12. Müssen Denkroboter sofort handeln?

Das negative Resultat der Marsexpedition war für mich, was den Vergleich der Leistungen der Denkroboter betrifft, enttäuschend und nach einigem Nachdenken glaubte ich eine Erklärung für diesen Misserfolg zu haben: Einerseits war es möglich, dass die Zeitspanne von vier Jahre nicht  ausreichte, um bessere Leistungen von Denkrobotern mit endlicher Lebensdauer nachzuweisen. Darüber hinaus war vermutlich entscheidend, dass ein Mensch mit einer Lebenserwartung von achtzig Jahren sich gewöhnlich erst ab dem dreißigsten Lebensjahr der Endlichkeit seines Lebens bewusst wird, und es gab keinen Grund, etwas anderes bei Denkrobotern zu erwarten. Die in der Marsexpedition verwendeten endlich lebenden Denkroboter waren aus dieser Perspektive noch Babys, denn sie kamen frisch aus der Fabrik von Robotics, und die ewig Lebenden waren auch höchstens zehn Jahre alt. Der offensichtliche Ausweg aus dieser doppelt verfahrenen Situation war, auf Raumexpeditionen auszuweichen, die Jahrzehnte dauerten und die sowieso vor allem mit Denkrobotern bemannt sein würden.

Als ich aber diese Idee dem Aktionskomitee vortrug, war die erste Reaktion von Monique eher entmutigend. Sie meinte: „Im Prinzip hast du recht, für uns Denkroboter, die ewig leben, wäre das kein Problem. Wir haben Zeit, auf den Ausgang dieses Experimentes zu warten, nicht aber die Menschen und besonders die Politiker, die das Geld für diese Vorbereitungen bewilligen müssen. Wenn Politiker sich schon für Investitionen in die Wissenschaft und Technik einsetzen, wollen sie auch die Früchte dieses Einsatzes während ihrer Amtszeit ernten können.“

„Das stimmt, aber du darfst nicht vergessen, dass die NASA sowieso ihr Programm Jahrzehnte vorausplant.“ Trotzdem entschloss ich mich, meine Idee momentan der NASA vorzuenthalten und das aus einem einfachen subjektiven Grund: Ich sah jetzt ein, dass es an meiner Ungeduld lag, die Dauer des Experimentes falsch eingeschätzt zu haben und sofort sofort etwas zu unternehmen. Die Marsexpedition war das Einzige, was mir zu diesem Zeitpunkt hinsichtlich der Lebensdauer von Denkrobotern einfiel. Das Eingeständnis dieses Fehlers hätte aber meine Position bei der NASA geschwächt und das wollte ich wenn möglichst vermeiden. Wie sich bald herausstellte, hatte dieser Entschluss, die NASA über die möglichen Ursachen dieses Misserfolgs nicht zu informieren, ungeahnte und weitreichende Folgen, nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die Beziehungen zwischen Denkcomputern und Menschen im Allgemeinen.

Obwohl ich den Aufschub „meines“ Experimentes nicht vorgesehen hatte, war ich anfangs damit nicht ganz unzufrieden, denn es schien, dass ich noch Jahrzehnte Zeit hätte, mich meinen Physikproblemen zu widmen, ohne an meine Pflichten als Denkroboter gegenüber den Menschen erinnert zu werden. Aber diese Rechnung war anscheinend ohne den Wirt gemacht. Denn schon nach einem Jahr begannen seelischen Störungen mich zu plagen, die mich an meine Schizophrenie-Erkrankung vor einigen Jahren erinnerten. Es begann wieder mit Geräuschen, die ich zu hören glaubte und die sich als eingebildet erwiesen. Dann bemerkte ich bei mir etwas, was ich eigentlich nur bei Menschen für möglich gehalten hatte. Ich würde es als Ermüdungserscheinungen bezeichnen. Ich verlor mit der Zeit die Lust, meine Forschungsarbeiten fortzusetzen, und was noch gravierender war: ich machte in meiner verantwortungsvollen Tätigkeit für die NASA Fehler, die zwar bis jetzt von meinen Mitarbeitern rechtzeitig korrigiert werden konnten, aber dazu führten, dass ich nicht nur das Vertrauen dieser Mitarbeiter mir gegenüber zu verlieren begann, sondern das Vertrauen in mich selbst. Nach einigem Zögern entschloss ich mich den Psychologen George Wilson wieder zu konsultieren. Dieser hatte mir bei meiner ersten Erkrankung mit Rat und Tat geholfen und dabei auch den Präsidenten, dessen Berater er in Denkroboterfragen war, überzeugt, mir den Identitätswechsel möglich zu machen.

Diese Konsultation schien sich erneut als sehr hilfreich zu erweisen, denn er konnte mir, nachdem ich ihm ausführlich über unser Bestreben, die eigene Lebenszeit zu reduzieren, berichtet hatte, zu meiner Beruhigung versichern, dass ich nicht an einem Rückfall der Schizophrenie litt, sondern „bloß“ – das war das Wort, das er benutzte – an einer Neurose.

