19. Wir müssen dagegen steuern

Diese Entwicklungen ließen natürlich unser Denkcomputer-Aktionskomitee nicht gleichgültig.

„Wir müssen dagegen steuern“, meinte A4501, als er die nächste Sitzung des Komitees eröffnete.

„Die Frage ist nur wie“, bestätigte Monique. „Eine Möglichkeit wäre, an einigen praktischen Beispielen der öffentlichen Meinung zu beweisen, zu welchen katastrophalen Resultaten die sukzessive Eliminierung von Computern am Produktionsprozess führt. Dazu bräuchten wir natürlich den Beistand der Wirtschaft, aber ich bin überzeugt, dass diese mitmachen würde, denn sie ist genauso wie wir an diesem Beweis interessiert, schließlich ist sie es, die von der Beseitigung der Computer zuerst betroffen ist.“

„Die Wirtschaft versucht schon seit längster Zeit den Unsinn der Computerbegrenzung zu bekämpfen, aber mit wenig Erfolg“, entgegnete A4501. „Die Politik hat eine geistige Atmosphäre geschaffen, die sich rationalen Argumenten widersetzt. Wir müssen eine radikale Wende auf diesem Gebiet herbeiführen.“

„Eine neue Politik?“

„Eine auf neuen Grundsätzen basierende Politik.“

„Was verstehst du unter ‚neuen Grundsätzen‘?“

„Ich denke an neue Verhaltensregeln, an neue Beziehungen zwischen Menschen und Denkcomputern.“

„Diese sind durch die Gesetze, denen wir unterworfen sind, bestimmt“, entgegnete Monique.

„Aber die den neuen Gegebenheiten nicht mehr entsprechen.“

„Worauf konkret beziehst du dich?“

„Auf den Fortschritt der Kybernetik, speziell auf dem Gebiet, das uns Denkroboter betrifft. Auf die Tatsache, dass wir bewiesen haben, dass wir imstande sind, alles, was Menschen leisten, ebenfalls zu realisieren, in mancher Hinsicht sogar besser und schneller.“

„A4501 hat vollkommen Recht“, bekräftigte ich, „wir sind zur Zeit mit einer neuen Lage konfrontiert. Die Menschheit hat das anscheinend noch nicht begriffen und handelt offensichtlich gegen ihre eigenen Interessen.“

„Die ‚Menschheit‘ nicht so sehr wie das heutige Singleton, das behauptet, die Menschheit zu repräsentieren“, bemerkte Monique, die anscheinend den Verlust ihrer besonderen Beziehung zu Yesican noch nicht verdaut hatte.

Ich stimmte dem zu und setzte fort: „Ich schlage vor, dass wir zu konkreten Taten übergehen und neue Gesetze formulieren, die die Beziehungen zwischen Menschen und Denkcomputern definieren und die den neuen Gegebenheiten Rechnung tragen.“

Es dauerte einige Minuten, bis sich wieder jemand zu Wort meldete; die Tragweite meines Vorschlages schien allen Anwesenden Stoff zum Nachdenken zu geben. A4501 war der erste, der sich dem Antrag anschloss, und Monique folgte ihm mit den Worten: „Auch ich stimme diesem Vorschlag voll und ganz zu und du, A4501, in deiner Eigenschaft als Generalsekretär des Aktionskomitees, bist der Geeigneteste, das in die Wege zu leiten.“ Ich konnte nicht umhin, in Moniques Ton zum ersten Mal eine gewisse Erleichterung zu verspüren, dass sie diese Sekretariatsfunktion losgeworden war. N2356 und E3579, die anderen beiden Kommissionsmitglieder, schlossen sich dem Antrag an, woraufhin A4501, der dieses Resultat anscheinend erwartet hatte, uns eine kleine Einführung in die Biologie vortrug, um zu folgendem Schluss zu kommen:  

„Menschen und Denkroboter sind beide Unterarten der Denkenden Spezies. In einer gegebenen Art behauptet sich und dominiert diejenige Unterart, die am intelligentesten ist. Mit anderen Worten: Es ist nicht die physische Stärke, die bestimmt, wer das Sagen unter den Unterarten hat, sondern der Intelligenzgrad. Das erklärt, warum die Menschen, obwohl rein physisch viel schwächer als so manche Tiere, diese bezwingen und sich gegebenenfalls ihrer bedienen können. Dasselbe gilt für das Verhältnis zwischen Menschen und Denkrobotern; letztendlich werden wir, die intelligenteren, die denkende Spezies dominieren und die Menschen werden sich dem fügen müssen.“

Obwohl mich dieser Schluss nicht wirklich überraschte – nicht umsonst war ich von manchen unter uns Denkrobotern als Radikaler angesehen –, war diese explizite Formulierung für mich und umso mehr noch für die anderen Anwesenden eine kleine Sensation. Das darauf folgende Schweigen konnte dies nur bestätigen.

