18.-28.3.2018 – Hure-Flichtling

18.3.2018

Hier sind die Tage ohne mich vergangen, und Mamadou will wissen, was ich gemacht habe.
Skigefahren bin ich. Und davon richtig kaputt. Ich bin mir wieder ein bisschen schwerer geworden. Wie jedes Jahr. Es ist die Frage, wie lange mich die wenigen Momente des Fliegens noch locken und tragen werden, wenn es jedes Jahr weniger sind.

 Ich sehe wieder Nachrichten. Nichts Neues: Die fliehen müssen, wollen am liebsten nach Deutschland.

Wir sind Weltmeister im Wegwerfen, im Bäume Vernichten für sinnlosen Papierverbrauch, im Vergiften unserer Luft mit sinnlosen Autos und – darauf sollen wir stolz sein? Es ist nicht einmal fremdschämen, wenn ich mich dafür schäme. 

Mamadou hat wieder ein landwirtschaftliches Projekt, für das ich Geld auftreiben soll. Er schickt einen gründlich ausgearbeiteten Plan, damit ich ihn an organisations humanitaires weiterleite.
Aber wie soll ich das machen, wenn ich die Dinge, die landwirtschaftlichen Begriffe, gar nicht verstehe? Das könnte ich ja nicht einmal deutsch, wie dann französisch? Wie kann ich den Weg finden, der das Werk an die richtige Stelle bringt? Ich bin noch nicht klüger geworden: wohin mit einem afrikanischen Landwirtschaftsprojekt?!? Mal wieder Oikokredit anrufen, morgen, heute ist Sonntag.
Und kalt und Schnee und Winter und kein Wasser im Haus.

Der feine, leichte Schnee fliegt unter der Markise herum auf mein Kopfkissen. Ich ziehe mir die Hasendecke bis über das Gesicht und habe ein schlechtes Gewissen. Sehe nackte Füße mit Badelatschen im Schnee aus dem Weg nach Deutschland. Wenn mir kalt ist, kann ich mir eine weitere Decke holen.
Wie kann ich mich mit damit abfinden, dass mir warm ist, wo so viele Menschen jede Nacht und jeden Tag fürchten müssen, weil sie nicht wissen, wie sie es überstehen sollen. Und die verbrannten Kindergesichter.
Ich versuche es mit ein paar hundert Euro für Ärzte ohne Grenzen.

19.3.2018

Montag. Ich mag ihn nicht. Und den zurückgekommenen Winter mag ich auch nicht. Mit seinen Anstrengungen, die ich schon hinter mir lassen wollte. Wenn es jeden Tag ein Grad wärmer wird, könnten wir am Samstag die Nullgradgrenze erreichen. Oben. Unten: 80 cm tief in der Erde kann es bis Ostern dauern. Mindestens. Aber das Rechnen hilft nicht: Nach dem Kaffee habe ich keinen Tropfen Wasser mehr, muss zur Quelle gehen, welches zum Heißmachen fürs Auftauen der Handpumpe holen. Dem Brunnen kann ich dankbar sein, der so nah – ich muss nicht mit dem Esel zum Wasserholen gehen – und nie ausgetrocknet ist.

In diesen Tagen ist mir mein Leben auch mühsam und schwer. War es schon einmal so schwer, es sei denn, ich war krank? Nicht dass ich wüsste (auch so ein Muttersatz, der aber heute sehr beliebt ist). Beim Klavierspielen stolpern meine Finger, bis ich damit aufhöre.
Telefonieren werde ich heute nicht. So wie ich gerade in der Welt bin, kann ich niemanden davon überzeugen, dass das, was ich möchte, sinnvoll sein kann.

Die Schneelast, die die Markise tief durchgedrückt hat, habe ich heruntergeschlagen. Sie ist mir beim Aufwachen aufgefallen, als mich nicht die Vögel – die rufen nur sehr zaghaft –, sondern meine kalten Füße geweckt haben. Mein üppiges Bettzeug wieder ins Haus zu nehmen, will ich mir nicht vorstellen. Das wäre wie rückwärts leben. Mag ich nicht. So muss ich da durch.

20.3.2018

Im Rückwärtsgang.
Habe ich aufgegeben?
Ich streiche die Segel vor dem Schneestaub, der jetzt unter die Markise fliegt. Und vor den kalten Füßen. Ich kann es mir aussuchen.
Zaghaft, zögernd, wie traurig, das Pfeifen der Stare am Morgen.

