25.2.-2.3.2018 – Die Wasserträgerinnen von Hombori

25.2.2018

Eine Goldammer rutscht einen Maulwurfshügel hinunter.

Der Ostwind treibt die Kälte in die Knochen. Sibirisch – wenn ich mir die Zeit unendlich und den Raum ohne Horizont vorstelle. Aus der Dunkelheit in die Dunkelheit, aus dem Nichts in das Nichts. Gehen und gehen und gehen durch eisigen Wind über Eis und durch Schnee. Es gibt –gab jetztMenschen, die haben das überlebt.
Ich gehe heim und heize ein.

Ob ich ein Smartphone riskiere, um mit meiner Jesidin Fernunterricht zu machen? Wäre das ein Grund für den Paradigmenwechsel in das Zeitalter der doppelten Wirklichkeit? Aus der, wo ich meine fünf Sinne gebrauche, in die zweite, die damit und mit mir nichts mehr zu tun hat?
Wie wirklich ist die Wirklichkeit. Als Watzlawik diese Frage stellte, war sie noch aufregend, inzwischen hat sie sich in Luft aufgelöst. www heißt das dann.
Komme mir vor wie in einem Überwachungsstaat: Nichts kannst du verbergen, wenn ein anderer das nicht will. Dass ich auf Sylt auf einem Parkplatz geschlafen habe, zum Beispiel. Davon wird ein Bild gemacht. Beim nächsten Mal würde der Herr, ein Kurgast, es der Polizei zeigen.

26.2.2018

Heute Nacht sind die ersten Eisblumen gewachsen.
Ich muss die ganze Nacht Wasser laufen lassen, wenn es nicht einfrieren soll.
Es ist Eiszeit. Viel Eiszeit.
Das silberne Schneefeld am Nachmittag, über das ich zur Sonne laufen kann.

Das wird was Schönes zum Erinnern sein“ denke ich – wie Schnitzler, der diesen Satz nach der Nacht mit einer Frau in sein Tagebuch schreibt.

Idrissa hat versucht, mich anzurufen. Ich habe lange nichts mehr aus Mali gehört.

Nur dass die militärische Hilfe für die Sahelzone –Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger, Tschad – verstärkt werden muss. Es gibt wieder tote Soldaten, diesmal sind es Franzosen.

Der rund 7.000 Kilometer lange und bis zu 800 Kilometer breite Streifen am südlichen Rand der Sahara ist derzeit das perfekte Rückzugsgebiet für islamistische Terroristen und Menschenschmuggler. 

Wieder überall im Norden Angriffe, vier Überfälle auf Militärposten, im Süden bei Hombori ist ein Bus auf einer Mine hochgegangen. Dazu muss man wissen, dass in Mali kein Bus losfährt, bevor er nicht übervoll beladen ist. 

Hombori? Auch davon habe ich den Kindern in den besten Jahren erzählt.

Hombori 2003

 Die Wasserträgerinnen von Hombori 

Hombori ist ein Dorf im Osten von Mali, einem der ärmsten Länder im Herzen Westafrikas. Die Sahara macht zwei Drittel dieses Landes aus und verbindet Mali im Norden mit Algerien, im Südosten an der Grenze nach Burkina Faso beginnt die Savanne. Mitten durch die Wüste fließt der Niger so breit wie ein großer See, er ist Malis wichtigste Lebensader. Hombori liegt drei Autostunden südlich vom Fluss in einer Felslandschaft mit den berühmten Tafelbergen, die aus der trockenen Savanne aufragen. Steiniges, felsiges Land mit dürren Akazienbäumen und Sträuchern trifft hier mit Sandwüste zusammen, in der gar nichts ehr wächst. Wenn der Regen ganz ausfällt, was immer wieder geschieht, kann nicht einmal die lebenswichtige Hirse gedeihen.

© H. Tarnowski

In Hombori sind mir die Mädchen aufgefallen, die mit dem Verkaufen von Wasser Geld verdienen und damit zum Lebensunterhalt ihrer Familien in den Dörfern zwischen den Felsen beitragen. 

