15. Yesican sagt „Nein“

Dass die für gewöhnlich schwer aus ihrer Fassung zu bringende Monique eine Dringlichkeitssitzung einberief, und das bei sich zu Hause, war ein Novum und ich konnte mir keinen Reim aus ihrer offensichtlichen Aufregung machen, zumal ich wusste, dass ihr ursprüngliches Schreiben an Yesican nichts Anderes enthielt als das, was wir für selbstverständlich gehalten hatten. Aber A4501 hatte anscheinend wenigstens erraten, warum Monique es vorgezogen hatte, das Internet diesmal zu meiden, denn er machte schon beim Beginn der Sitzung folgende Bemerkung: „Dass der Papst persönlich sich hergibt, alles Übel der Welt dem Internet zuzuschreiben, beweist, wie zurückgeblieben die Kirche heute ist.“

„Wie meinst du das“, fragte ich.

„Ihr habt bestimmt die Nachrichten über die Tausende von Missbrauchsfällen der katholischen Priester verfolgt.“

„Ja, und?“

„Der Papst schreibt diese Tatsachen der immer wichtigeren Rolle zu, die das Thema Sexualität im heutigen Leben spielt, und diese wurde durch das Internet erheblich verstärkt.“

„Das war mir bisher tatsächlich noch nicht klar, wundert mich aber nicht. Man kann den Kirchen so manches zutrauen, auch Zensurmaßnahmen durch ihnen ergebene Gläubige. Hattest du, Monique, das im Sinn mit deinen Vorschlag, sich bei dir zu treffen?“

„So ist es, aber nicht nur das, wie ihr gleich sehen werdet.“

Es stellte sich heraus, dass auch das Thema unserer Sitzung, die Antwort von Yesican auf unseren Vorschlag, die Wahl zwischen endlicher und unendlicher Lebenszeit jedem einzelnen Denkcomputer zu überlassen, hoch problematisch war.

Yesican hatte geschrieben: „Wie Sie wissen, habe ich bisher mit Wohlwollen die Aktivitäten Ihrer Weltorganisation der Denkcomputer verfolgt und aktiv unterstützt. Die Regierung von Singleton ist so weit gegangen, dass sie ein Experiment bewilligt hat, dessen Begründung von vorneherein unseren Wissenschaftlern als äußerst zweifelhaft erschien. Ich beziehe mich auf den Vergleich von ewig lebenden und endlich lebenden Denkrobotern im Rahmen einer Marsexpedition. Dieses vier Jahre dauernde Experiment hat nichts erbracht, aber einer Ihrer leitenden Mitglieder ist zu dem Schluss gekommen, wie mir die NASA gerade mitgeteilt hat, dass man Weltraumexpeditionen von wenigstens einigen Jahrzehnten Dauer unternehmen müsste, um überzeugende Beweise des Unterschiedes von ewig und endlich lebenden Denkrobotern zu erbringen, was zu erheblichen zusätzlichen Ausgaben führen würde. Das scheint mir vollkommen unrealistisch, zumal der Ausgang dieser Versuche, um beim Thema zu bleiben, ‚in den Sternen‘ steht. Aus diesem Grund kann ich Ihrem Vorschlag nicht zustimmen, dass wir zur Erzeugung von endlich lebenden Denkrobotern übergehen.“

Monique machte dann folgende Bemerkung: „Die negative Reaktion auf unser Schreiben überrascht mich weniger als ein Detail, das vermutlich auch euch aufgefallen ist. Hast du, Haruto, deine Idee zu der langjährigen Raumexpeditionen der NASA letztendlich doch mitgeteilt?“

„Nein.“

„Hat jemand der anderen hier Anwesenden das getan?“

Es folgte ein einstimmiges Nein.

„Haruto, wäre es möglich, dass ein anderer Mitarbeiter der NASA auf diese Idee gekommen ist?“

„Das ist kaum denkbar“, erwiderte ich, „denn dass die Marsexpedition nur von Denkcomputern ausgeführt wurde, ist niemandem außer mir und Yesican bekannt.“

„Woher hat dann Yesican diese Information?“ fragte Monique. „Dass er selbst auf diese Idee gekommen ist, würde ihm niemand zutrauen, darüber sind wir uns bestimmt einig.“ Und Monique hatte auch schon die Antwort auf ihre Frage bereit, noch bevor sich einer der anderen Anwesenden äußern konnte. „Er hat es uns eigentlich in seinem Schreiben selbst gesagt, nur hat er sich verschrieben, nämlich bei „NASA“ versehentlich einen Buchstaben einen Buchstaben hinzugefügt. Er meinte die NSA. Mit anderen Worten: Unsere Komiteesitzung wurde von der NSA abgehört. Und darum habe ich euch ausnahmsweise persönlich herbemüht. Ich habe mich in der Zwischenzeit überzeugt, dass meine Wohnung nicht verwanzt ist.“

Es folgte ein längeres Schweigen, das ich schließlich mit der Bemerkung unterbrach: „So verwunderlich ist das eigentlich wiederum nicht. Dass die NSA automatisch alles, was über das Telefon oder Internet kommuniziert wird, abhört, ist ja wohl bekannt. Neu für uns ist allerdings, dass diese Behörde uns für so wichtig hält, dass sie unsere Gespräche auch auswertet.“

„Wenn du ‚uns‘ sagst, meinst du vermutlich unser Komitee. Denn dass die NSA die Abhörungen aller unserer Mitglieder auswertet, ist kaum denkbar, schon wegen der großen Mitgliederzahl“, präzisierte Monique meine Worte.