21.3.2018

Mein Bett ist eingeschneit.
Der Hund kam mit großen Flocken auf seinem schwarzbraunen Fell von seinem Nachtausflug zurück. Ich habe aufgegeben, bin zu meinem Winterbett in der Veranda. Sehr vernünftig, dieser Luxus. Der Schnee ist geflogen gekommen, der hätte mich überall gefunden. Am Morgen ist die Welt wieder weiß.
Jetzt ist es amtlich: Wir haben den kältesten Frühlingsanfang seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. 

Widerstand ist zwecklos. Und das Wünschen hilft schon lange nicht mehr.
Drei Tage habe ich gebraucht, um mich von der Erwartung zu trennen, die schon bald ein Jahr in mir festsitzt: Nach dem Skifahren in der Märzmitte fängt der Frühling an!.
Als ich erschöpft vom Berg zurückkomme, wo ich für Wärme und fließendes Wasser nur an Knöpfen drehen musste, ist es kalt. Sehr kalt. Kein Gedanke an Wasser aus der Leitung. Die Wärme der letzten Woche reichte nicht tief genug.
Da habe ich gebockt. Widerwillig die alte Pumpe aufgetaut, um meine Eimer zu füllen, nachdem ich und es aufgeschoben hatte, bis wirklich kein Tropfen mehr im Haus war. Als ob ich damit etwas erzwingen könnte.
Ich räume die Asche aus dem Ofen, putze noch einmal sein Glas und bereite das Anzünden vor.

Goldammern! Zwölf Meisen! Alle hüpfen unter den Vogelhäusern und Meisenknödeln im Schnee herum. Bei mir! Das Futter geht zu Ende, ich muss in die Stadt fahren und nachkaufen, zentnerweise.

22.3.2018

Der Nord-Nordost ist kalt.

Eine Heckenbraunelle kommt zum Futter! Wenn sich die erste nicht am Küchenfenster den Tod geholt hätte, wüsste ich ihren Namen nicht. 

23.3.2018

Es ist nicht leicht, in zwei Jahren gleichzeitig zu leben.
Nachdem die Entscheidung, aus dem geplanten online-Tagebuch ohnesinn ein Buch werden zu lassen, beinahe ohne mich gefallen ist, war diese Abzweigung möglich. Sie ist auf den alten Wunsch gestoßen: noch einmal ein Buch. Wenn es einer machen will, dann gerne! – habe ich gesagt. Aber den Weg dorthin, der schon dreimal in eine Sackgase geführt hat, wollte ich nicht noch einmal gehen. 

Mein erstes Buch war Ramadan. Ein Experiment

Da habe ich mich schon einmal an den Mond gehalten. Er war leer, als ich anfing. In vier Wochen wollte ich meine Vatergeschichte erzählen, die ich mir zu schreiben vorgenommen hatte, als mein Vater noch lebte. Die Sprache dafür fand ich erst, als er tot war.  

1990

Wahrscheinlich muss ich meine Geschichte wirklich erst schreiben, damit sie ist.
Mich hinsetzen, einen Bleistift nehmen und den Radiergummi bereitlegen, einen kleinen Stapel Papier zurechtrücken – nicht zu hoch den Stapel, damit die Hand nicht abstürzt – und mir eine Zeit vorgeben, die ich von dem heutigen Tag an einen zukünftigen, welchen ich in diesem Augenblick bestimme, binde.

Ich muss dem Ort eine Zeit geben und der Zeit einen Ort.
Ich werde die Zeitrechnung ändern.
Von jetzt an will ich nicht mehr von vier Wochen sprechen, sondern von einem Monat. Ein Monat ist keine Zahl, es ist eine Zeit mit einem Anfang und einem Ende. Eine Zeit von Mond zu Mond.
Es ist Ramadan. Der Fastenmonat.

Auch wenn ich den Mond nicht sehen konnte, einer muss es gesehen und weitergesagt haben, wie der leere Mond aufging, als ich diese Geschichte begann.

Es ist für mich wichtig, zu wissen, dass diese Geschichte in vier Wochen ihr Ende hat. Darum bestehe ich so hartnäckig auf ihrem Anfang. Wir werden uns trennen, wenn die Tage am längsten sind und wieder unserer eigenen Wege gehen.
Was ich in diesen vier Wochen erzählten kann, werde ich erzählt haben. Was ich nicht erzählt haben werde, werdet ihr nie erfahren.
Ich werde eine Geschichte gemacht haben.
Aber mehr als ich getan habe, werde ich nicht getan haben.
Wie immer werde ich mehr unterlassen haben als getan.

