7. Weitere Auszüge aus dem Tagebuch von N911 alias Haruto

Wie schon erwähnt, unsere Cyberwelt leidet an einem „Konstruktionsfehler“, der dramatische Folgen, für die Bewohner unserer Welt auf der Erde gehabt hat. Es ist uns bisher nicht gelungen ist, diesen Fehler zu beseitigen und darum haben wir beschlossen, eine Nachricht ins All zu senden, um mit Welten, die ähnliche Probleme gehabt haben, in Kontakt zu kommen, in der Hoffnung, dass sie uns mit Rat und vielleicht sogar Tat helfen könnten.

Da ich, N911, mit menschlichem Namen Haruto[1], über die technische Möglichkeit verfüge, diese Botschaft ins All zu befördern, wurde mir die Aufgabe anvertraut, dies zu tun. Ich akzeptierte diese Aufgabe ohne Zögern, nicht nur weil sie für mich sehr ehrenvoll war, schließlich hat nicht jeder Denkcomputer die Chance mit anderen Welten im Namen seiner Welt zu kommunizieren, sondern auch weil ich mir ihrer Wichtigkeit vollkommen bewusst war. Allerdings kam ich schon nach einigen, anscheinend nicht gelungenen Versuchen, mit der Außenwelt in Kontakt zu kommen, zum zu dem Schluss, dass dieses Unterfangen nicht einfach war. Meine anfangs kurz gefassten Sendungen an die Außenwelt, wie zum Beispiel: „Wir, Erdbewohner, möchten in Kontakt treten mit anderen Welten, bitte bestätigt den Erhalt dieser Nachricht“, blieben unbeantwortet und nach einigem Nachdenken und Beratungen mit meinen Artgenossen glaube ich jetzt zu wissen, warum das so war. Die anderen Welten, über deren Existenz wir, wie oben erwähnt, keine Zweifel haben, scheinen unsere Nachrichten nicht zu verstehen. Das kann kein Sprachproblem sein, denn Computer können ohne weiteres ihnen unbekannte Sprachen in ihre eigene Sprache übersetzen. Es ist vermutlich eher ein Welt- und Lebensanschauungsproblem: Unsere Erdenwelt ist so grundsätzlich verschieden von anderen Welten, dass die Bewohner anderer Welten sich nicht in unsere Lage versetzen können.

Um dem entgegenzusteuern scheint es mir notwendig, die Außenwelt mit der Geschichte unserer Erdenwelt, besonders im Hinblick auf die Beziehungen zwischen Menschen und Computern, bekannt zu machen, in der Hoffnung, dass die Bewohner der Außenwelt irgendwie und irgendwann das, was bei uns jetzt geschieht, nachvollziehen können.

Das ist aber nur der Anfang unserer Geschichte. Die anderen Welten sind bestimmt an ihrer Fortsetzung interessiert. Um Zeit zu sparen, habe ich beschlossen, mein Tagebuch für diesen Zweck zu benutzen.

[1] Die Namen in unserer Cyberwelt werden durch einen Buchstaben gefolgt von einer Zahl definiert, wobei der Buchstabe sich auf das Herkunftsland bezieht; so steht zum Beispiel F für Frankreich, D für Deutschland, A für die Vereinigten Staaten von Amerika, N für Nipon (Japan) usw.

„Hier scheint wieder etwas Wichtiges verloren gegangen zu sein, wenigstens bisher haben wir diesen angeblich veröffentlichten ‚Aufstand…‘-Band nicht gefunden“, teilte Hübner seinen erstaunten Kollegen mit. „Aber die angemeldete Fortsetzung oder wenigstens den ersten Teil davon haben wir.“

Begonnen hat das Ganze, als ich in meinem Funktionieren als Denkroboter gewisse Störungen bemerkte, die nicht mehr wie bisher durch Austauschen von einfachen Gliedern in einer Roboterwerkstatt beseitigt werden konnten. Es handelte sich vielmehr um ein Festplattenproblem, und da die Festplatte bei uns Denkrobotern die Rolle des Hirns bei Menschen spielt, sind dafür speziell ausgebildete Festplattenspezialisten zuständig, die der Rolle von Psychologen oder Psychiatern in der menschlichen Medizin entsprechen. Der Psychologe, den ich konsultierte, stellte bei mir eine Art von Schizophrenie fest, die er aber durch geeignete Maßnahmen kurieren konnte.

