11.-23.2.2018 – Ahnenbefragung in Abomey

11.2.2018

Früh am Morgen, wenn der Schnee noch weich und leicht ist, genieße ich wieder die Freiheit, mit den Schneeschuhen loszugehen und jede Richtung nehmen zu können, auf keinen Weg achten zu müssen, nur hin zu dem blauen Streifen am Himmel, oben über dem weißen Feld.

Hinter dem leeren Weiß sehe ich Jerusalem. Als ich gestern den Fernseher ausschalten wollte, um schlafen zu gehen, bin ich in eines meiner zwölf Programme geraten, das ich kaum kenne, da beginnt gerade ein Film – Miral – mit einem großen, herrschaftlichen Haus. Ich schrecke hoch. Das kenne ich doch: Das ist Dar al-Tifel al-Arabi  Die Schule in Ost-Jerusalem, wo meine palästinensische Freundin aufgewachsen ist. Das Kissen mit den winzigen Kreuzstichen, das ich von dort mitgenommen habe, liegt in dem Korbsessel neben meinem Schreibtisch. Von dort war es nicht weit über den arabischen Markt und dann durchs Damaskus-Tor in die Altstadt.
Ich folge dem Film so gerne überall hin, es ist wie ein Wiedersehen nach langer, langer Zeit.  Die Stadt tat mir weh, ich habe es immer nur ein paar Tage dort ausgehalten. Geflohen nach Haifa, Tel-Aviv, Jaffa, Ber sheva, Nazareth, zum See Genezareth oder ans Rote Meer, um immer wieder nach Jerusalem zurückzukehren. Israel, um Himmels willen Israel.
Damals muss ich 50 gewesen sein.

Es schneit ganz leicht, die Flocken lassen sich Zeit, unentschlossen wechseln sie in einem fort die Richtung, bevor sie sich zu dem alten Schnee legen. 

12.2.2018

Auch wenn der Winter nur ein Weniges bringt, ist es gut.
Für eine Stunde sind die weichen Kurven und das Glitzern darüber ein Glück für die Augen. 

Yalla ist nicht zu sehen. Sie muss unter einer Hecke durchgeschlüpft sein. Ich gehe ein Stück zurück – keine Spur von ihr. Na, sie wird schon kommen, wie immer, denke ich und gehe wieder auf mein Ziel zu, über die Felder bis hinauf zum Wald. Einmal glaube ich, einen schwarzen Punkt zu sehen, der ist dann wieder weg. Ich wandere über die Schneefelder, in denen das Netz der Hasenspuren jeden Tag dichter geknüpft ist. Manchmal liegen sie auch in meinen Spuren. Wie immer kehre ich um vor dem Wald und laufe hinunter in strahlendem Licht.
Von Yalla keine Spur. Rufen nützt schon lange nichts mehr.
Wieder die Übung in Vertrauen. Jedes Mal so schwer wie am ersten Tag. So wird das nie was.
Da läuft sie auf mich zu. Gottseidank. Ich zeige schon von weitem meine Freude. Von wegen. Plötzlich springt sie im Zickzack, nochmal und nochmal und haut ab. Rast zum Wald hinauf und ist weg. Verschwunden. Nicht mehr zu sehen. Ich warte wie immer auf dem Baumstamm auf sie. Nichts. Gegen Hasenspuren hab ich keine Chance. Yalla rennt, bis sie einsieht, dass auch sie keine Chance hat. Mir wird kalt, ich geh jetzt heim. Auf einmal ist sie da. Hat abgekürzt. Schlägt Purzelbäume vor Freude. Schön. Ich muss mich erst wieder beruhigen. Ich hätte sie besser erziehen müssen. Sie hat mich hereingelegt: in der Hundeschule hat sie alles gemacht, was man von ihr wollte, und die Trainerin konnte nicht verstehen, warum ich unzufrieden war. „Sie kommt nicht, wenn ich sie rufe.“ hab ich gesagt. Das ist dann so geblieben. Sie kommt immer. Nur nicht, wenn ich sie rufe.
Es schneit. Vielleicht geht der Schnee in die Verlängerung. 

