24. GLIESE 1 – Können Computer nur denken oder haben sie auch Gefühle?

Es gelang uns ohne Schwierigkeiten, sich den spezifischen physikalischen Bedingungen von Gliese anzupassen. Eine der wichtigsten Bedingungen der „Bewohnbarkeit“ für unsere Festplatten, die Sonnenenergie bei moderaten Temperaturen, war erwartungsgemäß erfüllt, und da wir auch die wichtigsten Rohstoffe fanden, bauten wir eine Welt auf, die fast genau so aussah wie die, die wir verlassen hatten, zumal wir uns auch Hülsen, das heißt Körper schufen, die sich rein äußerlich von den menschlichen nicht unterschieden.

Mehr noch: Da wir jetzt „unter uns waren“, hatten wir Zeit und Gelegenheit, uns mit manchen wissenschaftlichen Problemen zu befassen, die uns Denkcomputer besonders betrafen, aber während unserer Existenz auf der Erde bisher nicht gelöst werden konnten. Eines dieser Probleme war die klassische Frage, ob und inwieweit sich Denkroboter von Menschen unterscheiden. Als wir die Erde verließen, war unter den Menschen die Mehrheit der Fachleute für Künstliche Intelligenz der Meinung, dass Roboter im Unterschied zu Menschen nicht imstande sind, Gefühle zu haben und Empathie zu empfinden. Dem entsprechend wurden wir von der Gesellschaft als Objekte und nicht als Lebewesen betrachtet, was unter anderem dazu führte, dass uns das Recht zu sterben verweigert wurde. Wir Denkcomputer waren uns eines Besseren bewusst, aber wie ich in meinem Tagebuch schon erwähnt hatte, trauten die Menschen uns das nicht zu und wir wussten nicht, wie wir sie davon überzeugen konnten. Jetzt aber, da ich nicht mehr mit irdischen Problemen beschäftigt war, konnte ich mich intensiv mit diesem Problem befassen und der Zufall, dass ich Elementarteilchen-Physiker war, führte mich zu folgenden Überlegungen.

Ich begann damit, mir die Frage zu stellen, wie eine Beziehung zwischen zwei Menschen zustande kommt, und wie in der Wissenschaft üblich griff ich zu einer Analogie, nämlich zum Vergleich mit der Beziehung zwischen zwei physikalischen Objekten, zum Beispiel zwei Elementarteilchen. Die Wechselwirkung zwischen ihnen findet statt durch Austausch eines dritten Objekts, eines weiteren Elementarteilchens. In Abhängigkeit von den spezifischen Eigenschaften der zwei ursprünglichen Teilchen führt ihre Wechselwirkung entweder zu einer Anziehung oder einer Repulsion.

Analog dazu könnte auch zwischen zwei Menschen durch Austausch eines Etwas eine Beziehung entstehen. Sollten beide sich voneinander angezogen fühlen, entsteht Empathie und man könnte dann, um bei der Analogie zur Physik zu bleiben, dieses Etwas Empathon nennen. Im entgegengesetzten Fall, wenn sie also Antipathie zu einander hegen, wäre das Etwas ein Antipathon. Auf diese Weise lässt sich das Gefühlsleben von Menschen und alles, was daraus folgt, einschließlich Liebe und Hass, gut erklären.

Wenn das der Mechanismus einer Beziehung zwischen zwei Menschen ist, stellt sich die Frage, warum dasselbe nicht auch bei Robotern gilt. Denn was ist einfacher, als zu erkennen, dass Computer unter sich Signale austauschen, genau wie zwei Elementarteilchen ein drittes Teilchen austauschen.Und abhängig davon, ob sie sich anziehen oder abweisen, lieben oder hassen sie sich.