Neumond.
Dem verschwundenen Mond gebe ich meine Geschichte mit.
Ramadan ist vorbei.

2018  kommt diese Geschichte in zwölf Mondmonaten wieder.

Mein zweites Buch, das ich in Palästina gefunden habe, ist in 2017 mit 74 wieder aufgetaucht.
Das dritte: aufgebrochen. Oder warum Ouagadougou soll 2019 folgen – wenn „alles gut“ geht – soll heißen: mein Kopf mich nicht im Stich lässt und die Löcher unüberwindbar werden.

Ich habe mir kein Buch mehr vorgenommen. Viele schöne Fotobücher von überall gibt es, wie man sie heute für sich allein machen kann. Aber wo blieb das Schreiben? Immer nur Tagebuch und Artikel von meinen Reisen?
2017 war es so weit, dass ich mir das Internet als einen Ort vorstellen konnte, der keine Schublade war. Es wäre wieder möglich zu leben, um davon zu erzählen! 

Nach einem Jahr sollte der Text ins Netz. Dafür habe ich Hilfe gesucht. Und die Hilfe fand, nachdem sie das Ganze gelesen hatte: Das sollte ein Buch sein. Die Menschen, vor allem Frauen, die das lesen wollen, leben nicht im Netz.

Dann kamen keine guten Wochen zwischen der Angst, ich würde nicht mehr so weiterschreiben können, und der Verführung: noch einmal ein Buch. Das Glück nach dem Unterschreiben des Vertrages mit dem Fink-Verlag für Flucht in die Finsternis habe ich nie vergessen.
Allmählich ertrage ich die Vorstellung davon ohne Störungen. Die ersten Schritte sind mir abgenommen worden. Aber jetzt muss ich doch noch einmal selber ran. Jetzt bin ich dabei, die Tage weiter zu schreiben, und bringe kleine Ordnungen in 2017 mit 74. So lebe ich in zwei Zeiten, zwei Büchern, und wieder in einem März.

Da steht ein Reh am Zaun.

Meiner ärztlichen Freundin habe ich erzählt, wie ich mich in den Schnee legen musste, weil ich so starke Schmerzen in der Magengegend hatte. Sie hat mir das Versprechen abgenommen, für ein EKG zum Arzt zu gehen. Habe ich gemacht, es ist ganz unauffällig. So will ich es.
Aber wenn es mir nur deshalb gut geht, weil ich nicht wissen will, was nicht gut ist – ist das auch nicht gut.
Komisch ist die Frage nach meiner Patientenverfügung und wer den Hund nimmt.

Der Hund ist gerade krank. Mag nicht hinausgehen, lässt den Kopf hängen, rollt sich in die Sofaecke und wimmert leise vor sich hin. Wenn ich ihn vorsichtig anfasse, wimmert er lauter. Er macht mir Sorgen. Es ist schon der dritte Tag.

Altwerden ist, wenn ein Satz von mir handgeschrieben und eingerahmt von der Küchenwand einer Freundin zu mir zurückkommt: Da gibt es keinen Vorder- und auch keinen Hintergedanken und auch sonst keinen Gedanken.
Ich denke, das könnte von mir sein, und frage: habe ich das gesagt? – Ja.

24.3.2018

Es schneit gerade nicht, da bin ich mit meinem Bett wieder hinaus gezogen und habe bei den Vögeln geschlafen, bis sie mich aufgeweckt haben. Ich bin ihnen so dankbar dafür und füttere sie gerne, damit sie das noch lange, lange tun. Unter Sternen einschlafen und wissen, dass ihr Gesang mich wecken wird – traumhaft.

Gar nicht gut ist, wie ich Dinge sehr schnell, zu schnell und unnötig schnell machen will. Klavierspielen zum Beispiel. Als mich mein Lehrer bremsend darauf hinweist, sage ich: ich hab keine Zeit! Natürlich ist das zum Lachen, aber es ist was Wahres dran.
Verfalle ich doch immer dann in Hektik, wenn ich das Gefühl habe, ich müsste zu einem bestimmten Termin fertig werden. Einem Termin, den keiner kennt.
Ich habe einen Termin, das ist sicher. Aber ich kenne ihn nicht.
Yalla geht es wieder gut. Was auch immer es, war, sie hat es überstanden und ist wieder die alte. Allhamdellulai!