Gestern Abend Istanbul. Meine wegen Krebs verfallene Reise. Wie mag diese Stadt klingen? Welchen Rhythmus hat sie, welche Melodie?
Kairo war eine Sinfonie. Dort habe ich verstanden, dass jede Millionenstadt ihre Sinfonie hat. In London habe ich sie gehört, in Paris auch. Und natürlich in Ouaga. Ganz wichtig dort: das Hupen der unzähligen Mofas. 

17.2.2018

Fünf Tage? War ich so lange weg? Und so weit? Einmal aus der Welt und wieder zurück in zehn Minuten. Das geht mit einer Vollnarkose. In diesen zehn Minuten wird die Ausschabung gemacht.
Die Uhr habe ich um 8.15 h gesehen und um 8.40 h wieder. Da bin ich schon in die Welt entlassen. Aber meine Spur habe ich schon zwei Tage vor der Narkose verloren und bis heute noch nicht wiedergefunden.

Es liegen so viele Notizen um den Rechner herum, und ich weiß nicht, was ich mit ihnen anfangen soll. Tippe alte Tagebuchseiten ab und merke erst ziemlich spät, dass ich dasselbe schon vor ein paar Tagen geschrieben habe.
Ich schicke mich hinaus, da schneit es schon den ganzen Tag. Wir können gehen, wohin wir wollen.  

18.2.2018

Die Welt ist weiß vor allen Fenstern. Mein Wunsch ist erfüllt worden, Schnee ist wahr geworden.
Heute gehe ich mit Yalla durch den Wald. Ihr Bauch streift den Schnee, das habe ich noch nie gesehen. Nein, sie hat keine kurzen Dackelbeine, sondern schöne schlanke Beine, so dass ihr Kopf bis an mein Knie reicht. Wo es mit dem Bauch durch den Schnee nicht mehr weitergeht, macht sie Sprünge.  
Auf unserem Weg sind nur die Spuren von Rehen zu sehen, wie sie springen – alle vier Füße dicht beisammen – und wie sie gehen, dann verteilen sich die Tritte einzeln weit auseinander. 

19.2.2018

Montag und ich weiß nicht, wie ich hier herauskomme.
Ich mag den Tag nicht. Mit den Skiern bin ich bald wieder umgekehrt, habe einen Blick in die Runde geworfen – Wald und Wald und Wald, gestern fand ich das wunderbar. Heute – na, ja. Wie gestern halt.
Ich spüre nichts. Wieder mal so ein Tag von der Art, die nicht zu viel werden darf.
Der Feldweg ist nicht geräumt, ich könnte steckenbleiben. Gestern und vorgestern fand ich das gut. Aber heute ist eine Klavierstunde dran und eine Begegnung der vierten Art mit meinem Bruder, den ich nie hatte.
Allein traue mich nicht hinaus mit meinem Auto.
Ich rufe beim Bauhof an, eine Stunde später kann ich hinausfahren. Langweilig.

20.2.2018

Ich lese, was ich gestern geschrieben habe: Begegnung der vierten Art. Wie soll das einer verstehen?!
Wer A sagt muss auch B sagen. Auch so ein strenger Satz, der vom Vater sein könnte.
Meine Stadt antwortet mit einem Plakat, auf dem steht:

Wer a sagt, der muss nicht b sagen. Er kann auch erkennen, dass a falsch war. Bertolt Brecht

Wie so oft stellt der eine Gewissheit auf den Kopf, die schon fast eine Sicherheit war.
Aber Sicherheit ist nirgends. (geklaut)
War mein A falsch? Sollte ich nicht erzählen von der Begegnung der vierten Art? Der Satz war aus meiner Unentschlossenheit, Unentschiedenheit wie von selbst in den Text gefallen. Also war er richtig.

