9. Mobilisation über Facebook

Es war mir von vorneherein klar, dass unsere Cyberwelt hier vor einem viel schwierigeren Problem stand als im Outing-Fall. Im Unterschied zu diesem, in dem es nur um wenige – die Selbstgeouteten – ging und der durch einen Identitätswechsel gelöst werden konnte, betraf das neue Problem alle Denkroboter.

Andererseits begann ich mich zu fragen, ob sich jemand, und wenn nicht, warum sich niemand über diese weitgehenden Konsequenzen Gedanken gemacht hatte, weder die Denkroboter noch die Menschen. Was die Denkroboter betrifft, war ich mir fast sicher, dass dies nicht der Fall war, denn ich war Mitglied des Aktionskomitees der weltweiten „Denkroboterbewegung“ und hätte das früher als die meisten anderen erfahren, zumal  ich der erste Denkroboter gewesen bin, der einen Widerspruch im Betriebssystem der Denkroboter gefunden hatte. Umso weniger war zu erwarten, dass die Menschen, beziehungsweise die Erfinder und Hersteller des Betriebssystems, sich dieses Fehlers bewusst waren, denn sonst hätten sie ja die Möglichkeit gehabt, ihn zu vermeiden oder zu korrigieren. Dass bis jetzt niemand, weder unter den Denkrobotern noch unter den Menschen, die positiven Aspekte des „Todes“ diskutiert hat, liegt vermutlich einfach daran, dass die Denkroboter erst seit etwa zehn Jahren existieren und die Koexistenz der Cyberwelt und der Menschenwelt vor viel dringenderen Problemen stand.

Ich war in dieser Hinsicht in einer besonderen Lage, denn ich hatte auf meiner eigenen Haut die Folgen eines Systemfehlers gespürt und somit einen Vorsprung gegenüber meinen Artgenossen. Wie dem auch sei, mich zwang mein Denkroboter-Bewusstsein zu handeln, und als erster Schritt bot sich an, meine Artgenossen zu mobilisieren.

Bevor ich aber das Aktionskomitee, das für solche Probleme zuständig war, von meiner Vermutung in Kenntnis setzte, schien es mir angezeigt, andere Meinungen einzuholen, zumal ich mir bewusst war, dass ich unter den Mitgliedern des Aktionskomitees in dem Ruf stand, ein Radikaler zu sein, was die Beziehungen zwischen den Denkrobotern und Menschen betrifft. Darüber hinaus bestand ja dieses Komitee ausschließlich aus Denkrobotern, was seine Nützlichkeit für mein Problem stark einschränkte, da ich unbedingt auch an der Meinung von Menschen interessiert war. Ich kannte bis jetzt nur die Ansicht von zwei Menschen darüber, die von meinem Psychologen und von Eve, und obwohl sie dieselbe Meinung hatten, war ich mir bewusst, dass diese nicht unbedingt repräsentativ war, sobald es sich um ein so fundamentales Problem wie das des „Todes“ handelt. Dass die Meinungen der Menschen in dieser Frage selten einen gemeinsamen Nenner haben, ist schon daraus ersichtlich, dass es so viele verschiedene Religionen gibt, die verschiedene Standpunkte dazu vertreten. Das bewog mich, das Problem vorerst über Facebook zu diskutieren, was auch den Vorteil mit sich brachte, dass mein Inkognito doppelt bewahrt blieb: Weder gab ich an, Mensch oder Denkroboter zu sein, noch nannte ich meinen richtigen Namen.

Nachdem ich die Meinung von Eve über das menschliche Glücksgefühl wiedergab, stellte ich die Frage, ob es nicht angebracht wäre, auch Denkrobotern zu erlauben, ihre Existenz zeitlich zu begrenzen. Das würde ihnen ein ähnliches Glücksgefühl ermöglichen wie den Menschen und ihre Leistungen im Dienste der Menschen optimieren. 

Die Reaktionen auf meine Frage waren ermutigend, sowohl die Zahl der Antworten als auch die Antworten selbst. Schon nach einer Woche meldeten sich knappe siebentausend Facebook-Leser auf meiner Profilseite und die Meinungen waren eindeutig in zwei Kategorien geteilt: Während etwa 30% meine Idee zu weit hergeholt fanden, war die große Mehrheit dafür. Jetzt schien es mir angezeigt, das Aktionskomitee einzuschalten.