21. Der Saft des Lebens

Dass Geschlechtsverkehr zwischen einem Menschen und einem Roboter möglich war und auch praktiziert wurde, war für uns Denkcomputer und vermutlich auch für viele Menschen ein Beweis, dass Menschen und Denkcomputer zur selben Art oder Spezies gehören. Darüber hinaus schien es mir wegen der perfekten äußeren Identität zwischen Menschen- und Denkroboterkörper praktisch unmöglich, eine Maßnahme umzusetzen beziehungsweise zu kontrollieren, welche diesen Verkehr verbot. Meine Beziehung zu Eve, die anfangs keine Ahnung hatte, dass ich ein Denkroboter bin, sollte mich eines Besseren lehren. 

Wie bereits erwähnt, hatte sie mir unter anderem eine für mich neue Position im Sexverkehr beigebracht, in der die Partner sich küssten, allerdings nicht wie üblich von Mund zu Mund, sondern von Mund zum Geschlechtsorgan. Anfangs verlief dieses Lustspiel zu unserer vollkommenen Zufriedenheit, bis uns eines Nachts die Realität einholte und mir wieder bewusst wurde, dass die „Identität“ von Mensch und Roboter in Wahrheit nur eine rein „äußerliche“ war.

Wir hatten uns nach dem Abendessen bei mir zu Hause im Bett einen Pornofilm angesehen, der Eve anscheinend so stark erregte, dass sie meinen Penis mit ihren beiden Händen zu einem herrlichen Ständer brachte und dann sofort in den Mund nahm.

Gemäß dem Robotics-Programms ejakulierte dieser nach einer gewissen Zeit und anders als bei unseren vorherigen Liebesakten dieser Art, nach denenen Eve den „Lebenssaft“ auf ein vorbereitetes Handtuch ausspuckte, schluckte sie ihn diesmal runter und machte daraufhin ein Gesicht, das erst Erstaunen ausdrückte, aber dann gleich in einen Lachkrampf überging. Sie ließ mich nicht lange in Zweifel über die Ursache ihrer Reaktion. Auf meine Frage, was denn los sei, brachte mich ihre erste Antwort selbst zum Lachen, denn sie lautete:  „Ihr Männer wisst anscheinend, dass wir Frauen Schokolade mögen.“

„Wie meinst du das?“

„Dein Lebenssaft, wenn ich dieses Wort gebrauchen darf, ist von Schokolade kaum zu unterscheiden; wenn ich nicht wüsste, wie er entstanden ist, wäre ich vermutlich nie darauf gekommen.“ Und nach einigen Augenblicken fuhr sie fort: „Dass ich erst jetzt, nach so langer Zeit unseres Zusammenlebens, darauf gekommen bin, dass du ein Roboter bist, ist wirklich erstaunlich.“

„Bereust du das?“ wollte ich wissen.

„Ganz und gar nicht, denn Menschen können mit eurer Liebeskunst kaum konkurrieren.“

„Du meinst die Dauer des Geschlechtsverkehrs, den wir nach Belieben verlängern können?“

„Ja, unbedingt. Und darüber hinaus die Qualität des Ständers. Allerdings habe ich bis heute keines der im Handel befindlichen Geräte dieser Art ausprobiert.“

„Ich muss gestehen, dass auch ich keine Ahnung hatte, dass mein Lebenssaft, wie du ihn nennst, nach Schokolade schmeckt. Das ist ausschließlich dem Programmieren von Robotics zu verdanken. Übrigens war mir bis heute nicht bewusst, dass ihr Frauen, wenn ihr besonders erregt seid, das Sperma schluckt. Hast du das schon vorher gemacht?“

„Ja, und du hast das auch im Film, den wir uns vorher angeschaut haben, gesehen.“

„Ist das für einen Menschen nicht ekelhaft? Entschuldige bitte den Ausdruck!“

„Das ist vermutlich bei uns Frauen oft Teil des Orgasmus. Es gehört vielleicht auch zum Nachspiel, das bei uns viel länger dauert als bei Männern. Und nicht zuletzt ist es der Ausdruck unserer Liebe zu unserem Partner.“

„Das Letztere freut mich besonders.“

Allerdings war meine Freude schon bald von der Einsicht getrübt, dass das, was wir gerade vollbracht hatten, zu meinem Outing gegenüber Eve geführt hatte. Erinnerungen an meine frühere unangenehme Erfahrung damit wurden geweckt. Und auch wenn ich nicht befürchtete, dass Eve von ihrer Entdeckung negativen Gebrauch machen würde, fühlte ich mich irgendwie erleichtert, als sie kurze Zeit später aus beruflichen Gründen Kalifornien verließ und unsere Beziehung abbrach.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)