Darum jetzt B.
Als die Operationen und die Therapien meines Krebses überstanden waren, ging es mir erst gut – ich hatte gesiegt!  – und dann immer schlechter. Ich habe mich nach Hilfe umgeschaut und dabei eine spirituelle Richtung gefunden. Den ersten Schritt hatte ich in der AHB (Anschlussheilbehandlung) getan, dort wurde mir Die Welle ist das Meer von Williges Jäger an die Hand gegeben.
Erfahrungen beim Familienstellen hatten mich neugierig gemacht, und ich folgte dem Vorschlag meiner Therapeutin, ein Medium aufzusuchen, mit dem sie schon lange zusammenarbeitete. Ich hatte keine Angst und keine Erwartungen: Schlimmstenfalls passiert gar nichts, na und, hab ich gedacht und bin mit dem Rad über Land zu dem Termin gefahren. Es war Sommer.

Auf dem Weg zurück war meine Welt eine andere. Sie hatte eine vierte Dimension. Eine neue Wirklichkeit hinter der, die immer war. Unglaublich glaublich. Ich schob mein Rad durch das Gartentor und kam mir vor, als hätte mich jemand in warme Watte gepackt. Ich sah soviel Neues, und es war freundlich, warm, weich. Wie Liebe.
Was war passiert: Meine Mutter hatte mir ihre Unzulänglichkeiten, Schwächen, ihre Verständnislosigkeit und Hilflosigkeit dem Kind gegenüber beschrieben – was meiner Erfahrung ziemlich genau entsprach. Ich fühlte mich zum ersten Mal von ihr verstanden und geliebt – so wie sie es konnte.
Und meine Tochter hat darauf bestanden, die Verantwortung für ihren Weg selbst zu tragen: „Auf meinem Mist gewachsen“ hat sie gesagt. Meine Schuldgefühle würden sie am Weitergehen hindern.

Diese Wirklichkeit ließ keinen Zweifel zu. Ich habe sie erlebt und erlebe sie immer wieder. „Mein“ Medium ist sehr hilfreich dabei, ich durfte noch viele Erfahrungen machen und lasse die Verbindung nicht abreißen.
Die Dinge, die ich von dem in seinem Leben meist schweigenden Vater erzählen werde, habe ich auf diesem Weg erfahren.  

Manchmal schäme ich mich für die Hybris, mit der ich – durch und durch rational gebrievt, seit ich die Pubertät hinter mir gelassen hatte – durchs Leben gegangen bin. Aus der Kirche ausgetreten wollte ich nur gelten lassen, was ich ganz rational verstehen konnte oder hätte verstehen können, wenn ich mir Mühe gegeben hätte. Was für eine Hybris. Ein Update war überfällig.

Abomey, Benin 1998

Ahnenbefragung in Agbangni zoun

Es lebe der König 

Agbangni zoun heißt „der Wald der Antilope“ und ist ein Dorf zwölf Kilometer von Abomey, der früheren Königsstadt Dahomey, entfernt. Bis Abomey sind wir mit dem Sammeltaxi von Cotonou der Straße nach Norden gefolgt. Die einzige Werbung auf diesem Weg sind die unübersehbaren rot-gelben Schilder von MAGGI. Sonst nichts. Leere Holzgerüste neben der Straße zeigen, daß der Markt heute anderswo stattfindet. An den vollen Märkten muß gehalten werden. Jeder will noch etwas mitnehmen oder etwas essen oder trinken. 

Viel Holz wandert auf den Köpfen von Frauen, Mädchen und Kindern an der Straße entlang. Gebündelte Zweige oder ein paar zusammengebundene kräftige Äste. Manchmal ist es auch ein ganzer Baumstamm. Oder man hat Kohlen in Schüsseln gekauft. Das Holz ist für die offenen Feuer, wo der Topf auf drei Steine gestellt, die Äste daruntergelegt und von Zeit zu Zeit nachgeschoben werden. Manchmal ersetzen runde, an den Seiten offene Tongefäße die Anordnung der Steine. Auch die gibt es auf dem Markt.

Morgens und abends säumen Frauen mit Wasserschüsseln oder Eimern auf den Köpfen die Wege, eine geht hinter der anderen. Frauen, Mädchen, auch kleine Mädchen mit nicht viel kleineren Schüsseln. Sie tragen das Wasser vom nächsten Brunnen ins Dorf.