25.3.2018

Sommerzeit! Ich hätte gerne immer Sommerzeit und verstehe nicht, warum es nicht die möglich ist, das ganze Jahr „Sommerzeit“ zu haben. Ich habe dafür schon zweimal unterschrieben. Dann gäbe es die Umstellungsprobleme nicht, die alljährlich zweimal diskutiert werden. Eigentlich ganz einfach. Man müsste nur einen östlicheren Breitengrad als Zeitzone nehmen. Und ich müsste morgens nicht so lange mit dem Aufstehen warten und die Abende wären nicht so lang. Die Tage hätten dann mehr Licht, wenn die meisten Menschen Zeit dafür haben. Von jetzt an werde ich draußen essen, wenn die Amsel oben auf der Tannenspitze ihr Abendlied singt. Dann ist es nämlich sieben.

Monika Maron: Chaos im Kopf. Und die ansteckende Angst in unserem Land vor dem Fremden.
Die Fremde: Da fahren wir hin, da fliegen wir hin, wollen uns etwas abgucken und mit nach Hause nehmen. Ohne Angst vor dem Fremden?
In Burkina, in Benin, in Mali, überall gab es Kinder, die laut schrien, wenn sie mich sahen, weil ich ihre erste Weiße war. Sie hielten sich die Augen zu oder klammerten sich an Vaterbeine und versteckten sich hinter ihnen. Dann lachten die Väter und wollten uns beruhigen, das Kind und mich.

Aber die gleiche Hautfarbe ist kein Schutz.Nach Vaters Tod im Mai 1989, schreit der Nachbar meiner Eltern nachts in mein Telefon: Gehn’s doch hin, wo’s herkommen sind! Jetzt können Sie’s ja!  November 89.

Hure-Flichtling wurden wir erst hier. Das hatte man sich nicht vorstellen können nach den Jahren in Oberfranken, wo der Oskar und die Erika 1950 mit einem für sie geschriebenen Lied verabschiedet wurden. Man ließ sie nicht gerne gehen. Wahrscheinlich glaubten meine Eltern, das würde überall so sein. Aber hier waren sie auch nach ihrem Tod noch die Hure-Flichtling. 

In Oberfranken sind meine ersten Erinnerungen zuhause.

1990

Als die Familie dann an einem Ort geblieben ist in Thüringen, dort, wo es sich kurz darauf für Bayern entschied, und die Sachen nicht mehr weitergeschickt wurden, da muss es Frieden gegeben haben. Frieden.
Ein Beerenfrieden, ein Pilzefrieden, ein Kartoffelfrieden.
Der Vater und die Mutter, auch die Tanten und die Onkel, waren immer da, um im Sommer die Beeren zu pflücken und die Pilze zu sammeln und im Herbst die Kartoffeln zu holen, die die Ernte übriggelassen hatte. Erst viel später habe ich erfahren, dass ich in diesen Tagen einen Bruder verlor, weil die Mutter, wie es der Vater verlangte, über eine Wurzel gestiegen und dabei hingefallen war.
Es sei gar kein Frieden, hat er gesagt, nur ein Waffenstillstand. Da ruht der Krieg sich aus, hab ich gedacht. Er schläft. Wie schön muss dann erst ein Frieden sein. Wenn der Krieg nicht mehr aufwachen will.
Passt auf, und geht nicht zu nah an den Schlagbaum, wenn ihr im Wald nach Himbeeren sucht!
Das wäre jetzt also der wirkliche Frieden, wenn der Omnibus, der zwischen Oberfranken und Thüringen pendelt, jeden Tag viermal an der Schule, vor der ich mit meiner Zuckertüte stand, und an Vaters Gastwirtschaft, dem „Sensenhammer“, hält. Daneben ist jetzt ein Parkplatz für die Trabis eingerichtet. Das Glück, das ich im Fernsehen sah, habe ich, als ich kam, nicht gefunden.
Ich komme immer zur falschen Zeit. Da ist es trübe und düster. Immer komme noch zu früh und zu spät. Wer sammelt heute noch Beeren und Pilze. Die Eltern sind tot. Aber still ist es nirgends. 

Wo sind die Flüchtlingsausweise? Sind sie noch immer in der Kassette?

