XXI

Der Mensch vergißt die Sorgen aus dem Geiste,
Der Frühling aber blüh‘t, und prächtig ist das Meiste,
Das grüne Feld ist herrlich ausgebreitet,
Da glänzend schön der Bach hinuntergleitet.

Die Berge stehn bedecket mit den Bäumen,
Und herrlich ist die Luft in offnen Räumen,
Das weite Tal ist in der Welt gedehnet
Und Turm und Haus an Hügeln angelehnet.

Mit Untertänigkeit
Scardanelli

Friedrich Hölderlin
(Der Frühling, Späteste Gedichte)

*

Nachdem der Winter noch mehrmals grimmig die Schneekanonen nachgeladen hatte, zieht nun also tatsächlich der Frühling ein, trifft dich unvorbereitet. Du nimmst Zuflucht zu Frühlingsgedichten, um den Wechsel der Jahreszeit zu begreifen. Euer Dichter kann dir im Augenblick nicht helfen; er unterschrieb die meisten seiner Frühlingsgedichte bereits mit „Scardanelli“, vielleicht ertrug er den Frühling seiner späten Jahre nur auf diese Weise? Sich einbunkern, Mitmenschen, die sich nach dem Befinden erkundigen, höflich hinauskomplimentieren, gar Zuflucht zu einem anderen Namen nehmen. Schutzmaßnahmen? Aber die Flucht in den vermeintlichen Wahnsinn antreten kommt für euch Nachgeborene nicht als Lösung in Betracht. Einen Unterschlupf wie bei Schreinermeister Zimmer – ein schnuckliges Turmzimmer, das wäre es doch! – werdet ihr schwerlich finden. Und die moderne Psychiatrie kennt alles, nur keine Narrenfreiheit für Künstler und solche, die es gerne wären! Du tust besser daran, etwas Distanz zu gewinnen, bevor du Gefahr läufst, das Schicksal deines Dichters zu sehr zu deinem eigenen zu machen! Nimmst stattdessen Rilke zur Hand. Auch er schätzte und verehrte euren Dichter und widmete ihm eines seiner späten Gedichte. Du schlägst die erste Seite auf:

War da nicht immer um die Frühlinge eine Zeit, da das ausbrechende Jahr euch wie ein Vorwurf betraf? Es war Lust zum Frohsein in euch, und doch, wenn ihr hinaustratet in das geräumige Freie, so entstand draußen eine Befremdung in der Luft, und ihr wurdet unsicher beim Weitergehen wie auf einem Schiffe. Der Garten fing an; ihr aber (das war es), ihr schlepptet Winter herein und voriges Jahr; für euch war es bestenfalls eine Fortsetzung. Während ihr wartetet, daß eure Seele teilnähme, empfandet ihr plötzlich eurer Glieder Gewicht, und etwas wie die Möglichkeit, krank zu werden, drang in euer offenes Vorgefühl…

Rainer Maria Rilke
(Aus: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge)

Was euch bleibt, ist die Zuflucht zu den Dichtern. Immer wieder. Du sendest dies deinem Philosophenfreund. Und er versteht. Zu dieser Zeit bist du schon auf besagtem „Zauberberg“. Notwendige Zuflucht, wenigstens auf Zeit. Glückliche Fügung. Hier in Höhenlage ist der Frühling spät dran, zögert noch, lässt dir Zeit, dich umzustellen. Du kommst an und alles fällt von dir ab. Alleinsein, Zu-Sich-Kommen, auftanken. Das viel gerühmte Zimmer für sich allein. Noch dazu mit einem geräumigen, überdachten Balkon. Geradezu ein Traum! Auf das Wesentliche reduziert, nur das Notwendigste im Gepäck: Bücher, Schreibzeug, Notebook, Gitarre. Mehr braucht es nicht. Alles andere ist vorhanden: Höhenluft, Wald, Zeit und Ruhe. Ruhe und nochmals Ruhe!

