XX

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm‘ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Friedrich Hölderlin
(Hälfte des Lebens)

*

Hälfte des Lebens. Erschrecken angesichts dessen! Stehst du selbst schon an diesem Scheidepunkt? Wo sich das Blatt wendet, wo du dich auf die Schnelle noch fragen musst, wo du, wenn es Winter ist, die Blumen hernehmen wirst – und woher den Sonnenschein und Schatten der Erde?

War euer Dichter hier womöglich von Kepler inspiriert? Dessen von ihm selbst verfasste Grabinschrift lautete:

Mensus eram coelos, nunc terrae metior umbras.
Mens coelestis erat, corporis umbra iacet.

Die Himmel hab ich gemessen, jetzt mess ich die Schatten der Erde.
Himmelwärts strebte der Geist, des Körpers Schatten ruht hier.

Bevor Hölderlin jenes Gedicht schrieb, das zu einem seiner bekanntesten werden sollte, war er mit seinem Freund Sinclair zum Reichstag nach Regensburg gereist. Möglich, dass er dort das Grab Keplers aufsuchte. Auch in „Lebenslauf“ findet sich Verwandtes: „Hoch auf strebte mein Geist…“ Aber dieses Gedicht entstand bereits vier Jahre vor der Regensburg-Reise. Zufall also? Inspiration? Seelenverwandtschaft? Wer vermag es zu sagen?

Sicherlich las er oft und viel in Keplers Schriften, die ihn faszinierten. Auch über dessen Beobachtungen der Himmelskörper, der exzentrischen Bahnen der Planeten. Ein Bild, das Hölderlin ebenfalls von ihm entlehnt haben könnte: Die „exzentrische Bahn“ des menschlichen Lebens, wie er sie in der Vorrede zur vorletzten Fassung des Hyperion beschrieb:

Wir durchlaufen alle eine exzentrische Bahn, und es ist kein anderer Weg möglich von der Kindheit zur Vollendung. Die seelige Einigkeit, das Seyn, im einzigen Sinne des Wortes, ist für uns verloren und wir mußten es verlieren, wenn wir es erstreben, erringen sollten. Wir reißen uns los vom friedlichen Ἓν καὶ Πᾶν der Welt, um es herzustellen, durch uns Selbst.

Ἓν καὶ Πᾶν – Eins und alles. Die All-Einheit. Die wir verlieren müssen, um sie zu finden?

Das erinnert dich an eine Entsprechung in der christlichen Botschaft:

Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.
(Die Bibel: Matthäus 16,25; nach der Übersetzung von Martin Luther)

Aber nun: Hälfte des Lebens. Wie viel Zeit bleibt noch für ein solch groß angelegtes Unternehmen? Das Leben, das Sein finden!

Hälfte des Lebens. Weh mir! Die soeben erst gefundene Wärme, die Lebendigkeit, die Farben noch schnell versuchen, hinüberzuretten. Aber wohin? In die Grauzone? Wo die Mauern stehen, sprachlos und kalt? Im Winde klirrende Fahnen?

Du fröstelst, erinnerst dich an den vergangenen Herbst – er hatte gerade begonnen – als du dieses Gedicht erstmals bewusst gelesen hattest. In einem kleinen Band, einer Anthologie mit Herbstgedichten, Frustkauf auf einem Stadtbummel, um über den scheidenden Sommer hinwegzukommen. Den du seither als eine Art Schutzschild mit dir herumschlepptest, auch und gerade an wenig literarischen Orten. Darin blättertest, in der Mittagspause auf einem Mauervorsprung des Firmengebäudes sitzend. Graue Mauern. Sprachlos und kalt. Seit langem schon. Waren immer abweisender geworden über die Jahre. Über dir das Geräusch dreier im Herbstwind flatternder Fahnen mit dem verwaschenen Unternehmenslogo, das du sonst kaum wahrgenommen hattest. Die Kulisse passte. Zufall? Du zogst dein Schaltuch fester um dich, unwillkürlich.