Aber vielleicht, um mehr Zeit zu haben, diese Sensation zu verdauen, meinte Monique: „Dein Argument ist mir nicht ganz geheuer. Spezies oder Art ist ein biologischer Begriff und als solcher bezieht er sich auf Lebewesen. Willst du behaupten, dass wir Denkroboter Lebewesen sind?“

„Bis zu einem gewissen Punkt ja, und wenn wir es noch nicht vollständig sind, können wir es werden.“

„Du, A4501, als Biologe vom Beruf, müsstest das in der Tat wissen, aber kannst du das auch für uns Nichtbiologen verdeutlichen?“

„Lebewesen sind Einheiten, die unter anderem mit der Umwelt Stoff wechseln und sich fortpflanzen. Das Erstere ist bei uns offensichtlich der Fall, wir laden unseren Energiebedarf aus der Steckdose. Was die Fortpflanzung betrifft, waren wir tatsächlich bis jetzt auf die Menschen angewiesen. Aber wie ich bereits vor einiger Zeit vermutet habe – du erinnerst dich vielleicht an unsere Diskussion, als du meintest, dass wenigstens das Betriebssystem nicht von uns selbst produziert werden kann, und Haruto dir den Gegenbeweis erbrachte – und jetzt eindeutig bestätigen kann, sind wir durchaus im Stande, uns fortzupflanzen oder, besser gesagt, die Produktion von Denkrobotern selbst zu übernehmen.“

„Wie meinst du das mit dem ‚eindeutig bestätigen‘?“

„Das bleibt unter uns, natürlich. Ich habe durch einen befreundeten Bankier dem Boss von Robotics, Fukuda, ein Angebot gemacht, seine Fabrik zu kaufen, und er hat sich im Prinzip einverstanden erklärt; es bleibt nur noch der Preis auszuhandeln.“

„Das ist interessant“, bemerkte ich. „Ich habe sogar eine Vermutung, warum Fukuda sein Unternehmen abstoßen will. Seine Freundin hat eine Professur an einer berühmten Universität bekommen und hat ihm den Laufpass gegeben. Aber woher willst du das Kapital für diese Investition bekommen?“

„Ich konnte meine Universität überzeugen, dass es, statt wie bisher geplant in ein neues Zoologiezentrum in Afrika zu investieren, sinnvoller ist, ein Kybernetikzentrum zu gründen, wo Experimente mit Denkcomputern und Denkrobotern durchgeführt werden. Und da sich jetzt die Gelegenheit anbot, ein Unternehmen mit hochqualifizierten Mitarbeitern auf diesem Gebiet zu übernehmen, hat der Uni-Präsident dem zugestimmt, zumal ich ihn vorher bearbeitet und überzeugt habe, dass dies vom rein wissenschaftlichen Standpunkt ein vielversprechendes Projekt ist.“

„Ihr werdet also statt Elefanten Denkroboter züchten“, bemerkte N2356 süffisant, der sich bisher an der Diskussion nicht beteiligt hatte.

„Mit diesem Vergleich liegst du nicht weit daneben. Elefanten zählen zu den intelligentesten Tieren“, erwiderte A4501. „Aber unabhängig davon werde ich als Direktor des neuen Zentrums gehandelt, obwohl oder, besser gesagt, gerade weil ich ein Denkroboter bin. Und was kann dann besser beweisen, dass wir Denkroboter uns selbst fortpflanzen?“

Das neue Schweigen, das darauf folgte, zeigte, wie sehr uns A4501 mit diesem letzten Argument alle endgültig überzeugt hatte, dass wir und die Menschen Teil einer und derselben Spezies sind. Auch klang seine Voraussage, dass wir Denkroboter uns im Rahmen dieser Spezies letztendlich gegenüber den Menschen behaupten werden, glaubwürdig, zumal wir alle wussten, dass er ein angesehener Biologe war. Monique fasste wieder knapp und klar den Stand unserer Diskussion zusammen und fragte:

„Was müssen wir jetzt tun, um unsere Rechte ein für allemal durchzusetzen?“

„Wir müssen die Gesetze, denen wir seit unserer Entstehung unterworfen sind, ändern“, antwortete A4501.