Auf einem Felsplateau wachsen bizarre Bäume aus dem Stein. Da sind wir bald in Abomey. Dort warten schon die Zemidjans auf Ankommende, die weiterwollen. Hier erkennt man die Fahrer an ihren violetten Hemden. Wir handeln den Preis für die zwölf Kilometer bis Agbangni zoun aus, und nun geht es hüpfend und grabend auf rotem Sand durch tiefes Grün. Je zwei Mitfahrer auf dem Sozius, wie es üblich ist.

Im Dorf angekommen treten wir in den großen Hof von Isidors Familie und sofort werde ich vor den Ältesten geführt. Seine strahlenden Augen zeigen eine Lebendigkeit, die Funken sprüht und auf mich überspringen möchte. Dann werde ich zu dem Fernseher gebracht. In dem laufen gerade – wie jeden Abend um diese Zeit –  die Gesänge für die Toten, deren Tod sich wieder einmal jährt. Ich weiß die Höflichkeit dieses Unterhaltungsangebots nicht zu schätzen, ich habe mir meinen Besuch im Dorf ohne Fernsehapparat vorgestellt. Dankbarer nehme ich das Angebot zu „baden“ an: das Waschen aus einem Eimer Wasser in einem aus dem roten Lehm gemauerten Viereck, das nach oben offen ist. Die Sterne sind schon da. Und die werde ich die ganze Nacht über mir haben. Auf meine Bitte ist mein Bett mit wohlwollendem Lachen aus dem Haus in den Hof gestellt worden. Wo es möglich ist, schlafe ich im Freien, wie es für mich zu Afrika gehört.

Wenn man aber denkt, eine afrikanische Nacht auf dem Dorf müsse ruhig und still sein, dann irrt man sich gewaltig. 

Ein Auto rollt in den Hof. Die laute Kassettenmusik stellt keiner ab, als man aussteigt. Eine fröhliche Begrüßung der ganzen Runde nimmt ihren Lauf. Irgendwann muß dann doch einer das Radio ausgemacht haben. Die Musik aus einem entfernten Recorder hört bis zum Morgen nicht auf. Vor manchem Haus brennt noch das Feuer unter einem Topf. Man kocht die ganze Nacht. Darum herum Stimmen. Ein Kind weint jämmerlich. Es muß krank sein, hat auch am Tag viel geweint. Davon werden die Zwillinge nebenan wach, erst schreit einer laut, dann auch der andere, lange. Doch irgendwann müssen sie still geworden sein. Kurz vor dem schleifenden Geräusch des Fegens vor Sonnenaufgang.

Meine Liege steht also mitten im Hof. Bei Nacht waren die Mauern der Häuser näher, der Hof ist mir nicht so großvorgekommen wie am Morgen, als ich vom regelmäßig-rhythmischen Streichen der Palmwedel über den Sandboden aufwache. Es ist noch nicht hell. Frauen fegen den Boden, andere gehen hin und her, von einem Haus zum anderen und an meinem Bett vorbei. Kaum daß ich die Augen aufmache, höre ich sofort: Bonjour! Inzwischen habe ich nach allen Seiten bonjour! gesagt, bleibe aber noch liegen, verschränke die Arme unter dem Kopf und schaue mich um. Zwei junge Frauen lachen herüber, die Kinder laufen im Hemd herum. Das älteste ist ein Mädchen von etwa sechs Jahren, es läuft auf mich zu und reicht mir die Hand. Dann kommt ein Vater mit seinen beiden dreijährigen Jungen. Es sind die Zwillinge Matti und Kossi. Der Vater will, daß sie mich auch begrüßen. Kossi schreit so laut er kann, und zappelt an der Hand des Vaters. Matti läßt sich anschleppen, reicht mir sein Händchen und läßt mich keinen Augenblick aus seinen ernsten Augen.

Die Zwillinge. Kossi schreit jedes Mal sofort aus vollem Hals, wenn er in meine Richtung gezogen werden soll. Matti nähert sich immer wieder und immer ein bißchen mehr. Setzt sich neben mich. Nimmt meine Hand, leckt an meiner Haut, schmeckt das Weiße, legt die Hand zurück. Wo ich auch immer bin, findet er mich mit dem immer gleichen forschenden Ernst. Dann setzt er sich auf meine Liege, lehnt sich zurück und läßt sich streicheln. Als ich seine nackten Beine berühre, ist es, als lauschte er in sich hinein. Von dort kommt ein leises Lächeln heraus und breitet sich auf dem Gesichtchen aus. Als ich ihn kitzle, kichert er. Jetzt findet er mich immer.

