8. Das ewige Leben als Konstruktionsfehler der Cyberwelt

Erst durch diese Beziehung begann ich wirklich den Unterschied zwischen einem menschlichen Wesen und einen Denkroboter zu verstehen. Interessanterweise brachte mich das zurück zum Thema des Glücksgefühls, das mein Psychologe aufgeworfen hatte.

Begonnen hat meine Einsicht durch ein Gespräch, das ich mit meiner Freundin nach einem langen und für sie anscheinend sehr befriedigenden Sexakt führte. Mein Betriebssystem sagt, dass menschliche Frauen nach einem solchen Akt besonders geneigt sind, sich auszusprechen und ich kann das aus meiner Erfahrung voll und ganz bestätigen. Ich stellte die unter solchen Umständen angebrachte Frage:

„Wie war es?“

„Du willst sagen, wie warst du? Das ist es ja, was ihr Männer wissen wollt…“

„Na, wenn du wirklich darauf bestehst, wie war ich?“

Die Antwort kam vorerst in der Form eines langen, langen Kusses. Und dann sagte sie: „Ich habe schon lange nicht mehr so ein, wie soll ich es nennen …, Glücksgefühl gehabt, ja, Glücksgefühl scheint mir das richtige Wort. Schade, dass das nur so kurze Zeit dauert, wie alles Schöne im Leben.“ Und nach einer kurzen Pause: „Darum sollten wir es wiederholen, solange wir dazu imstande sind.“

„Was meinst du mit ‚solange wir dazu imstande sind’? Wir sind ja noch jung, wir haben ja unser ganzes Leben noch vor uns.“

„Das ist wahr, aber wenn ich zum Beispiel an meine Eltern denke, frage ich mich: Wie kommen sie mit der Gewissheit zurecht, dass ihr Leben bald zu Ende geht.“

„Hast du mit ihnen darüber gesprochen?“

„Ah nein, wie kommst du auf so eine Idee. Aber ich bin sicher, dass auch sie, als sie in unserem Alter waren, sich schon bewusst waren, dass ihr Leben endlich ist. Und sie haben dann versucht, das Beste daraus zu machen. Das sollten auch wir tun.“

Gesagt, getan. Wir wiederholten dann unser Liebesspiel, dieses Mal in einer Position, die für mich neu war und die meine Partnerin 6/9 nannte, was ich nach vollzogenem Akt eine richtige Bezeichnung fand. Dabei fiel mir ein, dass der menschliche Körper und dementsprechend auch der eines Denkroboters eine endliche Zahl von „Öffnungen“ hat und fast jede dieser Öffnungen für das Sexspiel verwendet werden kann, wobei Hände und Zungen oft eine entscheidende Rolle spielen. Dass diese „Innovation“ für meine Beziehungen zu Menschen unerwartete und eigentlich unerwünschten Folgen haben sollte, ahnte ich nicht. Auch hatte ich in jenem Augenblick Zeit darüber nachzudenken, denn, obwohl offensichtlich erschöpft, ließ Eve auch diese Gelegenheit nicht aus, um ihre Idee weiterzuentwickeln.

„Wenn man das Ganze vom Standpunkt des Schöpfers sehn will, hat er uns eigentlich einen Gefallen getan, uns sterblich zu machen. Unser Wissen, dass unser Leben irgendwann zu Ende geht, hat uns ganz sicher ermöglicht, die wenigen Augenblicke, in denen wir richtig glücklich sind, noch stärker zu genießen.“

Beim Hören dieser Worte packte mich plötzlich ein heftiger Hustenanfall, weil mir nichts Besseres einfiel, um meine Überraschung zu verbergen. Denn was Eve so selbstverständlich von sich gab, war fast wörtlich die Meinung meines Psychologen.

Um Zeit zu gewinnen, zitierte ich aus Goethes Faust: „Verweile doch, du bist so schön! Es kann die Spur von meinen Erdentagen, nicht in Äonen untergehen. Im Vorgefühl von solchem hohen Glück, genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick.“

„Was du nicht alles weißt. Dein Gedächtnis möchte ich haben“, bemerkte Eve. „Aber stimmst du nicht mit mir überein, dass das Bewusstsein einer endlichen Existenz uns anregt und letztendlich zu unserem Glück beiträgt? Ich würde sogar weitergehen und behaupten, dass wir dadurch für uns und die ganze Menschheit mehr leisten.“

Ich antwortete schließlich, wie auch auf die fast gleich lautende Frage meines Psychologen: „Ich habe darüber bisher nie nachgedacht.“

Diesmal aber hütete ich mich, dies durch mein Alter zu erklären, denn für Eve war ich 35 Jahre alt, was auch meinem Aussehen entsprach, und nicht nur 10, was ich in Wahrheit als Denkroboter war.

Ich wechselte dann das Thema und vermied es wochenlang, darauf zurückzukommen. Ich begann aber diesmal, mich intensiv mit dem Problem zu beschäftigen, nicht nur meiner weiteren Beziehung mit Eve zuliebe. Denn ich wurde mir immer mehr bewusst, dass meine seinerzeit gegenüber meinem Psychologen gemachte Bemerkung zu einem Konstruktionsfehler unseres Betriebssystems, die anfänglich rein hypothetisch gemeint war, vielleicht doch Kopf und Fuß hatte, denn das ewige Leben hindert uns daran, entgegen unserer Bestimmung als Denkroboter Bestes für die Menschheit zu leisten. Es liegt daher vor allem im Interesse der Menschen, dieses Problem zu lösen. Sollten die Menschen sich dessen nicht bewusst sein, ist es unsere Pflicht, sie darauf aufmerksam zu machen.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)