18. Eine von Computern dominierte Gesellschaft?

„Eine von Computern dominierte Gesellschaft?“ Das Wall Street Journal präsentierte diese Frage auf seiner ersten Seite.

Der Leitartikel der Zeitung begann mit der Aufzählung von Statistiken, die bewiesen, dass Denkcomputer und Denkroboter sich schneller vermehren als Menschen. Das geschah, vermutete der Artikel, aus zwei Gründen: Erstens sank dramatisch die Zahl der Kinder pro Familie, sowohl in der Ersten Welt der fortgeschrittenen Länder als auch in China, dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. In der Ersten Welt war das dem Umstand zu verdanken, dass die Frauen es vorzogen, sich voll und ganz einem Beruf zu widmen, ohne einen großen Teil ihrer Zeit mit den Kindern zu verbringen. Auch wenn Männer sich an der Erziehung der Kinder beteiligten, war der „Fortschritt“ noch nicht so weit gelangt, dass sie die Frauen auch für den Geburtsprozess ersetzen konnten. In China war die Beschränkung der Geburtenrate eine von der Regierung aus wirtschaftlichen Gründen getroffene Maßnahme.

Zweitens hatte die Gesellschaft eingesehen, dass die Menge der Rohstoffe, welche die Menschen für ihr tägliches Leben verbrauchten, viel größer war als die, welche Denkcomputer verbrauchten, um praktisch fast dasselbe wie die Menschen zu leisten. Und da die Menge von Rohstoffen, die auf der Erde zur Verfügung standen, begrenzt war, schien es ökonomischer, für gewisse Aufgaben Computer statt Menschen einzusetzen, und das spiegelte sich in einem rasanten Anwachsen der Computerproduktion wider, die in der Ersten Welt die Geburtenrate weit übertraf. Auch China näherte sich dank seiner „Ein Kind pro Familie“-Politik zunehmend diesem Verhältnis.

Daraus folgerte der Autor des Artikels, dass in wenigen Jahren die Zahl der Denkcomputer die Zahl der Menschen auf der Erde übertreffen und letztendlich die Menschheit von einer denkenden Computergesellschaft ersetzt werden wird. „Ist dies das Ende der Menschheit? Wollen wir das?“ fragte dann der Artikel.

Bisher hatte die Noway Party ihre Antidenkcomputerkampagne vor allem auf zwei Hauptargumente gestützt: Einerseits drohten Denkcomputer den Menschen ihre Arbeitsplätze zu nehmen und andererseits könnten sie durch unkontrollierte Verselbständigung außer Band geraten und die menschliche Gesellschaft ins Chaos stürzen. Der Artikel des Wall Street Journal war für die Noway Party, die sowieso die Mehrheit im Kongress von Singleton stellte, ein gefundenes Fressen und Nobama begann eine Politik der Ausgrenzung von Computern zu verfolgen, die damit anfing, dass er das Prinzip von „Affirmative Action“ auf das Verhältnis Menschen-Computer anwandte, gemäß dem Behörden bei der Einstellung von neuem Personal Menschen vorzogen, auch wenn ebenso qualifizierte und billigere Denkroboter für dieselbe Funktion zur Verfügung standen. Mit der Zeit war das den Ideologen der Anticomputerbewegung aber nicht genug und sie begannen eine Kampagne für die Ausdehnung der „Affirmativen Action“ auch auf die Wirtschaft, was aber nicht nur auf Widerstand in den davon betroffenen Unternehmen, sondern auch in der Roboterindustrie selbst stieß. Dass diese sich direkt gegen die Kampagne wandte, war leicht verständlich, schließlich ging es um ihren Absatzmarkt. Aber auch alle anderen Wirtschaftszweige sahen sich von dieser Diskriminierung betroffen, denn Denkroboter hatten sich auf vielen Gebieten nicht nur billiger als menschliche Arbeitskräfte gezeigt, sondern auch verlässlicher. Das betraf insbesondere manche menschliche „Schwächen“, etwa die Neigung zur Korruption, die Denkroboter wegen der Inkompatibilität dieser Eigenschaft mit ihrem Programm, das den von der menschlichen Gesellschaft akzeptierten sozialen Normen entsprach, nicht kannten.