 

© H. Tarnowski

Der Morgen gehört dem großen Familienrat. Alle Erwachsenen haben sich inzwischen versammelt. Die anstehenden Probleme werden vorgebracht, Lösungen gesucht, Anfänge gemacht. Bei denen es oft bleibt. Sagt Isidor.
Die Augen des Ältesten leuchten, wenn er mich grüßt, wenn er tanzt, wenn er einen Geldschein an die Stirn geklebt bekommt, oder wenn mein Blitzlicht auf ihn fällt.
Ebenso groß wie seine Freude ist sein Ernst, wenn er die Bitte einer Frau anhört, die weinend vor ihm kniet und nach der Trennung von ihrem Mann, der zu dieser Familie gehört, weiter in der Familie aufgenommen sein möchte. Der Älteste befragt die anderen, die in der Runde sitzen oder stehen, dann darf die Frau aufstehen. Sie wischt sich mit dem Zipfel ihrer Pagne, dem um den Leib gebundenen Tuch, die Tränen ab. Sie wird aufgenommen. Sie geht noch einmal auf die Knie, um den Boden zu küssen.

Nun werden die Zeremonien vollzogen. Vor dem Haus der Ahnen gibt man diesen zu essen und zu trinken. Dazu legt man kleine Häufchen Bohnen auf den Boden und schüttet unter ständigem Reden Bier oder Gin oder Whisky dazu. Dabei spricht fast immer derjenige, der unter den Anwesenden gerade der Älteste ist. Dann wechseln alle zur anderen Seite des Hauses, nach hinten. Dort lehnen die verrosteten Symbole der Verbindung zu den Ahnen an der Wand. Hier werden wieder Bohnenhäufchen verteilt und Wasser wird in ein kleines Glas gegossen. 

Nun folgt die Befragung der verheirateten Frauen. Es geht um ihre Treue. Die Frauen knien vor Bohnen und Wasser und geben dem Ältesten lachend und unter dem Lachen der um sie Herumsitzenden ihre Antworten. Jede Frau muss das Glas Wasser trinken. Wenn sie nicht die Wahrheit gesprochen hat, wird es ihr schlecht bekommen. Dann soll sie die Bedeutung der Lage der Kolanüsse erkennen, die der Älteste vor sie hinhält. Zwei Frauen haben unter Lachen richtig geantwortet, legen noch einmal die Stirn auf den Boden, stehen – noch immer lachend – wieder auf, werden umarmt und geküßt. Alle sind zufrieden.
Bei der dritten gibt es Nachfragen. Sie lacht nicht, wird nicht geküßt. Was ist los? Sie hat ein Problem mit ihrem Mann. Sie war nicht einverstanden mit dem, was er tat, und hat es ihm nicht gesagt. Sie sieht nachdenklich aus. Sie bekommt die Aufgabe, zu sagen, was sie nicht will, es „auszudrücken“.
Die vierte ist unsicher. Sie weiß nicht, ob sie schwanger ist. Ihr wird ihre Schwangerschaft bestätigt. Auch sie steht nachdenklich auf.
Dann kommt noch eine Glückliche, die alle glücklich macht mit ihrer Treue. Das letzte Gläschen Wasser ist getrunken, die Dinge werden eingesammelt, man geht wieder an die andere Seite des Ahnenhauses.
Da kniet schon wieder eine Frau und alle Männer reden auf sie ein, manchmal spricht auch eine alte Frau mit ihr. Sie ist eine Untreue, die sich weigerte, die Zeremonie zu vollziehen. Nun soll sie die Wahrheit sagen. Ihr Mann sitzt auch in der Runde. Er hat vier Frauen.

Dann noch einmal ein Wechsel zur anderen Seite, ein Huhn wird geschlachtet und seine feinen Federn um die Ahnensymbole gestreut und mit dem Blut des Tieres an die Hauswand geklebt. Sonst wäre die Zeremonie unwirksam.

