29. Glauben und Aberglauben in der modernen Gesellschaft

Was der Politikwissenschaftler damit meinte, erläuterte er so:

„Die Ausuferung des terroristischen Islams ist eine Folge der von manchen muslimischen Diktaturen unterstützten proselytischen Kampagnen, die Erdbewohner zum ‚richtigen‘ Glauben zu konvertieren, und diese Bewegung hat leider auch bei uns Erfolge erzielt. Neben den sozialen und wirtschaftlichen Ursachen, die zu der Bereitschaft besonders junger Leute, sich dem neuen Credo zu unterwerfen, geführt haben, spielt eine wichtige Rolle der Mangel an Bildung. Dieser ist die Hauptquelle des Aberglaubens, der wiederum dem „richtigen“ Glauben vorangeht. Die Frage, ob es eine Verbindung gibt zwischen dem, was wir heute als Glauben betrachten, und dem, was man in der Vergangenheit als Aberglaube bezeichnete, muss ich mit einem entschiedenen Ja beantworten. Um es plastisch auszudrücken: Der Glaube von heute ist ein Resultat der Heiligsprechung des Aberglaubens von gestern. Unsere Vorväter glaubten an übernatürliche Kräfte, die ihre Existenz bestimmten. Dieser Aberglaube verwandelte sich in Glauben, als diese Kräfte zu Göttern sanktifiziert wurden. Heute sind wir Zeugen einer weiteren Transformation dieser Art: Der eine Gott im Glauben der wichtigsten monotheistischen Religionen, der Jehovah der Juden, der Gott der Christen mit seinem Sohn Jesus oder Allah der Muslime, ist im Begriff, dem naturwissenschaftlichen Begriff des Universums zu weichen, und in Zukunft werden diese drei Religionen nicht mehr sein als das, was sie eigentlich sind: Aberglauben.“

Zu so deutlichen Aussagen wie jetzt denen von Tannenbaum war es noch nie gekommen. Umso heftiger war die Reaktion der Medien. Tannenbaum konnte sich der vielen Nachfragen kaum erwehren. Eine oft gestellte Frage war folgende: „Sind Sie der Meinung, dass das religiöse Glaubensproblem in der deutschen Politik eine wichtigere Rolle spielt als in anderen europäischen Ländern, außer vielleicht in Polen? Und wenn ja, warum?“

Die Antwort Tannenbaums lautete: „Dass es so ist, könnte die Tatsache belegen, dass im deutschen Bundestag die größte politische Partei den Namen „Christlich Demokratische Union“ trägt. Dass eine Partei ihren Namen mit einer Religion assoziiert, stellt im gewissen Sinn ein Glaubensbekenntnis dar. Warum das gerade in Deutschland der Fall ist, verdankt sich vielleicht der Absicht, einen Neubeginn nach der Nazizeit zu suggerieren. Das ist aber inzwischen kein aktuelles Phänomen mehr; denn wie in den meisten Ländern Europas wächst auch in Deutschland die Zahl der Nichtgläubigen beziehungsweise der Bürger, die keiner Kirche angehören, ständig. So gehörten zum Beispiel bereits im Jahre 2015 nur 28% der Gesamtbevölkerung Deutschlands jeweils einer der beiden Großkirchen an, während 36% der Gesamtbevölkerung konfessionslos waren.“

Diese Bemerkung von Tannenbaum trug kaum zur Beruhigung der Medien bei, denn das Thema betraf noch immer einen großen Teil der Bevölkerung. Unter dem Slogan „Glaube gleich Aberglaube“ gingen die Kirchengegner so weit, dass sie alle Postulate der jeweiligen Kirchen in Frage stellten, und diese reagierten ihrerseits, indem sie manche Errungenschaften der Wissenschaften beziehungsweise ihre Anwendungen verurteilten. Zu diesen gehörte auch das Internet, das der frühere Papst als Quelle der Missbrauchskrise der katholischen Kirche identifizierte und benutzte, um sich gegen die Aufhebung des Zölibats der Kirchenträger auszusprechen.

Das war aber erst der Anfang des Kampfes mancher politischer Parteien gegen die Naturwissenschaften. Als die der Kirche nahen Parteien dafür kritisiert wurden, dass ihre Politik die Digitalisierung der Wirtschaft vernachlässigt hatte, versuchten sie diese Vernachlässigung ins Umgekehrte zu verwandeln, als Dienst im Interesse der Moral, mit der Begründung: Wenn schon das bloße Internet zu solchen negativen Folgen führt, ist von dem viel weiter führenden Prozess der Digitalisierung noch Schlimmeres zu erwarten.  

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)