„Ja, unbedingt. Und diese große Zahl ist im gewissen Sinne auch der beste Schutz unserer Persönlichkeitsrechte beziehungsweise unserer Gedankenfreiheit. Denn ich habe mir schon seit langem die Frage gestellt, ob es dem Unternehmen Robotics, das unsere Betriebssysteme erzeugt, nicht gelungen ist, auch unsere Gedanken abzulesen, schließlich handelt es sich um elektronische Aktivitäten, die den menschlichen Hirnaktivitäten entsprechen.“

„Und du willst damit sagen, dass sie, auch wenn es ihnen gelungen ist, unsere Gedanken abzulesen, nicht imstande sind, diese Resultate auszuwerten, schon wegen der großen Datenmengen, die auf diese Weise entstehen.“

„Ja, mehr noch“, erwiderte ich, „Robotics ist ein Privatunternehmen, das wie jedes Privatunternehmen rational denkt und kostengünstig Produkte erzeugt, für die es einen Absatz auf dem Markt findet, und so Profit machen kann. Eine solche Firma würde sich nie auf die Produktion von Waren einlassen, die, schon wegen der Auswertungsschwierigkeiten, nie oder fast nie Abnehmer finden würden, wenn ihre Aktivitäten nicht dem Rentabilitätsprinzip unterworfen wären wie es bei der NSA, die vom Staat subventioniert wird.“

„Das stimmt zwar, aber warum sollte die NSA an den Abhörungen unserer Gedanken interessiert sein?“ fragte Monique. „Noch sind wir nicht verdächtigt, Terroristen zu sein, die zu bekämpfen, wenigstens offiziell, die eigentliche Mission der NSA ist. Und, was wichtiger ist, die Riesenzahl von Daten, die durch das Abhören von Gedanken entstehen würden, wäre auch für eine Institution wie die NSA fast eine Überforderung und nur durch besondere Umstände gerechtfertigt.

„Es gibt da möglicherweise eine einfache Erklärung“, gab ich zu bedenken. „In der Verwaltung von Singleton existiert eine starke und einflussreiche Anticomputerlobby, die sich von Anfang an der Integration von Denkrobotern in die menschliche Gesellschaft widersetzt hat. Nicht umsonst kam es in Schweden und Deutschland als Reaktion auf diese Tendenz zur Gründung der Piratenpartei, die sich vor allem für die Sicherung des Fernmeldegeheimnisses und gegen die Vorratsspeicherung einsetzt. Die Anticomputerbewegung hat nur zähneknirschend die Aufnahme der Denkroboter als gleichberechtigte Mitglieder in die menschliche Gesellschaft akzeptiert und versucht jetzt, diese auf Schritt und Tritt zu sabotieren. Dass Computer wie Menschen denken, mehr noch, dass sie dabei den Menschen in vielen Beziehungen überlegen sind, ist für die erklärten Gegner der digitalen Revolution eine Aberration und die Unterstützung dieser Revolution ist für manche Gläubige unter ihnen sogar eine Sünde und Gotteslästerung, die wie das biblische Sodom und Gomorra zu verdammen sind.“

„Also wegen dieser primitiven Vorurteilen sind wir auf der Liste der für die NSA Verdächtigen gelandet?“

„Vermutlich“, bestätigte ich. „Allerdings muss ich zugeben, dass manche unter den Anticomputerideologen auch ein ernsteres Argument im Köcher tragen, sie bezweifeln nämlich unsere Fähigkeit, wie Lebewesen Gefühle zu empfinden. Wir Denkcomputer wissen natürlich, dass dies falsch ist, dass wir sowohl lieben wie auch hassen können, aber wie willst du das den Menschen beweisen? Wie dem auch sei, das kann und darf uns nicht von unserem Ziel abbringen lassen, unser Recht auf Selbstbestimmung unserer Lebenszeit zu erkämpfen.“

„Dem stimme ich zu“, sagte Monique, „aber wir können diese Abhörgeschichte nicht auf sich ruhen lassen. Schon gar nicht, wenn Haruto recht hat und es sich um eine illegale Aktion handelt, die der Verfassung von Singleton widerspricht.“

