IV

In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf
Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,
Und all der holden Hügel, die dich
Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Der Neckar)

*

Dein Philosophenfreund sagt, er habe bereits beim Lesen dieser Zeilen das Gefühl gehabt, nach Hause zu kommen, und dir geht es ähnlich, du hast es nie zuvor so stark empfunden wie gerade jetzt, und du fragst dich, woran es liegen mag.

Das Frühstückszimmer, eine rundum verglaste Veranda mit Blick auf Kanal und Fluss. Ihr beobachtet Graureiher in ihrem majestätischen Flug, farbenfrohe Nilgänse auf dem Wasser und die pfiffig aussehenden Kormorane mit ihren Tauchkünsten, wettet darüber, wie lange sie unter Wasser bleiben und an welcher Stelle sie wann wieder auftauchen würden. Unterdessen turnen Kohlmeisen vor den Fenstern in den Ästen herum; ihr hört schon in der Frühe ihren Gesang, sobald ihr euch überwunden habt, das Fenster zu öffnen und der frostigen Morgenluft Einlass zu gewähren. „Die Meisen singen, es wird bald Frühling!“, sagst du, wider besseres Wissen.

Ab und zu ziehen Binnenschiffe durch den Kanal, mehr, als du um diese Jahreszeit erwartet hättest. „Schau sie dir an, sie sind gewachsen!“, sagst du im Scherz, wirkten sie doch am mächtigen Rhein, wo ihr euch einst kennenlerntet, bedeutend kleiner.

Die Wirtsleute sind freundlich, auch wenn ihr euch sehr bald mit schwäbischen Eigenarten konfrontiert seht. „Keine Kühltaschen im Frühstücksraum, kein Mitnehmen von Frühstücksbrötchen erwünscht!“, so ist es einem am Empfang angebrachten Schild zu entnehmen. Schützt man sich hier einfach nur vor einer – nicht nur den Schwaben unterstellten – Hamstermentalität? Dein Philosophenfreund liest und staunt. Dies reizt dich doch sehr, Schwabenwitze zum Besten zu geben: „Kennst du den mit den Schwaben, die in die Gletscherspalte gefallen sind? – Ruft es von oben herunter: Hier ist die Bergwacht! – Schallt es von unten rauf: Mir gebet nix!“

Frühstück gibt es bis 10 Uhr, keine Minute länger; pünktlich fünf vor zehn wird die Frage gestellt, ob ihr noch etwas vom Buffet wünscht oder ob man abräumen könne. Kurz darauf kommt geräuschvoll und unerbittlich der Staubsauger zum Einsatz. Ihr hingegen habt tatsächlich den Nerv, bis halb elf auszuharren und eure Gespräche fortzusetzen, habt so vieles nachzuholen, handelt euch erstaunte Blicke von hastig aufbrechenden Tischnachbarn ein, liebt es, die Sache auf die Spitze zu treiben, die herrliche Aussicht auf die Winterlandschaft bei einem letzten und allerletzten Kaffee zu genießen, bevor ihr dann doch fluchtartig das Weite sucht, denn es ist euch ja recht, ihr wollt ja noch etwas haben vom Tag. Eurem Tag.

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.