28. Digitalisierung

„Mit diesen Worten endet das Tagebuch und damit das einzige bis heute entdeckte Zeugnis der Cyberwelt“, resümierte Hübner, der Leiter der Marburger Archäologen, seinen Endbericht, den er seinen Kollegen der Universität Marburg vorstellte. „Da wir keine weiteren Spuren der Cyberwelt auf unserem Planeten gefunden haben, ist anzunehmen, dass es den Denkcomputern nicht gelungen ist, nach ihrer Rückkehr auf die Erde die Zustimmung der Menschen für die Änderung des ersten Gesetzes, das die Koexistenz zwischen Menschen und Denkcomputern definiert, zu bekommen. Ob es den Denkrobotern gelungen ist, zur Gliese zurückkehren, oder ob sie auf der Erde auf dem Altar des islamistischen Terrorismus geopfert wurden, ist unbekannt, aber das Verschwinden der Cyberwelt ist ein Phänomen, das auch am Beispiel anderer Hochkulturen in der Geschichte der Menschheit beobachtet wurde. Allerdings scheint mir als Archäologem im Falle der Cyberwelt der Grund ihres Verschwindens ein Menetekel zu sein für die heutige Menschenwelt, in der sich anscheinend wieder ähnliche Tendenzen zu entwickeln beginnen.“

„Worauf, konkret, beziehen Sie sich?“ fragte der Politikwissenschaftler Tannenbaum.

„Es gibt viele Beispiele dieser Art, denken Sie vor allem an die Vernachlässigung der Digitalisierung in unseren Schulen. Aber wen sollte das wundern, wenn man bedenkt, dass die deutsche Regierung noch nicht entdeckt hat, dass Digitalisierung ein Bildungsproblem ist. Wie sonst kann man sich erklären, dass ein Ministerium für Bildung und Forschung, das unter anderem für Digitalisierung zuständig ist, von einer Person geleitet wird, die von Beruf und Bildung Hotel-Kauffrau ist und die darum mit gutem Recht behaupten kann, dass unsere Gesellschaft ‚keine Erfahrung‘ mit einem Problem dieser Art hat.“

„Und das in einer Regierung, die eine promovierte Physikerin als Kanzlerin hat“, hakte der Physiker Morgenstern nach. „Übrigens ist es mir nicht gelungen, aus den bis jetzt veröffentlichten Informationen des Bildungsministeriums zu diesem Thema zu erfahren, worin der große Fortschritt der Digitalisierung besteht.“

„Ich werde versuchen, Ihnen das zu erklären. Anders als Menschen, die ab und zu Fehler in ihrem Denken machen, weil dieses ein psychischer Prozess ist, machen digitalisierte Objekte wie Denkcomputer nie Fehler, denn sie arbeiten gemäß den Gesetzen der Mathematik, die im Gegensatz zur Psychologie eine exakte Wissenschaft ist.“

Tannenbaum schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein, woraufhin Hübner die Diskussion wieder zu ihrem Ausgangspunkt brachte mit der Bemerkung: „Umso bedeutender ist die Entdeckung dieses Tagebuchs, denn es beweist, dass wenigstens in der Vergangenheit eine Welt existierte, die das Digitalisierungsproblem erfolgreich gelöst hatte, nämlich die Cyberwelt, die Haruto beschreibt.“

„Wie darf man das verstehen?“ fragte Morgenstern.

„Die Cyberwelt bestand aus zwei denkenden Spezies, der menschlichen und der Spezies der Denkcomputer. Die menschliche Spezies machte in ihren Denkprozessen ab und zu Fehler – im Unterschied zu den Denkcomputern, die dank ihrer Digitalisierung fehlerfrei dachten.“

„Und worin bestand diese Lösung des Digitalisierungsproblems, wenn Sie mir als Außenstehendem diese naive Frage erlauben?“ wollte diesmal Tannenbaum wissen.

