24.1.2018 – Die Kamele kommen!

24.1.2018

Stockfinster ist es noch, als ich aufwache. Unten. Oben leuchten noch Sterne.
Ich kann vor Aufregung nicht mehr einschlafen: Heute kommen die Kamele! Ich werde sie heraufholen und von ihnen erzählen.

Niamey 2.3.2000

Ich warte auf die Menschen
Le vol est annullé. Demain

3.3.2000

Noch einmal: morgen. Um zwei Uhr morgens sind sie da.

Agadez  4.3.2000

Niamey – Agadez 1100 km. 4.15 – 20.00 Uhr.
Mit sechs Menschen in einem unerträglich heißen Auto. Nicht auszuhalten.
Wenn der Weg das Ziel ist, dann wäre dies eine Qual. Als wir ankommen, bin ich krank. Suche meine Matratze auf dem Dach des Hotels.

5.3.2000

AGADEZ  - die Sultansstadt. Eine Insel mitten in der Sahara.
Laute Musik vom Nachtmarkt hat mich eingehüllt. Ich kann nur dösen und da sein. Gegen drei Uhr wird es stiller. Am Morgen leuchten die Lehmhäuser genauso rot wir am Abend.
Für uns geht es weiter. Es kommt mir ganz selbstverständlich vor, daß dies ein Anfang war und ich wiederkommen werde. Als gehörte die Stadt jetzt in mein Leben.

6.3.2000

Abmeldung an der Stadtgrenze: Der große dünne Abdullai, der Chef unserer kleinen Expedition mit den Fahrern Alonfaso und Madugu und Moussa, dem Koch, bespricht mit einem Gendarm unseren Weg. Der notiert die Nummern der drei Geländewagen mit einem Kugelschreiber in seine Hand.
Wir sind ins Leere entlassen. Nur selten ein fast schattenloses Wegzeichen. An versteinerten Baumstämmen halten wir, als ein LKW aus Bilma aus dem Sandschleier auftaucht. Er scheint jeden Augenblick umzukippen. Auf den hochgestapelten Waren winken die Menschen. Eine Kamelkarawane zieht ruhig am Horizont entlang. Eine Ziegenherde läuft auf uns zu, dann kommen Frauen mit Kindern, sie wollen Käse und Schmuck verkaufen. Wir bestaunen Felsgravuren von Elefanten und Giraffen. Der Sandsturm bläst bis zum Abend, die Körner stechen, ohne den Schech um das ganze Gesicht geht es nicht.

7.3.2000

L’arbre de Tenere. Eine Skulptur aus Rohren erinnert an den Baum, den ein libyscher LKW umgefahren hat und der jetzt im Museum von Niamey steht. 12 Uhr mittags am Brunnen, den Spanier, Japaner und Deutsche gebaut haben. Moussas Uhr piept, als er gerade mit Alonfaso Wasser im Gummischlauch aus dem Brunnen heraufzieht. Piep! Moussas Uhr läßt jede volle Stunde hören.
Siesta unter der Stoßstange. Sonst ist hier nichts. Ab und zu ein Zeichen durchs Nichts.
Wann treffen wir die Kamele? Madugu: Das kommt darauf an, wie oft wir im Sand steckenbleiben oder eine Panne haben. Wenn alles gut geht – morgen.

8.3.2000

Was antwortet in mir auf diese Landschaft.
Mittag unter der Akazie vor den Felszeichnungen. Kühle im Schatten. Aber Abdulai legt heute ein flotteres Tempo vor, gönnt uns keine beschauliche Pause bei Felszeichnungen: der Sonnenuntergang wartet nicht an der großen Düne!
Dort begrüßen uns die Chameliers: Moussa, der Alte, dem die Kamele gehören, und seine Treiber Ihamma, Manked und Elrabin. Umgeben von Kamelsätteln haben sie ein Feuer gemacht.

9.3.2000

Am nächsten Morgen gehen die Treiber zwischen den Gepäckstücken herum, verschnüren sie zu großen Paketen und verbinden sie paarweise mit Seilen. Eine Stunde dauert das Verpacken und Verschnüren des Gepäcks, der Blechkisten mit Geschirr und Lebensmitteln und der ganzen Kücheneinrichtung. Auch Wasser, Holz und Herd mit Schaufel und Axt für das Feuer am Abend.