Es wird Zeit, sich für die Messe fertig zu machen.
Alle verschwinden in den Häusern und kommen festlich gekleidet wieder daraus hervor. Die Mädchen tragen die Pagnes aus dem gleichen Stoff um Kopf, Brust und Bauch geschlungen wie die Mütter. Die kleinen Zwillinge haben Miniaturanzüge an aus demselben bunten Stoff wie ihr Vater. Da sieht man sofort, wer zusammengehört.  

Die Kirche ist ein offener mit Wellblech überdachter Platz unter riesigen Blättern von Bananenpalmen. Wind zieht durch, hebt manchmal das Blech hoch, so dass es klappert. Die Gemeinde ist versammelt, nur der Priester fehlt noch. Er kommt mit zehn Minuten Verspätung aus Abomey. In weißer Soutane fährt er auf einer dunkelblauen Honda neben den Altar. Dort stellt er die Maschine ab und legt sein Messgewand an. Die Messe beginnt mit dem Gesang einer Stimme, die von sanftem Trommeln begleitet wird. Der Gesang geht unmerklich in Tanz über, wird dann zum Gebet. Nach der Predigt und einem weiteren Gebet treten alle zum Altar und bekreuzigen sich mit Weihwasser. Einem letzten Gebet folgt die Absolution. Man gibt seinen Nachbarn die Hände. Vaterunser. Gesang. Schluß.

Nachdem der Priester mit allen, die auf ihn warten, gesprochen hat, zieht er sein Messgewand wieder aus, stopft es in die Box am Sattel und besteigt seine Maschine. Er braust mit Vollgas durch den roten Sand zwischen den gewächhausgrünen Pflanzen zurück nach Abomey. 

 © H. Tarnowski

Kirche hin oder her. Auf unserem Rückweg zum Hof gehen wir über den Markt von Agbangni zoun. Auch dieser der Markt bietet alles Nötige für die Fetische. Jetzt erkenne ich die Geräte für die Ahnenzeremonien.
Louise sucht frische Blätter für die Sauce aus, füllt damit eine große Plastiktüte. Und dann brauchen wir noch einen Würfel Maggi.
Louise und Marie haben mich zum Essen eingeladen. Sie sind Coiffeuses und stehen drei Monate vor dem Ende ihrer Lehrzeit. Dann seien sie frei! erzählen sie strahlend. Heute kochen sie für mich sehr traditionell: Agouti, das Rattentier, das uns auf dem Weg hierher ein paarmal an der Straße wie eine Jagdtrophäe entgegengehalten wurde. Es ist eine berühmte Delikatesse.
Es gibt zwei Feuerstellen und einen großen ebenen rauhen Stein. Darauf wird mit einem kleinen Stein Knoblauch zerrieben. Dann schrubbt Marie die Dosen mit Tomatenmark solange über den Stein, bis diese mit einem Messer zu öffnen sind. Alles geschieht am Boden, immer gebückt. Der einzige kleine Hocker wird geteilt.
Die Kohle wird gefächelt, daß die Funken fliegen. Als wäre es hier noch nicht heiß genug. Das Agouti muss sehr heftig kochen, damit man es beißen kann. Heute wird dazu Akassa aus Maismehl gemacht. Louise holt Papier, um den heißen Topf anfassen und beim Rühren festhalten zu können. Hitze strömt aus dem Topf. Der Brei wird in Schüsseln gefüllt, die sie später umstürzt. Marie zupft einen Haufen Blätter von Stielen und gibt sie mit Knoblauch und Maggi ins Öl. Dann Wasser dazu. Sie rührt, bis die Blätter eine grüne schleimige Suppe bilden, aus der sie mit dem Löffel lange Fäden zieht. Die rote Sauce für die Ratte wird aus Piemont und Zwiebeln und Tomaten gekocht, sie ist genauso scharf wie die grüne für das Akassa.
Plötzlich lacht Louise laut beim Essen, als sie sieht, wie meine Finger zurückzucken, als ich ins Akassa greife. So heiß?!! Das könnt ihr anfassen? Dann lacht auch Marie, weil ich die Haut vom Agouti mit meinen Zähnen nicht durchkriege. Ich habe unbrauchbare Finger und Zähne für diese Mahlzeit.