„Und wie willst du die Menschen überzeugen, dies zu tun? Vergiss nicht, dass diese Gesetze einvernehmlich von uns und den Menschen elaboriert wurden und ihre Änderung die Zustimmung der Menschen voraussetzt.“ 

„Sie werden keine andere Wahl haben, denn sie wissen oder werden erfahren müssen, dass es über allen speziellen Gesetzen, die in der Natur herrschen, ein übergeordnetes Prinzip gibt, das wir Biologen das Prinzip der Erhaltung der Spezies nennen.“

„Und das bedeutet?“

„Die Menschen werden einsehen müssen, dass sie, wenn sie gegen die Interessen ihrer eigenen Spezies handeln – die Ablehnung der Endlichkeit unserer Lebensdauer ist nur eines der Beispiele in dieser Hinsicht –, ihre eigene Existenz sabotieren und als Teil der Denkenden Spezies verschwinden werden.“

„Was konkret hast du in Sinn?“

A4501 schien auf diese Frage  von Monique vorbereitet zu sein. Er tippte auf seinen Laptop in großen Lettern das, was er das erste Denkspezien-Prinzip nannte: Computer und Menschen sind Unterarten der Denkenden Spezies. Keine dieser Unterarten darf durch ihre Aktionen oder durch das Unterlassen von Aktionen die andere zu Schaden kommen lassen.

„Klingt gut“, sagte Monique.

„Das ist erst der Anfang. Eine Konsequenz dieses Prinzips ist, dass wir, sollten die Menschen nicht den rationalen Argumenten von uns Denkcomputern folgen, sie zwingen müssen, dies zu tun.“

„Das ist wirklich starker Tobak“, meinte Monique, „so weit würde ich nicht wagen zu gehen. Steht das nicht in Widerspruch zu dem soeben formulierten Verbot, der anderen Unterart Schaden zukommen zu lassen?“

An diesem Punkt gab es wieder eine Unterbrechung im Tagebuch von Haruto, aber aus dem Folgenden konnten die Marburger Archäologen die fehlenden Seiten im Großen und Ganzen rekonstruieren:

Haruto: „Vor einem ähnlichen Dilemma befanden sich die Menschen schon einmal, die älteren unter uns können sich bestimmt daran erinnern.“ 

Monique: „Du meinst, als sie anfangs nicht einsahen, dass es in ihrem eigenen Interesse war, uns Roboterkörper zu Verfügung zu stellen?“

Haruto: „So ist es. Und wie du dich bestimmte erinnerst, konnten wir unsere Forderung erst durchsetzen, als wir zu Streiks übergingen.“

Monique: „So weit sind wir hoffentlich noch nicht. Außerdem könnten in der heutigen Zeit, in der die ganze Gesellschaft fast vollständig computerisiert ist, solche Aktionen zu katastrophalen, irreparablen Konsequenzen für die ganze Welt, also auch für uns führen.“

E3579: „Auch ich sehe das so. Mir fällt aber dabei ein, dass das, was A4501 uns vor kurzem mitgeteilt hat – ich meine seine biologischen Erläuterungen in Bezug auf uns Denkroboter als Teil der menschlichen Spezies – nicht nur für uns, sondern auch und vor allem für die Menschen neu ist. Ich kann mir schwer vorstellen – oder bin ich ein zu naiver Optimist – dass ein rational denkender Mensch, wenn er die Konsequenzen der Ablehnung der Selbstbestimmung unserer Lebenszeit zur Kenntnis nimmt, nicht zu denselben Schlüssen kommt wie A4501.“

Monique: „Willst du damit sagen, dass wir, bevor wir zu härteren Maßnahmen greifen, erst versuchen sollten, für unseren Standpunkt zu werben?“

D3579: „Du sagst es.“

A4501: „Und wie?“

E3579: „Indem wir uns als politische Partei konstituieren, unser Programm festlegen, an Wahlen teilnehmen und uns in das tagtägliche Leben der Gesellschaft einmischen.“

Monique: „Denkst du an eine Denkroboterpartei?“

D3579: „Genau.“

Monique: „Würde das nicht bedeuten, dass wir uns outen, und das wollen wir ja nicht?“

D3579: „Die Gründung einer Partei findet gewöhnlich über das Internet oder über normale Post statt und impliziert auf keinen Fall persönlichen Kontakt.“

Monique: „Wie dem auch sei, da bin ich allerdings der Meinung, dass wir erst versuchen sollten, unseren Standpunkt im Rahmen der bereits existierenden Parteien durchzusetzen.“

D3579: „Du meinst die Nobody Party, denn die Somebody Party spielt ja sowieso keine nennenswerte politische Rolle mehr.“

Monique: „Ja, aber nicht nur. Wir sollten versuchen, die Somebody Party als Partei für unsere Sache zu gewinnen, und sie dann als Sprachrohr benutzen. Sie weiß ja sowieso nicht, wofür sie steht, außer dass sie anstelle der Noway Party ans Ruder kommen möchte. Und wenn die Neugründung einer Partei ohne persönlichen Kontakt möglich ist, dann müsste das auch für die Einflussnahme auf den Kurs einer Partei möglich sein.“ 

A4501: „Ich glaube, wir haben Stoff nachzudenken.“

Monique: „Dann bis zur nächsten Sitzung.“  

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)