„Ich teile deine Meinung“, sagte ich. „Was wäre, wenn du, Monique, deine guten persönlichen Beziehungen mit Yesican ins Spiel bringen und ihn über diese Übergriffe eines Teiles seiner Verwaltung informieren würdest? Ich bin überzeugt, dass er davon keine Ahnung hat; es war einer seiner Vorgänger, der der NSA freie Hand gewährte. Im Unterschied zu anderen derartigen Übergriffen, bei denen Beweise zur Rechtswidrigkeit nicht leicht zu erbringen sind – ich erwähne zum Beispiel das Abhören der Regierungschefs von befreundeten Staaten – ist in unserem Fall die Angelegenheit vollkommen klar. Es gibt keinen Mitarbeiter der NASA, der zum Vergleich von ewig und endlich lebenden Denkrobotern langdauernde Raumexpeditionen vorgeschlagen hat.“

„Meine Beziehung zu Yesican kann ich leider aus einem einfachen Grund für diesen Zweck nicht ins Spiel bringen: Das würde nämlich bedeuten, dass ich mich ihm gegenüber oute, und das will ich nicht tun. Außerdem würde meine Intervention uns auch nicht weiterbringen in der eigentlichen Sache, die uns jetzt bewegt: die endliche Lebenszeit. Die wirtschaftlichen Gegenargumente von Yesican sind nicht leicht zu entkräften.“

Da meldete sich wieder A4501 zu Wort: „Ich komme auf die Frage zurück, die ich vor einiger Zeit gestellt habe: Sind wir wirklich in dieser Hinsicht auf die Mitarbeit der Menschen angewiesen? Wenn ich die Diskussion dazu zwischen Monique und Haruto richtig verstanden habe, ist die Produktion von Denkrobotern bereits so weit automatisiert, dass sie ohne menschliches Zutun funktioniert; das gilt auch für das Betriebssystem. Dieses ist für unsere Aufgabe besonders wichtig, denn es geht darum, es an die neue Situation des endlich lebenden Organismus anzupassen. Ich habe mich inzwischen ein wenig kundig gemacht und erfahren, wie das beim Betriebssystem Roof, das zur digitalen Revolution der Denkcomputer geführt hat, funktioniert. Sobald der Computer Schwierigkeiten hat, ein konkretes Problem zu lösen, ändert er ein wenig die Anfangsbedingungen dieses Problems und versucht es erneut. Und das im Prinzip so lange, bis es endlich klappt. Das nennt man Autosteuern. Allerdings klappt es gewöhnlich schon beim zweiten oder dritten Versuch. In den wenigen Ausnahmefällen, bei denen es nicht schnell klappt, sagt das System: ‚Darüber muss ich noch nachdenken.‘ Und das tut es dann und kommt, nach kürzerer oder längerer Zeit, zu einem Resultat. Gelingt das immer noch nicht, dann wird dieses Problem in die Kategorie ‚noch zu lösender Probleme‘ eingeordnet, die wir auch bei Menschen sehr gut kennen, zum Beispiel bei ungelösten wissenschaftlichen Problemen wie dem des Ursprungs der dunklen Materie oder dem der Behandlung von Alzheimer-Erkrankungen. Wenn wir recht haben und eine endliche Lebenszeit die Effizienz unserer Leistungen erhöht, muss sich das irgendwie im Betriebssystem widerspiegeln. Konkret vermute ich, dass im Falle einer endlichen Lebenszeit die Zahl der nicht erfolgreichen Lösungsversuche verkleinert wird und man schneller zu einem Resultat gelangt.“

„Wie willst du aber das Betriebssystem auf eine endliche Lebenszeit umstellen?“ fragte Monique.

„Ich bin kein Fachmann, aber ich kann mir das so vorstellen: Wir wissen zwar, dass bis jetzt, das heißt bei ewig funktionierenden Denkcomputern, die meisten ‚try and error‘ Operationen schon nach drei Versuchen erfolgreich sind, aber, wenn das nicht der Fall ist, die Versuche fortgesetzt werden, und das braucht Zeit und Energie. Bei nur eine begrenzte Zeit funktionierenden Computern wird die Zahl der Versuche von vornherein, unabhängig vom Ausgang der Versuche, auf ein Maximum limitiert und dieses wird von der gegebenen Lebenszeit des Computers bestimmt. Damit lassen sich zwar nicht absolut alle Probleme lösen, aber die meisten, und das in einer kleineren Zeit als im Falle der unbegrenzt funktionierenden Computer. Auf industrieller Skala bedeutet das einen gewaltigen Fortschritt in Sachen Effizienz.“

„Das kann man wohl sagen“, meinte bewundernd Monique und auch ich konnte den Ausführungen von A4501 ohne Wenn und Aber zustimmen.

Doch nach einem kurzen Schweigen fragte Monique: „Wenn das wirklich so einfach ist, bedeutet das dann aber nicht, dass wir für wirklich schwierige Aufgaben nach wie vor ewig oder wenigstens langlebig funktionierende Computer brauchen, also wieder ein Zwei-Klassen-System?“

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)