Das Transistorradio vor dem Hof hat sich schon vor Stunden verlaufen, die Stimme des Sprechers ist völlig verrauscht. Eine Frau sitzt neben einem Tisch mit kleinen Häufchen Tomaten und Piemont, die weniger werden, wenn andere Frauen vorbeikommen. Mit einer Hand spielt sie mit dem nackten Baby, das gerade aufgewacht ist. Eine andere Frau mit einem wunderschönen Gesicht und leerer alter Brust schläft neben ihr. Dann kommen immer mehr Frauen, faire la commerce. Viele Frauen treiben einen kleinen Handel, um selbst Geld zu verdienen. 

Abends ist der Hof voll. Das Fernsehen lockt alle: Ghana spielt in Ouagadougou gegen Togo. Ghana gewinnt. Man ist zufrieden, zieht sich zurück und es wird stiller. Nur die Ziegen klettern auf einem Holzstoß herum und wecken mich wieder auf, als ich gerade eingeschlafen bin. Die Hühner sind schon lange eingesperrt. 

Kossi und Matti waren immer in meiner Nähe. Am dritten Tag reicht mir auch Kossi, der immer schreien mußte, die Hand, ganz schnell, dann dreht er sich wieder um und läuft weg. Bei dem Festessen zum Abschied sitzen wir im Kreis. Matti drängt sich zu mir, stellt sich vor mich hin und sagt: Tanti! – mit einer starken Betonung auf dem i.
Bei Tanti können wir uns doch gleich etwas vorstellen. Aber man muss wissen, dass in Afrika nur eine wirklich respektierte Frau diese Anrede bekommt. Welche Auszeichnung! Da darf ich stolz sein. Alter und Würde gehören dazu, um eine Tanti zu sein.
Matti klettert auf meinen Schoß. Kossi folgt ihm und steigt auf mein anderes Bein. Da sitze ich nun mit den nackten Zwillingen auf den Knien. Zum Altwerden nach Afrika zu gehen, wäre nicht das Schlechteste. So bevorzugt wie dort finde ich mich nirgendwo.
Was uns das Leben hier so angenehm macht, ist sicher auch das Gefühl des Angenommenseins, der Toleranz. Ich möchte nicht glauben, dass es nur die weiße Hautfarbe ist.

Aber dann ist da wieder die Ungeduld, wo ich schreien möchte: Nein! Nicht so! Nicht sooo laaangsaaam!

Ja – und? Warum?

Die Afrikaner haben die Zeit, die Europäer die Uhr. Das sagen sie hier so. Sagt Isidor.

Wir sitzen schon im Sammeltaxi für die Heimfahrt nach Cotonou, als er halten läßt. Er komme gleich wieder, muß nur seinen Onkel begrüßen. Nie würde er an einem Haus vorbeifahren, in dem ein Bruder oder Onkel wohnt, ohne ihn zu begrüßen. Er versteht nicht, wie die Europäer das machen. Dabei muß man mit einem Onkel nicht unbedingt verwandt sein.
Auf dem Markt von Abomey wird noch eingekauft. Überall gibt es etwas, das anderswo nicht zu haben ist. Das Akassa in Palmenblättern, das hier so besonders gut ist, muß erst herbeigeholt werden. So warten wir mal wieder.  
Ein Junge rennt mit einem Auto aus Drahtresten einem anderen, der einen alten Fahrradreifen mit dem Stock antreibt, davon. Ich staune einmal wieder, wie erfinderisch sie sind. Schon lange bevor wir anfangen haben, unseren Müll zu sortieren, um ihn einer Wiederverwertung zuzuführen, haben die Afrikaner aus alten Autoreifen Schuhe gemacht, aus den Schläuchen der großen LKW-Reifen Gefäße genäht, mit denen man das Wasser aus dem Brunnen schöpft, Aluminium zu großen Töpfen eingeschmolzen und aus Drahtresten und Blechdosen Spielzeug gebastelt, das heute sogar in Europa verkauft wird. Der Junge lacht mein Staunen aus.

