10. Das Aktionskomitee handelt

Die Sitzungen des Aktionskomitees fanden gewöhnlich alle vier Wochen über das Internet statt, aber als Mitglied dieses Komitees hatte ich das Recht, auch außerordentlichen Sitzungen vorzuschlagen. Der konkrete Zeitpunkt einer solchen wurde vom Generalsekretär nach Rücksprache mit den anderen Mitgliedern des Komitees und entsprechend der von ihm geschätzten Dringlichkeit bestimmt. Ich rief F512 alias Monique, die zur jener Zeit Generalsekretärin war, an und erklärte ihr, um was es ging.

Sie hatte vorerst den mir bereits bekannten Einwand, denn sie fragte: „Warum haben die Menschen bisher in dieser Hinsicht nichts unternommen? Wenn es wirklich in ihrem Interesse gewesen wäre, uns ‚sterblich‘ zu machen, hätten sie es längst getan; sie und nicht wir haben die Möglichkeit dazu.“

Darauf erwiderte ich: „ Wir dürfen nicht vergessen, dass auch unsere Entstehung als Denkroboter nicht die Folge einer menschlichen Einsicht beziehungsweise Absicht war, sondern dem Umstand zu verdanken ist, dass die Menschen uns aus Bequemlichkeitsgründen  freie Hand gaben, uns selbst zu steuern und zu programmieren.“

Und zur Bekräftigung meines Standpunktes informierte ich sie über die Ergebnisse meiner Facebook-Initiative. Dieses Resultat beeindruckte sie anscheinend, denn die Sitzung des Aktionskomitees fand schon am nächsten Tag statt. Nachdem ich das Problem, das mich beschäftigte, dem Komitee vortrug, fand eine kurze Diskussion statt, bei der sich herausstellte, dass im Unterschied zu meiner Facebook-Befragung die Mehrheit der Komiteemitglieder Zweifel hatte an der Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen den Leistungen und Glücksgefühlen eines menschlichen Individuums und der Endlichkeit seiner Existenz. Allerdings war aber auch die Mehrheit der Meinung, dass wir, sollte dieser Zusammenhang existieren, gemäß unseren Gesetzen verpflichtet waren, die Menschen zum Handeln aufzufordern.

Es stellte sich nun für mich die akute Frage, wie ich dem Komitee einen solchen Zusammenhang einwandfrei beweisen konnte. Das war leichter gesagt als getan, aber schließlich hatte ich eines Tages während eines Konzertes eine rettende Idee. Neue Ideen kommen mir beim Musikhören häufig in den Sinn.

Die Idee war, den Zusammenhang zwischen dem endlichen Leben und der Effizienz unserer Leistungen experimentell zu testen. Denn was ist einfacher als Denkroboter zu bauen, die nur eine begrenzte Zeit „leben“, zum Beispiel weil ihre „Batterien“ nicht wie bisher ständig frisch geladen werden können, sondern nach einer gegebenen Zeit verfallen. Die Leistungen dieser endlich lebenden Roboter könnten dann mit den Leistungen der unbegrenzt oder  lang lebenden verglichen werden. Da ein solcher Test nur mit Hilfe der Menschen durchgeführt werden konnte, welche die Produktion der Denkroboter kontrollierten, schlug ich dem Komitee vor, dass wir uns mit den Menschen in Verbindung setzen, sie auf die Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen unseren Leistungen und unserer Lebenszeit informieren und ihnen den entsprechenden experimentellen Versuch vorschlagen sollten.

Das Komitee schloss sich meiner Meinung an und Monique nahm über den bereits bestehenden Kommunikationskanal zwischen dem Aktionskomitee der Weltorganisation der Denkroboter und den Menschen, der sich schon in der Vergangenheit bewährt hatte, den Kontakt mit der Regierung der USA auf, der Supermacht, die die Welt beherrschte und die aus diesem Grund auch Singleton genannt wurde. Dieser Kommunikationskanal funktionierte über eine gesicherte Telefon- und Internetleitung und war wegen des Outingverbots unentbehrlich geworden.

Die erste Reaktion von Yesican, dem amerikanischen Präsidenten, war ernüchternd: „Ich begrüße Ihre Initiative, aber bevor ich dem Kongress die Finanzierung eines solchen Experiments vorschlage, ist abzuwägen, welche Kosten ein derartiges Experiment mit sich bringen könnte im Vergleich zu dem Gewinn an Glücksgefühl über die Effizienz Ihrer Leistungen im Dienste der Menschen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Erzeugung von endlich lebenden Robotern kaum preisgünstiger ist als die von ewig oder lang lebenden. Ich erwarte von Ihnen entsprechende Schätzungen.“

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)