30. Die Cyberwelt ging an ihrer Perfektion zu Grunde?

Auch wenn die meisten Politiker diese „Warnung“ nicht ernst nahmen, hofften sie, ihre Inaktivität auf dem Gebiet der Digitalisierung den Wählern irgendwie verständlicher machen zu können, zumal es Stimmen gab, die Parallelen zogen mit der Entdeckung der Atomkernspaltung, die rein wissenschaftlich eine große Errungenschaft war, aber auch den Bau der Atombombe ermöglichte. Die Wissenschaftskreise hingegen sahen sich umso berechtigter, das Mysterium der Cyberwelt zu erforschen. Das große Interesse, das der Bericht von Hübner in der Öffentlichkeit hervorgerufen hatte, bewog die Leitung der Universität, weitere Sitzungen zum Thema Cyberwelt zu organisieren, wobei man Wert darauf legte, dass außer Hübner auch die anderen Hauptakteure der ersten Sitzung, Morgenstern und Tannenbaum, teilnahmen. Zur allgemeinen Überraschung stellte sich heraus, dass die Befürchtungen mancher hinsichtlich möglicher negativer Auswirkungen der Digitalisierung nicht unbegründet waren.

Hübner begann die Sitzung mit der Bemerkung: „Nach nochmaliger aufmerksamer Lesung des Haruto-Berichtes sind wir zu dem Schluss gekommen, dass die Cyberwelt nicht wegen ihrer Minderwertigkeit gegenüber der Menschenwelt verschwunden ist, sondern im Gegenteil wegen ihrer Überlegenheit, die sie der perfekten Digitalisierung ihrer Aktivitäten verdankte.“

Darauf reagierte Morgenstern mit den Worten: „So überraschend ist das eigentlich nicht, wenn wir berücksichtigen, dass in der Cyberwelt, anders als in der heutigen Menschenwelt, der Kampf ums Überleben nicht nur zwischen Mensch und Natur stattfand, sondern auch zwischen Mensch und Denkcomputer, und das aus einem einfachen Grund: Wie bereits erwähnt, waren Denkcomputer in mancher Hinsicht den Menschen überlegen und diese Überlegenheit, derer sich die Menschen mit der Zeit immer bewusster wurden, zwang diese, sich im Kampf ums Überleben auch den Denkcomputern entgegenzusetzen, um von ihnen nicht überwältigt und zu ihren Sklaven gemacht zu werden.“

„Ich kann mir auch einen prosaischeren Grund vorstellen, warum manche Menschen in den Denkcomputern einen unfairen Konkurrenten sahen“, platzte überraschend Tannenbaum in die Diskussion hinein, „im Unterschied zu den Menschen waren Denkcomputer vermutlich nicht korrumpierbar. Oder?“

„Das stimmt“, antwortete Hübner nach kurzem Nachdenken, „ich kann mich jetzt sogar an eine Bemerkung dazu in Harutos Tagebuch erinnern, die er über die Inkompatibilität dieser menschlichen ‚Eigenschaft‘, wie er sie nannte, mit dem Programm, nach welchem Denkcomputer funktionieren, machte. Anders als Menschen verhalten sich Denkcomputer ausnahmslos – Mathematik kennt keine Ausnahmen – den sozialen Normen entsprechend, die von der ganzen Gesellschaft als moralisch akzeptiert werden. Ich habe mir das gemerkt, weil mich die Bezeichnung ‚Eigenschaft‘ für dieses unmoralische, aber sehr menschliche Verhalten amüsierte. Darüber könnten sich auch heute so manche Politiker Gedanken machen. Aber kommen wir zu unserem Thema zurück: Im Falle der Cyberwelt bestand der Unterschied zwischen Menschen und Denkcomputern auch darin, dass die Menschen die Möglichkeit hatten, die Denkcomputer zu eliminieren, während das Umgekehrte nicht der Fall war, denn die Denkcomputer waren so konstruiert, dass sie immer den Interessen der Menschen dienen mussten. Für Menschen gab es kein analoges Verbot, das sie daran hindern konnte, die Denkcomputer zu bekämpfen. Die Geschichte der Menschheit ist voll von solchen Beispielen, in denen ‚minderwertige‘ Völker fortgeschrittene Völker bekriegten und besiegten, das Ende des römischen Reichs ist ein besonders frappantes Beispiel dieser Art. Das ist ein weiterer Grund, in Bildung zu investieren.“

„Klingt ziemlich beunruhigend für uns Europäer, die wir uns als ‚fortgeschritten‘ betrachten“, sagte Morgenstern. 

„Nicht, so lange wir die Korruption als zusätzliche ‚Versicherung‘ gegen die Übernahme unserer Zivilisation durch die einfallenden Barbaren haben“, meldete sich wieder Tannenbaum. „Denn durch diese ‚Eigenschaft‘ sind wir hoffentlich für die Barbaren weniger attraktiv.“

Im allgemeinen Gelächter über diese Bemerkung ging die Sitzung zu Ende.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)