12.3.2018 – PTBS

12.3.2018 – PTBS

Es vergeht kein Tag ohne posttraumatische Belastungstörungen.
In den Nachrichten, Dokumentationen, Filmen – dabei immer wieder Krimis.

 In Vaters Soldbuch sind Lazarettaufenthalte eingetragen: 

SOLDBUCH

zugleich

Personalausweis

Nachweisung über etwaige Aufnahme in ein
Standort-, Feld-, Kriegs- oder Reservelazarett

 Laz.-Aufnahme  2.11.39
Krankheit  Neuralgie
Entlassung  18.11.39
Res.Laz.  Allenstein

Vom Reservelazarett Allenstein
80 g E-Seife 50 g Rasierseife
am  6.11.39 verabfolgt

Ausgezahlte Gebührnisbeträge

am 13.11.39  für 11.- 20.11.39: Wehrsold RM 10.

Zugehörigkeit zu den Dienststellen des Heeres

von    4.1.1937   bis   29.1.1937          

von  18.8.1939   bis   2.11.1939 

von 19.11.1939  bis  22.2.1940   Königsberg/Pr.

von  23.2.1940   bis  18.4.1940   4. Kompanie VI. Landesschützen-Batl. 1

Bei der Entlassung aus dem Lazarett werden die wenigen Dinge zurückgegeben:

Kleidungs- und Ausrüstungsstücke

Feldbluse,  Hose,  Mantel, Kragenbinde, Hemden, Unterhosen, Schnürschuhe,
Unterjacke, Koppel kompl., Mütze, Strümpfe, Erkenn.marke: 1
________________________________________________________________________

Vorstehende Gegenstände habe ich erh.

Heilsberg, den 17.4.40

Gefr. Schulz                    Tarnowski

Die Entlassung nach Hause erfolgt am 18.4.1940.

nicht zurückgegeben – weil nicht vorhanden? 

Handschuhe, Drill.rock, Drill.hose, Stiefel, Kopfschützer, Handtuch,
Stahlhelm, Bekl.sack,Brotbeutel, Brotb.band, Eßbesteck,Tornister,
Seitengewehr, Patr.Taschen, Feldflasche, Trinkbecher, Mantelriemen,
Zeltbahn, Zeltstöcke, Zeltschnur, Schanzzeug, Kochgeschirr, Gew.zeug,
Gewehr, Gasmaske, Gasplan, Verb.päckchen, Decke, Fußlappen 

Zuhause werden dem Betrieb im Herbst die ersten Kriegsgefangenen aus Frankreich zugeteilt. Die einzigen französischen Worte, die ihr Vater sprach, waren die Namen der Franzosen, die er zu beschäftigen hatte, und die Namen der Städte, aus denen sie kamen und wo er sie nach dem Krieg besuchen wollte. Niemand hatte wissen dürfen, dass man an einem Tisch mit ihnen saß und aß. Gottseidank, es war nichts passiert. „Ich würde doch gern wissen, wie es denen heute wohl geht.“ Das war einer seiner wenigen Sätze.
Da hätte ich ihn noch fragen können: Als ich kam am 26.1.1943, warst du kriegsverwendungsfähig da zuhause? Und bei meiner Taufe an deinem Geburtstag am 4.2.1943? Wann habe ich ihn zum ersten Mal gesehen? 

Musterung

I.  Wehrbezirkskommando Gumbinnen  13.4.39
Entscheid    tauglich         Res. II
II. Wehrbezirkskommando Gumbinnen  24.8.40
Entscheid    k.v.             Res. II
III. Wehrbezirkskommando Gumbinnen  25.2.43
Entscheid    ztl. untgl. 3 Monate

Musterung und Aushebung

Nachträge

IV. gemustert am 7.6.43  W.M.A. Gumbinnen     
kv      Res.II
V.  Wehrbezirkskommando Gumbinnen 14.8.43
kv      Res.I
  VI. W.M.A. Gumbinnen untersucht am 15.8.44    
               zeitl. untgl. bis 15.8.44
VII. W.M.A. Coburg  23.3.45                                 
          nicht kv Magenkath.