Ist es dies, was dich unausweichlich erwartet? Zeichnet es sich bereits ab, ausgerechnet jetzt, wo du festgestellt hast, dass es sich keineswegs so verhält, als erwartetest du vom Leben nichts mehr? Zu einem Zeitpunkt, wo sich dir überraschend Neues zu erschließen beginnt, du soeben erst begonnen hast, Pläne zu schmieden, während du in der ersten Lebenshälfte eher geneigt warst, dich treiben zu lassen oder dich in vermeintliche Notwendigkeiten zu fügen?

Der Verdacht, die Befürchtung, es könnte zu spät sein. Da ist die Hälfte des Lebens, die du verstreichen ließest. Ungenutzt? Dies nun nicht. Aber das Gefühl, sie nicht ausgekostet zu haben.

Trunken von Küssen. Auch dies reserviert für die erste Hälfte? Exklusiv? Ihr allerdings, ihr wart genau das! Mitten in jenem verrückten Winter, als niemand sonst an wilde Rosen dachte. Durchströmt von nie gekannter Zärtlichkeit, willenlos, hilflos ineinander vergehend, Körper und Seelen verschmolzen. Schon zuvor, wochenlanges Glühen, nicht vorzeigbare E-Mails. Du meine Güte!

Dann wieder Zögern. Geradezu Teenager-Ängste. „Lieber, ich habe gut reden aus der Ferne! Große Klappe und nichts dahinter, Selbstbewusstsein von der Stabilität eines Kartenhauses! Ein zitterndes Geschöpf wirst Du vorfinden, wenn wir uns wiedersehen. Versprich mir, dass Du vorsichtig mit mir sein wirst, mir Zeit lässt, Dich kennenzulernen, Deine Nähe, jede Berührung zu genießen!“ Ängste, die sich als unbegründet herausstellen. Im Grunde wusstest du es. Er versteht es, sie einfach verschwinden zu lassen, dich aufzufangen und festzuhalten, während du alles vergisst, unter seinen Händen längst dahin geschmolzen, kennt natürlich die Stelle, wo du geküsst werden willst – verflixt, wusstest du’s doch! – dich fallen lässt und dich buchstäblich auflöst vor nie gekannter Lust.

Die Tage am Rhein sind ferne Erinnerung an glückliche Stunden, an Treffen mit Freunden deines Philosophenfreundes, die sich als natürliche, fröhliche Menschen erweisen, wie du mit Erleichterung feststellst. Streifzüge durch Bonner Museen, exzessive Stöbereien in Buchhandlungen, Besuche in der Kunsthalle, im Haus der Geschichte und im Beethovenhaus. Das schlichte Geburtszimmer in dem stillen, kleinen Haus hinten zur Gartenseite, von dem eine wundersame Stimmung ausgeht. Innerlich berührt steht ihr schweigend davor. Keine Besuchermassen stören die ruhige Andacht in diesem Hause, denn zu dieser Zeit ist ja noch Winter. Zu eurem Glück!

Abenteuerliche Irrfahrten durch die Bundesstadt. Das Gefühl, sich im Gewirr der Einbahnstraßen überhaupt nicht mehr zurechtzufinden, dann plötzliches Wiedererkennen einer bereits vertrauten Ecke, die du ganz woanders vermutetest. Noch immer ist dir die Stadt ein Rätsel, ein Puzzlespiel, dessen Teile du nie zu einem vollständigen Bild zusammenbringst. Du findest immer wieder hindurch, mit deinem Philosophenfreund als Lotsen, später auch durch Köln. „Wenn Du das hier überlebst“, meint er, „dann kannst Du später auch in Italien fahren, wenn wir uns auf Goethes Italienische Reise machen. Chaotischer sind sie dort auch nicht unterwegs!“ – „Ich bin für die Postkutsche! Der Entschleunigung wegen“, sagst du, „oder zu Pferd fände ich auch nicht schlecht.“

