11. Wie misst man „Glück“?

„Wie stellt er sich das vor?“ fragte Monique, als sie dem Komitee die Antwort von Yesican zur Kenntnis brachte. „Will er, dass wir das Glück in Dollar abschätzen?“

„Diese Idee ist nicht so absurd, wie sie auf den ersten Blick erscheint“, meinte ich nach kurzem Nachdenken. „Schließlich stellen wir Computer ähnlich wie die Industrie einen Teil des Reichtums der Welt dar. Und genauso wie sich der Eigentümer einer Fabrik, bevor er in die Perfektionierung seiner Maschinen Kapital investiert, die Frage stellen muss, ob das einen Gewinn bringt, sieht sich auch Yesican mit der analogen Frage in Bezug auf uns Denkroboter konfrontiert.“

„Dieser Vergleich hinkt vorne und hinten“, entgegnete Monique. „Auch wenn wir davon ausgehen, dass Computer in der Regel Bestandteile des Menschenreichtums sind, bezieht sich das nicht auf uns. Darf ich dich erinnern, dass wir Denkcomputer nicht wie gewöhnliche Computer Eigentum von Menschen sind? Wir sind keine Sklaven, sondern wie die Menschen unabhängige Wesen, die keinen Eigentümer haben und die wie die Menschen Geld durch ihre Arbeit verdienen und ihre Steuern dem Staat entrichten.“

„Das ist zu kurz gegriffen. Die Regierung investiert auch in Menschen, denk zum Beispiel an die Finanzierung von Schulen.“

„Das tut sie, weil die Menschen das Recht auf Bildung haben, und in einer Demokratie muss die Regierung die Rechte der Menschen respektieren. Übrigens ich sehe eine fundamentale Schwierigkeit in dem von Haruto vorgeschlagenen Experiment und vermute, dass Yesican sich dessen bewusst ist und daher so bereitwillig unsere Initiative begrüßt hat. Wie kann man Leistungen von denkenden Systemen, seien es Computer oder Menschen, überhaupt vergleichen? Wir sprechen natürlich über intellektuelle Leistungen, nicht über rein physische. Ich kann mir keinen akademischen Beruf vorstellen, wo so etwas möglich wäre. Könnt Ihr? Wie kann man die Leistungen von zwei Ärzten vergleichen, von zwei Anwälten, von zwei Lehrern usw. Nehmen wirÄrzte als Beispiel: Ihre Leistungen könnte man vielleicht an dem Erfolg ihrer Behandlungen vergleichen, aber nur wenn sie bei denselben Patienten ihre Behandlungen zur selben Zeit durchführen würden, was natürlich unmöglich ist.“

Keiner der Anwesenden hatte eine überzeugende Antwort auf diesen Einwand und wir beschlossen uns zu vertagen.

Aber schon am nächsten Tag hatte ich wieder eine, wie mir schien, rettende Idee – diesmal war es nicht Bach, der mich inspirierte, sondern Beethoven –, wie man denkende Computer vergleichen kann. Diese Idee war mit meiner neuen leitenden Stellung bei der Raumbehörde verbunden, wo ich unter anderem für die Energieversorgung der Raumschiffe verantwortlich war.

Die Energieversorgung war eines der großen physikalischen Probleme, vor der die Organisation von Expeditionen jenseits des Sonnensystems stand. Ein anderes Raumfahrtproblem war biologischer und soziologischer Art. Es betraf die Dauer von solchen Expeditionen, sobald sie bemannt waren. Manche waren für eine Dauer von Jahren geplant und manche sahen sogar überhaupt keine Rückkehr der Raumschiffe und der Besatzung vor. Für diese lang dauernden Expeditionen waren Denkroboter, die eine beliebig lange Lebensdauer hatten, ein idealer Ersatz für Menschen. Es war daher kein Zufall, dass ich als Physiker und Denkroboter für diese Probleme zuständig war, obwohl keiner meiner Kollegen in der Raumbehörde wusste, dass ich kein Mensch war. Ich war für diese Stellung vom US-Präsidenten persönlich empfohlen worden, der sich indirekt für meine Schizophrenie-Erkrankung schuldig fühlte.

Meine Idee, die größere Effizienz von endlich lebenden Denkrobotern zu beweisen, war, ein Raumschiff mit zweierlei Arten von Denkrobotern auszustatten, ewig lebenden und endlich lebenden, die sich aber beide auf Raumfahrten spezialisiert hatten.

Diese Denkroboter würden während der Raumfahrt dieselben Aufgaben haben und darüber in bestimmten Zeitabständen an die Erde über Funk berichten. Auf diese Weise könnten die Leistungen von endlich und ewig lebenden Roboter verglichen werden. Raumfahrten konnten ein ideales Instrument für solche Vergleiche sein, denn hier waren die Aufgaben und Möglichkeiten der Raumfahrer strikt begrenzt und identisch. In einer späteren Expedition könnten dann auch Menschen sich zu den Denkrobotern gesellen. Man hätte dann die Möglichkeit eines Vergleiches zwischen endlich lebenden Denkrobotern und Menschen.

„Wann, glaubst du, könnte so ein Experiment ausgeführt werden“, wollte Monique wissen.

„Sofort, wenn die NASA oder der Präsident die Mittel dafür bewilligt.“

Das Komitee schloss sich meiner Meinung an und Monique wurde beauftragt, diesen Vorschlag dem Präsidenten zu unterbreiten. Bereits nach einigen Wochen bekam die NASA grünes Licht, um bei Robotics, dem Unternehmen, dass Denkroboter herstellte, die entsprechenden Bestellungen zu machen. Dass Yesican so schnell unser Anliegen bewilligte, war zum größten Teil dem Umstand zu verdanken, dass dieses ausschließlich mit Denkrobotern durchgeführte Experiment weniger kostete als ein mit Menschen ausgestattetes. Das Experiment fand schon nach einem Jahr statt und bestand aus einer Expedition auf den Mars, die vier Jahre dauerte und die sich als sehr erfolgreich erwies, was astrophysikalische Fragen betrifft: Man ermittelte zum ersten Mal eine Menge wichtiger physikalischer Daten über diesen Himmelskörper und erfuhr dabei auch etwas zur Wahrscheinlichkeitmenschlichen Lebens auf dem Mars. Sie lag unter einem Prozent. Andererseits war der Erfolg in Bezug auf das Denkroboter-Problem recht bescheiden. Denn zwischen den ewig lebenden und begrenzt lebenden Robotern konnten keine nennbaren Unterschiede bemerkt werden.