Jetzt kommt das Mädchen schon zum dritten Mal. Auf ihren Schultern liegt ein prall gefüllter nasser Ledersack, der einmal eine Ziege war. Die Vorderbeine sind durch feste Schnüre mit den hinteren verbunden. Diese Stricke spannen um den Kopf des Mädchens und beide Hände halten die Schnüre von der Stirn, damit sie nicht in die Haut schneiden. Das Mädchen beugt sich weit nach vorn, um das schwere Gewicht auf seinem Nacken auszubalancieren. Am Eingang des Campements bleibt es stehen und sieht suchend unter der Last hervor in den Hof. Ein paar Minuten später gibt ihr der Patron ein Zeichen, ihm zu folgen. Sie gehen in den Innenhof, wo Gras und Blumen wachsen. Dort lässt das Mädchen den Sack langsam von den Schultern unter den Arm gleiten, öffnet den Knoten am Ziegenhals und füllt das Wasser in einen Plastikkanister. Gleich kommt eine Tochter des Patrons und gießt damit das Gras, das ohne Wasser hier keine Chance hätte. Das Mädchen geht wieder davon. Schlaff hängt jetzt der Sack über seiner Schulter.
Es dauert nicht lange da stehen wieder zwei Mädchen mit fetten Ziegensäcken auf dem Nacken vor dem Campement und warten. Diesmal werden sie von den Frauen herangewinkt, die breitbeinig vor Schüsseln sitzen, aus denen Seifenschaum quillt, und wie jeden Tag die Wäsche waschen. Hier leeren sie ihre Säcke.
Die beiden sind noch nicht lange verschwunden, als die nächsten schon ankommen. Ich wüsste gerne mehr von ihnen, aber sie würden mich nicht verstehen. Diese Kinder besuchen keine Schule, wo sie Französisch lernen könnten. Ich brauche einen Dolmetscher und frage Abdou, einen Führer, der hier mit den Fremden in die Wüste geht oder auf die Tafelberge klettert. Die stehen hier gewaltig und fast bedrohlich um uns herum. Der höchste und berühmteste ist der „Finger der Fatima“. Dünn und steil, heute leicht vom Harmattanwind verschleiert, zeigt der in den Himmel. Ich sage Abdou, dass ich daheim von diesen Kindern erzählen möchte, weil man sich bei uns so ein Leben einfach nicht vorstellen kann. Abdou ist sofort einverstanden und spricht mit den beiden Mädchen, die mich zunächst scheu und kopfschüttelnd betrachten, dann aber mit der Aussicht auf eine angemessene Bezahlung doch einwilligen.
Sie heißen Mariam und Djenaba, sind 10 und 12 Jahre alt und kommen aus einem winzigen Dorf in den Bergen, wo ihre Eltern Bauern sind. Von Juni bis November helfen sie dort bei der Arbeit. Aber das dürre Land gibt zu wenig her, als dass die Familie davon leben könnte. Im letzten Jahr ist die Hirseernte ganz ausgefallen, weil der Regen für die Saat ausgeblieben ist. So kommen die Kinder, wenn die Arbeit getan ist, gewissermaßen als „Saisonarbeiterinnen“ in den Monaten von Dezember bis Mai nach Hombori. Hier tragen sie Wasser. Mit sieben Jahren haben sie mit dieser Arbeit angefangen. Die machen sie jeden Tag von morgens sechs Uhr bis abends sechs Uhr. Dann gehen sie dreizehn, vierzehn oder fünfzehn Mal – je nachdem, wieviel Wasser da ist – vom Dorf zum Brunnen und wieder ins Dorf, um dort ihr Wasser zu verkaufen. An einem Tag verdienen sie 500 FCFA , das sind etwa 80 Cent, 150 Francs brauchen sie für das Leben in Hombori, wo sie keine Angehörigen haben und für ihre Unterkunft in einer Famile aufkommen müssen, 350 Francs bekommt die Familie zuhause. 

Woher sie das Wasser holen? – Vom Brunnen auf der anderen Seite des Dorfes.
Ob ich sie begleiten dürfte? – Gut, wir gehen. 

Alle tragen hier die gleichen Schuhe: die billigen bunten Badeschlappen aus Plastik, die in Mali und ganz Westafrika so beliebt sind. Auch Maraim hat solche, nur dass sie ihre Füße mit einer Plastikfolie dick eingewickelt hat. Die Haut ist aufgesprungen, weil sie so trocken ist, und hat blutige Risse bekommen. 

Unser Weg führt zuerst durch den neuen Teil von Hombori, rechts und links von der Straße, der einzigen Landverbindung zwischen Mopti und Gao, den Städten am Fluss. Wenn man nicht auf dem Niger von Bamako, der Hauptstadt von Mali, nach Gao und weiter nach Niamey, der Hauptstadt von Niger fahren will, muss man diesen Weg nehmen.
Wir gehen durch das neue Dorf, Abdou bleibt bei einer Hütte stehen, eine Frau kommt heraus, es ist seine Mutter, und bringt seinen kleinen Sohn. Der weint viel, hat fiebrige Augen und hustet. Ist er krank? Wie so viele Kinder hier? Abdou zuckt mit den Schultern, er muss den Kleinen den ganzen Weg tragen.
Der Weg zum Brunnen ist steinig wie alles in Hombori. Die Häuser bestehen aus zerschlagenen Steinen, die man aufeinanderstapelt. Wo gebaut wird, tut man das, indem man zuerst die großen Felsbrocken in kleine zertrümmert. Wenn es hier etwas im Überfluss gibt, dann sind es Steine. 