Hinter dem Haus fließt ein munterer Gebirgsbach, an dem ein Weg entlangführt. Seine Quelle entspringt unterhalb des Dorfes, zu dem man hinaufgelangt, wenn man den Weg nach links einschlägt. Folgt man ihm hingegen nach rechts, führt er in den Wald hinein und zieht sich über weite Strecken bis hinunter ins Nagoldtal. Er trägt den Namen „Eulenbach“. Eulen sind zahlreich hier, nachts hörst du die Waldkäuze rufen. Der Bach wird dir zum vertrauten Begleiter. Und auch er nimmt den Verlauf in die Richtung seiner Bestimmung, gibt weiter unten einigen Wassermühlen ihren Antrieb, trägt, nachdem er weitere Zuflüsse aufgenommen hat, den Namen Reichenbach – wasserreicher Bach – und mündet bei Unterreichenbach schließlich in die Nagold, die über Enz und Neckar ihren Weg an den Rhein nimmt. Immer wieder sind es die fließenden Gewässer, die euch anziehen, die ihr benötigt. Vielleicht um euch zur Gewissheit zu verhelfen, dass es weitergehen wird.

Hierzu stoßt ihr mehr zufällig auf einen Mythos aus der griechischen Antike: Die Schindung des Marsyas. Unvorstellbar grausam natürlich, wie es sehr vielen dieser Mythen eigen ist. Parallelen zu den späteren, an Grausamkeit wenig nachstehenden Leidensgeschichten der christlichen Passionszeit, im Hinblick auf das nahende Osterfest. Prägend wird für euch ein bestimmtes Bild: Unerträglicher Schmerz, der sich in einen Fluss verwandelt.

Am Bachufer blühende Weiden und mächtige alte Birken. Deinem Philosophenfreund, den du lange nicht sahst, der sich zur selben Zeit weit entfernt ebenfalls einem Klinikaufenthalt unterziehen muss, schreibst du – in Anspielung auf das Gedicht „Blüht nicht zu früh, ach blüht erst, wenn ich komme…“ aus dem „Brief nach Meran“ von Gottfried Benn: Bis auf die Weiden wartet hier wirklich alles mit dem Blühen, bis Du kommst! Das ist doch hochanständig von all dem Grünzeug – oder was meinst Du?

Entlang der Waldwege jedoch blüht noch mehr: Kleine Sonnen. Huflattich! Leuchtend gelbe Blumen mit strahlenförmigen Blütenblättern, Abbilder der Frühlingssonne, der sie sich zuwenden, sich öffnen, entfalten, sobald diese sich zeigt. Du fotografierst, sendest sie deinem Philosophenfreund, schreibst darunter: Ich glaube an uns! Fragst dich jedoch hin und wieder, ob du es wirklich noch tust oder ob du es dir nur einredest, während dir in Wirklichkeit längst die Kraft fehlt.

Der Blaustern im Wald deiner Kindheit. Du hattest dich so sehr darauf gefreut, sie deinem Philosophenfreund endlich zeigen zu können. Er blüht nun ohne euch. Du bist allein hingefahren, zwei Tage vor deiner Abreise, einen Nachmittag lang bis zur Abenddämmerung durch den Wald gelaufen, die Hänge hinauf und hinunter, wie betäubt. Nach Stunden, die eigene Müdigkeit nicht mehr registrierend, nur noch tränenblind über Wurzeln und Steine stolpernd. Das Gefühl, keine vier Wände mehr zu ertragen, ewig unter freiem Himmel weiter gehen zu müssen, bis zur Erschöpfung, bis zum Umfallen. Ein Eichhörnchen beobachten beim Errichten seines Kobels. Keuchend und zeternd schleppt es schwerstes Material den Baum hinauf. Du denkst: Wie unendlich mühsam das Leben, wohin du schaust! Du entdeckst einen Fuchsbau. Ob deine Füchschen vom letzten Jahr wohl durchgekommen sind? Beobachtest einen Rotmilan bei seinen Flugkünsten. Fliegen: Inbegriff von Freiheit. Aber was heißt schon frei? Auch dieser Vogel gehorcht nur Notwendigkeiten, ist schlicht von seinem Winterquartier zurückgekehrt auf der Suche nach Nahrung und Nistmöglichkeiten, um eine neue Generation Roter Milane heranzuziehen, die seiner Art helfen werden, fortzubestehen. Frei erscheint er uns, weil wir ihn beneiden ob seiner Fähigkeit, sich in einem Raum, zu dem uns von Natur der Zugang verwehrt ist, scheinbar mühelos zu bewegen. Wie auch der Rohrsänger im Schilf, das Rotkehlchen mit seinem perlenden Gesang – oder dein Freund, der Buchfink, dem du schon in jungen Jahren ein Gedicht widmetest:

