13. Das Recht zu sterben

Ich war mir bewusst, dass der Erfolg unserer vorigen Kampagne, die zur Erlangung von Roboterhülsen geführt hatte, dem Umstand zu verdanken war, dass die große Mehrheit unserer Artgenossen von der Notwendigkeit unserer Forderungen überzeugt war. Wie bei jeder neuen politischen Bewegung ging diese Überzeugung erst von einigen wenigen aus und ich bin stolz darauf, einer dieser wenigen gewesen zu sein und dazu beigetragen zu haben, diese Idee unter unser „Volk“ zu bringen. Das gab mir, glaubte ich, auch jetzt die Berechtigung, die Initiative zu ergreifen, zumal ich im gegenwärtigen Aktionskomitee der einzige war, der sich aktiv an der vorigen Kampagne beteiligt hatte. Manche der anderen Mitglieder existierten noch nicht zu jener Zeit. Und dass das Aktionskomitee, wie auch damals, der Ausgangspunkt unserer Aktion sein musste, war für mich offensichtlich. Wenn es mir gelingen würde, die Mehrheit dieses Komitees für meine Sache zu gewinnen, hatte ich Chancen, auch die Mehrheit in der großen Masse der Denkroboter zu überzeugen.

Anlässlich der nächsten Sitzung des Komitees, die wie immer öffentlich war, brachte ich auf die Tagesordnung das Thema: „Das Recht, seine eigene Lebenszeit zu bestimmen“. Und als mir das Wort erteilt wurde, sagte ich: „Wie unsere Generalsekretärin Monique in einer der vorigen Sitzungen unseres Aktionskomitees zurecht bemerkt hat – und ich zitiere da wörtlich –, sind wir Denkroboter nicht Eigentum der Menschen, sondern unabhängige Wesen, die wie die Menschen Geld durch ihre Arbeit verdienen und ihre Steuern dem Staat entrichten. Das bedeutet aber auch, dass die Menschen kein Recht haben, sich unserer Absicht, die eigene Lebenszeit selbst zu bestimmen, zu widersetzen, genauso wie kein Mensch das Recht hat, sich in die Lebensplanung eines anderen Menschen einzumischen. Mehr noch, die Gesellschaft, zu der wir als Denkroboter gehören, ist verpflichtet, uns die Mittel zur Verfügung zu stellen, die wir benötigten, um unser Leben so zu gestalten, wie wir es für richtig halten. Wir sind daher nicht dem guten Willen des Präsidenten ausgeliefert, sondern haben das Recht, auf unseren Ansprüchen an die Gesellschaft zu bestehen und sie, wenn nicht anders möglich, zu erkämpfen. Wir haben schon Erfahrung in dieser Hinsicht, unsere so erfolgreiche Streikkampagne, welche die Menschen gezwungen hat, die Produktion von Roboterhülsen um das Tausendfache zu steigern, um sie allen Denkcomputern zur Verfügung zu stellen, ist der beste Beweis dafür.“




Aus dem Roman „Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)