3.-9.3.2018 – Wintermärchen

3.3.2018

Es wintert weiter. Wolltst Schnee, nu hast Schnee!
Heute Nacht hat er vergeblich versucht, die Löcher wieder zu stopfen, die der Hund in zwei Wochen da hineingelaufen hat.
Das Land hat keinen Horizont. Alles ist weiß, oben und unten. Man sieht nicht, wo Land aufhört und Himmel anfängt. Macht das eng oder macht das weit?
Die Welt ist zugleich ganz klein und unendlich. 

nebel

ich gehe weiter
wo die Welt vor mir zu Ende ist
wenn ich mich umschaue
ist der Weg
den ich gegangen bin
nicht mehr da

Der Kühlschrank, der der letzte sein wollte, schaltet sich immer wieder mal einfach aus. Gestern kam er nach ein paar Stunden wieder, heute nicht.
Die Wettervorhersage für die Skiwoche ist grauenhaft: 90-prozentiger Regen, einen Tag Sonne. Immer warm, was heißt: nasser, weicher, schwerer Schnee. Es ist zum Heulen. Eigentlich will ich da nicht hin.
Aber ich bin nicht allein.

4.3.2018

Wenn am Morgen Nebel die Welt verbirgt und die Grenzen auflöst, folge ich dem Zauber der Unendlichkeit. Ich liebe es, in dem grenzenlosen Weiß herumzulaufen, um dann mit den Schemen der Bäume die Welt wieder auftauchen zu lassen. Waschküche sagte man zu dieser Sichtweite, als es noch Waschküchen gab. 
Im Sonntag angekommen, frage ich mich, ob ich die Aufgaben bewältigt habe, die mir diese Woche gestellt hat, und sage: ja. Ich habe mich mit dem leeren Gefrierfach und den Wassereimern eingerichtet. Was noch droht, ist die Wettervorhersage für mein Highlight des Jahres: warmer Regen, ein Alptraum.  

Der Weg von meinen Augen zu meinem Gehirn ist ziemlich lang geworden: Ich sitze mit meinem Kaffee am Küchenfenster und muss schon eine ganze Weile hinausgeschaut haben, bis ich den Vogel vor mir liegen sehe.
Er liegt auf dem historischen Gasherd draußen dem Fenster. An der Scheibe haftet da, wo er abgeprallt ist, ein blaugraues Flaumfederchen.

Neuigkeiten vom neuen Kühlschrank: Er darf sich ausschalten bei 12 Grad Raumtemperatur. Ich muss die Küche heizen, damit der Kühlschrank kühlt und das Gefrierfach friert.
12 Uhr mittags: Die Sonne scheint, die Küche ist warm, der Kühlschrank ist kalt.
Das ist der Fortschritt. 

Meine eigene abnehmende Alltagstauglichkeit. Immer öfter diese Löcher, wo doch alles zusammenhängt. Und die Angst vor den Löchern, die genauso blöd ist wie die Löcher es sind.
Nein: noch blöder.

5.3.2018

Das Wintermärchen geht zu Ende. Am Morgen war der Boden noch gefroren und ich bin querfeldein gegangen. Ohne den Hund, der wollte heute nicht mit. Der Schnee war laut, aber noch konnte ich überall darauf treten. Aber die grünen und die braunen Flecken werden größer, fangen an, sich miteinander zu verbinden, und ich werde springen müssen.
Ich schiebe den letzten Schnee vom Holzdeck, fotografiere die Heckenbraunelle und hänge den Sperrholzvogel, den meine Große ausgesägt und angemalt hat, vor das Küchenfenster. Hier soll kein Vogel mehr sterben. 

Nach dem Wintermärchen nun die Winterreise durch Deutschland, auf die uns die aus Afghanistan, Syrien, Palästina geflohenen Künstler mitnehmen, als wäre das selbstverständlich. Also ist es selbstverständlich.

In der Stadt singen am Abend schon die Amseln. Hier klopft der Buntspecht. Das Zwitschern kann ich nicht verstehen, nur das von den Haubenmeisen.
Zwei Wochen strenger Winter genügen, damit das Winter-ade-Programm laufen kann: Aber dein Scheiden macht, dass mir das Herze lacht…
Ich gehe hinaus und steige in mein gut vorbereitetes Bett. Schaue nach dem Himmel und in die Birke, und als ich mich auf meine Schlafseite rolle, merke ich, wie weit sich meine Mundwinkel auseinandergezogen haben. Das lässt mich noch mehr grinsen.
Das ist der Moment, wo ich weiß, warum ich hier lebe.Um mit dem ersten leisen Ruf des Buchfinken aufzuwachen. 

7.3.2018

Sterben lernt man von den Vögeln. 
Auch die Januarkälte 
lehrt uns in die Zweige verstrickt nichts anderes…

Ich wundere mich. Wer sagt mir das?
Es sind die ersten Worte des Buches, das ich anfange draußen mit der Taschenlampe zu lesen: Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht. Antonio Lobo Antunes. 

Ich habe die Heckenbraunelle gestern Abend nach hinten in den Garten getragen und auf den Schneeflecken gelegt. Dort ist sie gut sichtbar für jeden, der diesem Tod noch einen Sinn geben kann, und für mich, wenn ich aus dem Küchenfenster schaue.
Als ich das heute Morgen tue, ist sie nicht mehr da. Fortgeflogen worden oder fortgetragen. Das ging schnell.

8.3.2018

Meine Automäuse, die gelernt haben, nicht in die Falle zu gehen, haben sich überall eingerichtet, wo es dunkel ist: unter den Rücksitzen und in den Skistiefeln, die noch gut sind, aber meinen Füßen weh getan haben. Ich wusste lange nicht, wohin damit. Als ich sie jetzt herausnehme, um sie bei dem kleinen Flohmarkt an der Wertstoffsammelstelle zu lassen, finde ich darin Mäusenester aus allem, was das Auto hergibt: zerrupfte Stoffe, Schaumgummi und Plastiktüten, Dübel, Schrauben, Scherben und Vogelfutter aus dem großen Sack, der kleine Löcher hatte, als ich ihn nach ein paar Tagen ausgeladen habe. Es war ziemlich mühsam, das alles aus den Spitzen der harten Stiefel zu holen, musste aber sein: Ich stellte mir vor, die Stiefel hätte jemand anprobieren wollen 

Auf dem Rückweg zwischen Bahnlinie und Schmutterwiese fliegt ein Storch neben mir her mit 20 km/h. Die Fischreiher sind auch schon da. Und in dem Nest auf der alten Kirche steht der zweite Storch  oder die Störchin?

Es gibt ein neues Geräusch in meinen Tagen: Wenn ein Wind geht, klopft der Sperrholzvogel mit seinem großen Schnabel an mein Küchenfenster. Jedes Mal wieder denke ich dann an die Heckenbraunelle.
Die Vogeluhr vom NABU sagt mir, dass von meinen Vögeln der Buchfink der erste ist, der am Morgen singt.
Gestern Abend zum ersten Mal auch die Amsel. Am Tag haben die Amselmänner in der Luft miteinander gekämpft.