Als wir das Dorf hinter uns haben, sehen wir in der Ferne ein paar Palmen. Da muss es Wasser geben. Überhaupt sieht es dort so grün aus wie um eine Oase.
Wir begegnen einer Gruppe von Mädchen, die auf dem Weg ins Dorf sind. Sie haben ihren vollen Wassersack auf eine aus Steinen gestapelte Mauer gelegt, um auf halbem Weg eine Pause einzulegen.  Hier sind auch ältere dabei, vielleicht sind sie 15, 16 Jahre alt.
Nicht viel weiter liegen bunte Wäschestücke zum Trocknen auf den Sträuchern: Da kann der Brunnen nicht mehr weit sein. Wir sind zwanzig Minuten gegangen. Dort wo die Frauen und Mädchen dicht in einem Kreis beisammenstehen, muss er sein. In ihrer Mitte ist ein tiefes Loch, in das sie die Eimer an Schnüren hinunterwerfen, um sie wieder heraufzuziehen, wenn sie vollgelaufen sind. Mit dem Wasser werden die Ziegensäcke gefüllt. Kein Mann ist zu sehen. In Mali ist die Sorge um das Wasser eine Aufgabe der Frauen. Manche sind hier auch älter, und von Abdou erfahre ich, dass es Frauen gibt, die diese Arbeit noch mit 50, 60 Jahren machen.
Mariam und Djenaba sind schon mitten unter ihnen. Sie machen ihre Arbeit immer zusammen: Mariam zieht den giftgrünen Plastikeimer herauf und lässt dann vorsichtig das Wasser in den Ziegensack laufen, den ihr Djenaba hinhält. Ist der voll, wird er zugebunden und beiseitegelegt, jetzt wirft Djenaba den Eimer in den Brunnen und Mariam hält den Hals ihres Sackes offen.
Heute ist ein guter Tag für die Wasserträgerinnen, denn morgen, am Dienstag, ist Markt in Hombori. Da kommen schon am Vorabend Lastwagen mit Reis, Mehl und Zucker an. 

Am nächsten Morgen reiten die Tuareg auf ihren Kamelen ins Dorf, um auf dem Viehmarkt Ziegen, Schafe, Rinder und Kamele zu verkaufen. Die Fulbe reiten auf Eseln, die Songhai kommen zu Fuß.
Jeden Dienstag und Freitag kommt ein Bus durch Hombori. An den anderen Tagen kommt man nur mit kleineren Autos und etwas Glück aus Hombori weiter. An der Straße findet man ein paar kleine Restaurants, unser Campement liegt auch an diesem Weg.  Oben auf dem Hügel ist das alte „schöne“ Hombori mit dem großen Palast vom Chef du village und der Moschee im sudanesischen Stil. Die verschachtelten und verwinkelten Wege muss man zwischen Häusern und Mauern aus Felsbrocken suchen. Da oben sei es schöner, erzählen die Jungen, die unten in die Schule gehen. Mit ihnen kann ich Französisch sprechen. 

Als ich über den Markt streife, winken Mariam und Djenaba schon von weitem. Sie sind gerade einmal wieder ihre Last losgeworden, diesmal bei einem Wasserverkäufer, der das Wasser in kleine Plastiktüten einfüllt, diese zubindet und als Erfrischung verkauft. Es ist auch der Abschied, denn ich werde nachher mit dem Bus nach Gao weiterfahren – wenn er mich mitnimmt – inshallah!

 

© H. Tarnowski

27.2.2018

Minus 15 Grad am Morgen.
Da fühlt sich auch die Luft an wie Eis.

Ich rufe Idrissa an, habe doch versprochen, ihn nicht zu vergessen.
Aber jetzt noch nicht, es ist sieben Uhr, in Mali sechs. Da wird es gerade hell. Da dauert es noch eine Weile, bis er aus dem Zelt kommt und ein Feuer macht, um den Tee zu kochen. Dann erst kann er zum Telefonieren auf eine Düne steigen, wo der Empfang besser ist.
Idrissa! Wie immer begrüßt er mich mit einem hellen Juchzer. Dafür liebe ich ihn. Ça va? und ça va? und ça va? – ich höre das Fragezeichen, das eine Antwort will – ça va?
Seiner Frau gehe es auch gut, antwortet er auf meine Frage, nur die Knie, immer die Knie. Und auch der Tochter geht es gut, sie ist gesund und jetzt zehn.
Wie viele Ziegen er jetzt habe? Fünf waren es, mit dem Neugeborenen sind es jetzt sechs.
Idrissa ist wieder weiter in die Wüste gezogen, weil es dort sicherer ist. Denn in Malis Städten sei es noch gefährlicher als draußen in der Wüste, schlimm, schlimm. Vier Stunden geht er bis Timbuktu, alle drei bis vier Tage. Für das Essen, das Telefon und die Freunde.
Unser Gespräch kommt zum Ende, da höre ich eine Ziege meckern, es muss eine junge sein. Hat er sie aus dem Pferch geholt, damit ich sie hören kann? Wie ich mich freue!
Zum Abschied sagt er wieder: Vergiss uns nicht! Natürlich nicht, das kann ich ja gar nicht.

