VI

Seliges Land! kein Hügel in dir wächst ohne den Weinstock,
Nieder ins schwellende Gras regnet im Herbste das Obst.
Fröhlich baden im Strome den Fuß die glühenden Berge,
Kränze von Zweigen und Moos kühlen ihr sonniges Haupt.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Der Wanderer, 1.
Fassung;
Inschrift des Hölderlin-Denkmals in Lauffen am Neckar)

*

Das Museum, in dem ihr fündig zu werden hofft, ist klein, – zu klein, wie ihr meint, für einen Dichter seiner Größe! – und liegt auf dem ehemaligen Klostergelände. Dort entstand um das einstige Frauenkloster eines Dominikanerinnenordens eine eigene Siedlung, die den Namen „Zur Brücken“ getragen haben soll, welche später dann schlicht „Dörfle“ genannt wurde. Der Vater des Dichters war Klosterhofmeister, zu einer Zeit, da es längst nur noch um die Verwaltung von Gütern ging. Nonnen lebten dort schon seit zweihundert Jahren nicht mehr, unmittelbar nach der Reformation wurden keine Novizinnen mehr aufgenommen. In deren weiterem Verlauf ergab es sich, dass aufgelöste Frauenklöster zu Wirtschaftsgütern, die Mönchsklöster hingegen – wie das berühmte Maulbronn – zu theologischen Bildungsstätten für angehende protestantische Pfarrer umgewandelt wurden.

Vom Kloster selbst sind nur noch Teile des Kreuzganges erhalten, die inzwischen nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz stehen. Die ehemalige Kirche, welche heute das Museum beherbergt, wurde erst in späteren Tagen neu aufgebaut. Sie wurde zu der Zeit, in die deine Erinnerung zurückreicht, noch als solche für die katholische Gemeinde genutzt, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus zugewanderten Menschen bildete, die geflüchtet oder aus ihrer Heimat vertrieben waren.

Um zum Museum zu gelangen, gilt es, die Bahnlinie zu unterqueren, die es zu Dichters Kindertagen freilich noch nicht gab. Immerhin fiel die Erfindung der Eisenbahn selbst noch in dessen späte Jahre; fraglich allerdings, ob er davon noch Notiz nahm. Wo die Straße zum Klosterhof abzweigt, hat man einen Kreisverkehr angelegt und in dessen Mitte mit einem monströs anmutenden Kunstwerk eurem Dichter ein modernes Denkmal gesetzt.

Ihr betrachtet es staunend. Es wird ein wenig dauern, bis es sich euch völlig erschließen wird. Was um Himmels Willen soll der tote Hirsch, auf dem in aufreizend despotischer Haltung eine Figur steht, die nach Kleidung und Frisur einen adeligen Herrscher früherer Tage vorstellen könnte? Und was tut hier Nietzsche auf dem Fahrrad mit einer Rose in der Hand?

Es ist keineswegs eine Rose, wirst du später erfahren. Vielmehr ein Thyrsosstab aus der griechischen Mythologie. Er steht für die Verbindung Friedrich Nietzsches, der den Dichter sehr verehrte, zum Dionysischen, also das Glück im Diesseits Suchenden. Denn mit dem Jenseits, auf das einst so gern vertröstet wurde, war das so eine Sache. Wie schrieb er in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“? „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ Dein Pfarrer wäre „erschüttert“. Oder auch nicht. Denn kämpfte nicht gerade er einst gegen ein sinnentleertes, lebensfeindliches Verständnis des Christentums?

Der Hirsch hingegen wurde nicht etwa von irritierten Verkehrsteilnehmern überfahren, die vor lauter Kunstwerkbetrachtung einen Wildwechsel nicht bemerkten, sondern ist ein eindrucksvolles Symbol für das einst geknechtete Württemberg und die unterdrückte Gedankenfreiheit durch Herzog Carl Eugen von Württemberg. In der Tat war dieser Regent nicht ohne! Verschleppte und entführte unter anderem auch viele seiner Landeskinder und verkaufte sie als Söldner in ferne Länder, um seine ausladend üppige, von Versailles abgekupferte Hofhaltung zu finanzieren. Der Hirsch Württemberg blutete aus. In jeder Hinsicht.

Das alte Denkmal steht unverändert, wie du es kanntest. Das Bronzerelief, erfahrt ihr später, habe sich einst über der Eingangstür des alten Amtshofes befunden, bevor dieser abgerissen wurde. Es bestehen gewisse Zweifel darüber, ob jenes Gebäude, in dem die Familie die meiste Zeit wohnte, auch das Geburtshaus des Dichters war. Man zieht hierfür noch ein weiteres, bis heute erhaltenes Haus in der Nachbarschaft in Betracht, welches im Besitz der Familie und noch für einige Jahre Witwensitz der Mutter war. Dorthin musste früher zeitweilig ausgewichen werden, wenn der herzogliche Hof zum Fischen – zur sogenannten „Seefischete“ – an den einst künstlich angelegten Seen in der alten Neckarschlinge vor Ort war und mehr Platz für die Seinen beanspruchte, als vermutlich für die dort Ansässigen erträglich war. Es heißt, damals sei diese Stadt Hauptlieferant von Fisch für ganz Württemberg gewesen. Heute kaum vorstellbar!

