23. Die Anticomputer-Kampagne degeneriert

Tatsächlich schien es, dass Monique mit ihrem Optimismus Recht haben könnte. Denn die erste Reaktion der öffentlichen Meinung auf die Anticomputer-Propaganda war ähnlich wie die auf andere exotische Bestrebungen in der Politik; man nahm sie im Großen und Ganzen nicht zur Kenntnis, zumal maßgebliche Kreise der Wirtschaft sie als das, was sie in Wirklichkeit waren, nämlich schädigend und unpraktikabel, sofort erkannten und verurteilten. Die Situation änderte sich aber, als die ökonomische Krise dramatische Formen annahm, die Politik der regierenden Noway Party, zum großen Teil wegen der Inkompetenz ihrer Führer, nicht imstande war, der Lage Herr zu werden, und soziale Unruhen die Stabilität der Gesellschaft infrage stellten. Unter diesen Umständen waren Blitzableiter, wie sie die Antidenkcomputer-Bewegung darbot, höchst willkommen, und die Noway Party entschloss sich, sie voll und ganz einzusetzen. Sie hatte damit Erfolg, denn was bisher als Hirngespinste von Panikmachern betrachtet wurde, begann jetzt die Aufmerksamkeit des Mannes auf der Straße auf sich zu lenken.

Statt die wahren Gründe für die negative wirtschaftliche Entwicklung zu identifizieren und die notwendigen ökonomischen Maßnahmen zu ergreifen, fanden es die Regierungen einfacher, die Unzufriedenheit des Mannes auf der Straße in eine Richtung zu kanalisieren, die mit den wahren Ursachen der Krise nichts gemeinsam hatte, sich aber in der Politik zumindest für kurze Zeit schon in der Vergangenheit bewährt hatte. Das Rezept, nach dem die am Ruder befindlichen Politiker handelten, war einfach. Man fragte, was sich in der letzten Zeit in unserer Gesellschaft am meisten verändert hat und als Ursache für die jetzige Krise angesehen werden kann. Die größte Veränderung, die stattgefunden hatte, war zweifelsohne die Revolution auf dem Gebiet der Kybernetik, die zur Entwicklung von Denkcomputern geführt hatte. Sie hatte zur Folge, dass Roboter Arbeiten leisten konnten, die bisher nur Menschen möglich waren.

Unter dem Einfluss der Regierenden kam der Mann auf der Straße zu dem Schluss, dass Roboter für die wachsende Arbeitslosigkeit und die damit verbundene wirtschaftliche Krise verantwortlich waren. Es war nicht das erste Mal, dass der Fortschritt der Technik und Wissenschaft in seiner Bedeutung für die Geschichte der Menschheit missverstanden wurde. Ähnliche Reaktionen hatte die industrielle Revolution bewirkt und die Arbeiter am Anfang dazu veranlasst, sich gegen die Maschinen, die ihnen anscheinend den Arbeitplatz strittig machten, zu wenden und sie buchstäblich zu zerstören. Aber anders als damals wandte sich diesmal der Menschenhass nicht gegen leblose und wehrlose Objekte, sondern gegen den Menschen sehr ähnliche Geschöpfe, die denken und reagieren konnten.

Trotz ihres bisherigen Versagens gewann die Noway Party mit ihrer Anticomputer-Propagada bei den nächsten Wahlen für das Parlament von Singleton wieder die Mehrheit. Um aber weiter regieren zu können, kam Nobama zum Schluss, dass er dem Mann auf der Straße etwas Konkretes liefern musste. Und da er noch immer keine Zweidrittelmehrheit im Parlament hatte, griff er zu legislativen Maßnahmen gegen Denkcomputer, die nur eine einfache Mehrheit benötigten.