Dann der Ruf: Die Kamele kommen! Wir rennen die Düne hinauf. Nichts ist zu hören, da: Auf einmal schwanken sie über den Sand. Welch ein Augenblick! So einmalig er ist, wird er sich nun jeden Tag zweimal wiederholen.

Wo Grün ist, laufen wir, weil die Tiere hier zum Reiten zu unruhig sind. Dann steigen wir auf. Dazu hält ein Treiber den Kopf des Kamels, ein zweiter kniet sich neben den Bauch und packt meinen Arm. Ein Klopfen auf den Oberschenkel fordert mich auf, darauf zu steigen, damit ich mit dem anderen Bein über den Sattel komme. Dieses Knie bekommen nur die Frauen zum Aufsteigen gereicht.

Am Mittag unter einem Baum neben den Büschen. Alles wird abgeladen, den Kamelen werden die Vorderbeine zusammengebunden, damit sie nicht zu weit gehen.
Das Feuer für Reis und Tee brennt schnell, nach dem Essen ist Ruhe bis zur zweiten Etappe des Tages.
Am Abend singen Mussa, Manked und Elrabin mit uns am Feuer.

10.3.2000

Wenn die Sterne weniger werden und der Himmel sich im Osten rötet, fängt ein Murmeln um das erste Feuer an, die Treiber kochen Tee. Dann wenige Stampfgeräusche für Hirse und Käse morgens, mittags, abends. Das Murmeln der tiefen Stimmen reißt nie ab. Bei Moussa raucht auch schon das Feuer für unser Kaffeewasser. Ihamma bringt ihm dreimal Tee. Die Sonne geht auf.

Die Kamele kommen aus dem Tal zurück, in dem sie bis zum Morgen gefressen haben. Wir laufen über die Dünen, hinauf durch den Sand und hinunter. Das ist die Wüste an sich, ein wogendes Sandmeer. Auf leisen Sohlen schwankend durch das Land der Leere.
Bei den ersten Akazien steigen wir ab. Heute brauchen wir eine lange Pause, der Tag ist heiß und wir sind weit gegangen. Erst um drei Uhr geht Manked los, die Kamele zu holen. Nach einer halben Stunde kommt er zurück, führt die Tiere locker mit den geflochtenen Schnüren.
Wie lange geht man für den Schatten eines Baumes. Drei Dünentäler bringen nur Büsche, erst das vierte eine Akazie. Die Kamele beginnen den Schatten über uns zu fressen, den wir stundenlang gesucht haben.
Alle unsere Kamele sind männlich, die weiblichen sind bei den Jungen. Wenn sie zu wenig zu fressen gefunden haben, bekommen sie Tee ins Maul geschüttet, oder Ihamma spuckt seinem Rennkamel zur Beruhigung Tabak hinein.

Wenn ein Mehari zwei Jahre alt ist, wird entschieden, ob es ein Reitkamel oder ein Lastkamel wird. Das hängt von seiner Eignung fürs Dressieren ab. Ein Jahr lang wird es dressiert. So ein Kamel kann 30 Jahre alt werden. Sie heißen Egedi, Atla, Avaru. Jetzt gehe ich den dritten Tag mit Avaru und habe es gern. Ich kraule mit meinen Zehen seine buschige Mähne. Das läßt es sich gefallen. Nach drei Tagen hat Avaru mein ganzes Vertrauen. Sein Kopf ist so nah, die Stirn, die die ständigen Kaubewegungen zeigt, die fein behaarten Ohren, die sich beim leisesten Laut zu mir richten, und die langen, langen Wimpern.

Ich muß zugeben, daß ich Avaru besser am Sattel erkenne als an seinem Gesicht. Wenn ich mit der Zunge leise schnalze, dreht es die Ohren augenblicklich nach hinten, zu mir, so daß der weiße Flaum darin leuchtet. Wir gehen hinter dem Lastkamel mit den gluckernden Wasserkanistern. Als wir auf einen grünen Streifen zureiten, werden die Tiere unruhig. Avaru geht sofort in die Knie, ich rutsche zu Boden, Manked und Elrabin fangen mich mit festen Händen auf. Hier ist Mittag.