Stadt- und Kreiskrankenhaus Insterburg

 Aerztliche Bescheinigung

Der Fleischermeister Herr O.T. aus Goldap hat vom 20. bis 22.9.43      
in stationärer Beobachtung unseres Krankenhauses gestanden.           
Es handelt sich bei ihm um ein schon seit Jahren bestehendes Magen-

- hier ist das Papier zerbrochen. Die zweite Hälfte fehlt.

Das Foto von dem Vater im Nachthemd im Bett, neben anderen Vätern in Nachthemden auf den Ellenbogen gestützt in ihren Betten liegend und lachend dem Betrachter zugewandt, als sollte dieser aufgefordert werden näherzutreten, um einem fröhlichen Gelage beizuwohnen.
Dieses Foto hält die Tochter gegen alles: tauglich, kv und Kriegsdienst.

Im Mai 2008 war ich wieder bei David, und er hat die Verbindung hergestellt:
Es muss so sein, dass dein Vater offiziell aus dem Militärdienst ausgetreten ist.
Ich frage: war er immer freigestellt oder tauglich, kriegsverwendungsfähig mit einem Magengeschwür?
Ich kenn mich nicht aus.

David: Zuhause war er nicht einsetzbar im Geschäft, weil er zu viel verschenken wollte, wenn Frauen den Zettel zeigten, auf dem stand, dass ihr Mann oder Sohn nicht wiederkam. Er lächelt und sagt: 

Weißt du, in schwierigen Zeiten hat ein Metzger immer viele Freunde. Es gab immer ein bisschen Extrawurst, und dann haben ihm die Leute geholfen, denen er einen Gefallen getan hat.

Weihnachten 44 hat auch er die Heimat verlassen. Wie er zu uns – meiner Mutter , meiner Tante und mir – nach Sachsen gekommen ist, weiß ich nicht. Kann keinen mehr fragen. Wir waren schon am 23. Oktober geflohen, als die Stadt zum ersten Mal von den Russen eingenommen wurde.

Wehrdienst im Beurlaubtenstande

W.M.A. Gumbinnen Abmeldung nach:
 Burkersdorf  21.12.44
W.M.A. Hoyerswerda:                         
                      Anmeldung in Burkersdorf  21.12.44
                      keine Abmeldung von Hoyerswerda
W.M.A. Coburg:                                  
Anmeldung: 10.3.45
Flüchtling von Burkersdorf

Flucht? Gumbinnen – Hoyerswerda?

Schrecklich. Das Schlimmste mit der Flucht war, man wusste nicht wohin, nur weiter.
Und wenn man immer nur weiter sucht, dann kommt man nie an.
Einen Zug militärisch zu begleiten war nicht Fahnenflucht. Der Zug hat Bewachung.

Der Vater hat es geschafft, diesen Marschbefehl zu bekommen, er sollte einen Zug begleiten. Es gab auf jedem Zug Soldaten mit Gewehren. Weil es so wenige Züge gab, und damit es funktioniert, mussten Soldaten auf die Züge klettern, um zu verhindern, dass die Leute einfach draufklettern.

Das mit den Stempeln war auch so eine Sache im Krieg. Man kann nicht immer davon ausgehen, dass ein Stempel mit Ortsname auch an diesem Ort verwendet wurde. Es war nützlich, einen Stempel in der Tasche zu haben.
Meine ganze Familie ist auf dem Zug, darf ich nicht mit, um den Zug zu überwachen?
Diese Züge waren nicht ungefährlich. Man hat versucht, sie anzugreifen.
Deswegen war es nicht feig, so einen Auftrag zu bekommen. Die Soldaten hatten viel zu tun: Wir mussten aufpassen, Weichen stellen. Es war erforderlich, die Weichen zu bedienen, wenn die Züge in die andere Richtung, Richtung Front, fuhren. Du musst verstehen: Die Züge mit den Flüchtlingen waren die leeren Züge von der Front. Die Priorität war, Sachen an die Front zu bringen. Die haben keine Züge geschickt, um die Flüchtlinge wegzubringen. Die waren halt da, und wenn man die richtigen Leute gekannt hat, konnte man einen Platz bekommen. 

Er zeigt mir geschlossene Güterwagen.

Wir mussten die bewachen, die mussten ankommen, und wir mussten unterwegs die Gleise frei machen für die Sachen Richtung Front. Deswegen war das keine Fahnenflucht, das war ganz offiziell.