Mein Freund, der Buchfink
Drüben auf dem Holzstapel
Schmettert sein Lied
In den Abendwind
Gleich wie er es tat
In der Morgendämmerung

Sein Lied
Ist Anbetung
Ist Leidenschaft
Eine Liebeserklärung an den Tag
Dessen Schattenseiten
Ungeachtet

Es ist das einzige deiner Gedichte, an das du dich erinnerst, welches du dir aus dem Gedächtnis abrufen kannst. Erhalten auf Papier ist nahezu nichts; immer hast du Niederschriften aus überwunden geglaubten Entwicklungsphasen in späteren Jahren wütend vernichtet, wolltest mit dir selbst, deinem jüngeren Ich, nichts mehr zu schaffen haben, hast den Kontakt zu ihm abgebrochen und sämtliche diplomatischen Beziehungen gleich mit. Der kleine, unermüdliche Vogel jedoch muss auf dich großen Eindruck gemacht haben, denn du selbst hattest es nicht so sehr mit Liebeserklärungen an den Tag. Die viel gepriesenen Tage der Jugend. Welcher Unwissende konnte sie je als unbeschwert bezeichnen? Eine bleiern zähe Masse! Jung-Sein: Eher empfunden als schwere Krankheit, die überstanden zu haben du dich schließlich glücklich schätztest. Bis heute der Drang, schreiend wegzulaufen, wenn jemand äußert, noch einmal siebzehn sein zu wollen! Verschon‘ uns Gott mit Strafen!

Der Buchfink jedoch, er wies wohl als einziger den Weg aus dem Labyrinth der Schwermut. Dafür gebührt ihm ein Denkmal! Allerdings sei, belehren dich die Ornithologen eines Besseren, was wie Lebensfreude klingt, in Wirklichkeit nichts als erbitterter Revierkampf. Andererseits, fragst du dich: Wie würde sich wohl der Vogel selbst dazu äußern, wenn er könnte? Woher nimmt sich ein Forscher eigentlich das Recht, so einem Piepmatz ungefragt die Lebensfreude abzusprechen? Das findest du nun ganz unerhört, dagegen musst du protestieren, das bist du deinem Buchfinken, dem tröstenden Begleiter deiner sonst so hoffnungslosen Jugendjahre, schuldig!

Gestaltungstherapie. Auf dem Zauberberg wird sie dir angeboten, zum Glück nicht aufgezwungen. Du sagst zu, schon aus Neugier. Allerdings ist es mit deinen Mal- und Zeichenkünsten nie weit her gewesen, die Farbe befindet sich anschließend stets überall, nur nicht auf dem Papier und wahrscheinlich würde der Anblick von Gesicht, Händen und Armen – bis zu den Ellbogen! – mehr Schlüsse über deine innere Verfassung zulassen, als dein Gestaltobjekt selbst. Auch hier sind deine gewählten Motive Bäume und Vögel. Die alte Geschichte von Wurzeln und Flügeln? Vielleicht. Zunächst eher, um die Therapeutin zufriedenzustellen und weil dir sonst nichts einfallen will. Bei Bäumen und Vögeln, glaubst du wenigstens zu wissen, was man hineininterpretieren wird, aber letztlich entspringt es wohl doch deinem Inneren. Die Barriere zur Therapeutin fällt rasch, denn diese stellt sich als wirklich interessierter, mitfühlender Mensch heraus, der nicht einfach nur seinen Job macht. Solches fällt auf!

Und wirklich nimmst du ja Zuflucht zu Bäumen. Bevorzugt zu den älteren, großen, starken. Suchst sie auf, wann immer möglich. Fühlst ihre Kraft, ihren Puls, legst die Arme um ihren Stamm, Ohr und Wange an ihre sonnenwarme Rinde.

Da ist die glatte, silbern glänzende der Rotbuche, die etwas Mütterliches, Tröstendes hat. Die alten Eichen wiederum sind die weisen Großmütter, ihre Borke ist rau und zerfurcht und fühlt sich dennoch gut an. Beim genauen Hinhören erzählen sie uralte Geschichten aus Jahrhunderten, denen sie standhielten, allen Widrigkeiten zum Trotz.