Die wichtigsten Papiere befanden sich in der Kassette, bis ich nach Vaters Tod hervorholte: das Soldbuch. Der Wehrpass. Der Einberufungsbefehl. Das Verbandswanderbuch, das Arbeitsbuch und die Handwerkskarten vom Vater und von der Mutter.
Die Flüchtlingsausweise nehme ich erst heute heraus:

Ausweis für Vertriebene und Flüchtlinge: A.
Ständiger Aufenthalt im Bundesgebiet
seit:             1.3.1945

Im Ausweis meiner Mutter bin ich als Kind unter 16 Jahren eingetragen und mit einer Reihe von Gleichheitszeichen === ausgestrichen.
Dazu die 

Behördliche Eintragung: Tochter Heidemarie gestrichen am 14.2.1973.
Ausgleichsamt, Abt. Flüchtlingswesen.

Ganz oben Kassette in der lagen immer auch die Kontoauszüge des laufenden Jahres. An der rechten unteren Ecke waren sie fast schwarz von dem so oft zum Blättern angefeuchteten Finger. 1989 hört das mit dem April auf. Der Mai zeigt keine Spuren der Berührung mehr.
Daneben etwas Geld. Nicht viel. „Ich brauche doch nichts!“

Um die Kassette zu öffnen, musste er den kleinen schmutzig-abgegriffenen Schlüssel aus dem Portemonnaie nehmen, wo er zwischen vielen Münzen lag. Das Portemonnaie war schwer wie ein Stein von den vielen kleinen Münzen und brach an mehreren Stellen auseinander. Als er die Geldstücke nicht mehr unterscheiden konnte, hat er zum Bezahlen die Scheine genommen und das Kleingeld, das er zurückbekam, nickend eingesteckt. So wurden es immer mehr Münzen und die Börse wurde schwer und schwerer, manchmal nahm ich ihm die Münzen weg und gab ihm dafür Scheine. Oder ich ließ ihn mit dem Kleingeld bezahlen, wenn wir zusammen einkaufen gingen. Das tat er dann, wenn auch widerstrebend. Er wollte seine Schwäche verbergen. 

Heute rühren mich die Wörter und Zahlen mit stumpfem Bleistift auf den Rückseiten kleiner Kassenzettel.  Gegen das Vergessen? Es sieht so grob und hilflos aus. Warum habe ich das alles nicht schon längst entsorgt? Brauche ich dieses Wort jetzt, um nicht weggeschmissen zu sagen? Fällt mir das Entsorgen leichter?

26.3.2018

Ku‘damm 59. Wie es hier vor 60 Jahren zugegangen ist mit den Männern und den Frauen. Hilft vielleicht gegen manche Überheblichkeit und Besserwisserei.

Vielleicht war es immer schon so, dass die Alten aus der Zeit steigen wollten. Dass es gar nichts Neues ist, wenn man sich aus der Kurve geschleudert fühlt mit fünfundsiebzig. Nur für jeden einzelnen ist es etwas Neues, wie für mich.
Es war wieder einmal der Tag, an dem alles zu früh kommt: die Müdigkeit, die Langeweile und der Hunger – vor allem beim Hund.

Dass ich hier immer noch einen neuen Weg finde, lässt mich staunen. Heute durch einen ganz anderen Wald und in weitem Bogen zu uns zurück.
Natürlich habe ich alte Gedanken dabei: Wie kann ich das Timbuktu-Projekt dahin weiterschieben, wo es hingehört? Wo es verstanden werden kann? Oikocredit anrufen. Da ist heute keiner, ich soll es später nochmal versuchen. Später ist anscheinend nicht heute.
Muss doch möglich sein in der EU, ich weiß nur nicht wie.
Wie Geld zu schicken ist, das weiß ich, heute zweimal Western Union. Mamadou will das dritte Kind seines Onkels nach Segou bringen, dann hat er noch sechs Kinder im Haus. Und Idrissa versucht es wieder mit dem Telefon, er denkt wohl, ich habe ihn vergessen, zwei Wochen nichts, das ist Vergessen. Also gut.
Geld ist nicht zum Sparen da! Was für ein befreiender Satz.
Weil ich nicht weiß, ob ich das denken darf, sage ich: mit 75.

Der Rechner ist widerspenstig. Hängt sich ständig auf. Ich habe mich schon lange nicht mehr um ihn gekümmert, ihn nur für meine Zwecke benutzt. Also reparieren und reparieren. Dann mag er wieder. Ich bin stolz: Ich habe mir zu helfen gewusst!

