16. Eine prinzipielle Angelegenheit, aber ein neugieriger Präsident

Diese Frage blieb unbeantwortet und wir beschlossen, uns eine Bedenkzeit von zwei Wochen zu geben und uns dann wieder bei Monique zu treffen. Diesmal war bereits eine große Zahl von Reaktionen unserer Mitglieder auf unseren Vorschlag, jedem Denkcomputer die Wahl zwischen ewiger und endlicher Lebenszeit zu überlassen, eingegangen. Monique freute sich, uns mitteilen zu können, dass die große Mehrheit unseren Vorschlag akzeptierte, jedem Denkcomputer die freie Wahl zu überlassen, und kam dann auf die Diskussion der vorigen Sitzung zurück.

„Die Ausführungen von A4501 über die Umstellung unseres Betriebssystems von ‚unendlich‘ auf ‚endlich‘ waren sehr interessant, aber diese dürfen uns nicht von unserem eigentlichen Ziel ablenken lassen, und das ist die Erkämpfung unseres Rechts auf freie Wahl unserer Lebenszeit. Die Möglichkeit zu dieser Umstellung ist schon dadurch bewiesen, dass es vor der Erfindung des Betriebsystems Roof nur endliche Zeit funktionierende Computer gab. Für uns ist all dies selbstverständlich, nicht aber für die Menschen, denn die wenigsten von ihnen kennen die Gebote, welchen wir unterworfen sind. Andererseits ist die ‚weiche Revolution‘ in Sachen Menschenrechte, wenigstens in der Welt der entwickelten Länder, eine wohlbekannte und zum größten Teil akzeptierte Tatsache und es gilt vor allem, diese auch für uns Denkcomputer zu verwirklichen.“

Damit hatte Monique wie üblich die Sache auf den Punkt gebracht und ich ergänzte ihr Argument mit der Bemerkung: „Es folgt daraus, dass wir die Anticomputerbewegung als das, was sie wirklich ist – nämlich eine reaktionäre, den Menschenrechten gegenüber feindlich eingestellte Bewegung – demaskieren. Und damit finden wir automatisch nicht nur eine Menge Alliierte, sondern auch unseren verdienten Platz in der Geschichte.“

Monique war aber mit ihren allgemeinen Erwägungen noch nicht am Ende: „Aus den allgemeinen Menschen- beziehungsweise Denkcomputer-Rechten folgt aber auch, dass wir das Recht haben, unsere Lebensdauer selbst zu bestimmen, und ein Beweis, dass eine endliche Lebensdauer unser Wirken effizienter macht, sich erübrigt. Damit ist meiner Meinung nach die ganze Diskussion über die NASA-Experimente erledigt. Die Idee von Haruto, die Leistungen von Denkrobotern in Raumexpeditionen zu vergleichen, ist zwar nach wie vor sehr interessant, aber wir sind auf keinen Fall verpflichtet, Jahrzehnte auf den Ausgang dieses Experiments zu warten.“

Es folgte ein längeres Schweigen, das ich schließlich mit der Bemerkung unterbrach: „Ich muss gestehen, dass Monique recht hat. Dass wir nicht von Anfang an darauf gekommen sind, ist vermutlich mein Fehler. Ich war zu sehr in die Idee der Machbarkeit dieser Art von Experimenten vernarrt, und obwohl ich weiter vom positiven Ausgang dieser Versuche überzeugt bin, darf das unser sofortiges Handeln nicht beeinflussen.“

Monique hatte, wie es ihr schien, Yesican durch bloßen Zufall kennengelernt und war überzeugt, dass er wie die meisten ihrer Bekanntschaften nicht wusste, dass sie ein Denkroboter war.

Die Wirklichkeit war eine vollkommen andere und das erfuhren wir zum Teil aus den Aussagen von Yesican vor dem Senatsausschuss für Denkcomputer, als er sich für Aktionen gegenüber den Denkcomputern zu rechtfertigen hatte.

Bei einer Unterredung mit seinem Vorgänger Woods beriet sich Yesican mit diesem über die anstehenden Fragen zur Integration der Denkroboter in die menschliche Gesellschaft.