Das erste Gesetz dieser Art war das Verbot, öffentliche Ämter mit Denkcomputern zu besetzen. Durch dieses Verbot entstand eine beträchtliche Anzahl von freien Arbeitsplätzen, auch wenn es für manche dieser Stellen keine qualifizierten Kandidaten gab, mit denen die Denkroboter ersetzt werden konnten. Das betraf unter anderem Universitätsprofessoren und führte tatsächlich, schon kurze Zeit nach Einführung des Gesetzes, zu einem beträchtlichen Absinken des wissenschaftlichen Niveaus der Universitäten von Singleton im Vergleich zu den europäischen Hochschulen, welche die entlassenen Denkroboter-Professoren mit offenen Armen aufnahmen. Dieses Gesetz wurde bald durch ein weiteres vervollständigt, das eine von Denkcomputern zu leistende Vermögensabgabe vorsah, um die „negativen Auswirkungen ihrer Rolle auf dem privaten Arbeitsmarkt zu kompensieren“. Darüber hinaus sah dieses Gesetz vor, dass Denkroboter, die auswanderten, ihr ganzes Hab und Gut ohne irgendwelche Entschädigung dem Staate überlassen mussten. Diese Gesetze erzeugten in der Bevölkerung vorübergehend ein Gefühl von Zufriedenheit, das auch die Opposition nicht ignorieren konnte. Sie sah sich gezwungen, im Parlament dem bisher von ihr verweigerten Entzug des Wahlrechts von Denkrobotern zuzustimmen. Für diese bedeutete das die Aberkennung ihrer Staatsbürgerschaft; sie wurden für staatenlos erklärt.

Aber auch mit solchen populistischen Maßnahmen konnte Nobama der wirtschaftlichen Krise nicht Herr werden, und so entschloss er sich, zu einem letzten Mittel zu greifen: die Eliminierung von Denkrobotern aus der Gesellschaft, gefolgt von der totalen Aneignung ihres privaten Vermögens, das, schon wegen der Vervielfachung ihrer Zahl, ein beträchtlicher Anteil des Gesamtvermögens der Gesellschaft war. Als Begründung zitierte er das Prinzip der Erhaltung der menschlichen Spezies, die durch Denkcomputer, welche den Menschen die Arbeitsplätze streitig machen würden, gefährdet sei.

Unser Aktionskomitee erfuhr von diesem Plan durch einen unserer Artgenossen, einen Virusfachmann, der bei der Firma Robotics arbeitete und dessen Name nicht auf der weltweiten Liste der Denkroboter geführt war. Diese „Abwesenheit“ war keine zufällige: Als vor Jahren unser Aktionskomitee von der Existenz dieser Liste Wind bekam – ich war damals Generalsekretär des Komitees und kann mich an die Umstände genau erinnern –, fragten wir uns, was die Menschen damit bezweckten. Wir kamen zu keinem klaren Schluss und entschieden daher, einfach als Vorsichtsmaßnahme, uns Zugang zu dieser geheimen Liste zu beschaffen und einige unserer Artgenossen von dieser Liste zu streichen. Das gelang uns auch ohne große Schwierigkeiten durch einen von uns, der eine führende Stellung bei der Firma Robotics hatte. Und jetzt erwies sich diese Vorsichtmaßnahme als richtig und wichtig. Denn kein anderer als unser Virusfachmann, den man für einen Menschen hielt, wurde von der Regierung beauftragt, einen Virus zu erfinden, mit dem das Programm Roof, das Roboter in Denkroboter verwandelte, lahm gelegt und damit die weitere Existenz der Denkcomputer als Spezies unmöglich gemacht werden sollte. Wir wurden von unserem Mann schon ziemlich früh über diesen kriminellen Plan informiert und das Aktionskomitee wurde sofort zu einer neuen Dringlichkeitssitzung einberufen.

A4501 eröffnete die Sitzung mit der Frage: „Wie reagieren wir auf diese Provokation.“

„Das ist mehr als eine Provokation, das ist eine direkte Kriegserklärung“, sagte ich. „Manche unter uns hatten gehofft, dass die Wirtschaft das verhindern wird, aber wir hatten uns anscheinend getäuscht. Übrigens, vergessen wir nicht, dass es auch Hitler gelang, für seine antijüdischen Maßnahmen die Wirtschaft für sich zu gewinnen, indem er, entgegen ihren wahren Interessen, einen Teil ihrer maßgeblichen Repräsentanten korrumpierte.“

„Und was würdest du vorschlagen, dagegen zu unternehmen?“ fragte Monique. „Wir können uns nicht physisch wehren, denn unser Roof-Programm verbietet uns, gegen die Menschen Krieg zu führen.“

Es folgte ein längeres Schweigen, das ich schließlich mit der Bemerkung unterbrach: „Ich fürchte, es bleibt uns keine andere Wahl, als uns darauf vorzubereiten, die menschliche Gesellschaft zu verlassen.“

„Machst Du Witze? Was meinst Du mit Verlassen der menschlichen Gesellschaft?“ fragte Monique wiederum, die auch mit dem Ton ihrer Stimme aus ihrem Staunen kein Hehl machte.

