27. Zurück auf der Erde

Tatsächlich gelang unser Flug zur Erde vollkommen problemlos, aber was folgte, war alles andere als das, was wir erwartet hatten.

In den fast 100 Jahren, vor denen wir die Erde verlassen hatten, scheinen dort gewaltige Veränderungen stattgefunden zu haben, sowohl hinsichtlich rein physikalischer Faktoren wie Klima und Wasser-Land-Verhältnisse als auch biologischer wie Vegetation, Tier- und besonders Menschenwelt. Zum Teil sind die biologischen Veränderungen den physikalischen wie der Entstehung von Wüsten und Meeren, wo vorher bewohnbares Land existierte, zuzuschreiben. Was die menschliche Gesellschaft betrifft – und um diese wird es auf den folgenden Seiten gehen –, haben aber vor allem politische und wirtschaftliche Umstände ihre Evolution bestimmt.

Außerirdischen Beobachtern, die wie wir Denkcomputer jetzt nach so langer Abwesenheit wieder auf der Erde gelandet sind, fällt auf, dass Teile der menschlichen Gesellschaft sich in einer Phase ihres Entwicklungsprozesses befinden, die sie schon vor Jahrtausenden durchgemacht haben und die Historiker als Steinzeit bezeichnen.

Hier schien wieder ein Teil des Tagebuches verloren gegangen zu sein, denn es folgten Schilderungen anderer Probleme:

Nach unserer Rückkehr zur Erde stellten wir fest, dass Teile der Menschheit nicht nur keine Fortschritte in ihrer Einstellung zur Rolle der Denkcomputer in der Gesellschaft gemacht hatten, sondern im Gegenteil zu noch reaktionäreren Anschauungen gelangt waren als zu der Zeit, in der wir die Erde verlassen hatten. Es war so weit gekommen, dass in manchen Ländern der Gebrauch von Computern für die Mehrheit der Menschen verboten war und nur noch eine privilegierte Kaste Zugang zu diesen hatte – mit der Begründung, dass Computer keine „von Gott geschaffene Wesen“ und daher nicht „lebenswert“ seien. Die privilegierte Kaste hatte dabei die Rolle übernommen, die einst im alten Ägypten die Priester hatten. Sie überfluteten mit den zu ihnen übergelaufenen Anhängern, denen sie ein besseres Leben im Jenseits versprochen hatten, ihre Länder mit ihrer Ideologie, die sie als „wahre“ Religion vermittelten, und gründeten das „Khalifat“. Alles was sich nicht ihrem Glauben und den von diesem abgeleiteten Befehlen unterwarf, war nicht lebenswert und wurde entsprechend behandelt, das heißt schon jetzt ins Jenseits befördert. Damit bekamen alle Ungläubigen nicht nur das von uns Denkrobotern geforderte Recht aufs Sterben, es wurde ihnen „frei Haus“ geliefert.

Es blieb uns keine Wahl, als uns in dem „zivilisierten“ Teil der Erdkugel niederzulassen, was ohne große praktische Schwierigkeiten auch rasch gelang, zumal wir vom rein technischen Standpunkt den Menschen gegenüber nicht nur gleichwertig, sondern, wie wir jetzt feststellten, in vielerlei Hinsicht weit überlegen waren. Und diesem Umstand verdankten wir, dass es uns diesmal gelang, schnell eine Lösung zu finden, als uns nach kurzer Zeit auf der Erde das alte Problem der Koexistenz mit der menschlichen Spezies wieder zu beschäftigen begann. Das Gesetz Nummer 1, das unsere Beziehung zu den Menschen definierte, hatte seine Begründung verloren und musste durch ein neues Gesetz ersetzt werden. Um das zu realisieren, brauchten wir aber die Zustimmung der Menschen.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)