Avaru läßt sich heute anfassen, zuckt nicht mehr mit dem Kopf zurück. Ich kann ihm in die Augen schauen.
Wir reiten in den schwarzen Steinbergen durch eine leere Ebene auf einen grünen Streifen zu. Die Tiere werden unruhig. Als wir die ersten Akazien erreichen, steigen wir ab. Die Lasten werden ihnen abgenommen, und die Kameltreiber führen sie zum frischen Grün. Dort fressen sie nun mit zusammengebundenen Vorderbeinen. Die Sonne geht unter hinter den heller und heller werdenden Graustufen des Air.

11.3.2000

Es war bisher die kälteste Nacht: 4 Grad. In einer weiten Ebene zwischen zwei Gebirgszügen. Die Sterne werden weniger. Das erste Feuer brennt. Als der Himmel sich im Osten rötet, fängt das Murmeln an.

Die Treiber gehen zwischen den Gepäckstücken herum, verschnüren sie, stellen sie wieder paarweise zusammen. Die leeren Wassersäcke aus dem Fell einer Ziege, die inzwischen in einem Strauch getrocknet sind, werden zusammengerollt. Die Küche verschwindet wieder in Blechkästen. Manked ist losgegangen, die Kamele zu holen, nach einer halben Stunde kommt er zurück, führt die Tiere locker mit den geflochtenen Schnüren.
Avaru geht hinter dem Lastkamel, das unser Wasser trägt. Die Kanister sind in Reissäcken aufgebunden und gluckern.
Heute kommt unser Mittagsbaum früh. Es ist erst halbzwölf. Elrabin schlägt mit der Axt Holz von einem abgestorbenen Baum für das Feuer der Treiber. Die Kamele trippeln in alle Richtungen davon, durch das Wadi und über die Düne, im Schatten dürrer Zweige legen sie sich hin. Um 2 Uhr holen sie Manked und Elrabin zurück, sie sind weit gegangen, weil sie auf den Dünen nichts gefunden haben.

12.3.2000

In der Nacht hat der Wind den Zelten den Boden weggezogen.
6.15 der Osten ist rot hinter dem Feuer der Chameliers.
6.30 Moussa macht Feuer
7.20 Muhammad geht die Kamele holen
8.20 wir warten auf die Kamele: sie kommen!
Wir gehen zwei Stunden zu Fuß durch Sand zwischen Bergen mit dem alten Moussa.
Die weite steinige Hochebene ist von Kamelpfaden durchzogen. Ihnen folgen wir, suchen die Stellen, wo die Ufer der ausgetrockneten Wadis am wenigsten steil sind.

Als wir am Abend in die Nähe des Lagerplatzes kommen, werden die Tiere unruhig, wollen bei den ersten grünen Büscheln stehen bleiben. Manked reißt einen Büschel ab und steckt ihn Avaru und Atla ins Maul. So haben sie etwas zu kauen. Kurz vor dem Lagerplatz steigen wir ab. Manked gibt mir die Leine in die Hand und ich führe stolz mein Avaru nach Hause. Es geht mit mir! Ich schaue hinauf in sein großes Auge, das auf mich gerichtet ist. Nicht geradeaus wie sonst. Ganz leicht läßt es sich führen. Die Leine ist nie gespannt. Es gibt keine straffe Leine bei einem Kamel. Es reagiert auf die leiseste Bewegung so, daß diese locker bleibt.
Angekommen wird der Sattel abgenommen und die Schnur um die Beine gebunden. Schon stecken sie ihre Mäuler in die Akazien. Abend.
Wieder einen Tag gegangen und keine Antwort gefunden.
Die Wüste antwortet nicht.
Wieder eine halbe Zeit erreicht: die Mitte der Meharee.
Vielleicht ist das Ausbleiben einer Antwort auch eine Antwort.
Wo ist Avaru?
Ich schaue ihm zu, wie er die Akazienzweige abbeißt und die harten spitzen Dornen kaut, denen kein Autoreifen standhält. Jetzt kaut er und nachher wird er wieder und wieder kauen. Immer noch einmal mahlen.