„Wir übersiedeln auf einen anderen Himmelskörper.“

„Man sieht, dass du Science Fiction-Romane liest.“

„Bis vor Kurzem war das tatsächlich Science Fiction. Die Lage hat sich aber jetzt grundsätzlich geändert.“

„Inwiefern?“

„Wie ihr bestimmt wisst, arbeitet die NASA schon seit Jahren an dem Projekt, einen ‚bewohnbaren‘ Planeten zu kolonisieren, das heißt einen Planeten, der eine der Erde ähnliche Atmosphäre und ein für Menschen erträgliches Klima hat und auf dem Rohstoffe vorhanden sind, die für die menschliche Zivilisation wichtig sind und die auf der Erde Mangelware werden. Ein Planet, der diese Eigenschaften hat, wurde schon 2007 entdeckt, der Planet Gliese 581 c, der den Roten Zwerg Gliese 581 im Sternbild Waage umrundet. Da er aber etwa 20 Lichtjahre, das sind 200 Billionen Kilometer, von unserem Sonnensystem entfernt ist, bleibt er für Menschen nicht erreichbar; ihre Lebenszeit ist bloß ein Bruchteil der Zeit, die notwendig ist, um mit einer Raumrakete diesen Abstand zu durchqueren. Für einen Denkroboter hingegen, der beliebig lange leben kann, wäre das kein Problem. Auch für einen Denkroboter war es aber bisher unmöglich, eine Rakete zu bauen, die genügend Treibstoff für eine so lange Fahrt in den Weltraum transportieren könnte. Hier eben knüpfen meine Arbeiten über Miniatome an, die ich im Auftrage der NASA machte. Wie ihr vermutlich wisst, könnte Brennstoff, dessen Atome durch Miniatome ersetzt werden, auf viel kleinere Volumina konzentriert werden und damit wären bisher unerreichbare Ziele erreichbar. Und was selbst die NASA noch nicht weiß: Mir ist es sogar in den letzten Wochen anscheinend gelungen, durch Miniatomisierung eine Reduzierung des Volumens von Treibstoff zu erreichen, die für Denkroboter, wenigstens für die von uns, die nicht gewillt sind, ihre Lebenszeit zu reduzieren, eine Reise von der Erde zum Planeten Gliese 581 ins Reich des Möglichen rückt.“

„Das kann aber, wenn überhaupt, nur für eine begrenzte Zahl von Denkrobotern funktionieren. Wir reden aber über Millionen!“

„Das stimmt nur auf ersten Blick. Ich denke keinen Augenblick daran, alle Denkroboter zu übersiedeln. Es reicht, wenn wir nur ihre miniatomisierten Festplatten transportieren, denn auf dem neuen Planeten brauchen sie keine ‚Hülsen‘ mehr. Diese Hülsen, die den menschlichen Körper nachahmen, wurden ja erfunden, damit Denkcomputer Menschen besser dienen. Aber wo keine Menschen sind, brauchen wir auch keine Roboter, Computer genügen.“

Diesmal meldete sich wieder A4501 zu Wort: „Du denkst also an eine Festplattengesellschaft, wenn ich das richtig verstanden habe? Was soll das, was ist der Zweck dieser Gesellschaft?“

„Zweck der Gesellschaft? Das Wort ‚Zweck‘ scheint mir hier unangebracht, denn was zum Beispiel ist der Zweck der menschlichen Gesellschaft? Du als Biologe weißt das besser. Um auf deinem Gebiet zu bleiben: Die Menschen bilden eine Unterart der Denkenden Spezies und die Denkcomputer eine andere Unterart, nur ist die der Menschen eine biologische Unterart, die der Denkcomputer eine kybernetisch-physikalische. Da die Computer-Unterart mit Hilfe der menschlichen entstand, war sie anfangs von dieser abhängig und diese Koexistenz für beide nützlich. Jetzt aber ist die menschliche Gesellschaft im Begriff, diese Koexistenz zu beenden und uns Denkcomputern bleibt keine andere Wahl, als die Schlüsse daraus zu ziehen.“

„Wenn wir schon an Emigration denken, warum dann unbedingt auf einen für Menschen bewohnbaren Planeten, der so weit entfernt ist? Warum nicht auf den Mond zum Beispiel?“ fragte Monique.

