1.4.-10.4.2018 – Meine Katzen sind tot

1.4.2018

Karsamstag. Nicht-Coburg.
Es ist der erste 31. März, den ich hier nicht von den Vögeln geweckt worden bin. 

2.4.2018

Ostersonntag. Ich bin hier und nicht da, wo ich sein wollte. Wofür ich mich entschieden, worauf ich mich gefreut hatte: in Coburg, wo sich meine einzige Familie trifft, wo ich mein Wahlenkelkind sehen wollte und alle anderen dazu. Dort wollte ich erzählen, wie es weitergegangen ist in diesem Jahr mit dem, was als ohnesinn angefangen hat. Das alles ist nicht.
Ich entsiegle die kleine Flasche Ouzo, die mir meine Tochter aus ihrem Urlaub mitgebracht hat, statt der ungesuchten Ostereier. Es muss doch etwas anders sein als jeden Sonntag, den ich hier allein verbringe.
Ich bin hier, weil mein Auto mich nicht gefahren hat. Es war fertig gepackt, ich habe getankt und den Reifendruck kontrolliert und wollte losfahren. Da macht der Anlasser nur einen Knax und sonst nichts. Dieser neue Anlasser sagt: nein! Ich hab’s gehört. Also wieder ADAC. Der Monteur stellt fest, was ich schon wusste: der Anlasser, auch wenn er neu ist, das gibt’s. Das Klappern in der Nähe vom Getriebe würde nichts bedeuten, da könne er sowieso nichts machen. Er meint, ich solle durchfahren bis Coburg – sei doch besser als Ostern allein zuhause zu sitzen – und mich dort wieder anschieben lassen für den Rückweg. Und immer den Motor weiterlaufen lassen, wenn ich aussteigen muss. Das Anschieben in Coburg stelle ich mir leicht vor, da kann ich mich an den abschüssigen Weg stellen. Als ich losfahre, weiß ich noch nicht, was ich mache: An der nächsten Ampel geht es links nach Coburg, rechts zu mir heim. Ich bin gespannt, was sein wird. Als ich merke, dass die Kupplung nicht kuppelt, bin ich auf dem Heimweg. Die Kupplung kriege ich nicht aus dem dritten Gang, da ist nichts mit anhalten zum Einkaufen, mein Kühlschrank ist so leer, als käme ich nicht wieder. Aber nur jetzt nicht liegen bleiben mit dem ganzen Kram, den ich ins Auto geworfen habe und auch hier wieder brauchen werde. Sie sollen das Auto aus dem Garten abschleppen. Dafür mache ich einen großen Bogen, damit man es vorne nur anhängen muss.
Bei Aussteigen rieche ich den Gestank: Da schmilzt Gummi! Es raucht aus der offenen Motorhaube von dort, wo die Kupplung sein soll. Multiples Versagen – so meine Tochter, die inzwischen hier gelandet ist. Aber so multipel ist es nicht: Plötzlich reagiert der Anlasser wieder. Und eine Kupplung kann man reparieren. Ist ein Verschleißteil, sagen sie. Schließlich ist mein Combo dreizehn
Trotzdem: Es war ein Signal. So wie ich lebe, muss ich mich auf mein Auto verlassen können. 

Ich könnte mit dem Zug nach Coburg fahren. Mit Fahrrad und Rucksack zum Bahnhof und das Rad dort für den Rückweg stehen lassen. Die Deutsche Bahn braucht vier Stunden hin, vier zurück. Lange Wartezeiten beim Umsteigen. Ich schaffe es nicht, mir den Rucksack zu packen. Bin müde, so müde. Ich habe viel gearbeitet, um in Ruhe wegfahren zu können. Das Exposé für 2017 und alles, was dazugehört, wollte ich hinter mir lassen. Weiter schauen, weiter machen im Hier und Jetzt. Das habe ich geschafft, froh und ein bisschen stolz habe ich mein Zeug gepackt. Mit Bleifuß und Radio hätte ich es geschafft bis Coburg.
Den Rucksack nehme ich jetzt zum Einkaufen. Wir laufen ins Dorf, kurz vor acht ist der Rucksack voll. Auf dem Heimweg hören wir einen letzten Amselgesang von einem Dachfirst herunter. Meine Amseln habe ich versäumt. Heute werde ich da sein.

Wenn es diese Geschichte nicht gäbe, wäre ich nach Coburg gefahren.
Wäre ich nach Coburg gefahren, gäbe es diese Geschichte nicht.
Soll das ein Trost sein?