© H. Tarnowski

13.3.2000

Warten im Wadi bis die Mittagshitze abnimmt.
Brotbacken am Abend. Nach einer Woche sind die Vorräte verbraucht. Muhammad knetet einen Hefeteig, es soll ein deutsch-französisches Weißbrot werden. Dafür wird das Feuer geschürt.
Nach einer halben Stunde ist der Teig aufgegangen, Moussa schiebt die Glut beiseite und legt den Teig in runden Ballen in die Vertiefungen eines Bleches: es ist der Deckel eines Ölkanisters. Dann wird das Blech auf den heißen Sandboden gelegt und eine große Schüssel umgekehrt darüber gekippt. Die Glut schiebt Moussa mit der Schaufel an den Rand der Schüssel und auf deren Boden, der jetzt Deckel ist. 30 Minuten wird es dauern.

Inzwischen erzählt Manked eine Geschichte, die Moussa übersetzt. Ihamma bereitet den Tee. Sie erzählen vom Schakal und der Hyäne, die sich gegenseitig überlisten, bis am Ende der Schakal die Hyäne frißt.
Manked lacht immer dann besonders beim Erzählen, wenn einer hereingelegt wird.
Dann ist die Rede vom Schakal, der zum Marabu geht, um gescheiter zu werden, und ihn mit den Tränen des Dorfältesten und einem zweiten Loch als Ausweg überlistet.

Wir nähern uns dem Brunnen. Mittag am Brunnen. Eine ganze Herde junger Ziegen springt über unseren Essplatz. Kinder und Frauen, die morgens mit dem Melken der Ziegen und Schafe beschäftigt sind, packen jetzt ihren Schmuck aus. Eine faltige Mutter mit drei schönen Töchtern. Ich gehe auf die Schönste zu, bitte sie um ein Foto. Für ein Stück Seife gibt sie mir ihr Bild, ein Lächeln bekomme ich dafür nicht.
Später kommt sie noch einmal und fragt nach einem Medikament. Sie bekommt Tabletten. Da lächelt sie.
Nach einer Woche ist es die erste Möglichkeit, sich mit ein paar Schüsseln Wasser zu waschen, den Kopf und die Füße, mehr nicht, denn uns haben zwei Kinder begleitet. Die beiden Mädchen gehen mit zwei Eseln davon, einem ist ein schwarzer Gummischlauch mit Wasser unter den Bauch gebunden. Die Fünfjährige reitet ihn zum Lager nach Hause, die Achtjährige treibt ihn mit einem Stock an.

Schwankend auf dem Schiff der Wüste. Aufmerksam umsichtig sind die Chameliers, und immer sofort zur Stelle, wo ein Tier aus der Reihe geht oder von einem Baum verführt wird. Aus ihrer Umsicht spricht Sorgfalt und Liebe.
Eckig angeordnete Steine im Sand mit einer Spitze nach Osten sind Moscheen.
Runde Steinanordnungen sind Grabstellen.
Je größer der Platz, desto reicher war der Tote, denn sein ganzer Besitz wird ihm mitgegeben. Dann verläßt man den Ort, um nie mehr dorthin zurückzukehren. Man fürchtet die Geister.

Neben dem Eingang zu einem Wüstenfuchsbau liegen im Sand Muscheln aus dem Meer.
Wir kreuzen Autospuren, folgen ihnen ein Stück durch ein Wadi und verlassen sie wieder für ein steiniges Hochtal, das von einem Netz heller Kamelspuren überzogen ist.
Avaru nimmt mich laut murrend auf. Er ist sehr unruhig. Er schüttelt seinen Kopf, als plagten ihn unentwegt Fliegen. Und er rülpst und rülpst. Bis er wieder mit dem Kauen anfängt. Ich sehe es an den Schläfen und höre das mahlende Geräusch.