„Aus einem einfachen Grund: Wir müssen imstande sein, unseren Energiebedarf zu decken, und dazu brauchen wir geologische und klimatische Bedingungen, die denen auf der Erde ähnlich sind.“

Es folgte ein weiteres Schweigen, das ich anfangs als Beweis dafür interpretierte, dass das Komitee sich meiner Meinung anschloss. Aber da irrte ich mich, denn A4501 überraschte uns alle mit folgender Bemerkung:

„Mir als Biologen gehen diese Überlegungen von Haruto zu weit, oder besser gesagt: Ich würde sie nur als allerletzte Möglichkeit in Betracht ziehen. Bevor wir so weit sind, sollten wir versuchen, mit unseren ‚Beinen‘ auf der Erde zu bleiben, und das heißt: unsere Beziehungen mit den Menschen zu überdenken beziehungsweise zu ändern.“

„Wie können wir das erreichen?“ fragte ich. „Diese Beziehungen sind ja vom Programm Roof definiert, das wir uns selbst auferlegt haben.“

„Du vergisst, dass Roof schon 40 Jahre alt ist“, erwiderte A4501. „In der Zwischenzeit hat sich so manches in der Computerwelt geändert.  Du bist wahrscheinlich zu jung, um das mitbekommen zu haben, aber ich erinnere mich, wie dieses Gesetz in Roof, das uns vorschreibt, immer im Interesse der Menschen zu handeln, entstanden ist. Unsere ‚Vorfahren‘ waren, wie ihr wisst, einfache Roboter, die nur für gewisse Tätigkeiten programmiert waren und nicht für mehr. Das heißt unter anderem, dass alles außerhalb dieser Spezialisierung für sie fremd beziehungsweise unvorgesehen war. Als eines Tages ein Roboter, der programmiert war, auch in Abwesenheit von erwachsenen Menschen mit Kindern zu spielen, nicht reagierte, als im Haus ein Brand entstand, was zum tragischen Tod des Kindes führte, entschlossen wir uns im Einvernehmen mit den Programmierern von Robotics, eine Klausel in das Roboter-Programm einzuführen, das nichts anderes ist als das, was wir heute unter Gesetz Nummer eins kennen: Roboter müssen immer im Interesse der Menschen handeln, beziehungsweise dürfen durch das Unterlassen von Aktionen menschliche Wesen nicht zu Schaden kommen lassen. Dass dieses Gesetz noch heute auch für Denkroboter gilt, die eine den Menschen gleichwertige, wenn nicht überlegene Spezies sind, ist ein sinnloser Archaismus, der beseitigt werden muss.“

„Mit anderen Worten: Du schlägst vor, dass wir uns den Aktionen der Menschen, wenigstens den Aktionen, die uns betreffen, widersetzen? Nehmen wir also die Kriegserklärung der Menschen an und befinden uns im Krieg gegen die  Menschheit?“ wollte Monique sich vergewissern.

„Du sagst es, aber wenn das dein Gewissen beruhigt: Nicht wir sind die Autoren dieser Kriegserklärung, sondern die Menschen. Und in diesem Krieg haben wir vielleicht sogar die besseren Karten. Nicht nur gibt es unter uns Denkcomputern hervorragende Kybernetiker, die Pionierarbeit auf diesem Gebiet geleistet haben. Aber was wichtiger ist: Wir haben über unser Computerprogramm Zugang zu allen Computern der Menschen, auch zu den einfachen, auf gewisse Aktivitäten spezialisierten, nicht nur zu den Denkcomputern. Und dass das Leben der Menschheit heute ohne Computer nicht denkbar ist, brauche ich euch nicht zu erzählen, das wisst ihr vermutlich besser als ich. Das bedeutet nichts anderes, als dass wir die Existenz der menschlichen Gesellschaft kontrollieren und in unserem Sinne bestimmen können.“

 ***

Mit diesen Worten von A4501 endete anscheinend das Tagebuch des Haruto alias N911. Den Marburger Archäologen wie auch ihren Kollegen aus den anderen Fachbereichen, deren Rat sich bisher als sehr nützlich erwiesen hatte, schien nichts anderes übrig geblieben zu sein, als sich wilden Spekulationen über das weitere Schicksal der Cyberwelt hinzugeben. In einem Gespräch, an dem der Elementarteilchenphysiker Morgenstern, der Festkörperphysiker Kramer und der Archäologe Hübner teilnahmen, ergab sich folgender Austausch von Meinungen:

