20. Die Noway Party greift zu konkreten Maßnahmen

Fortsetzung des Tagebuchs von Haruto

Während die Denkcomputerbewegung sich im Blick auf die in manchen Ländern stattfindende weiche Revolution in Sachen Menschenrechte Hoffnungen machte, arbeitete die Noway Party emsig an ihrem Programm, diese Rechte den Denkcomputern streitig zu machen. Eines dieser Rechte betraf das Antidiskriminierungsgesetz, das bisher auch für Denkroboter galt und der Anticomputerbewegung längst ein Dorn im Auge war. Um die öffentliche Meinung gegen die Denkcomputer aufhetzen zu können, schien es den Ideologen dieser Bewegung notwendig, sie vorerst in der Gesellschaft zu identifizieren. Zu diesem Bestreben trug die Tatsache bei, dass die Anticomputerbewegung über die NSA von meinen psychischen Problemen Wind bekommen hatte und wusste, dass diese Probleme meinem Outing zu verdanken waren. Durch ein obligatorisches allgemeines Outing der Denkcomputer versprach sich die Noway Party, eine Kollektivpsychose unter den Denkcomputern zu erzeugen und sie auf diese Weise aus der Gesellschaft ganz zu eliminieren oder wenigstens als unzuverlässig zu kompromittieren. Eine solche Identifikation war aber vom Antidiskriminierungsgesetz strengstens verboten. Während Rassisten es oft leicht hatten, dieses Gesetz zu umgehen und ihre Hassobjekte zu identifizieren – in vielen Fällen genügte dafür die Hautfarbe –, war das bei Denkrobotern nicht möglich. Robotics sorgte bei der Produktion von Roboterhülsen dafür, dass Denkroboter rein äußerlich von Menschen nicht zu unterscheiden waren.

Da hatte einer der führenden Ideologen der Noway Party, von Beruf Jurist, eine Idee, wie das Antidiskriminierungsgesetz außer Kraft gesetzt werden könnte, und zwar mit Hilfe eines anderen Gesetzes – das Recht auf freie Information –, das von der Verfassung ebenfalls garantiert war. Er brachte die Regierung, die bis dahin, wie alle ihrer Vorgänger, das Antidiskriminierungsgesetz anwandte, vor das Verfassungsgericht und erzwang auf der Basis des Informationsrechtes eine temporäre Suspendierung des Antidiskriminierungsgesetzes bis zu einer endgültigen Klärung dieses angeblichen Widerspruchs. In der Zwischenzeit musste Robotics seine Liste von Denkcomputern, die bis dahin nur dem Präsidenten von Singleton zugänglich war, veröffentlichen. Waren bisher nur die Namen der Denkcomputer, die sich selbst geoutet hatten, bekannt – und das war eine Minderheit –, so wurden damit nun alle existierenden Denkcomputer geoutet. Und die große Zahl dieser Computer – sie sie war durchaus vergleichbar mit der Gesamtzahl der Bevölkerung von Singleton – brachte das Fass zum Überlaufen.

Hatte bisher die Antidenkcomputerbewegung sich mit gezielten Angriffen auf individuelle Denkroboter, durch Verleumdungen wie auch durch offene Boykottaufrufe unter dem Motto „kaufet nicht bei den Vernichtern Eurer Arbeitsplätze“ begnügen müssen, konnte sie jetzt zu anderen viel weiter führenden Mitteln greifen. Es wurde eine computerfeindliche Atmosphäre in der Gesellschaft geschaffen, welche die Anticomputerbewegung ausnutzte, um legislative Maßnahmen vorzuschlagen, die speziell gegen Denkcomputer ausgerichtet waren. Die von Woods, dem Vorgänger von Yesican, angestrebte Integration der Denkroboter in die menschliche Gesellschaft war der Noway Party von vornherein ein Dorn im Auge. Um den Einfluss der Denkroboter auf die Gesellschaft einzudämmen, sollte ihnen das Wahlrecht, welches sie seit fast zehn Jahren hatten, aberkannt werden. Darüber hinaus wurden, sobald bekannt war, dass Denkroboter Geschlechtsverkehr mit Menschen haben können, die religiösen Gefühle mancher Bürger angesprochen, indem man diesen Verkehr als moralisch verwerflich verurteilte, da er die von Gott geschaffene Einzigartigkeit des Menschen in Frage stellte.

Das führte so weit, dass Abgeordnete der Noway Party im Parlament eine Gesetzesinitiative einbrachten, die den geschlechtlichen Verkehr zwischen Menschen und Denkrobotern unter Strafe stellte. Und um Menschen vor unbeabsichtigten Kontakten mit Denkrobotern zu warnen, sollten diese gezwungen werden, in der Öffentlichkeit ein Abzeichen in der Form eines Desktops zu tragen.

Leser dieses Tagebuchs könnten meinen, dass ich mich wegen meiner Beziehung zu Eve besonders betroffen von dieser beabsichtigten Maßnahme fühlte. Das ist zwar nicht der Fall, denn diese Beziehung bestand zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, aber obwohl diese Initiative die für Gesetze dieser Art notwendige Zweidrittelmehrheit im Parlament nicht fand, wurde sie von unserem Aktionskomitee als äußerst besorgniserregend empfunden. Wegen des erwähnten Zusammenhangs zwischen dem Problem des Geschlechtsverkehrs zwischen Menschen und Robotern und den Antidiskriminierungsgesetzen scheint es mir angebracht, hier kurz auf dieses Problem zurückzukommen.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)