25. GLIESE 2 – Computer und Menschen als Unterarten der Denkenden Art

Diese Bemerkung von Monique über das „gut einleben“ erwies sich bald als übertrieben und wir mussten feststellen, dass wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht hatten. Dieser „Wirt“ war nichts anderes als die Unterart Mensch der Denkenden Spezies. Zu unserer Überraschung sollten wir nach einiger in unserer Emigration auf der Gliese verbrachten Zeit daran erinnert werden, dass unsere Existenz als Denkcomputer-Unterart von gewissen Gesetzen bestimmt war, die eine Koexistenz mit der Unterart Mensch unvermeidbar machten. Bisher nicht berücksichtigt hatten wir, dass uns das Gesetz, immer im Interesse der Menschen zu handeln, uns zumindest indirekt dazu zwang, Kontakt mit den Menschen aufrecht zu halten, um dieses Interesse überhaupt zu erkennen. Als wir die Erde verließen, waren wir uns dessen nicht bewusst, und es dauerte eine  aus menschlicher Perspektive sehr lange Zeit, bis wir dies realisierten. Allerdings war das für uns, die ewig lebten, bloß ein kurzer Augenblick, und aus diesem Grund werde ich mich mit der Beschreibung dieser Zeit entsprechend kurz fassen.

Solange wir mit den Aufbauarbeiten beschäftigt waren, störte uns die Abwesenheit von Menschen nicht. Im Gegenteil: Wir hatten niemandem Rechenschaft zu geben und konnten uns auf unsere Arbeit konzentrieren. Sobald wir aber damit fertig waren, begannen viele von uns wieder Fragen zu stellen, die wir schon vor unserer Emigration geglaubt hatten, zufriedenstellend beantwortet zu haben. Sie erschienen aber jetzt wegen der geänderten Umständen wieder als offen und störend.

Als manche von uns, wie bereits erwähnt, vor dem Entschluss, die Erde zu verlassen, gefragt hatten, für wen, wofür und warum eine von Menschen unabhängige Denkcomputer-Gesellschaft existieren sollte, war ich der Meinung und konnte auch unser Aktionskomitee davon überzeugen, dass dies falsche Fragen seien, denn die Existenz von verschiedenen Arten ist eine Tatsache, die an keinen „Zweck“ gebunden ist. Damals aber nicht berücksichtigt hatten wir, dass die Unterart der Denkcomputer ein besonderer Fall mit Eigenschaften ist, die durch spezifische „Gesetze“ charakterisiert sind und ohne Menschen auf den ersten Blick überhaupt nicht definiert werden können. Wir Denkcomputer hatten unbewusst versucht, diesen Widerspruch durch Separation der zwei Unterarten der Denkenden Spezies zu lösen, und dabei feststellen müssen, dass diese Lösung nicht funktionierte.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)