XIX

Schönes Leben! du liegst krank, und das Herz ist mir
Müd vom Weinen und schon dämmert die Furcht in mir,
Doch, doch kann ich nicht glauben,
Daß du sterbest, solang du liebst.

Friedrich Hölderlin
(Der gute Glaube)

*

Der Winter, er währte lange. Zu lange. Als du nicht mehr damit rechnetest, hat über Nacht der Frühling Einzug gehalten und du hast ihn nicht wahrgenommen, siehst mit dem Erstaunen einer aus langem Schlaf gerissenen Traumwandlerin die Menschen in sommerlicher Kleidung in den Straßencafés, Familien auf Fahrradtour, ausgelassene Kinder auf Rollschuhen – und kommst nicht hinterher, bist noch im Winter verhaftet. Erträgst nicht den fröhlichen Lärm, sehnst dich nach der Stille der kälteren Tage zurück. Die laue Luft ermüdet dich.

Die Zeit ist weitergelaufen. Du warst nicht imstande, sie anzuhalten. Die Ereignisse überrollen dich, lassen keinen Raum zum Atemholen. Verdrängtes holt dich ein, die Gespenster der Vergangenheit sind zurückgekehrt, erweisen sich als schwer zu bändigen. Bezwungen geglaubte Mächte greifen an. Die Angst ist wieder da, nagt sich fest, zermürbt, zerfrisst, höhlt dich inwendig aus. Wieder einmal hast du dich gewaltsam losgerissen, bist aus deinem alten Leben ausgebrochen, das dir zu eng geworden ist wie ein zu klein gewordener Schuh, hast Brücken gesprengt, Rückwege gewaltsam verbarrikadiert, Scherben, Trümmer und Wunden hinterlassen. Nun scheinen auch die neuen Fundamente wegzubrechen, der Boden unter den Füßen schwankt, hinterlässt ein bedrohliches Schwindelgefühl.

Und dein Philosophenfreund? Du glaubtest ihn bereits gut zu kennen. Es scheint dir, als erlebe er Ähnliches, aber genau vermagst du es nicht zu sagen. Er verschwindet zunehmend hinter einer unsichtbaren Wand. Du erreichst ihn nicht mehr, dringst nicht hindurch. Das Herz müd vom Weinen… Oh ja!

Wird eure Liebe halten, sich als tragfähig erweisen, über alle Anfechtungen hinaus? Diese Frage beschäftigt dich, weißt du doch, dass es Widrigkeiten gibt, die manchmal beider Kräfte übersteigen können. Und eure Kräfte sind ein kostbares Gut, mit dem hauszuhalten ihr nicht gelernt habt, womit ihr schon in früheren Tagen oft genug überfordert wart. Ihr seid es gewohnt, euch zu verausgaben, euch notfalls zu verschwenden, ungeachtet aller Alarmsignale. Lebt immerzu aus dem Vollen, kennt kein Maß. Schon gar kein mittleres. Alles andere, nur nicht Mittelmäßiges, sagt ihr euch. Nur das nicht!

Und so seid ihr entweder grenzenlos glücklich oder abgrundtief unglücklich. Es gibt kein Dazwischen. Kerzen, die an beiden Enden brennen.

„Wir sind ein Schicksal“, waren seine Worte oft, auch diese wiederum entlehnt von eurem Dichter. Dieser schrieb an seinen Freund Boehlendorff, seinerseits Dichter und Historiker:

Der Fortschritt meiner Freunde ist mir ein so gutes Zeichen. Wir haben ein Schicksal.
Gehet es mit dem einen vorwärts, so wird auch der andere nicht liegenbleiben.

Was aber, fragst du dich, wenn man die Bedeutung umkehrte? Wenn es mit dem einen abwärts geht? Wird dann auch der andere auf der Strecke bleiben? Untergehen? Zwangsläufig? Unaufhaltsam? Schicksal, mit dem man sich womöglich abzufinden hat?

Und wie ist es mit jenen beiden ausgegangen? Der eine – Boehlendorff – hat sich umgebracht, der andere ist – so sagt man zumindest – verrückt geworden! Weder das eine noch das andere ist es, wonach dir der Sinn steht. Sich abfinden? Nein! Noch nicht jetzt! Auch wenn die besagte Hälfte des Lebens erreicht sein mag.

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.