Die Anticomputerbewegung ließ sich aber von solchen rein rationalen Argumenten nicht beeindrucken, sie appellierte an das „menschliche Solidaritätsprinzip“ und ging so weit, das von ihr anfangs propagierte „Affirmative Action“-Prinzip in ein „Prefer Humans“-Prinzip umzuwandeln, das sich bei Bewerbungen nicht mehr darauf beschränkte, gleiche Qualifizierung von Menschen und Robotern zu verlangen, sondern überhaupt Roboter nur zu Bewerbungen zuließ, wenn keine Menschen sich um die betreffende Stelle bewarben. Das brachte zwar der Noway Party den Spitznamen Nobody Party ein – woraufhin die Oppositionspartei, die in der Frage der Computerisierung keine klare Position eingenommen hatte, sich stolz Somebody Party nannte –, aber solange Vollbeschäftigung herrschte, hatte diese Kampagne keinen Einfluss auf das wirtschaftliche Leben. Das änderte sich jedoch, als die Wirtschaft zu „hinken“ begann, was schon seit Jahren ein periodisches Phänomen in der vom freien Markt dominierten Gesellschaft war. Während dies aber vor der Computerisierung der Wirtschaft als ein nicht kontrollierbares Ereignis, ähnlich wie das Wetter, betrachtet wurde, glaubten die Partisanen der „Entcomputerisierung“ das entsprechende Ei des Columbus gefunden zu haben, indem sie sich vornahmen, das schädliche Phänomen an den „Wurzeln“ zu packen. Das bedeutete für sie, im Kindergarten zu beginnen. Als erstes wurden hier Computerspiele verboten. Und um mit gutem Beispiel voranzugehen, mussten auch die Kinderbetreuer, wenigstens in Anwesenheit von Kindern, auf den Gebrauch jeder Art von Computern, sogar von Taschenrechnern verzichten.

Das Computerverbot setzte sich in der Volksschule und dann in den weiterbildenden Schulen fort und führte dazu, dass nicht nur die Schulabsolventen die Schule ohne Computerkenntnisse verließen, sondern dass auch die Lehrer mit der Zeit Computeranalphabeten wurden, obwohl die Entwicklung der Computerwissenschaft nicht stillstand. Eine der Folgen dieser Entwicklung war, dass diese zurückgebliebenen Lehrer sich der Anticomputerbewegung anschlossen, anfangs vielleicht nicht so sehr aus Überzeugung, sondern um ihrer Ignoranz eine politische Begründung zu geben. Eine andere gravierendere Folge war, dass sich der Lernprozess an den Hochschulen verlangsamte, weil die Studenten in den ersten Semestern vor allem damit beschäftigt waren, sich elementare Computerkenntnisse anzueignen. Da aber die Dauer des Studiums an den Universitäten begrenzt war, führte dies dazu, dass die Absolventen die Hochschulen mit immer weniger Kenntnissen verließen und mit den Denkrobotern auf dem Arbeitsmarkt immer weniger konkurrieren konnten. Waren bisher nur wenig qualifizierte menschliche Arbeitskräfte von der Konkurrenz der Computer betroffen, begann sich jetzt dieser Prozess auch auf Akademiker auszudehnen und generierte in der öffentlichen Meinung eine Unzufriedenheit, die Wasser auf den Mühlen der Anticomputerbewegung war. Es entwickelte sich eine fast mit Händen greifbare Anticomputer-Atmosphäre, die so weit ging, dass alles, was mit Computern zusammenhing, als verachtungswürdig und menschenschädlich betrachtet wurde. Und es blieb nicht dabei. Die Gewerkschaften begannen, Anticomputerstreiks zu organisieren, und verlangten von den Arbeitgebern, die Zahl und Rolle der Computer im Produktionsprozess zu reduzieren, mit dem Endziel, sie ganz zu eliminieren. Daraufhin sah sich die Regierung von Singleton berechtigt, ja direkt gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen, welche die Rolle der Computer auf ein Minimum reduzieren sollten.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)