10.-11.3.2017 – kriegsverwendungsfähig

10.3.2018

Nach dem Wintermärchen nun die Winterreise durch Deutschland, auf die uns aus Afghanistan, Syrien, Palästina geflohene Künstler mitnehmen, als wäre das selbstverständlich. Also ist es selbstverständlich.

Warum tötet ein Präsident sein Volk? Was heißt „Stellvertreterkrieg“? Wer stirbt für wen? Aber niemals stirbt der, der den Krieg will.
Die hohen Ziele der UN – in die Tonne getreten.
Was haben wir uns vorgemacht?
Wozu soll das Böse gut sein?

In Syrien leben immer noch Menschen. Müssen dort leben, wenn sie nicht fliehen können. Und wenn sie fliehen – was können sie gewinnen? Europa?!?
Heimat? Schon dieses Wort und dieser Wert!
Ich habe mich früh lange dagegen gewehrt, dass etwas, das die einen unverdient haben und die anderen unverschuldet nicht haben, so einmalig, so großartig, so wertvoll und lebensnotwendig sein soll.
Um trotz allem auch noch etwas davon abzubekommen, hat sich meine Mutter eine “zweite Heimat“ erfunden, hier in Bayern, wo sie ein Hure-Flichtling blieb.
Heimat musste sein, auch wenn „zuhause“ ganz woanders war.
Nein.
Es ist ein Begriff, der ins Museum gehört. Ein Heimatmuseum wie bei Siegfried Lenz.
Aber wie machen daraus ein Ministerium! Für wen? Es ist kein Witz, eher Hohn. Ministerium des äußersten Glücks? 
Endlich nennt es jetzt einer beim Namen: Heimat – ein Phantomschmerz.

11.3.2018

Wenn der Vater geredet hätte … wenn er hätte sprechen können … wüsste ich dann mehr?
Ich habe nur Papiere, die ich in das schwarze Loch stopfe, das meine Fragen gerissen haben:

 

WEHRPASS

mit dem roten Stempel:

Heer

Aktiver Wehrdienst

4.1.1937 bis 29.1.1937

Von weiteren Kriegshandlungen freigestellt zur
Aufrechterhaltung eines lebenswichtigen Betriebes.

Das ist gut, das ist gut. Weiter. 
Es geht nicht gut weiter.

Kriegsverwendungsfähig:

 

18.8.1939  bis  2.11.1939

19.11.1939 bis 22.2.40

 bis 18.4.40

Entlassen am: 19.4.40 als Schütze

 

Im Kriege mitgemachte Gefechte, Schlachten, Unternehmungen:

 

1939           Deutsch-polnischer Krieg

             1.9.             Übergang über d. Brair b. Janowa

 

1.9.39: Seit 5.45 wird zurückgeschossen!

Der Überfall auf Polen – gar nicht weit weg von zuhause. Da war er dabei.

 

2./3.9.          Gefechte b.  Gora

4.9.                  “       Nlawa

  7.9.           Narew-Übergang

10.9.           Bug-Übergang

14.9.           Gefechte b.  Wola

17.9.                “        Gawolni

            20./23.9.      Belagerung von Warschau

Später, viel später, als ich anfing, mir einen Zugang zur geistigen (ohne Anführungszeichen) Welt zu erlauben, habe ich Antworten bekommen. Als ich zu den Eltern und meiner Tochter die Verbindung aufnehmen konnte, haben sie gesprochen, wie sie es in ihrem Leben nicht gekonnt hätten.

David baut die Brücke zu mir mit den Bildern und Worten, die er von ihnen bekommt.

Mai 2007    

David:

Es ist der Vater. Er sieht ein Gemetzel, wo viele ums Leben gekommen sind.
Exekutionen? Hinrichtungen musste er sehen. Kameraden, die Uniformen ausgezogen haben. Deserteure?
Berge von Leichen. Es muss viele gegeben haben. Er musste danebenstehen.
Deutsche wurden von Deutschen getötet.

Die Russen waren nicht so schlimm, die Frontsoldaten waren in Ordnung. Die haben gekämpft und sind weitergezogen. Aber um die eroberten Gebiete zu besetzen, haben sie minderwertiges Personal verwendet, genau wie wir.
Die hatten ihre politischen Offiziere und dann fingen die Hinrichtungen an. 
Die russischen Frontsoldaten waren genau wie unsere Frontsoldaten, die mussten kämpfen, haben Leute im Gefecht umgebracht, aber die würden nicht die Leute in einer Reihe aufstellen und von hinten erschießen.
Es wird dich vielleicht überraschen, aber wir haben die Feldjäger mehr gefürchtet als die Russen.
Wenn du bei den kämpfenden Einheiten die Waffe fallen gelassen hast, wird der Russe dich nur ein bisschen um die Ohren hauen und am Leben lassen. Den Feldjägern war es egal, ob du bewaffnet warst oder nicht, die haben zuerst die Waffe abgenommen und dich dann erschossen.
Oder umgekehrt: Wenn du nicht erklären konntest, wo sich deine Waffe befindet, sind sie davon ausgegangen, dass du keinen Kampfgeist mehr hast. Es war besser, eine Waffe dabei zu haben, die nicht funktioniert, als gar keine Waffe zu haben. Falls sie fragen würden: wieso funktioniert deine Waffe nicht, könnte man immer sagen: ich kann den Feind mindestens damit schlagen. Dann war alles in Ordnung.

Am Anfang war ich stolz, meinem Land zu dienen, am Schluss wusste ich nicht mehr, wo und was mein Land ist. Fühlte mich seelisch völlig entwurzelt.

Da haben wir uns vorgestellt, wie der Russe kommt mit seinen Bajonetten: eins-zwei-eins-zwei.
Eine Möglichkeit wäre, in ihre Richtung zu laufen und von ihnen umgebracht zu werden, oder die andere Möglichkeit: in die andere Richtung zu laufen und von den Feldjägern umgebracht zu werden.
Ich habe mich aber entschlossen, nirgendwohin zu laufen und am Leben zu bleiben.
Es war ein sehr leichter Weg für viele Kameraden, manche haben absichtlich die Richtung der Russen gewählt, damit sie von vorn erschossen werden und nicht von hinten.
Weil dann wenigstens meine Witwe eine Rente bekommen wird.
Schlimme Zeit. Schlimme Zeit.

Als er noch lebte, habe ich den Vater gefragt:
„Vater (Papi habe ich da nicht gesagt), hast du eigentlich Angst vor dem Tod?“
Die Antwort kam sofort, da musste er nicht überlegen: „Ich hab vor dem Teufel nich Angst.“

Ich hatte die Angst. Die reichte bis Afrika.

Dort hat mich die Nachricht von seinem Sterben einge­holt. Ich war geflohen. Ich hatte eine solche Angst vor dem Tod, dass ich nicht wusste, was ich tat. Und bin einem Mann in die Arme gelaufen.
Auf den anderen Erdteil wollte ich fliegen, um zu sehen, ob Rettung möglich war und wo. Als ich die ersten Schritte machte in diesem schwarzen Land, habe ich geweint. Da war es Mittag und heiß. Es war auch Mittag und ebenso heiß, als ich mit der Nachricht vom Telefon ans Meer gegangen bin. Schönheit, nur Schön­heit, wohin ich sehen konnte. Mit einer Schärfe, die ich bis dahin nicht gesehen hatte. Plötzlich hörte ich mein lautes Weinen.
Da war die Welt nicht zu übertreffen an Gleichgültig­keit.

Dann habe ich auf seinen Tod gewartet.