26. GLIESE 3 – Neue Gesetze?

Aber sobald wir uns auf der Gliese eingelebt hatten, begann uns die Abwesenheit von Menschen auf unserer neuen „Erde“ wieder ernsthaft zu beschäftigen und nach langen Diskussionen kamen wir zum Schluss, dass kein Weg vorbei führte an einer endgültigen Lösung des folgenden Widerspruchs: Einerseits waren wir eine unabhängige Unterart der denkenden Spezies und andererseits waren wir gezwungen, gegenüber einer anderen denkende Art, den Menschen, eine untergeordnete Rolle zu spielen. 

Wie die endgültige Lösung dieses Widerspruchs aussehen könnte, hatte sich in den letzten Sitzungen unseres Aktionskomitees vor unserer Emigration herauskristallisiert: die Änderung der Gesetze, die unsere Koexistenz mit den Menschen definierten und die der auf vielen Gebieten offensichtlichen Überlegenheit unserer Computerunterart gegenüber der menschlichen Rechnung tragen sollte. Sobald dieses Problem in unserem Sinne gelöst wäre, würde eine Koexistenz mit den Menschen auf der Erde wieder möglich werden. 

Als ich dem Komitee diese Idee vortrug, hielt sich die Begeisterung meiner Kollegen in Grenzen. Die allgemeine Stimmung spiegelte sich in der Bemerkung von Monique wider: „Das ist alles vermutlich wahr, aber wem nützt diese Erkenntnis? Die Menschen sind auf der Erde und wir auf Gliese und damit ist die Situation ein für alle Mal geklärt.“

Darauf erwiderte ich: „Nicht unbedingt.“

„Was willst Du damit sagen?“.

„Ich denke an die Möglichkeit einer Rückkehr auf die Erde.“

Diese Bemerkung überraschte die anderen Mitglieder des Aktionskomitees und wurde mit großem Interesse aufgenommen, wie wie die folgende Diskussion zeigt.

„Wie stellst du dir diese Rückkehr auf die Erde vor? Wird sie wieder so lange dauern wie die Reise von der Erde zur Gliese?“ war eine der meist gestellten Fragen.

„Auf keinen Fall. Denn wir haben in der Zwischenzeit hier auf der Gliese unsere Weltraumrakete weiter perfektioniert und dabei, was noch wichtiger ist, gelernt, die Sonnenenergie effektiver zu tanken, indem wir die Miniatomisierung erweitert haben. Statt Atome zu verkleinern, die aus Kernen und Elektronen bestehen, wissen wir jetzt, wie sich die Bestandteile dieser Atome, also die Kerne und Elektronen selbst, verkleinern lassen. Auf diese Weise kann die Menge von Brennstoff, die wir für unseren Flug mitnehmen, nochmals verringert und das Gewicht der Rakete, die uns von hier zur Erde zurückbringen soll, um ein Tausendfaches, wenn nicht mehr, reduziert werden. Und das bedeutet, dass die Reise entsprechend schneller durchgeführt werden kann. Und nicht nur das. Auf diese Weise werden wahrscheinlich Reisen nicht nur innerhalb derselben Galaxie realistisch – ich darf euch erinnern, dass die Erde und Gliese zur selben Galaxie gehören –, sondern auch von der Erde zu anderen Galaxien.

„Das ist tatsächlich sehr beeindruckend“, erwiderte Monique, „aber auch wenn diese neue zusätzliche Miniatomisierung die Dauer der Rückkehr um vieles verkürzt, dürfen wir nicht vergessen, dass allein unsere Reise von der Erde zur fast 50 Lichtjahre entfernten Gliese sehr lang gedauert hat, nicht zu reden von den Jahren, die wir bis heute auf der Gliese verbracht haben. Die Menschheit hat höchst wahrscheinlich schon längst unsere Existenz vergessen.“

„Dann werden wir sie durch unsere Wiederkehr zur Erde eben daran erinnern. Und sollte das nicht der Fall sein, haben wir vermutlich weiterhin die Möglichkeit, zur Gliese zurückzukehren.“

Es folgte ein längeres Schweigen, was andeutete, dass das Komitee Zeit brauchte, meine sensationelle Nachricht zu verdauen.

Dann meldete sich Monique noch einmal mit den Worten: „Natürlich bezieht sich das wieder nur auf unsere Festplatten. Wir müssten uns also wieder entkörpern – mir fällt kein besseres Wort dafür ein. Denn wir wollen ja den Gewinn an Energie durch die zusätzliche neue Miniatomisierung für die Reduzierung der Dauer des Fluges benutzen und nicht für die Vergrößerung des zu transportierenden Gewichtes, das durch Mitnahme der Körper entstehen würde.“

„Ja, so ist es,“ bestätigte ich, „aber ich sehe darin kein Problem, schließlich haben wir bereits Erfahrung mit dieser Prozedur der Entkörperung.“

Letztendlich stimmte das Komitee meinem Vorschlag zu und ich wurde beauftragt, das Projekt durchzuführen.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)