14.3.2000

6.15 das Klopfen ist immer der Anfang.
7.15 Manked geht los. Selbst mit dem weiten Blick von oben in das Land vor dem Hügel, zu dessen Füßen wir lagern, sehe ich kein einziges Tier. Um 8 Uhr sind alle Kamele da. Mein Avaru nimmt mich murrend auf.
Es geht durch die Dünen an den flachsten Übergängen hinauf und hinunter. Die Treiber suchen diese Passagen, denn die Tiere gehen nicht gerne hinunter und hinauf. Jeder Knick der Vorderbeine gibt einen Schubs nach vorne. Wir erreichen über Sand und Steine ein breites Wadi mit Grün im Überfluß. Akazien säumen das Ufer. Schatten genug für uns und Futter für die Mehari. Nichts und wieder nichts und dann soviel Grün, blühende Sträucher: der Salat der Kamele im Jardin des chameaux.
Auf dem Felsen am Abend Nomadenbesuch. Käse und Pfeilspitzen.
12 Uhr mittags. Absteigen. Moussas Uhr piepst. Hier finden alle, was sie brauchen. Feine Vogelstimmen sind ganz nah. Die Kamele kauen laut über unseren Köpfen, knacken und zermahlen die Akazienzweige. Ziegen sammeln auf, was herunterfällt, und ziehen mit den Kamelen weiter. Die Hitze flimmert über dem Sand, aus der der Wind hier und dort eine Rose dreht.
Ich lege mich zurück und möchte weinen.
Da kommt der Tee. Heiß und süß.
Kurz nach 6 Uhr verschwindet die Sonne hinter den blauschwarzen Bergen.
Um 7 Uhr gibt ein Halbmond schon Licht. Ein Esel trabt in gebührendem Abstand an meinem Lager vorbei. Am Busch neben der Matte knabbert ein Kamel. Es ist die vorletzte Nacht mit den Tieren.

15.3.2000

Esel, Vögel, Kamele. Hier ist es grün. Hunde und Menschen kommen uns nah. Nachts habe ich noch lange das Schlagen der Blechtrommeln gehört nach dem langen Abend mit Moussa und den Chameliers.
Moussa hat vom Nomadenleben erzählt. Daß die Eltern die Kinder nicht in die Schule geben wollen. Sie verstecken sie und sagen, sie hätten keine Kinder, weil sie sie brauchen für die Arbeit und weil das Leben zu teuer ist, wenn sie nicht in der Familie bleiben. Und überhaupt sei das Leben in der Stadt für sie zu hart.
Moussa war in der Schule, er weiß, daß er Vorteile davon hat, daß jeder besser angesehen ist, der in der Schule war. Er schickt seine Kinder auch in eine Schule. Dafür können sie bei der Großmutter leben und ihr helfen.
Die Männer und die Frauen.
Im Haus oder Zelt hat der Mann nichts zu sagen, draußen alles. Die Dinge, die er nach Hause bringt, verwaltet sie. Hausarbeit wird ein Mann niemals tun. Dabei muß er kochen können, soviel wie er unterwegs ist.
Er hat sich um die Herden zu kümmern, die Kamele zu holen, dressieren, kaufen und verkaufen.
Wenn ein Mann sich scheiden lassen will, braucht er es nur dreimal zu sagen. Für die Frau gilt das nicht. Sie muß bleiben, wenn der Mann nicht mit der Scheidung einverstanden ist, oder sie steht allein. Ihre Familie nimmt sie nicht zurück.
Die Probleme im Lager bei Krankheiten sind groß. Wenn z.B. eine Schwangere zur Krankenstation muß, kann sie nicht mehr auf einem Kamel reiten.
Moussas Mutter hat seine Frau für ihn bestimmt. Das mußte er akzeptieren. Er will sich nie scheiden lassen. Liebesheiraten gibt es auch. Am Brunnen lernt man sich kennen und trifft sich dann heimlich, bis ein Alter beauftragt wird, die Eltern der Frau zu fragen. Sind sie einverstanden, wird ein Jahr später geheiratet. Das kostet den Mann 2-3 Kamele, je nachdem wie hoch deren Kurs gerade steht.
Je heller, desto wohlhabender ist ein Tuareg. Je wohlhabender, desto heller.
Die Tuareg wollen keine Ausweise. Wenn eine Polizeikontrolle stattfindet, im Bus z.B., dann haben 3 von 10 einen Ausweis.

Dann fragt Moussa: Wenn bei euch jemand an die Tür klopft, laßt ihr ihn ein, nehmt ihn auf? Bei uns kann jeder Gast ein paar Tage oder eine Woche lang bleiben und er wird gut versorgt.
Und in der Stadt, in Agadez?
Wenn er ein Weißer ist, ein Deutscher oder ein Tuareg, dann ja, nicht wenn er ein Haussa ist. Würden wir bei dem Nomadenlager ankommen, würden uns die Nomaden aufnehmen und eine Ziege schlachten und wir könnten ein paar Tage bleiben.
Der Tourismusminister ist Tuareg.