Euer Dichter widmete eines seiner schönsten Gedichte den Eichen:

Aus den Gärten komm‘ ich zu euch, ihr Söhne des Berges!
Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,
Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.
Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen
In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt‘ und erzog und der Erde, die euch geboren.
Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,
Unter einander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,
Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.
Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.
Könnt‘ ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer
Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd‘ ich unter euch wohnen!

Friedrich Hölderlin
(Die Eichbäume)

Die 150-jährige Friedenseiche an eurem Geburtsort lernte er nicht mehr kennen. Sie wurde 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg gepflanzt und fiel nicht mehr in seine Zeit. Leider wird auch sie bald verschwunden sein. Du wirst um sie trauern, sie gehörte zu den frühesten Bildern deiner Kindertage und war aus deiner Stadt nicht wegzudenken.

Deine besondere Liebe aber gilt den Linden. Sie sind weicher, sanfter – eben lind, wie ihr Name. Weich ist auch ihr Holz, das gern zum Schnitzen verwendet wird. Ihre Blätter sind herzförmig, auch dies ein Symbol. Sie sind Vermittlerinnen, führen Menschen zusammen, stehen oft an alten Gerichts- und Versammlungsorten. Im Juni darunter sitzen, den sanften Duft ihrer Blüten in der Nase und ein Konzert von Bienensummen im Ohr. Ruhe finden in ihrem Schatten. Lindenalleen, die du liebtest als Reisende im Märkischen, Mecklenburgischen, Pommerschen: Grüne Tunnel, in deren Schutz und Schatten gut reisen ist. Eine kleine Lindenallee, die aus deinen Spaziergängen in Kindheitstagen nicht wegzudenken war, zwei stille Straßen verbindend, von Ruhebänken gesäumt, nur zu Fuß oder per Rad erreichbar, blieb in deiner und deines Dichters Stadt erhalten. Man hat sie in Ruhe gelassen. Dies lässt hoffen. Auf der Neckarinsel bei der Burg die hundertjährige Einigkeitslinde: Symbol des Zusammenschlusses von Stadt und Dorf. Zu diesem Anlass wurde sie einst gepflanzt und überstand Kriegs- und Friedenszeiten.

Auf der Suche nach Linden bei eurem Dichter wirst du fündig im „Lied der Freundschaft“:

Sanfter atmen Frühlingslüfte,
Süßer sind der Linde Düfte,
Kühliger der Eichenhain,
Wenn bekränzt mit jungen Rosen
Freunde bei den Bechern kosen,
Freunde sich des Abends freu‘n.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Lied der Freundschaft, Erste Fassung)

Nun ja, „Rosen“ auf „Kosen“, solche Zeiten hatte er also auch!

Die uralte Friedenslinde im Klosterhof von Maulbronn könnte Hölderlin durchaus noch gesehen haben. Ebenso wie die Stadtlinde auf dem Klosterberg, die im Jahr 1762 gepflanzt wurde.

An einem anderen Ort, wo du vor Jahren wohntest, fiel dein Blick aus dem Fenster wie durch ein gerahmtes Bild auf einen einzeln stehenden, mächtigen alten Birnbaum auf dem freien Feld. Du hast ihn zu allen Jahreszeiten fotografiert: Im Winter mit den deutlich hervortretenden Konturen seiner Äste, im Frühjahr im zartgrünen Kleid, die Zweige gekrönt mit weißen, an filigranes Porzellan erinnernden Blüten, im dunkelgrünen Sommergewand, im Herbst orange und rot leuchtend, mit kleinen, grüngelben, allerdings wenig genießbaren Früchten. Mostbirnen eben. Du hast diesen Baum geliebt und im Wissen um das näher rückende Neubaugebiet um ihn gebangt, bist rechtzeitig weggezogen, hättest es nicht ertragen, ihn fallen zu sehen.

Der namenlose Schrecken, den fallende Bäume in dir auszulösen vermögen. In deiner Kindheit hattest du einen Fensterblick auf einen noch mächtigeren Birnbaum. Auch er fiel eines Tages der Bauwut zum Opfer. Der Tag, an dem er gefällt wurde: Das Gefühl unerträglicher Ohnmacht. Es hat sich traumatisch in deine Erinnerung hineingefressen. Ein ganzes Naturreservat, welches damals rücksichtslos zerstört wurde! Ein Frevel, an den sich heute in der Geburtsstadt eures Dichters niemand mehr erinnern mag.