Als ich die ungebrauchten Dinge wieder aus dem Auto räume, kommt mir das bekannt vor. Ich muss an Charly denken, meinen schwarzen Kater, der um Hilfe rief und mich zurückholte, als ich gerade an der Ostsee angekommen war. Da habe ich auch die ungebrauchten Dinge wieder ausgepackt und – das war diesmal nicht nötig – den für drei Wochen Ostsee abgezählten Frühstücksvorrat in die Küche getragen. 

Warum eigentlich die Ostsee und nicht Sylt? Das Unverzichtbare in jedem Jahr?
Das Tagebuch erinnert mich – ach ja: eine Depression. 

25.7.2014

Was lebt, stirbt. Was stirbt, hat gelebt.

Der rote Mohn, dessen Samen ich im Garten verstreue, wo er vor dem Mäher sicher ist, ist gestorben, als ich seine dürren Wurzeln aus der Erde gezogen habe. 

Als ich Erde schreibe, kommt es mir so vor, als müsste ich hierbleiben und nicht nach Sylt fahren. Um den Amseln die Blaubeeren wegzunehmen, um die sie sich gerade streiten. Um den Katzen die Vögel wegzunehmen, die sie im Maul herantragen, um sie wieder fliegen zu lassen.

Ich wäre gestern so gerne gestorben. Es war so ein Tag dafür, so ganz und gar neben dem Leben. Wozu wofür warum. Das Telefon gibt zuerst auf, der Mäher folgt. Das Telefon schnarrt und krächzt, so dass keine Stimme mehr durchkommt, könnte die Folge der gestürzten Erle sein, als sie die Leitung zu Boden riss. Dass mich das gestern erwischt, wo ich fast verzweifelt final in der Welt war, war hart. Um gegenzusteuern, schwinge ich mich auf den Mäher, denke, das kann ich nichts falsch machen, und fahre ihn flach ins dichte Gras, wo er nicht mehr anspringt. Auch da konnte ich noch etwas falsch machen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten, nichts zu tun in dem Gefühl, an die Wand fahren zu wollen, zu müssen.

26.7.2014

einundsiebzigeinhalb.

Der Körper des Stars war noch warm, als ich ihn fand. Wäre ich ein paar Minuten früher zum Auto gegangen statt mit Karla zu telefonieren, vielleicht könnte der Buchfink heute noch fliegen. Ein Biss hinter dem Kopf hat ihn das Leben gekostet und den Vorhang über die Augen gezogen. War es eine Katze oder mein Hund? Ich kann mich nicht abfinden mit dieser Natur, fühle mich schuldig, verantwortlich für so ein Sterben.

Wo ich doch selbst soviel daran denke und tobe und zapple in einer Mischung aus Sehnsucht und Angst. So schwer auszuhalten. Ich hasse mich für meinen Hass auf meine jungen Freunde, die keine Ahnung haben – können, wie sich das anfühlt. Will mich nicht mehr verführen lassen, mit ihnen darüber zu reden. Danach sitze ich noch blöder da. Citalopram. Es ist mal wieder so weit. Schon der Gedanke daran und der Griff nach der ersten Tablette erleichtert mich, es ist wie ein Schluss damit! Auch wenn ich auf die erhoffte Wirkung zwei Wochen warten muss mit dem Wunsch, dass mich nicht mehr jeder Tag überfordert. 

27.7.2014

Es ist Grund genug für mich zu gehen, wenn in mir nichts mehr antwortet auf meine Welt mit Dank und Freude. Wenn das, was ich sehe und höre und rieche nichts mehr zum Klingen bringt in mir. Stattdessen Angst, Schreckhaftigkeit, Überforderung. Rückzug.

wer hat die Wolke verloren
und die
und die
und die auch

28.7.2014

Es wird enger mit jedem Tag. Du musst nur die Laufrichtung ändern… Aber wenn die Schritte zu schwer sind? Jeder einzelne und alle zusammen sowieso. Heute ist der Hass schon beim Aufstehen da. Verbiestert und unbelehrbar. In mir sträubt sich alles gegen diesen Tag. Ich möchte zurückweichen davor, nein sagen zu allem, trotzen, ausbüchsen. Oder verschwinden. Ich will die Welt nicht mehr.

Wie sollte ich die 1000 Kilometer schaffen. Unmöglich.
Vielleicht 800? Die Ostsee mit zwei Stationen auf dem Weg dorthin, eine Hochzeit in Franken, eine Freundin im Wendland. Immer wieder wird mir der Darss empfohlen von Menschen, die meine Liebe zu Sylt kennen.