In der Situation spricht man nicht viel mit anderen, man versucht einfach wegzukommen und hofft, dass nicht zu viele auf die gleiche Idee kommen. Überlebensinstinkt. 
Erst hinterher, wenn man es geschafft hat, überlegt, man: was ist da eigentlich passiert.
Es war unheimlich ruhig in dem Zug, die Stimmung war sehr gedrückt, niemand hat gesungen, die Kinder haben nicht einmal geweint. Es war sehr still, bedrückt. Die Leute waren sehr, sehr still. Fast wie ein Geisterzug. Unheimlich.
Sie waren leise aus Angst, wenn sie zu laut sind, würde der Russe sie hören und schießen. Es war bitter kalt.

Wer hat mich gehabt?

Er war es nicht. Er musste woanders sein, aber ihr wart dabei.

Das Weinen: Die haben dir gesagt, du darfst nicht weinen, falls der Russe dich hört. Einfach die Luft anhalten.

Er möchte, dass du weißt: 

und damit sind wir auch angekommen.

Nach Mönchröden b. Coburg, Schulstr. 121 – ein Dachzimmer in der Lehrerwohnung – kommt am 9.4.45 mit der Feldpost:

Einschreiben!

Eilige Wehrmachtssache!   

Wehrmeldeamt Coburg     7.4.45

Einberufungsbefehl A

Sie werden hierdurch zum aktiven Wehrdienst einberufen und
haben sich spätestens 3 Tage nach Erhalt des Einberufungsbefehls 

bei ……….             kein Eintrag
in ……….               kein Eintrag 

zu melden.

W.M.A. Coburg      

14 Uhr

 

Ist er gegangen? Wohin? Und wann? Wie weit ist er gekommen in den vier letzten Wochen? 

Berlin kapituliert zwei Tage nach Hitlers erweitertem Selbstmord.
Am 8. Mai folgt die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht.

 Der Vater über den Krieg und sein Schweigen:

Der Krieg ist ein Raubtier, das sich von Lebensenergie sättigt. 

Manchmal nimmt der Krieg soviel Lebensenergie, dass die Leute nicht weiterleben. Aber manchmal ist er ganz gemein und nimmt fast alles, aber nicht alles. Und dann lebt man weiter. Man fühlt sich, als ob es einen Raubüberfall gegeben hat. Aber den Täter kann man nicht fassen, nicht sagen: Gib mir das zurück.

Viele sagen, dass Menschen für Frieden und solche Dinge zuständig sind. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Krieg ist eine Energie, die sich ernähren möchte. Wenn man das wirklich verstehen möchte, muss man es wirklich wie eine Art Lebewesen betrachten, das sich ernähren und weiterleben möchte.
Wenn mehr Menschen das verstehen würden, würden sie vielleicht dieses Tier nicht füttern. Aber sie meinen, man kann es in einem Zwinger halten. 

Es ist vielleicht schwer zu verstehen für jemanden, der das nicht selbst erlebt hat, aber es vermittelt ein Gefühl: Ich hab’s besiegt. Weil ich in meinen Nachkommen weiterlebe.

Vielleicht kannst du jetzt verstehen, warum ich darüber nicht gesprochen habe, weil ich nicht andere mit diesem Trauma anstecken wollte. Es nicht weitergeben, sondern für mich behalten.

Er muss furchtbare Dinge erlebt haben, ich höre viel Schreien im Hintergrund.Menschen, die gequält werden und schreien.
Sie wussten nicht, wie es weiter geht.
Es sind nicht nur Männer, es sind auch Frauen, alte Leute, junge Leute, Kinder, wahrscheinlich Vertreibung.
Es ist kalt, Schnee, Winterlandschaft. Es ist sehr, sehr kalt, wie arktischer Winter.

 Man musste immer weiter, immer weiter, wenn man länger als fünf Minuten stand, war man festgefroren. 

Er zeigt mir einen Wagen mit vier Rädern, wie ein Heuwagen, eine Kuh oder ein Ochse schleppt ihn. Es geht sehr langsam. Er muss Gewalt erlebt haben. Da ist eine dunkle Blutrinne auf dem Schnee.