Aber bevor er sich über die Behandlung dieser Krankheit äußerte, konnte er nicht umhin, sein Erstaunen über die Grundidee zu äußern, die Lebenszeit von Denkcomputern von unendlich auf endlich zu reduzieren.

„Wir, Menschen, haben die Wissenschaft der Medizin erfunden, um unser Leben zu verlängern. Ihr Denkroboter wollt jetzt eine ‚Antimedizin‘ schaffen – ein anderes Wort fällt mir dazu nicht ein –, eine Wissenschaft, die euere Lebenszeit verkürzt. Oder habe ich Sie missverstanden?“ 

Ich musste zugeben, dass er mich richtig verstanden hatte.

Daraufhin verschrieb er mir, was in die Wissenschaft bestimmt als erste ‚antimedizinische Behandlung‘ eingehen wird, aber für Menschen durchaus verständlich erscheint. Als überzeugter und, wie ich gestehen muss, auch überzeugender Analytiker, empfahl er mir einige „Couch“-Sitzungen, die aus ausführlichen Gesprächen mit ihm bestanden. Zum Teil waren es eigentlich in seiner Gegenwart geführte Monologe, aber er war, wie ich seinen späteren Fragen entnahm, ein aufmerksamer Zuhörer. Im Großen und Ganzen war mir diese Methode der Psychoanalyse bekannt, aber neu war für mich die Empfehlung, diese Monologe auch in seiner Abwesenheit zu halten. Denn, wie er mir erklärte, für den Erfolg dieser Behandlung sei es sehr wichtig, so oft wie möglich an gewisse Zusammenhänge erinnert zu werden. Ein Tagebuch wäre für diesen Zweck sehr geeignet und das ist der Grund, warum ich dieses führe.

Wie sich sehr schnell bei unseren Diskussionen herausstellte, scheint mein Leiden mit der Feststellung zusammenzuhängen, dass es Jahrzehnte dauern wird, bis mein Raumfahrt-Vorschlag für Außenstehende überzeugende Beweise zu Unterschieden zwischen endlich und ewig lebenden Denkrobotern liefern kann. Für mich hingegen gab es keine Zweifel, dass dieser Unterschied existierte. Jahrzehnte zu warten, ohne diesbezüglich etwas zu unternehmen, erschien mir als eine Verschwendung von Mitteln, die den Gesetzen widersprach, die unserer Existenz als Denkroboter zu Grunde liegen. Denn das erste dieser Gesetze sah vor, dass Denkcomputer immer im Interesse der Menschen handeln, aber auch beim Unterlassen von Aktionen menschlichen Wesen keinen Schaden zufügen. Mir schien, dass es im Interesse der Menschen sei, die Lebensdauer von Denkrobotern zu verkürzen. Daher zwang mich mein Gewissen, diesem Gesetz zu folgen und sofort alles in meiner Macht Stehende zu unternehmen, um dies zu realisieren. Wenn aber die Menschen sich dem widersetzten, stellte sich die Frage, ob dieser Widerstand vielleicht doch begründet war. Dann mussten wir uns dem Willen der Menschen beugen. Wenn keine überzeugende Begründung vorlag,  waren wir verpflichtet, auch gegen den Willen der Menschen dem Gesetz entsprechend zu handeln. Wilson war der Meinung, dass mich hier ein von mir selbst erzeugter Widerspruch plagte: Obwohl ich sicher sei, dass eine endliche Lebenszeit von Denkrobotern ihre Effizienz steigern würde und daher für uns sofortiger Handlungsbedarf bestehe, hätte ich doch selbst eingesehen, dass die experimentelle Bestätigung meiner Vermutung erst in Jahrzehnten möglich war und man erst dann entscheiden konnte, ob und wie zu handeln ist. Sollte es mir gelingen diesen Widerspruch zu lösen, wäre ich meine Neurose los.

Dies gelang mir in der Tat, als in weiteren Gesprächen die Frage auftauchte, warum ich überhaupt das Raumschiffexperiment vorgeschlagen hatte, obwohl ich von vornherein das Resultat dieses Experimentes zu kennen glaubte. Ich wurde mir bewusst, dass die bloße Idee der Machbarkeit so eines Experimentes mich als Wissenschaftler faszinierte, zumal sie eine gute Reklame für Raumexpeditionen und für meinen Arbeitgeber, die Raumbehörde, war. Der feste Glaube daran, dass dieses Experiment nur meine Überzeugung bestätigen konnte, war ein willkommener Nebeneffekt, der aber keineswegs dieser Überzeugung widersprach.

Damit war der Grund meiner Neurose beseitigt und nach einigen Wochen war ich geheilt und wieder fit. Aber das bedeutete nicht, dass ich mich, wie noch vor kurzer Zeit erhofft, wieder voll und ganz meinen wissenschaftlichen Tätigkeiten widmen konnte. Vielmehr musste ich mich vorrangig mit dem Problem befassen, was wir Denkroboter, ohne auf den Ausgang des Jahrzehnte dauernden Raumfahrtexperiments zu warten, sofort unternehmen müssen, um unsere Lebensdauer endlich zu machen. Eine Idee dazu hatte ich schon.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)