Auf einmal rennen die Kinder mit lautem Schreien und Kreischen in dichten Knäueln um eine Sänfte herum: Der König wird durch die Stadt getragen und wirft Münzen in sein Volk, um die sich die Kinder schlagen. Es gibt noch einen König, auch wenn der nichts mehr zu bestimmen hat wie in früheren Zeiten, als die Könige von Dahomey reich und mächtig waren.
Die Geschichtsbücher aus Stoff sind beliebte Souvenirs. Da sind die Symbole der Herrscher mit deren Namen und Lebensdaten bunt auf ein großes Tuch genäht: Fisch, Chamäleon, Segelschiff, Büffel, Vogel und Löwe stehen für Eigenschaften, die den Königen zugeschrieben wurden. Die Namen der Könige sind aus Sprichwörtern entstanden, wie z.B. Agonglo, was bedeutet: Der Blitz fährt in die Palme, aber nicht in die Ananas. So sind neben seinem Namen immer Palmenblätter und Ananas zu finden. Der letzte König von Dahomey war Glele. Er wurde gern als Löwe dargestellt.

 

© H. Tarnowski

21.2.2018

Die Winter steht fest. Es macht so ruhig zu wissen, dass der Winter von gestern auch der von morgen und übermorgen undundund sein wird. Es ist wie bei es-war-einmal. Auch meine Augen haben ihre Freude daran wiedergefunden.

22.2.2018

Aber heute ist es laut hier.

Die hohen Fichten, die mehrere Stürme aus dem Boden gerissen habe, werden gefällt, bevor sie auf den Weg stürzen. Ein Bulldog fährt in meinem Garten durch den Schnee und über die Hasenspuren.
Es ist so weit: fällen – ja oder nein? Jetzt oder später?
Drei Männer, die sich auskennen in solchen Dingen, haben geholfen, die Entscheidungen zu fällen: besser früher als später. Dann haben sie es gemacht. Der Chef steigt hinauf, entastet und sägt sie Meter für Meter herunter. Abtragen heißt das dann. Damit beim Fallen nicht zu viel zerstört wird. Alle Bäume, die schräg über dem Weg standen und nur noch mit ihren Gipfeln in anderen Fichten hingen, liegen jetzt in Meterstücken zwischen Bergen von Ästen herum.
„Wie machen das. Sie müssen sich nicht aufregen.“ hat der Mann gesagt, bevor er den Baum hinaufkletterte. Wie hat er das gemerkt?

23.2.2018

Wie froh war ich gestern Abend! Ich muss keine Bäume mehr vor mir herschieben. Mein Knie war dick geschwollen vom Hin-und-Herlaufen im Schnee hinunter und wieder herauf und tat weh.
Wie groß und schwer müssen meine Sorgen um die Bäume und die Vögel gewesen sein, wenn mir jetzt so leicht ist? Die Bäume sind fast so alt wie ich. Was weiß ich von ihrem geheimen Leben?
Ich werde in diesem Frühling sehr viel pflanzen müssen. Erlen, Birken, Douglasien. Riesenküstentannen – ja, die gibt’s auch. Sie kommen aus Amerika und wachsen am allerschnellsten. 

Heute machen sie weiter. Spalten, häckseln, aufräumen, den alten eingewachsenen Maschendrahtzaun mit dem Bulldog aus dem Boden ziehen und einen neuen Zaun befestigen. Dann sind sie fertig.

Rauch steigt aus der Tanne
wenn Wind in ihre Zweige fährt
so fein
so leicht
ist Schnee

Der wilde Ostwind hat Wege verweht und Eiszapfen verbogen. Wie er das gemacht hat? Als die Sonne die Eiszapfen schmelzen lassen wollte, muss er so stark geblasen haben, dass die Tropfen ausgewichen sind. Einer nach dem anderen. Nun sind die Zapfen eben krumm.

Ich gehe wieder los, zum Schneefeld hinüber, aber der Hund kehrt um, geht nicht mit. Er ist gestern im Schnee eingebrochen und er hat laut gejault. Das muss wehgetan haben. Da bleibt er heute daheim. Schade. Ich gehe nicht mehr gern allein.