In Köln findest du dich in St. Andreas wieder, einer der zahlreichen romanischen Kirchen, welche dich stärker anziehen, als der von Touristenströmen heimgesuchte Dom. Du stehst staunend vor dem auffallend klein anmutenden Sarkophag des großen Albertus Magnus. Entgegen ersten Vermutungen nahm dessen Beiname wohl eher Bezug auf geistige Größe! Davor ein Betstuhl, an welchem laut Inschrift schon Papst Johannes Paul II. gebetet haben soll. Du verweilst dort, bittest – dich in guter Gesellschaft und Tradition wähnend – in eigener Sache den großen Albert und alle rheinischen Schutzgeister der Philosophie um Beistand – und fragst dich im Stillen, was sich der große Kirchenmann über die Jahrhunderte hinweg wohl noch so alles an Merkwürdigem anhören musste.

Unvergessliche Fahrt nach der Abtei Maria Laach, heiliger Ort für deinen Philosophenfreund, den erklärten Atheisten. Wie kommt es? – „Ich weiß es nicht. Ich war schon als Kind oft hier. Mit meiner Mutter. Und immer, wenn ich hierherkomme, zünde ich eine Kerze für sie an.“ Die Sprache des Herzens ist manchmal eine andere als die des Verstandes.

Die romanische Klosterbasilika mit ihren klaren, schlichten Formen, am geheimnisumwitterten Laacher See gelegen, dessen Umgebung mit außergewöhnlichen Gesteinsformationen anschaulich seinen vulkanischen Ursprung aufzeigt. Auch dich hat dieser Ort bereits in früheren Jahren magisch angezogen. Eintauchen in die mystische Stimmung im Paradies mit dem marmornen Löwenbrunnen, eintreten in eine andere Welt. Der Chorraum mit seinen beeindruckenden Mosaiken. Heilig schwere Stille im Gewölbe der Krypta. Eine umfangreiche, verwinkelte Bibliothek, bei deren Anblick sich in euren Tagen mancher an den Film und Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco erinnert fühlt.

Ihr nehmt an der Vesper der Mönche teil. Gregorianische Gesänge, jahrhundertealt. Wechselspiel von Frage und Antwort, von einer Seite des mächtigen Chorgestühls zur anderen. Unergründliches Geheimnis, welches sich irdischer Deutung entzieht. Spontan hebt am Ende der Hore aus den Reihen der Besucher ein Chor, offenbar ebenfalls auf Reisen, einen mehrstimmigen Vaterunser-Gesang an, welcher die Akustik des Gewölbes nochmals eindrucksvoll unterstreicht.

Ihr rätselt, woher die besondere Stimmung des Ortes rührt. Sicherlich spielt hier auch die gelungene Trennung von Sakralem und dem auch hier unvermeidlichen Kommerz eine Rolle. Es gibt eine sehr schön eingerichtete Buch- und Kunsthandlung, in der ihr ausgiebig stöbert, auch eine große Gärtnerei und einen Bioladen mit vielen Lebensmitteln aus eigenem Anbau und artgerechter Tierhaltung, aber all dies findet sich so weitläufig angelegt, dass die Kirche selbst davon weitgehend unberührt und ungestört bleibt. Auf die Besucher der Abtei scheint sich die Würde des Ortes zu übertragen, sie verhalten sich mehrheitlich ihr entsprechend. Du denkst mit Grauen zurück an Köln, an die Ströme laut schwatzender, Kaugummi kauender Touristen, die den Dom heimsuchten und unter ein monströses Blitzlichtgewitter setzten.