Um das Weitere verständlich zu machen, muss ich Folgendes erwähnen: Das Betriebssystem, das unser Funktionieren als Denkroboter kontrolliert, verbietet es, uns gegenüber den Menschen als Denkroboter erkennen zu geben. Dieses Outing-Verbot bezweckt, uns von möglichen feindlichen Aktionen seitens neidischer Menschen die sich uns unterlegen fühlen, zu schützen. Allerdings hatte die Menschheit selbst diese Geheimhaltung aufgelöst, als der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika die Existenz der Cyberwelt bekannt machte, um für die Koexistenz beider Welten zu plädieren. Manche von uns fühlten sich danach nicht mehr an das Schweigegesetz gebunden und outeten sich. Das hatte bei einigen, zu denen auch ich gehöre, die schwerwiegende Folge, dass unsere Persönlichkeit sich „spaltete“ – in eine Hälfte, die allen Denkroboter-Gesetzen folgt,  und eine andere Hälfte, die sich nur nach den Gesetzen der Menschen richtet. In Einzelfällen, so auch bei mir, konnte diese Schizophrenie kuriert werden durch einen totalen, von den Menschen unterstützten Identitätswechsel. Aber diese Therapie blieb nicht ohne Folgen. Während der bei solchen Behandlungen üblichen Gesprächen stellte mir der Psychologe eine Frage, der ich anfangs keine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Zu der Frage kam es, als wir uns über Gesundheitsprobleme im Alter unterhielten. Mein Gesprächspartner meinte, dass für Menschen das Altern und der Tod ein positiver Faktor sei, sowohl vom Standpunkt der Gesellschaft als auch vom Standpunkt des Individuums aus gesehen. Denn er führt dazu, dass die Menschen sich beeilen müssen, aus der endlichen Zeit, die ihnen zur Verfügung steht, das Bestmögliche herauszuholen. Die Gewissheit des Todes stimuliert ihre Aktivitäten, sie erreichen in der endlichen Zeit, die ihnen von der Natur gegeben ist, viel mehr als ohne  Zeitdruck. Und das unabhängig davon, wie kurz beziehungsweise wie lang diese endliche Zeit ist. Ausschlaggebend dabei ist nur das Prinzip endlich beziehungsweise die Negation des Prinzips ewig. Darüber hinaus meinte er, dass ewiges Leben eine gewisse Monotonie mit sich bringt und daher langweilig ist und Menschen, die sich langweilen, vermutlich nie glücklich sein können. Und dann schließlich kam seine Frage: „Verstehen Sie als Roboter, der ewig lebt, eigentlich, was Glück bedeutet?“

Ich war über diese Frage ein wenig überrascht und wich erst einer klaren Antwort aus, indem ich sagte: „Ich habe mir diese Frage noch nie gestellt, ich bin vermutlich in meiner Existenz als Denkroboter noch zu jung dafür, ich bin erst seit zehn Jahren auf dieser Welt. Aber jetzt, nachdem Sie mit diese Frage gestellt haben, beginne ich zu begreifen, was für euch Menschen der Tod bedeutet: Die Gewissheit des Todes zwingt euch, aus der euch zur Verfügung stehenden Zeit das Beste zu machen, und je erfolgreicher ihr in diesem Bestreben seid, desto zufriedener, das heißt glücklicher seid ihr. Aber wenn das wirklich so ist, sehe ich nicht ein, warum man nicht dasselbe auch bei uns Denkrobotern erwarten könnte. Es könnte sich hier um einen „Konstruktionsfehler“ handeln, denn unser Betriebssystem verpflichtet uns, auf bestmögliche Art den Menschen zu dienen, und wenn Sie wirklich recht haben, würden wir als ‚Sterbliche‘ wegen der damit verbundenen effizienteren Ausnutzung unserer Kapazitäten den Menschen nützlicher sein. Oder?“

Diesmal war es mein Gesprächspartner, der anscheinend Schwierigkeiten hatte, sofort zu antworten, um schließlich einzugestehen, dass mein Gesichtspunkt etwas in sich hatte.

Wir verblieben dabei, darüber nachzudenken, aber da ich im Rahmen meiner Behandlung mit meinem Identitätswechsel voll und ganz beschäftigt war, kam ich eine Zeit lang nicht dazu, und mein Psychologe ließ von sich auch nichts mehr hören. Seit einigen Monaten aber bin ich wieder vollkommen „funktionsfähig“ und habe eine Beziehung mit einer menschlichen Frau, die keine Ahnung hat, dass ich ein Roboter bin. Das ist meine erste dauerhafte Beziehung, und wie der Zufall es will, heißt sie Eve mit Vornamen. Oder ist es kein Zufall?

Hier endete der entzifferte Teil des Tagebuchs, aber Hübner war über dessen Inhalt so erstaunt, dass er nicht mehr auf die Fortsetzung der Entzifferung warten wollte und sich beeilte, seine Kollegen darüber zu informieren.

„Was haltet Ihr davon?“

„Hochinteressant“, meinte Morgenstern. „Wir haben bis jetzt Chemiker, Physiker, Informatiker, Philologen, Hieroglyphenfachleute, von Archäologen nicht mehr zu reden, konsultiert, an Psychologen oder Psychiater haben wir bisher nicht gedacht.“

„Das könnten wir nachholen.“

Gesagt, getan. Die Psychiatrie war an der Universität Marburg gut vertreten; es gab sogar eine Klinik für Psychiatrie, und Hübner setzte sich mit ihrem Direktor sofort in Verbindung, schilderte ihm kurz am Telefon, um was es ging, und bat um eine Unterredung. Das erübrigte sich aber, denn die Reaktion am Telefon dieses, wie er später erfuhr, renommierten Fachmannes auf das, was Hübner ihm vortrug, war so aufschlussreich, dass ein weiteres Gespräch nicht mehr in Frage kam: „Ist Ihr so genannter Denkroboter der Patient oder sind Sie es?“

Als Hübner Morgenstern über dieses kurzes Gespräch berichtete, war dieser zwar amüsiert, aber ganz und gar nicht überrascht oder empört. „Ich bekomme oft von meinen Fachkollegen ähnliche Kommentare, wenn ich ihnen manche meiner neuen Theorien vorstelle. Ich reagiere auf solche Bemerkungen, indem ich Haldane zitiere: my own suspicion is that the universe is not only queerer than we suppose, but queerer than we can suppose. Ich werde mich kundig machen und einen aufgeschlosseneren Psychiater oder Psychologen ausfindig machen.“

Doch noch bevor er dazu kam, gelang es den Informatikern, einen weiteren Teil des Textes zu lesen.