Kamele schlafen nicht. Sie fressen die ganze Nacht. Die wenigen Minuten, die sie den Kopf auf den Boden legen, wenn wir ankommen, sind der einzige Schlaf.
Seit zwei Monaten, der kalten Jahreszeit, haben sie kein Wasser bekommen. In vier Wochen, wenn sie wieder zuhause sind, werden sie getränkt.

Die Begrüßung ist ein Streichen der Handflächen aneinander, dreimal, viermal, dann erst ein Händedruck.
Abends bei Takadam – Makadam: 16 Vertiefungen. Zwei und zwei Personen zwicken sich. Wer am meisten richtig errät, gewinnt.
Holzstücke werden Tiere: Kamel 30, Rind 20, Pferd 15, Ziege 10, Esel 0.
Die Stücke werden geworfen, und je nach Punktzahl wird in Spiralen einen Sandberg hinaufgegangen. Wer zuerst oben ist, wird Schakal und frißt die anderen auf dem Rückweg auf.
Das Lachen ist schön. Sie lachen über uns.
35 Grad sind es am Mittag. Heißer, trockener Wind. Wenn er anhält, hört man das Summen der Fliegen.

Wieder Brot, diesmal nach der Art der Tuareg: Da wird der Teig in den heißen Sand gelegt und mit Glut und Asche bedeckt. Nach einer halben Stunde wird er umgedreht und ist nach einer guten Stunde fertig.
Dann wird die Hälfte des heißen Brotes zerrupft und mit einer scharfen Tomaten-Fleischsauce übergossen: Dobele, ein Tuareggericht.
Zwei Monate brauchen Karawanen von Bilma nach Nigeria mit Salz gegen Kleidung und Nahrungsmittel. Sie gehen einmal im Jahr.
Von Bilma ins Air gehen sie 4-6 Wochen und zweimal im Jahr.

16.4.2000

Tabaski
Am Tag vor Tabaski sind die Konflikte zu beruhigen. Das war gestern.
Heute werden sich unsere Wege wieder trennen, die Kamele gehen nach Iferouane, wir in die blauen Berge.
Heute durch schwarzes Land, schwarze Berge, schwarze Steine, 39 Grad um 9 Uhr. Wir gehen das letzte Stück mit den Kamelen auf die blitzenden Autoscheiben zu. Machen Mittag am Rand des Dünenmeeres neben der weiten, weiten Ebene, die von Akazien gesäumt ist. Das Schaf hängt schon über dem Feuer.
Das Gepäck wird zum letzten Mal aufgeschnürt: Terminus.
Avaru hat sich in den Schatten einer Akazie gelegt. Ich habe mich zu ihm gesetzt. Sage danke. Es antwortet, nicht. Seine Gleichgültigkeit macht mich traurig. Avaru!
Der Abschied von den Chameliers. Unser Dank, ihr Dank. Die kleine Vorführung der galoppierenden Kamele. Das Schlenkern ihrer schlanken Hinterbeine. Als sie auf uns zu galoppieren, springt die ganze Herde zur Seite, ebenso locker wir die Rennkamele. Lachen und Lachen. Dann werden die wenigen Dinge, die die Treiber brauchen, aufgeladen und die Sättel verschnürt. Winkend ziehen sie ab. In die Richtung, die wir gekommen sind. Ihamma dreht sich noch einmal um und ruft: merci! Wir antworten: tanemerd – dankeschön!

Vier Tage werden sie brauchen zu ihrem Lager bei Iferouane und sie werden auch in der Nacht reiten. Der Mond ist schon größer als halb. Das Tabaski-Schaf haben sie dabei.
Wir wollen morgen in Iferouane sein. Madugu gibt Gas, wendet und zieht den beiden anderen Autos hinterher. Auf einmal bremst er, springt aus dem Wagen und holt eine Schüssel mit Fleisch aus der Akazie und lacht. Fast wäre sie dort geblieben. Tekeli! – los geht’s!

© H. Tarnowski