31. Korruption

Womit aber Hübner und seine Kollegen nicht gerechnet hatten: Was die Teilnehmer der letzten Sitzung als Witz verstanden, machte, mehr als das eigentliche Ergebnis der Sitzung über den Untergang der Cyberwelt wegen ihrer Perfektion, Schlagzeilen in den Medien. Und was noch überraschender war: Der Grund dieses Aufsehens kam aus einer Gegend Europas, die sich bis dahin weder als bevorzugtes Ziel der gläubigen Invasoren noch durch die Perfektion der dortigen Gesellschaft hervorgetan hatte. Im Gegenteil: Eines der Länder, die für dieses Aufsehen sorgten, nämlich Rumänien, war, obwohl Mitglied der Europäischen Union, als Hort der Korruption bekannt. Der Präsident des Parlamentes hatte es geschafft, jahrelang dieses Amt auszuüben, obwohl er wegen Korruption zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt war.

Der Grund des besonderen Cyberwelt-Interesses in Rumänien war ein zweifacher. Als der Bericht von Hübner über die Cyberwelt bekannt wurde, kam ein Oppositionspolitiker auf die Idee zu versuchen, die Wirtschaft, die besonders an der Bekämpfung der Korruption interessiert war, für ein Projekt zu mobilisieren, das nicht nur ökonomisch sinnvoll war, sondern auch versprach, die allgemeine politische Verdrossenheit und Apathie der Bevölkerung zu bekämpfen.

Die Idee war, einfach eine lokale Renaissance der Cyberwelt ins Leben zu rufen, um der menschlichen Gesellschaft vor Augen zu führen, was nicht korrumpierbare Denkroboter besser bewerkstelligen können als Menschen. Um den Vergleich zwischen korrumpierbar und nicht korrumpierbar zu ermöglichen, sollte sich dieses Projekt auf einige wenige Zentren konzentrieren und durch den vergrößerten Absatz von Computern selbst finanzieren. Dabei sollte das Tagebuch des Haruto als Wegweiser für die neue Cyberwelt dienen.

In der Geschichte des römischen Reiches hatte es einen analogen politischen Lehrakt gegeben, als der Politiker Cicero seinen Mitbürgern die bedeutenden philosophischen Gedanken der Griechen vermittelte. Aus diesem Grund wurde auch ein rumänischer Oppositionspolitiker auf den Namen Cicero getauft.

Aber noch bevor diese neue Cyberwelt-Idee ins Leben gerufen werden konnte, meldete sich ein anderer Politiker der Regierungspartei, der ebenfalls wegen Korruption zu einer Haftstrafe verurteilt worden war, mit einer einfacheren und schneller realisierbaren Idee zu Wort, wie Rumänien seinen Ruf als Hort der Korruption in der Europäischen Union loswerden könnte. Seine Idee hatte zudem den Vorteil, dass sie vor der Übernahme der Europäischen Union durch den islamistischen Terror abschrecken würde. Die Idee war, einen Rumänen zum EU Kommissionspräsidenten zu ernennen. Dieser wichtigste Posten, den die EU zu vergeben hatte, war gerade neu zu besetzen. In Anlehnung an die mit dem Römischen Reich verbundene Geschichte Rumäniens und als Gegenpol zu seinem römischen Erzfeind Cicero bekam der Verfechter dieser neuen Idee den Spitznamen Catilina. Mit einem Rumänen als Kommisionspräsident der EU war nach Meinung dieses modernen Catilina zu erwarten, dass Rumänien in die Liste der „korrekten“ Staaten aufgenommen würde.

Vorerst landeten diese Ideen zur Bekämpfung der Korruption in den Satireblättern, zumal professionelle Komiker in manchen Ländern von einem Tag auf den anderen ihr Metier wechselten und versuchten, die unfähigen oder korrupten Politiker zu ersetzen. Beispiele dieser Art kennt man aus Italien, Island oder besonders aus der Ukraine, wo ein bisher sehr erfolgreicher Komiker zum Präsidenten des Landes gewählt wurde.

Als aber ein besonders aufsehenerregender Vorfall in Österreich alles bisher Bekannte in Sachen Korruption in den Schatten stellte, änderte sich die öffentliche Meinung. Der Vizekanzler dieses Landes beteiligte sich persönlich an der Planung eines allerdings fingierten Komplotts, die größte Zeitung Österreichs mit russischem Geld zu kaufen, um sie für die Ziele seiner Partei beziehungsweise seine persönlichen zu benutzen. Das besonders Pikante an diesem Geschehen war unter anderem die Tatsache, dass Österreich bisher zu der Gruppe der nicht oder wenig korrumpierbaren europäischen Staaten gehörte und mit seiner langen ehrwürdigen Geschichte sogar als Ausgangspunkt der korrekten Staatsführung in Zentral- und Osteuropa galt. Es war Zentrum jener  Gruppe von Ländern, die wie Polen, die Ukraine oder auch Rumänien.zum Habsburgerreich gehörten.

Die mit den angesprochenen Ereignissen verbundenen politischen Entwicklungen fanden zufällig etwa zur selben Zeit statt, in der Hübners Bericht bekannt gemacht wurde und die öffentliche Meinung zum Teil erstmals zur Kenntnis nahm, dass die vergangene Cyberwelt gegenüber der Menschenwelt unter anderem den Vorteil hatte, dass sie nicht korrumpierbar war. Wenn bisher die Cyberwelt bloß ein Interessengebiet der Computerwissenschaften und der Archäologie war, bekam sie plötzlich eine neue zusätzliche Rolle zugewiesen, und zwar in der Politik. Aus diesem Grund stieg das Interesse an ihrer Erforschung explosionsartig und verband sich mit der Hoffnung, dass Denkcomputer mit der Zeit auch hohe politische Ämter einnehmen können, die bisher nur von Menschen besetzt waren, und sich damit der Korruption ein effizienter Riegel vorschieben lässt.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)