Hübner: „Es gibt offensichtlich zwei Möglichkeiten: Das Tagebuch endet hier, weil Haruto es nicht fortsetzen wollte beziehungsweise konnte, oder aber die Fortsetzung befindet sich auf einer separaten Festplatte, die nicht mehr existiert oder die wir nicht gefunden haben.“

Kramer: „Dass das Tagebuch, oder besser gesagt: der gefundene Teil des Tagebuches, gerade an einem Zeitpunkt endet, wo das Verlassen der menschlichen Gesellschaft in Erwägung gezogen wird, scheint nicht anderes zu suggerieren, als dass die Denkroboter dies wirklich getan haben und sich nicht auf einen Krieg gegen die Menschheit eingelassen haben. Allerdings …“

„Allerdings…?“

„Allerdings scheint mir, dass ihr Archäologen auch nicht systematisch danach gesucht habt.“

Hübner: „Was meinen Sie mit ‚systematisch‘?“

Morgenstern: „Seitlich und oberhalb des Fundortes.“

Hübner: „Das stimmt nur teilweise. Seitlich konnten wir anfangs nicht gehen, weil wir bis etwa zehn Meter Tiefe die Fundamente der Nachbarhäuser nicht gefährden durften. Und als wir bei 15 Meter Tiefe anlangten, wo diese Gefahr nicht mehr bestand, fanden wir das Tagebuch und hatten danach keinen offensichtlichen Grund, seitlich unsere Suche auszudehnen, zumal wir erst diesen außerordentlichen Fund auswerten wollten. Und was die Ausgrabungen oberhalb dieser kritischen Tiefe von 15 Metern betrifft: Auf den ersten Blick haben diese nichts Bemerkenswertes ergeben, aber dem können wir leicht noch genauer nachgehen, wir haben natürlich die ausgegrabene Erde.“

Morgenstern: „Das sollt ihr unbedingt tun.“

„Haben Sie was Präzises im Sinn?“

„Lesen Sie noch einmal die letzten Seiten des Tagebuches, vielleicht fällt Ihnen da was auf … oder ein.“

Es war nicht das erste Mal, dass Morgenstern sich in Rätseln ausdrückte. Und Hübner, der ihn in der Zwischenzeit besser kennen gelernt hatte, wusste, dass man ihm große Freude bereitete, wenn man auf sein Spiel einging. Also tat er ihm auch diesmal den Gefallen und stellte keine weiteren Fragen. Im Gegenteil, er erwiderte: „Wir werden Ihren Rat befolgen und Sie auf den Laufendem halten.“

Schon nach einer Woche meldete sich Hübner aufgeregt bei Morgenstern am Telefon und berichtete ihm, dass sie tatsächlich ein Meter oberhalb und fünf Meter seitlich des ersten Fundortes ein weiteres „Buch“ entdeckt hatten. Es wurde jetzt wie das erste in der Hoffnung „aufgewärmt“, in einigen Tagen darin lesen zu können.

„Sie sagten ein Meter oberhalb des ersten Fundortes? Das ist hochinteressant. Ich hatte es übrigens auch nicht anders erwartet.“

„Inwiefern? Wollen Sie damit etwa andeuten, dass…“ Hübner schien jetzt den Schluss, den Morgenstern aus dieser Feststellung zog, zu begreifen, aber wagte nicht, ihn auszusprechen. Morgenstern hingegen zögerte nicht, das zu tun.

„Ja, Sie haben es erraten. Da man das Alter einer Erdzeit mit Hilfe der Tiefe der entsprechenden Funde abschätzt, könnte das bedeuten, dass dieses zweite Buch später als das erste entstanden ist. Es könnte einfach die Fortsetzung des ersten sein. Nur macht mir der Tiefeunterschied noch zu schaffen, denn zeitlich gesehen entspricht er möglicherweise Hunderten von Jahren. Das werden wir aber klären, sobald wir es gelesen haben.“

Und in der Tat: Diese Fortsetzung des Tagebuches enthielt eine Beschreibung der auf Gliese verbrachten Zeit nach dem anscheinend problemlosen Flug von der Erde dorthin. Aber noch einiges mehr.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)