32. Großbritannien

Denkcomputer versprachen der Politik aber noch viel mehr. Großbritannien war eines der ersten europäischen Länder, in dem sich seine Bürger wie auch seine Partner in der Europäischen Union gewünscht hätten, dass es von einem Denkcomputer statt von einem Menschen regiert wird.. Es stellte sich nämlich heraus, dass das Vereinigte Königreich, wie Großbritannien noch heißt, sich für den Austritt aus der Europäischen Union entschlossen hatte, ohne eine elementare politische Konsequenz dieses Exits zu bedenken: die dramatischen Folgen für die vor Jahren mit großen Opfern erreichte friedliche Koexistenz der zwei Bevölkerungsgruppen in der Britischen Provinz Nordirland. Diese Bevölkerungsgruppen unterscheiden sich aus sozialen, politischen, wirtschaftlichen und religiösen Gründen, wobei die in dem westlichen Teil der Provinz lebenden katholischen Iren sich mit der Republik Irland, die fast rein katholisch ist, verbunden fühlen, während die protestantischen Iren, die den östlichen Teil der Provinz bevölkern, sich mit dem Königreich identifizieren. Diese Unterschiede haben zu einem Jahrzehnte dauernden paramilitärischen Konflikt zwischen den zwei Teilen Nordirlands geführt, der nach zahlreichen menschlichen Opfern zu einer Art von Waffenstillstand führte, der noch heute anhält. Eine Bedingung, die diesen Waffenstillstand ermöglicht, ist der freie Verkehr zwischen der Provinz Nordirland und der Republik Irland, der automatisch durch die Zugehörigkeit der Provinz zum Vereinigten Königreich und damit zu Europäischen Union erfüllt ist, so lange das Königreich Mitglied der EU ist. Der Brexit lässt befürchten, dass der uralte irische Konflikt wieder aufbricht, und das möchten sowohl Großbritannien wie auch die EU unbedingt vermeiden. Die britische Regierung erklärte aber den Brexit, anscheinend ohne sich dieser Konsequenz für die Beziehung zwischen Nordirland und der Republik Irland bewusst zu sein. Einem Denkcomputer mit gesundem Verstand wäre solch ein elementarer Fehler nicht passiert.  

Die Geschichtsschreibung wird berechtigt sein, die Frage zu stellen, warum überhaupt sich Großbritannien nach über vierzig Jahren Mitgliedschaft in der Europäischen Union für den Brexit entschieden hat. Der Grund dafür liegt zum Teil in der tausendjährigen Geschichte dieses Landes, das sich als unabhängiger Staat und größte Kolonialmacht äußeren Zwängen, die mit einer Mitgliedschaft in einer internationalen Union verbunden sind, schwer beugen kann und außerdem großen Wert darauf legt, seine Eigenart zu behalten. Ein weiterer Grund ist aber auch außerhalb Großbritanniens zu finden: in Berlin. Denn der Beschluss der deutschen Bundeskanzlerin, die Grenzen der Bundesrepublik für Hunderttausende Flüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten, die an der Grenze Ungarns stecken geblieben waren, zu öffnen, stand im Widerspruch zu der Vereinbarung der EU, dass Staaten wie Deutschland, die keine Grenzen zu Staaten haben, die nicht zur  EU gehören, kein Recht haben, Ausländern Asyl zu gewähren. Die deutsche Regierung brachte im Nachhinein Argumente ins Spiel, die einen solchen Widerspruch in Frage stellten, aber obwohl fast alle anderen Regierungen der EU diese Meinung Deutschlands nicht teilten und die Grenzen der EU wenigstens im Prinzip geschlossen blieben, war dieser Beschluss für das Vereinigte Königreich der springende Punkt, der das Fass zum Überlaufen brachte, denn viele Briten fürchteten, dass ihrem Land dadurch der Rest des ihm verbliebenen „English way of life“ abhanden kommen würde.

Nicht nur der Verstand von Denkcomputern, sondern auch ihre Fähigkeit zur Empathie mit dem Elend der Flüchtlinge und zu rationalen Strategien, es zu beseitigen, hätten den Brexit verhindern können.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)