„So naiv ist Ihre Frage nicht, denn nicht nur die Digitalisierung ist eine große Errungenschaft, sondern die Art, wie dieser Prozess von unseren Vorgängern realisiert wurde, ist an und für sich revolutionär: In Harutos Welt wurde die Digitalisierung den Computern selbst überlassen, die Computer haben sich selbst programmiert. Das erklärt auch den Namen „Denkcomputer“, den man ihnen gab: Computer, die nicht nur Rechnungen ausführen gemäß einem ihnen von Menschen vorgeschriebenen Programm, sondern die selbst das Programm schreiben, also selbst denken, denn was sonst ist Programmieren, wenn nicht das Resultat eines Denkprozesses?“

Das minutenlange Schweigen aller Anwesenden bewies, dass nicht nur Tannenbaum von dieser Bemerkung Hübners überrascht und beeindruckt war. Schließlich rang sich der „Außenstehende“, wie er sich selbst nannte, zur Frage durch: „Soll das bedeuten, dass wir diese Lösung eventuell auch für unsere Gesellschaft anwenden können?“

„Das ist noch nicht klar, weil wir nicht die Einzelheiten dieser Lösung kennen; das Tagebuch enthält sie nicht. Und wir wissen, dass die Selbstprogrammierung, wenn überhaupt, mit großer Vorsicht anzuwenden ist, denn diese Art von Lösung hat zwar die Cyberwelt möglich gemacht, aber sie war vielleicht so ‚erfolgreich‘, dass sie auch zu von Menschen ungewünschten Effekten führte, nämlich zur Entstehung einer neuen, mit den Menschen konkurrierenden Spezies. Das hat möglicherweise die Menschen bewogen, die Denkcomputer zu eliminieren beziehungsweise ins All zu vertreiben, und damit die Existenz der Cyberwelt von Haruto beendet.“

„Das ist ein starkes Ding“, erwiderte Tannenbaum. „Wollen Sie damit sagen, dass die Cyberwelt ihr Ende selbst verursacht hat, dass sie Selbstmord beging, um es in heutigen juridischen Worten auszudrücken?“

„Auf ersten Blick scheint das wirklich so. Aber das müssen wir noch gründlich untersuchen und dabei außer diesem Tagebuch auch andere archäologische Zeugnisse sehr aufmerksam studieren. Darum meinte ich, dass die Vernachlässigung der Bildung ein Menetekel unserer heutigen Gesellschaft darstellt.“

Die Diskussion der Marburger Wissenschaftler machte im Handumdrehen Schlagzeilen in den Medien. Auch die deutsche Bundesregierung konnte und wollte diese dramatische Charakterisierung ihrer Politik in Sachen Digitalisierung nicht auf sich sitzen lassen. Aus Mangel an überzeugenden Gegenargumenten versuchte sie, ihr genehme Medien durch ein Nebenthema abzulenken, und da bot sich die in der Öffentlichkeit stattfindende Diskussion zum Recht eines Menschen, über das Ende seines Lebens selbst zu entscheiden zu dürfen, besonders gut an. Denn um seinen Worten mehr Gewicht einzuräumen, hatte, wie vorher erwähnt, der Archäologe Hübner vom „Selbstmord“ der Denkcomputer gesprochen, was die Gegner des Rechts, über das eigene Sterben selbst entscheiden zu dürfen, auf den Plan rief. Diese entdeckten dabei das auf den ersten Blick überraschende Verlangen der Denkcomputer, ihre Lebenszeit zu begrenzen, um den Menschen effizienter dienen zu können. Ohne sich über die Begründung dieses ungewöhnlichen, aber im besten Sinne menschenfreundlichen Anliegens kundig zu machen, versuchten die Gegner des Selbstbestimmungsrechts, es in der Polemik gegen die Sterbehilfe zu benutzen, und zwar als Beispiel, zu welchem Unsinn jeder Zweifel an der Unantastbarkeit der Lebenszeit führen kann.

Das war aber nur ein Nebeneffekt des Berichts. Denn sein eigentlich sensationelle Schluss folgte erst nach einer Bemerkung von Tannenbaum im Rahmen eines internationalem Kolloquiums, das der europäischen Politik gewidmet war. Diese Bemerkung hatte besonderes Gewicht, weil sie von einem berühmten Politikwissenschaftler kam:

„Ich stimme der Einschätzung des Hübner-Berichtes, dass wir vor einem Menetekel der Politik stehen, ohne Wenn und Aber zu. Die Vernachlässigung der Bildung ist nichts anderes als der Rückfall in die Steinzeit, den die Denkcomputer beschreiben. Ein ähnliches Phänomen beobachten wir heute in so manchen Regionen unserer Erde, und wenn man genauer sein will, ist auch unser ‚fortgeschrittenes‘ Europa nicht total gefeit gegen verwandten Tendenzen, die Wahrheitssuche durch Glaubensbekenntnisse zu ersetzen.“

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)