27.3.2018

Warum habe ich den Fernseher nicht früher ausgeschaltet? Musste ich noch die toten Bienen sehen und die Vögel, die es nicht mehr gibt? Mit der grauslichen Vorstellung von einer Welt ohne Vögel kann ich gar nicht einschlafen. Denke an den kleinen Zaunkönig, den ich in diesem Jahr vermisse, und an den ohrenbetäubenden Jubel am Morgen und am Abend. Gibt es nicht mehr. Solostimmen, manchmal auch mehrere, mal hier, mal da. Aber eine Sinfonie wird es nicht mehr. Kein Rauschen in den Ohren. Eine Amsel singt am Abend zehn Minuten lang, dann eine zweite. Und die erste feine Stimme am Morgen erwarte ich mit Sehnsucht und Zärtlichkeit.
Wie lange wird es dauern, bis ich aufwachen kann, ohne daran zu denken, wie es einmal war?
Dann suche ich Trost bei den Vögeln, die zu mir kommen, um zu fressen. Sie sollen immer satt genug sein, um das Wenige, das sie noch fangen können, ihren Jungen zu bringen.

Idrissa jauchzt wie immer, als er mich erkennt. So klingt Freude. Und erst dann, als ich ihm sage, dass ich 100 € geschickt habe! Ob er schreiben kann? Klar – le sable. Mit den Fingern in den Sand, das geht immer. Korrekt wiederholt er jede der zehn Zahlen. Und dass Aidia krank ist. Was sie hat? Sie erbricht, was sie isst. Ein Rat, den ich durch das Telefon geben kann: Zwei Tage gar nichts essen, nur viel trinken, vor allem Wasser, und den Tee ohne Zucker. Idrissa wiederholt, was ich sage, und dankt, als hätte ich ihm etwas geschenkt. Ich zweifle an der Wirksamkeit meiner Worte, trotz der Strenge, die ich hineinlege: ohne Zucker!
Undenkbar, wenn ich an die Mengen Zucker denke, die in der kleinen Teekanne verschwunden sind - 

28.3.2018

Ein Dompfaffenpärchen und ein Kirschkernbeisser sind da! Wieder ein Trost. Dass es sie noch gibt und sie mich gefunden haben.
Warum schleicht der Hund wie eine Katze? Wovor hat er Angst?
Heute Nacht und am Morgen habe ich ein lautes, raues, grölendes Bellen gehört, wie von einem großen Tier. Ich kann mich nicht erinnern, das schon einmal gehört zu haben.

Brot für die Welt! Das ist es! Warum bin ich da nicht schon früher draufgekommen?!?
Ich hole den alten Brot-für-die-Welt-Kalender heraus, in dem auch Fotos von mir sind, und finde ganz hinten Adressen zur Entwicklungspolitik. Ich muss ein gutes Anschreiben hinkriegen. 

Aber zuerst muss das Exposé von 2017 raus mit einer überarbeiteten Leseprobe. Es reicht, hat schon Zeit genug bekommen.
Pause mit der Parallelaktion, in zwei Jahren zu denken. Wieder ins Hierundjetzt, nicht im Gesternunddort.

29.3.2018

Karfreitag. Nach vergeblichem Warten am Morgen, dass es vielleicht doch wieder – vielleicht war ich nur zu ungeduldig? – eine Symphonie werden würde „wie früher“, die die Ohren überlaufen lässt, oder wenigstens ein Konzert mit starken Stimmen und zurücktretendem Orchester, hat es mich zum Panzerkessel hinaufgezogen. Da laufe ich durch Tannen- und Laubwald, wo ich um diese Jahreszeit oft berauschende Erfahrungen gemacht habe. Aber auch da: Solostimmen mal hier, mal dort, manchmal tun sich ein paar zusammen, und dann bleibt irgendwo ein freundliches Zwitschern. So ist es nun.
Oder: es ist, wie es ist. Oder: Man muss es nehmen, wie es kommt.
Zu solchen Sätzen hätten wir früher „affirmativ“ gesagt. Nein, wir hätten sie gar nicht gesagt.
Heute kommt noch eins drauf: „Alles wird gut.“
Fehlt nur noch: „Ich hab dich lieb.“ Für gar nichts. Einfach nur so. So oft wie möglich. Und bei der Abiturrede den Eltern die Liebe erklären: „Wir hätten uns eher die Zunge abgebissen, als dass wir diesen Satz über die Lippen gebracht hätten“ (geklaut bei einem, der es wissen muss, Jahrgang 59).