V

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom
Von fernen Inseln, wo er geerntet hat;
Wohl möcht‘ auch ich zur Heimat wieder;
Aber was hab‘ ich, wie Leid, geerntet? –

Ihr holden Ufer, die ihr mich auferzogt,
Stillt ihr der Liebe Leiden? ach! gebt ihr mir,
Ihr Wälder meiner Kindheit, wann ich
Komme, die Ruhe noch Einmal wieder?

Friedrich Hölderlin
(Die Heimat)

*

Welche Spuren werdet ihr noch finden in der kleinen Stadt, die, solange du zurückdenken kannst, stets ihre zehntausend Einwohner hatte, kaum mehr, kaum weniger? Die auch zwischenzeitlich, da völlig ohne Eingemeindungen geblieben, nur wenig an Zuwachs zu verzeichnen hatte.

„Hölderlinstadt Lauffen“ steht auf der neuen, blauen Tafel am Bahnhof, unter der ihr euch anfangs wiederfandet. Auf die ihr freilich kaum achtetet, einer in den Augen des anderen versinkend, alles um euch vergessend. Das Gelände ist dir fremd, der Bahnhof, den du einst kanntest, ihn gibt es nicht mehr. Das Areal wurde längst zweckmäßig überbaut. Keine Ähnlichkeit mit früheren Tagen. Der alte Bau war nicht minder hässlich, aber der Platz davor weitläufiger. Ein schöneres Bahnhofsgebäude stand an diesem Platz, bevor die Weltkriegsbomben darauf niedergingen; du kennst ihn von alten Postkarten, auf denen auch noch das benachbarte einstige Postgebäude zu sehen ist. Die Schilderungen deines Vaters, Geschichten, die du als Kind nicht oft genug hören konntest, mit jener Neigung zum gruselig Makabren, die Kindern zuweilen eigen ist: „Und dann sind die Leute aus dem Luftschutzkeller geklettert und haben dumm geguckt, als sie nur noch den freien Himmel und Rauchschwaden über sich gesehen haben – weg war der Bahnhof!“ „Toll! Papa, erzähl `s nochmal!“

Die „holden Ufer“. Hiervon allerdings könntet ihr noch eine Vorstellung bekommen, dieser Abschnitt des Flusses hat sich einiges von seiner Ursprünglichkeit bewahren können. Die Respekt gebietenden Stromschnellen sind von der alten Brücke aus eindrucksvoll zu beobachten. Sie waren es, die dem Ort seinen ursprünglichen Namen verliehen: „Hlauppa“, was in etwa „schnell fließendes Wasser“ bedeutet. Zugleich bezeichnen sie die Stelle, an welcher der Fluss es vor ein paar Jahrtausenden allzu eilig hatte, keine Lust mehr verspürte, seiner alten Schleife in ihrer vollen Länge zu folgen, den Felsen durchbrach und sich selbst eine Abkürzung schuf.

In der alten Neckarschlinge mit dem ihr verbliebenen Altwasser hat sich indessen eine außergewöhnliche Vegetation herausgebildet. Die Gegend ist ein Paradies für seltenere Vogelarten, Wasservögel insbesondere. Der Wald am ehemaligen Uferprallhang ist nicht groß, ein schmaler Streifen im Grunde nur, den dein Dichter mit „den Wäldern meiner Kindheit“ nicht gemeint haben kann, da er seine weiteren Kinder- und Jugendjahre in Nürtingen verbrachte. Dorthin zog er im Alter von nur vier Jahren, nach dem frühen Tod seines Vaters, mit seiner Mutter und seinem neuen, ebenfalls sehr geschätzten und geliebten Stiefvater, der dort Bürgermeister war. Sein neuer Wohnort, an dem er alsbald auf Streifzüge ging, die ihn auch in die umliegenden Wälder führten. Es ist die Rede von einem Lieblingsplatz in der Nähe des sagenumwobenen Ulrichsteins, an den er sich gern zurückzog, allein oder manchmal auch mit seinem jüngeren Bruder Karl, um diesem vorzulesen.