Es ist wichtig, dass du verstehst, warum er dir das damals nicht erklärt hat, er wollte es dir ersparen. Er hat gesehen, wie das läuft:

Das ist wie ein Bündel, das man weitergibt. Ich wollte es für mich behalten. Man wird es sowieso nie ganz los.
Du musst diese Last für mich nicht weiter tragen.
Vielleicht kannst du mich jetzt besser verstehen, warum ich nicht viel erzählt habe.

Wenn du mich als jungen Mann kennen gelernt hättest, hätte ich dich schockiert. Ich war ein Spaßvogel, für jeden Blödsinn zu haben. So was wird rausgehämmert im Krieg. Solche Leute überleben einen Krieg nicht. Wer für jeden Blödsinn zu haben ist, da gibt es immer eine Kugel mit einem Namen drauf. Man lernt, vorsichtig zu sein, überlegt langsam, nie spontan zu reagieren, selten Gefühle zu zeigen. Alles auf Sparflamme zu halten. Die Hoffnung, dass eine Kugel dich nicht findet, wenn du dich klein hältst. 

 Deswegen möchte ich, dass du weißt, das hat der Krieg aus mir gemacht, so war ich nicht.

Er hat gesehen, wie seine Heimat kaputt gegangen ist, bevor er sie verloren hat.
Das ist wie ein doppelter Raubüberfall. Es ist eines, die Heimat zu verlieren und noch angenehme Erinnerungen, wie eine Märchenwelt, zu haben. Aber wenn man die Heimat verliert und man denkt an etwas Furchtbares, das ist ein doppeltes Trauma.

 Er hat versucht, einfach nicht daran zu denken, das war das Beste. Und sich einfach irgendwie durchzuschlagen, um zu überleben.

Aber ich bin nicht allein, das sind Tausende Leute wie ich gewesen, das war ein Volkstrauma.

Es ist lächerlich – es gibt diese Leute heute, die meinen, sie würden es wieder gutmachen durch Reparationen. So was kann man nicht rückgängig machen, es steht da wie ein uneingeladener Gast, der nicht nach Hause geht. Es hat ein eigenes Leben.

Ich hatte nicht so viel Lust zu leben. Überwiegend war das Warten, bis es vorbei ist, hoffentlich wird es das nächste Mal angenehmer sein.

Ich war sehr verantwortungsvoll und pflichtbewusst. Ich bin geblieben wegen meiner Familie und meiner Liebe für die Familie. Ohne einen Mann haben die schlechte Chancen. Deswegen bin ich geblieben.
Es wäre sehr leicht für mich gewesen, in die falsche Richtung zu laufen und damit jemanden dazu zu bringen, mein Leben zu enden und mich zu erschießen. 

Er zeigt mir Soldaten mit Bajonetten. Die sind nicht freundlich.

Entweder hätte ich in eine Richtung laufen können und aufgespießt oder in die andere Richtung und erschossen werden. Der Gedanke ist ein paar Mal durch meinen Kopf gegangen, dann hab ich an meine Frau und meine Familie gedacht. Das kann ich denen nicht antun, ich muss bleiben, sonst haben die schlechte Chancen. 

Es gab immer Kerle mit Waffen. Man musste stehen bleiben, wenn man weggelaufen ist, wurde man erschossen.

Ich war sehr gesellig, und du hast manchmal einen Hauch von mir gesehen, einen Schatten, aber mein Schicksal hat mich klein gemacht, diesen Teil von meinem Charakter.
Es ist so, als ob du das Gefühl hast, dass ein Teil von mir in dir weiterlebt. Das kannst du machen, solange es nicht der aus dem Krieg ist. 
So bin ich nicht. Es ist nicht nötig, dass du diesen Teil von mir am Leben erhalten musst.

Er zeigt in die Natur, alles ist grün. 

So wie dort bin ich eigentlich. Wenn du mich am Leben erhalten willst in deinem Herzen, deiner Erinnerung, dann denke an mich in solchen Situationen. Da hab ich mich zeigen dürfen. 

Grün hat er gesehen, wenn er vor meinem Küchenfenster saß und in den Garten schaute. Manchmal sagte er dann: „Das ist schon ein schönes Fleckchen Erde“.

© H. Tarnowski