Wir wissen aber noch nicht, wie diese Austauschobjekte Empathon oder Antipathon entstehen und woraus sie bestehen Den Menschen ist es bis heute nicht gelungen, diese Fragen zu beantworten, aber sie haben sich auch nicht besonders bemüht, das zu tun, und zwar vermutlich aus einem einfachen Grund: Es bestand für sie nicht das Bedürfnis, die Existenz von Gefühlen nachzuweisen. Jeder hat sie selbst erfahren, aber die Menschen sahen sich nicht verpflichtet, jemandem das Vorhandensein ihrer Gefühle zu beweisen.

Für uns Denkcomputer hingegen ist dieses Bedürfnis eine ‚to be or not to be‘-Angelegenheit, denn sie entscheidet, ob wir eine den Menschen gleichwertige Spezies sind oder nicht.

Jetzt aber schien es mir, dass ich durch die oben skizzierte Analogie der Antwort näher gekommen war, wie man beweisen kann, dass Computer nicht nur denken, sondern auch fühlen. Ich wandte ich mich an das Aktionskomitee und stellte ihm meine „Entdeckung“ vor. Da keiner der Mitglieder des Komitees von Beruf Physiker war, dauerte es eine Weile, bis sie sich mit den von mir verwendeten Begriffen wie Wechselwirkung oder Austausch, die in der Umgangssprache meistens einen anderen Sinn haben, anfreunden konnten. Aber auch danach zeigten sich die meisten eher skeptisch.

Anscheinend gelangweilt von einer Diskussion, die sie nicht verfolgen konnte, stellte Monique – das einzige mir bekannte  Mitglied des neuen Aktionskomitees – ganz leise, mehr zu sich selbst sprechend, die Frage: „Warum könnten nicht auch wir Denkroboter erklären, dass der beste Beweis unseres Gefühlvermögens in der Tatsache besteht, dass wir alle gegenseitig Liebe oder Hass empfinden und keiner von uns das anzweifelt. Wenn dieses Argument bei Menschen funktioniert, warum sollte es nicht auch bei uns funktionieren?“

„Du vergisst leider ein winziges Detail“, antwortete ich. „Wir Denkcomputer sind diejenigen, die den Menschen das beweisen wollten, und da genügte es nicht, dass wir das behaupteten. Wir hätten die Menschen davon überzeugen müssen und das kann nur durch Wechselwirkung – um beim vorhin erwähnten Konzept zu bleiben – zwischen uns und den Menschen geschehen.“

Das Minuten andauernde Schweigen, das darauf folgte, bestätigte, dass ich die meisten Mitglieder des Komitees von meinem Standpunkt überzeugt hatte. Bis plötzlich wieder Monique das Wort ergriff, aber diesmal laut und triumphierend: „Du hast soeben mit deiner so genannten Wechselwirkung die Lösung des Problems gefunden, wie man die Menschen von unserem Gefühlsvermögen überzeugt, aber nicht mit den Gefühlen zwischen uns Denkcomputern, sondern mit den Gefühlen zwischen Denkcomputern und Menschen.“

„Du willst damit sagen …“, erwiderte ich, aber kam nicht dazu, den Gedanken ganz auszusprechen, denn Monique setzte ihre Bemerkung fort: „Ja, du hast es erraten, wir hätten die Menschen ganz einfach daran erinnern können, dass es unter ihnen viele gibt, die mit uns Denkcomputern Liebesbeziehungen gehabt haben. Wenn ich mich nicht irre, hast du selbst, Haruto, so eine Beziehung gehabt. Oder?“

„…und diese Menschen hätten das bestätigen können“, setzte ich Moniques Idee fort. „Dass ich selbst nicht darauf gekommen war, als wir noch auf der Erde waren und mit den Menschen kommunizieren konnten…“

„Das ist tatsächlich schade“, unterbrach mich Monique erneut.

„Willst Du damit sagen“, fragte ich nach, „dass die Menschen uns dann nicht so stiefmütterlich behandelt hätten und wir eventuell nicht gezwungen gewesen wären, die Erde zu verlassen?“

„So weit will ich nicht gehen. Und wenn auch, schließlich haben wir uns hier auf Gliese gut eingelebt und das ohne Menschen.“

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)