Orte, die du selbst nur vom Lesen und Hörensagen kennst. Dies hier ist hingegen „dein“ Wald, der „Wald deiner Kindheit“. An den du zuerst denkst, wenn du diesen Begriff hörst. Vielfältig hast du ihn durchstreift, tust es oft in nächtlichen Träumen noch und manchmal stiehlst du dich heimlich zu ihm hin. Hier lässt sich manchmal mehr Wild beobachten als irgendwo sonst, da die Tiere sich nur in wenige Winkel zurückziehen können. Häufiger als anderswo kreuzen Reh und Hase den Weg, und im letzten Frühjahr konntest du mitten auf einem grasüberwachsenen Weg zwei kleine Jungfüchse beim Spielen beobachten. Sie waren vielleicht zehn Meter entfernt und bemerkten dich lange Zeit überhaupt nicht. Du weißt es: solches Glück ist uns – wenn je im Leben – nur sehr selten beschieden.

Im März sind die Böschungen von kleinen blauen und vereinzelt auch weißen Sternen übersät: Wildwachsende Scilla – auch Blaustern genannt –, eine frühblühende Blumenart, die nicht überall zu finden ist, weil sie wohl diese besonderen Bodenverhältnisse benötigt. Für dich gehörte sie wie selbstverständlich zum Frühling. Als Kinder pflücktet ihr sie gedankenlos, schien sie euch doch so zahlreich vorhanden, aber viele Menschen kennen sie nicht, allenfalls ihre kultivierte Verwandte in Parks und Gärten, welche sich jedoch nicht annähernd mit ihr vergleichen lässt. Erst als du für längere Zeit in anderen Gegenden lebtest, merktest du zunehmend, dass etwas am Frühling seit längerem nicht stimmte, verkehrt war, dass etwas Entscheidendes fehlte. Dieses besondere Blau, welches erst ins Auge fällt, wenn dein Blick länger auf den blassen Grün-, Braun- und Grautönen der noch vom ausklingenden Winter kündenden Wiese verweilt. Im wechselnden Licht- und Schattenspiel der Frühlingssonne in den noch unbelaubten Erlen und Weiden blitzt es am Boden plötzlich hier und da vereinzelt auf, bis die Böschungen jäh von einem blau funkelnden Zauberteppich überzogen sind, der alles verwandelt. Der Märchenwald ist eröffnet, das Stück spielt nur für dich. Selbst der Gesang der Vögel klingt verändert, scheint unbekannten Traumsphären zu entsteigen. Zu Störenfrieden werden kurzzeitig andere Spaziergänger, Jogger und Radfahrer. Aber auch sie schaffen es merkwürdigerweise nicht, dir die Stimmung zu verderben. Du siehst sie vorbeihasten, freundlich grüßend oder stumm. Sie gehen weiter, als wäre nichts geschehen. Sie sehen es nicht. Für sie ist der Wald wie immer. Auf die wenigen, die es hingegen wahrnehmen, die sich in derselben Dimension bewegen, triffst du selten. Sie suchen die Zurückgezogenheit, möchten mit all dem allein sein. Wie du.

Für all dies jedoch ist es noch zu früh. Noch ist Winter. Bisher spürtet ihr ihn kaum, ihr hattet eure eigene Jahreszeit eröffnet. Ihr wollt nun zu eurem Dichter. Dies erfordert doch einiges Sich-Überwinden angesichts der klirrenden Kälte – und das Überqueren des Flusses über die eisglatte Bogenbrücke. Hinaus in die schneidende Winterluft; es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung, so heißt es. Eine Ansicht, die nicht alle zu teilen scheinen. Ihr trefft draußen auf nur wenige, ebenso unkenntlich vermummte Gestalten. Das Museum öffnet erst am Nachmittag, ihr seid zu früh dran. So erkundet ihr einstweilen den als „Dorf“ bezeichneten älteren Teil der Stadt auf der anderen Seite des Neckars, gegenüber dem „Städtle“, wo ihr untergebracht seid. Das „Dorf“ sei immer der bedeutendere Teil von beiden geblieben, liest du später. Beide Stadtteile bildeten überhaupt erst ab dem frühen letzten Jahrhundert einen Gemeindeverband, sollen aber lange davor bereits eine gemeinsame Kasse verwaltet haben. Dies war gewiss nur mit schwäbischer Disziplin durchzuhalten!