Es gibt viele Beschreibungen von dem, was Freiheit ist. Die Werbung bringt endlich mal was Neues:

FREIHEIT IST

WENN DAS DATENVOLUMEN SO GROSS IST WIE EURE LIEBE

Weil die Wirklichkeit inzwischen erweitert worden ist: Augmented reality. Tolle Erfindung.
Macht das Telefon zum Reiseführer.
Ich weiß noch nicht, ob das bei mir ein Grund für oder gegen ein Smartphone ist.
Und das passt ja jetzt: Mein feines kleines Nokia-Handy mag nicht mehr. Es sagt mir nur, dass der Akku geladen ist. Mehr nicht. Beim besten Willen.
Gebraucht habe ich es tagelang nicht und nicht gemerkt, ob es klingelt. 

28.2.2018

Mahamane ist pünktlich, braucht die 200 €, um Hirse und Reis usw. zu kaufen für die mit den Kindern seines Onkels gewachsene Familie. Das überrascht mich natürlich nicht. Ich mag gar nicht fragen, wie viele das sind.
Habe ich mir doch streng vorgenommen, bei 200 € für einen Monat zu bleiben. Da darf aber keiner krank werden -
Immer wieder erwische ich mich bei der Erwartung, dass das Geld, das ich schicke, so eingesetzt wird, wie ich es vernünftig
Zum Beispiel nicht für neue Kleider zu jedem Fest. Dass man spart, wenn man nichts hat und selbst nichts verdienen kann, weil es ist, wie es ist. Dass ich mit dieser Erwartung falsch liege, habe ich immer wieder merken müssen. Überheblichkeit der Reichen, die meinen, sie müssten erziehen. Wie machen es die Beschenkten „richtig“?

1.3.2018

Die Nacht war hell wie ein Tag. Ich hätte fast ohne Licht lesen können.
Jetzt hat mir die letzte kalte Nacht mit -12 Grad das Wasser abgestellt. Gegen Morgen habe ich gemerkt, dass ich vom Waschbecken nichts mehr höre. Die Leitung ist zu. Die 16 Grad in der Nacht zuvor hat sie noch geschafft.
Ich kann den Brunnendeckel nicht aufmachen, ohne ihn wegen der dicken Eisschicht darauf zu beschädigen. Ich werde warten müssen, bis ich einen Frostwächter hineinstellen kann, habe eine Leitung am Brunnenrand in Verdacht. Warum habe ich das nicht längst gemacht?!?

Ein hilf- und gedankenloser, wütender Doppelgriff – An- und Ausschalttaste gleichzeitig gedrückt – hat das Handy wiederbelebt.
Ob ich wieder einen Schritt zurück mache oder da weitergehe, wo ich inzwischen angekommen bin? 

Wieder die Zähne. Ein halbes Jahr noch, dann Implantat oder Prothese.
Dein Sarg hat keinen Anhänger. Bekomme ich zu hören.

2.3.2018

Vollmond um 1.52 Uhr.
Mal wieder ein letzter Tag.

Der Zangengriff der Kälte lässt ein bisschen locker. Ein bisschen nur, nicht genug, um mein Wasser fließen zu lassen. Der Frostwächter im Brunnenschacht konnte nichts ausrichten, das Ende muss 70 cm unter der Erde sein. Warum bin ich so ratlos? Es hat doch eine lange Zeit ohne eine elektrische Pumpe im Schacht gegeben, also alles auf Anfang: Wasser von der Quelle holen, heiß machen und in die festgefrorene Pumpe gießen, bis es knackt und der Schwengel sich bewegen lässt. Dann pumpen, pumpen, pumpen, bis das Wasser im drangehängten Eimer einigermaßen sauber aussieht. Zwei Eimer bringe ich ins Haus, einen in die Küche, den anderen ins Klo. Manche sagen dazu Bad, das ist es aber nicht, die wollen sich nur nicht vorstellen, wie man ohne Bad leben kann. Zwei Eimer haben meistens für zwei Tage gereicht.
Und jetzt heißt es: warten. Nur warten. Sonst nichts.

Manchmal ändert sich das Wetter, wenn der Mond abnimmt. Morgen.