Die unter dem Relief angebrachten Verse aus dem „Wanderer“ beziehen sich in ihrem ursprünglichen Zusammenhang auf die Gegend des Rheins, lassen sich jedoch auf das Land am Neckar übertragen. Wenn auch dein Philosophenfreund vom Rhein es nicht lassen kann, zu spotten, es könne hier von „Bergen“ ja wohl kaum die Rede sein! Nun wieder hier am Denkmal stehen, diesmal mit einem Menschen an der Seite, dem dies etwas bedeutet, mit ihm deine Empfindungen teilen – das allerdings hat etwas.

Ein älterer Herr öffnet die Museumstür, fragt, wofür ihr euch interessiert. Zu eurem Dichter wollt ihr. „Ha no!“, meint er, „do müsset Se awr au tätich werda!“ Tätig werden? „Jo, do hat’s Schublada zum Nausziaga und so Sacha!“ Tätig werden! Warum nicht? Ihr stürzt euch, ohne abzuwarten, in das bezeichnete Zimmer, schwelgt darin, zerlegt es halb. Später werdet ihr bei der Spendenkasse ein Schild mit der Warnung lesen: „Im Hölderlin-Zimmer ist eine Webcam installiert!“ Zu spät. Ihr lacht. Solange ihr wiederkommen dürft.

Die Ausstellung teilt sich auf in die Schwerpunkte „Werden“, „Schreiben“ und „Wirken“. Auch hier klärt sich die Frage nach dem Geburtshaus nicht; es lässt sich nicht ermitteln, wo sich die Familie am 20. März 1770 genau aufhielt. Von einer Einquartierung der angelfreudigen herzoglichen Gesellschaft gibt es zu diesem Datum jedenfalls keine Belege. So entnimmst du es jedenfalls einer Niederschrift über die Familie des Dichters, die, wie du feststellst, einer deiner ehemaligen Lehrer verfasst hat. Ach ja! Er war schon früher im Stadtarchiv tätig, inzwischen ist er sicher pensioniert und umso unermüdlicher mit seinem Steckenpferd Heimatgeschichte beschäftigt. Der einzige Lehrer, der euch in der Schulzeit manchmal etwas von Hölderlin erzählte; du erinnerst dich, dass man dafür im Fach Englisch nicht allzu viel bei ihm lernte, eben weil er stets und gern abschweifte und Geschichten aus der Gegend zum Besten gab. So ist es nun einmal. Was bleibt, steht oft in keinem Lehrplan.

Wenige Schritte die Straße bergauf sind es zu dem noch erhaltenen Wohnhaus der Familie. Es steht leer, macht einen heruntergekommenen Eindruck. Dein Philosophenfreund ist entsetzt. So etwas müsse man sich in Weimar vorstellen! Du warst bislang noch nie dort, wundertest dich über mancherlei Merkwürdiges, das du nur vom Hörensagen kennst. Dass man, als die Stadt vor wenigen Jahren Kulturhauptstadt wurde, ein Duplikat von Goethes Gartenhaus aufstellte, welches hernach von mehr Besuchern aufgesucht wurde als das Original! Aber auch zur Zeit Goethes schien man sich dort auf viel eitlen Pomp und schönen Schein verstanden zu haben. Die Aura Goethes hingegen überstrahlte die gesamte Epoche, ließ viele dichterisch befähigte Zeitgenossen zu Unrecht ein Schattendasein fristen.

Dir ist bewusst, dass man eurem Dichter hier auf andere Weise gerecht werden müsste, abgesehen von jener Kunst im Kreisverkehr, welche eben diese Dominanz Goethes – durch dessen herunter gehaltenen Daumen im Deuten auf Hölderlin – auf geradezu vulgäre Weise anschaulich werden lässt. Die sich jedoch nur dem Betrachter erschließen will, der das Ganze etliche Male umrundet. Fahrenderweise könnte solches dazu führen, angehalten und auf den Promillegehalt des Blutes hin kontrolliert zu werden. Erzähle einmal einem Polizisten glaubhaft, du habest lediglich den Versuch unternommen, die Haltung Goethes zu Hölderlin zu verstehen! Ihr selbst werdet das Gebilde schließlich zu Fuß erkunden – und dabei mehrfach riskieren, überfahren zu werden. Aber erst an eurem letzten Tag.

Die Kälte ist unerträglich, dringt durch jede noch so gut gepolsterte Winterkleidung, zermürbt euch die Knochen. Der Anblick des verlassenen Dichterhauses macht es nicht besser, es beginnt auch schon wieder dunkel zu werden. Ihr macht euch auf den Rückweg, folgt an der alten Ölmühle dem Lauf der Zaber zum Neckar. Zusätzliche Eiseskälte steigt vom Fluss auf, es sind kaum Wasservögel zu sehen, außer einer einsamen Gans. Dem Aussehen nach eine Hausgans. Womöglich flüchtete sie letztes Jahr rechtzeitig vor dem Schicksal, als Weihnachtsbraten zu enden, sagte sich: Lieber ein gefährliches, unbequemes, aber freies Leben, als im warmen Stall dem sicheren Ende entgegensehen! Sie hat eine Verbündete in dir.

Ihr findet ein Restaurant, „Lichtburg“ genannt, nach einem Kino, das sich früher im selbigen Haus befunden haben muss. Du müsstest deinen Vater fragen, er kann sich sicher noch daran erinnern. Für zwei halb Erfrorene, die ihr seid, lässt es sich dort gut aushalten. Als die Lebensgeister bei einem ordentlichen Abendessen zurückkehren, entschließt ihr euch, zunächst einmal auf den Rat des emsigen Schaffners zu hören. Morgen also nach Tübingen – vielleicht findet ihr euren Dichter dort.

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.