Ihr erklimmt eine steile Gasse auf dem Weg hinauf zur Kirche und geht unter einer kleinen Brücke hindurch, die vom erhöht liegenden Kirchhof zum Eingang des Pfarrhauses auf der anderen Seite führt. Du erinnerst dich, sie in der Konfirmandenzeit oft überquert zu haben.

„Unser Pfarrer“, erzählst du, „machte sich und uns keine großen Umstände. Er sagte: ‚Lernt den Katechismus und wenn ihr etwas auswendig könnt, kommt ihr einfach vorbei und sagt es mir auf.‘ Und so hielten wir es, gingen hin und wieder nachmittags beim Pfarrer vorbei, hielten Kaffeeplausch, sagten unsere Verse auf, bekamen das entsprechende Häkchen auf unserer Liste – und für den Rückweg meist noch ein paar Gemeindeblättchen zum Austragen mit. Auf diese Weise war das Konfirmandenleben für beide Seiten ganz gut auszuhalten.“

Mehr Sorgen hatten dir die Hausbesuche bereitet, die jener Pfarrer im Konfirmandenunterricht angekündigt hatte, dann aber zum Glück doch nie durchführte, weil er viel zu beschäftigt war und letztlich keine Zeit dazu fand. Wie er genüsslich erzählte, pflegte er bei solchen Gelegenheiten gern beiläufig nach der Familienbibel zu fragen, sie aus dem Bücherschrank zu nehmen und darin zu blättern. An der daraus aufsteigenden Staubwolke, sagte er, ließe sich dann sehr schnell erkennen, wie oft oder selten diese benutzt wurde. Diese Vorstellung genügte, dich in helle Panik zu versetzen! Es hätte nichts genützt, zuhause nach einer Familienbibel zu suchen, um diese vorsorglich abzustauben und damit dem Verdacht zu entgehen, in einem heidnischen Umfeld aufzuwachsen. Eine solche gab es im häuslichen Bücherschrank schlicht nicht! Soviel du wusstest, fand sich dort lediglich ein Buch mit dem Titel: „Womit wir leben können“, die in konservativen Kirchenkreisen äußerst umstrittene „Zink-Bibel“, für die sich die Eltern zu ihrer Trauung entschieden hatten. Eine sehr freie Übersetzung des Neuen Testaments von dem gleichnamigen, friedensbewegten und schon deshalb dauerverdächtigen Fernsehpfarrer, den du selbst bis heute sehr schätzt, dessen Erwähnung bei strenggläubigen Christen jedoch meist zu missbilligendem Kopfwackeln führt. Wahrscheinlich aber, denkst du heute, hätte es mehr gebraucht, deinen Pfarrer zu schocken – oder zu „erschüttern“, wie er es ausdrückte. „Ich bin erschüttert!“, hörtet ihr ihn oft donnern, wenn er bei euch auf Unwissen in Glaubensdingen stieß, aber in seinen Augen stand stets das heiterste Lachen geschrieben. Möglich, dass er mit dem unkonventionellen Jörg Zink sogar auf gutem Fuße stand. Der Konflikt blieb dir jedenfalls erspart und du konntest jene Tage, die letzten vor deinem Wegzug, noch verhältnismäßig unbeschwert genießen.