„Ich bewundere Sie für Ihren großen Erfolg auf diesem Gebiet.“

„Diesen Erfolg“, erwiderte Woods, „habe ich zum großen Teil dem Psychologen George Wilson, meinem Berater in Sachen Denkcomputer zu verdanken. Er erwies sich als besonders einfühlsam hinsichtlich der Beziehungen zwischen der Cyberwelt und unserer Gesellschaft und erbrachte durch sein persönliches Beispiel den besten Beweis, dass Denkcomputer uns Menschen gleich sind.“

„Was meinen Sie mit ,persönliches Beispiel‘?“

„Da er nicht mehr unter uns weilt – er ist, wie Sie vielleicht wissen, vor zwei Jahren verstorben –, begehe ich keine Indiskretion, wenn ich Ihnen Folgendes erzähle: Er hatte ein jahrelanges Verhältnis mit einer Frau, die, ohne dass er sich dessen bewusst wurde, ein Denkroboter war. Und dies als ein ausgewiesener Psychologe! Was wollen Sie mehr?“

„Kaum zu glauben.“

Was weiter geschah, konnte ein Reporter des New York Dispatch herausfinden. Yesican, der an und für sich ein neugieriger Mensch war, konnte die Geschichte von Wilson nicht glauben und nahm sich vor, sie persönlich zu testen, zumal er unverheiratet war und sich schon längst die Frage gestellt hatte, wie es seinem französischen Kollegen, dem Präsident Frankreichs, gelang, seine „Premier Dame“ alle paar Monate auszutauschen, ohne dass die Öffentlichkeit daran besonderen Anstoß nehmen würde. Eine Person kennenzulernen, von der man wusste, dass sie ein Denkroboter ist, war leichter gesagt als getan, denn im Einwohnerverzeichnis waren Angaben über die Frage, ob die betreffende Person ein Mensch oder Denkroboter ist, natürlich genauso verboten wie über die nach ihrer Religion oder Rassenzugehörigkeit und seit einiger Zeit auch zur Frage, ob sie ein Mann oder eine Frau sei. Da erinnerte sich Yesican, dass unter den Präsidentenbefugnissen, die er von seinem Vorgänger übernommen hatte, außer den Einsichten in Geheimcodes der Atombombe auch die in eine geheime Datei gehörten, die nur Robotics und ihm zugänglich war und die Informationen über alle existierenden Denkroboter enthielt.

Was für Informationen das waren, wusste er nicht und war auch bis zu diesem Zeitpunkt nicht interessiert, es zu erfahren. Jetzt aber schien der Moment gekommen zu sein, dieser Sache nachzugehen. Und in der Tat: Als er sich mit seinem nur ihm bekannten Passwort in die betreffende Datei einloggte, hatte er zu seiner freudigen Überraschung Zugang zu der weltweiten Liste aller Denkroboter mit Angaben des Namens, Geschlechts und Berufs. Wie zu erwarten, waren da fast alle akademischen Berufe vertreten. Da gerade der Besuch des Präsidenten der Europäischen Union in den USA angesagt war, dem zu Ehren er einen Empfang im Weißen Haus geben wollte, bei dem wie üblich auch einige akkreditierte Journalisten eingeladen werden sollten, nahm er sich im Denkcomputer-Verzeichnis die weiblichen akkreditierten Journalisten der größten europäischen Fernsehgesellschaften und Zeitungen vor. Nach kurzem Blättern, es waren etwa zwanzig Namen, fiel seine Wahl auf Monique Vidal, die Korrespondentin des Französischen Fernsehkanals France Nouvelle in Washington. Dass er diese Fernsehjournalistin auswählte, war kein Zufall, denn ihre Kommentare wurden gelegentlich auch im amerikanischen Fernsehen wiedergegeben. Er hatte sie dort mehrfach gesehen und war sofort von ihrer Erscheinung angezogen. Den Rest erledigte seine Sekretärin.

Der dann im persönlichen Kontakt erlebte Eindruck übertraf um vieles die Eindrücke der Fernsehkontakte. Der nächste Schritt war ein Interview für das französische Fernsehen, das schon seit langem fällig war und das dem Präsidenten die Möglichkeit gab, Monique auch unter vier Augen zu sprechen. Solche Gelegenheiten ergaben sich von nun an fast regelmäßig, zumal auch Monique sich von Yesican angezogen fühlte. Ob es der Tatsache zu verdanken war, dass er der Präsident war oder einfach ein gut aussehender Mann, wusste sie selber nicht. Den Vorschlag von Yesican, ihm zu helfen, sein Französisch aufzupolieren, akzeptierte sie daher ohne Zögern. Yesican hatte weder persönliche noch politische Bedenken, sich in dieses Abenteuer zu wagen, denn er war sich sicher, dass nur er das Geheimnis von Monique kannte. Wie falsch diese „Sicherheit“ war, sollte er schon nach kurzer Zeit erfahren.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)