Vielleicht spielt der heilige Ernst der hiesigen Mönche eine Rolle. Wohl segnen sie auf Anfrage Kreuze und Rosenkränze, die es in der Kunsthandlung zu erwerben gibt. Wer dies möchte, muss jedoch eigens an der Pforte der Abtei läuten und seinen Wunsch vortragen, findet daraufhin Einlass und wird am Ende mit einem persönlichen Segensgebet wieder entlassen. Dies geschieht gänzlich abseits des Rummels, in aller Stille. Auch du trägst von diesem Augenblick an ein Kreuz an einer Silberkette, Geschenk deines Philosophenfreundes, welches dir schon aus diesem Grund sehr viel bedeutet.

Und eure Dichter? Goethe besuchte den Ort auf seiner Rheinreise 1815 in Begleitung des Freiherrn vom Stein, ein Relief kündet hiervon. Allerdings sprach er von Koblenz aus rückblickend von der „verödeten Abtey Laach“, deren „bedeutende Reste“ er „mit Vorsicht und Sorgfalt hieher zu retten“ vorschlug, was gewisse Schlüsse auf den damaligen Zustand der Anlage ziehen lässt. Am vulkanischen Charakter des Sees jedoch zweifelte er, der leidenschaftliche Steinsammler. Wie wirst du Jahre später in Weimar geradezu neidvoll seine zahlreichen Sammelkommoden mit den ungezählten Schubladen bestaunen und bewundern! Dem Kunstsammler Sulpiz Boiserée in Wiesbaden gegenüber erwähnte er ein „Loch mit seinen gelinden Hügeln und Buchenhainen“, befand, „es möchte dem Vulkanismus schwerer fallen, die Menniger Steine als Lava durchzuführen und zu erklären vollständig, wie sie geflossen und dahin gekommen…“. Ein solcher Gedanke schien ihm nicht geheuer zu sein.

Ihr verbringt noch einige Stunden an diesem Ort, lasst die besondere Stimmung auf euch wirken. Dein Philosophenfreund, in prägender katholischer Tradition erzogen, jedoch infolge seiner langjährigen Beschäftigung mit der Philosophie sich nicht als gläubigen Menschen bezeichnend, scheint offensichtlich dennoch Kraft zu schöpfen aus kirchlichen Symbolen und Ritualen. Du selbst, obwohl protestantisch und damit eher wortbetont, bildkritisch und ritualarm aufgewachsen, fühlst merkwürdigerweise ähnlich.

„Ich glaube, ich weiß, woran es liegt“, sagst du, „es hat damit zu tun, dass dies ein Ort ist, der von vielen wahrhaft Suchenden aufgesucht wird.“

In der Tat: Euch alle, gleich welchen Bekenntnisses, treibt eine Sehnsucht hierher, die euch vereint. Und das Bewusstsein, dass ihr von den letzten Dingen nichts wissen könnt, ihr vielmehr immer Suchende bleiben werdet, die es stets aufs Neue wagen müssen, sich darauf einzulassen, sich immer wieder neu auf den Weg und auf die Suche zu begeben.

Der Abschied – er musste ja stattfinden, ließ sich nicht länger hinauszögern. Ihr ertrugt ihn kaum, er war der erste in einer langen Reihe von unerträglichen Abschieden, der Ablauf immer derselbe: Wir machen es kurz, wir weinen nicht, nein, wir sehen uns doch bald wieder – nicht wahr, wir werden nicht weinen? Bis ihr beide heult wie die Schlosshunde. Bravo, das war es dann! Du, entwurzelt inzwischen, auf der Autobahn zuhause, meist nachts, aus und zwischen Koffern lebend, hin und her unterwegs wie im Fieber, den Rest der Zeit schreibend und e-mailend verbringend, auch dies meist während schlafloser Nächte, tagsüber unfähig, irgendeinen Alltag zu bewältigen. Welchen Alltag? Er existiert nicht mehr! Leben im Dauerausnahmezustand. Erschöpfung zeichnet sich ab, Zukunftspläne werden entworfen, bleiben Entwurf, weil die Energie für die Umsetzung fehlt. Und über all dem zieht der Frühling ins Land, ohne sich groß darum zu scheren.

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.