Es zeichnete diesen Pfarrer, für den Ökumene übrigens nie ein Diskussionsthema, sondern gelebte Selbstverständlichkeit war, im Weiteren aus, dass er sich für alles interessierte, womit seine Schäfchen sich beschäftigten. Er besuchte Sportveranstaltungen und Feste und war so stets mitten unter ihnen als einer von ihnen. Dich nahm besonders für ihn ein, dass er ein großer Pferdefreund war. Wenn ein Reitturnier stattfand, ging es Sonntagfrüh statt in die Kirche hinaus aufs weit entlegene Reitgelände im Grünen und dort wurde unter freiem Himmel Gottesdienst für Pferd und Mensch abgehalten. Und bei einem ortsansässigen Hobbypferdezüchter, bei dem du dich oft im Stall herumdrücktest, der in einem Jahr angesichts dreifachen Nachwuchsglücks zu einer „Fohlentaufe“ eingeladen hatte, befand sich selbstverständlich auch der Pfarrer, vergnügt lachend, die Pferde bewundernd und sich göttlich amüsierend unter den Feiergästen. Leider war ihm kein langes irdisches Leben mehr vergönnt. Jemand erzählte dir schon vor Jahren, er sei bereits kurz nach Eintritt in den Ruhestand verstorben und liege auf dem hiesigen Friedhof begraben.

Du selbst warst ja lange nicht hier, hattest den Bezug zu allem verloren, triffst auch heute nahezu auf keine bekannten Gesichter. Am ehesten noch auf diejenigen, von denen du selbst lieber nicht erkannt werden willst, aber wer kann sich das aussuchen? Du bist immer eigene Wege gegangen und tust dies auch jetzt wieder. Und wenn du in diese Stadt zurückgekehrt bist, dann um des Dichters und deines geliebten Freundes Willen, der wie du auf dessen Spuren ist. Der ihn dir unverhofft wieder nahebrachte. Der dir Verse ins Gedächtnis zurückrief, die du einst zwar gelesen, aber kaum verstanden oder inzwischen längst vergessen hattest. Andere wiederum, die du bislang noch nicht kanntest. So dass du dir den einzigen Gedichtband, der eher ein Alibi-Dasein in deinem Regal fristete, wieder vornahmst und stauntest über den neu gewonnenen Reichtum aus diesen Versen – und darüber, wie vieles davon mit euch zu tun hat.

Die Kirche, in spätgotischer Zeit errichtet, nachdem eine Vorgängerkirche durch Blitzschlag abgebrannt war, wie es eine Schrift an der Wand in alter Sprache und schwer lesbaren, verschnörkelten Buchstaben schildert, umfängt euch mit der besonderen Stille und Würde, die solch ursprünglich alten Gemäuern oft noch innewohnt. Du erinnerst dich an sehr schöne, feierliche Christmettgottesdienste, die – wie es sich gehört, findest du – wirklich noch zur Mitternacht gehalten wurden. Nicht, wie an anderen Orten, wo du später wohntest, bereits zwei oder drei Stunden vorher. Wozu eigentlich, fragst du dich. Etwa, weil es jeder eilig hat, schnell wieder nach Hause zu gehen zu Punschglas und überladenem Gabentisch? Es soll ja Menschen geben, die noch am selben Abend ihren Weihnachtsbaum abräumen und alle Dekoration in der Kiste verschwinden lassen. Für sie ist das Fest zu Ende, bevor es richtig begonnen hat. Nach der Geschenkeschlacht kommt für sie nichts mehr. Ob sich die Tradition der Mitternachtsmette wenigstens hier erhalten hat? Es wäre wohl eine Erkundung wert. Aber die Weihnachtszeit ist soeben erst zu Ende gegangen. Du trauerst ihr immer ein bisschen nach.

Hier für künftige Tage die Zelte aufschlagen? Wäre dies eine Option für euch? Ihr seid Teil des Schweigens an diesem sakralen Ort, eure Gedanken jedoch gehen in ähnliche Richtungen.

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.