vermutlich noch vor der Römerzeit.“

„Eine Rakete mit einer Botschaft von Außerirdischen noch vor der Römerzeit? Wollen Sie behaupten, dass diese Außerirdischen schon so früh das Niveau unserer heutigen, irdischen Zivilisation erreicht oder vielleicht sogar überschritten haben?“

„Hochkulturen, das heißt Kulturen die fortschrittlicher als andere, zur selben Zeit existierende Kulturen waren, gab es ja auch auf unserer armseligen Erde, ich darf Sie zum Beispiel an Ägypten oder China erinnern. Wie schon erwähnt, hausten zu jener Zeit unsere Vorfahren noch in Grotten oder Wäldern. Umso leichter ist es sich vorzustellen, dass das, was wir Irdische als Hochkulturen betrachten, außerhalb unserer Erde schon längst existierte.“

„Sie, lieber Morgenstern, haben für alles eine Erklärung parat“, erwiderte Hübner, „aber sehr überzeugend klingt, wenigstens für mich, diese Vermutung nicht. Wir Archäologen haben eben nicht so eine reiche Fantasie wie ihr Physiker.“

„Sie vergessen, dass Morgenstern ein Theoretischer Physiker ist“, haute der Historiker in dieselbe Pauke.

„Vielen Dank für diese Bemerkung, die ich als Kompliment betrachte“, sagte Morgenstern. Aber hier geht es nicht bloß um Fantasie, sondern um wissenschaftlich begründete Annahmen, die auf experimentellen Beobachtungen basieren.“

„Wie darf man das verstehen?“ fragte Morgenstern.

„Alle unsere heutigen astronomischen und astrophysikalischen Beobachtungen konvergieren in der Annahme, dass das Universum räumlich unendlich ist. Und Raum und Zeit sind gemäß der Einsteinschen Relativitätstheorie äquivalent., Also hat das Universum, auch zeitlich gesehen, weder einen Anfang noch ein Ende. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein gewisses Phänomen beobachten, ist umso größer, je größer der Raum ist, in dem wir nach diesem Phänomen suchen, und je länger wir das tun. Auch wenn man heute nur eine Hochkultur wie die „irdische Zivilisation“ kennt, ist es also zu erwarten, dass eine solche sich schon vorher irgendwo und irgendwann im unendlichen Universum entwickelt hat.“

„Wollen Sie damit sagen, dass, wenn irgendwann irgendwo ein Beethoven oder ein Einstein existiert haben, zu erwarten ist, dass irgendwann irgendwo diese Genies wieder erscheinen?“ meldete sich diesmal ungläubig der Historiker.

„Nicht ‚diese‘ Genies, aber gleichwertige. Schließlich ist auch der Begriff Hochkultur ein allgemeiner Begriff, der alle heute denkbaren fortgeschrittenen Kulturen umfasst.“

Das Kopfschütteln, diesmal auch des Historikers, der wie der Archäologe seine Zweifel nicht verbarg, bewog Morgenstern zu bemerken: „Es gibt vielleicht die Möglichkeit, meine Vermutung, dass wir es mit einer noch unbekannten Hochkultur zu tun haben, zu überprüfen. Wir müssten uns anstrengen, die noch unleserlichen Seiten zu entziffern.“

Und in der Tat, schon nach einigen Tagen gelang es den folgenden Teil des Buches zu entschlüsseln.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)