Eine alte, still gelegte Kiesgrube am Gleithang der einstigen alten Neckarschlinge. Die hügelige Senke war lange Zeit sich selbst überlassen und die Natur hatte sich den Platz nach und nach zurückerobert. Ein Paradies aus verwilderten Gehölzen war entstanden. Das Gelände bot zahlreiche wildwachsende Apfelbäume zum Klettern sowie Mulden und Verstecke, in denen herrlich Lager bauen war, wo ihr als Kinder stetig umherstreiftet und sehr wahrscheinlich glücklichere Zeiten verbrachtet, als heute so manche bedauernswerte Kreatur mit elektronischem Spielzeug und durchgeplantem Terminkalender. Ein Abenteuerspielplatz, der so ganz ohne Erwachsene auskam, welche es ja sonst nie lassen können, für Projekte solcher Art – so sie denn zur Durchführung kommen – ausgeklügelte Konzepte zu erarbeiten, die alle Sicherheitsstandards erfüllen mögen, jedoch allein schon deshalb zum Gähnen langweilig sind.

Ihr benötigtet keine industriell vorgefertigten Abenteuer, wenn ihr auf eure Weise, die ihr für Indianerart hieltet, loszogt, während die Eltern euch, sich die Haare raufend, Ermahnungen hinterherriefen: Ja nur nirgends herunterfallen! Und Himmels Willen nicht auf die Idee kommen, unterhalb der Abbruchkante Höhlen zu bauen! Eure eigenen Vorsichtsmaßnahmen jedoch galten ganz anderen Gefahren. Das wachsamste Kind ging stets voraus und wenn es „In Deckung!“ rief, war volle Deckung angesagt. Bedrohungen eures unbefangenen Spiels gab es, soweit du dich erinnerst, nur zwei. Bei der einen handelte es sich um „Sandbär“, wie ihr ihn nanntet, den Betreiber der früheren Kiesgrube. Ein stets griesgrämig wirkender alter Mann, der im Ruf stand, Kinder schimpfend vom Terrain zu verjagen. Du selbst erinnerst dich nicht, dass du ihn je wirklich schimpfen hörtest. Vielleicht, weil du als sehr ängstliches Kind immer als erstes Deckung suchtest? Vielleicht aber auch, weil der Alte in Wirklichkeit weit harmloser war, als er wirkte, und die Rolle des Kinderschrecks ihm möglicherweise ganz zu Unrecht anhaftete.

Bei der anderen vermeintlichen Gefahr handelte es sich um die berüchtigte „Niederdorfer-Bande“. Sie war benannt nach drei Brüdern im Flegelalter, die diese anführten, Söhne eines Architekten, welcher sich mit dem Entwerfen unkonventioneller Häuser bei der konservativen Kleinstadtbevölkerung ohnehin schon verdächtig genug gemacht hatte. Motto: Wie wird einer, der solche verrückten Häuser baut, schon seine Kinder anständig erziehen können! Die Gefährlichkeit jener Bande bestand vermutlich nur darin, dass die Bengel etwas älter, größer und vermeintlich stärker waren – und eine noch größere Klappe hatten. Im Rückblick vermutest du, dass sie sich wohl nur ab und an zum heimlichen Rauchen in die Sandgrube verzogen hatten und befürchteten, von euch jüngeren Gören verpetzt zu werden. Schlimmeres ist auch von ihnen nicht überliefert. Heute ist die Gegend komplett bebaut. Nichts erinnert mehr an das einstige Kinderparadies mit den vertrauten Kletterbäumen.

Hier um den „Zauberberg“ begleiten dich wiederum die alten Birken am Bach mit ihrem dennoch jungen, frischen Maienduft – auch die ältesten Bäume beginnen jedes Jahr wieder völlig neu, warum nicht wir? Ihre Rinde ist aufgrund ihres Alters sehr rau, aber an vielen Stellen mit weichem Moos und Flechten überzogen, wovon sich Teile später unversehens in deinen Haaren wiederfinden werden. Oh Gott, lass das bloß nicht die Psychologen sehen!

Frag stattdessen lieber die Dichter:

Ich sah in bleicher Silberpracht der Birken Stämme prangen,
Als wäre dran aus heller Nacht das Mondlicht blieben hangen.

Nikolaus Lenau
(Aus: Reise-Empfindung; 1832)

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.