4.8.2014

Breitengüßbach

Versöhnung ist mitten im Streit – und alles Getrennte findet sich wieder – wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch 

Ich zähle die Tage mit Citalopram an den Fingern ab und die Tabletten in der Folie, um zu sehen, wann die Rettung zu erwarten ist. Ein bisschen Rettung waren die Hochzeitstage, das Aufgehobensein in einer liebevollen Gemeinschaft, manchmal ein bisschen Gebrauchtwerden, um zum Gelingen beizutragen, das hat gutgetan. Weitergeholfen. Dann denke ich kurz: Wäre es das? Sollte ich mich zum Helfen verpflichten? Es wäre eine Krücke und damit schon der Wurm drin. Spontan jederzeit, organisiert: nein. Nicht mehr.

10.8.2014     

Insel Poel
nicht Sylt.
Die Entscheidung in Hohenvolkien: lieber etwas Kleines, Neues, als das bekannte große Grandiose, ohne es fühlen zu können, weil ich zu schwach dafür bin. Noch. Denn ich hoffe jeden Tag, mit Citalopram langsam wieder zu mir zurückzufinden.
Hier kann ich so schwach sein, wie ich meiner geliebten gewaltigen Insel nicht gegenübertreten kann. Diese Insel fordert zu viel Kraft. Einer so großen Liebe kann ich mich nicht klein und mickrig zeigen.
Die Ostsee ist leise, ruhig und glatt bei meinem Bad am Morgen. Ein kleiner unaufgeregter Hafen am Mittag. Unerwartete Freundlichkeiten von Fremden. Alles fühlt sich heilsam an. Es wird gut werden – wieder gesund – aber nicht jünger. Es hatte auch mit dem Altwerden zu tun, dass ich in dieses schwarze Loch gegangen bin: Ach, sagte die Maus, die Welt wird enger mit jedem Tag.
Die abnehmende Kraft und keine Lust, dagegen anzukämpfen durch Trainieren, weil es mir sinnlos vorkommt. Im Gegensatz zum Trainieren mit dem Knie. Sinn: Yalla soll nicht allein sein wegen Krankenhaus und so. Hab ich geschafft. Aber die Schwäche im ganzen Körper – wie soll ich die gernhaben können? Wo mir doch das Mich-Gernhaben noch nie leichtgefallen ist. Und dazu die Vermutung, dass sich die frühen ungelösten Fragen noch einmal stellen, bevor es zu Ende geht.
Da müssen’s aber fest an sich glauben – sagte ein weiser alter Mann zu Ramadan und zu mir als Schreibende. Und ich dachte – na, ja  – und?!? Da war mir der Text noch so nah.Jetzt denke ich, mein An-mich-selbst-Glauben war eigentlich keines, ein Versuch vielleicht, immer mal wieder, aber auch immer auf dem selbst-ungewissen Grund. Und jetzt? Wo eigentlich nichts mehr zu verlieren ist? Was ist zu gewinnen?Tage, an deren Abend ich zufrieden bin. Nicht mehr – wirklich nicht? – glücklich und nicht weniger – Zeit totschlagen und aufs Ende warten.Neben dem geschnittenen Weizen und den Pferden fange ich wieder an. Das Graue hat unbeweglich auf meine erste Bewegung am Morgen gewartet.

11.8.2014

Angst, Ängstlichkeit, Schreckhaftigkeit. Furchtsam, hypochondrisch.
Und die dauernde, ständige Furcht, etwas vergessen, verloren, vertan zu haben, ist genauso quälend wie das Vergessen, Verlieren und Vertun, das wirklich passiert.
Ich glaube, mich daran zu erinnern, dass ich zum ersten Mal von dieser Ängstlichkeit gesprochen habe als ich nach Krebsoperation und AHB bei einer Therapeutin gelandet war. Diese Angst muss mir vom Krebs geblieben sein. Unterschiedlich heftig, in der letzten Zeit wurde es eng. Kaum dass ich noch irgendwo hinschauen konnte, ohne zu erschrecken oder irgendetwas denken, das mich dahin geführt hätte. Enger mit jedem Tag. 

Bis zum Darss habe ich es nicht geschafft. Poehl war auch eine Insel.
Zwei Nächte lang.

12.8.2014

„Ich kann Charly nicht sterben lassen, ohne ihn zu sehen.“

Das war die Entscheidung für ein Leben mit einer dreibeinigen Katze. Mein Charlyman.
Als ich abends vom Strand komme, um die Sachen für die Nacht zu holen, schalte ich das Handy an. Zweimal der Nachbar, ich rufe zurück: Charly ist schwer verletzt, mit zerstörtem, fast abgetrenntem rechten Vorderbein nach Hause gekommen. Tel – Tel – Tel – Nachbar – Klinik – Arzt – Hilfe –Arzt:
Amputieren oder einschläfern – mit dieser Frage gehe ich in meine erste Nacht an der Ostsee vor Poel. Die See hat mich beruhigt, die sanfte Ostsee glänzt, Lichter von Schiffen und bunte Leuchtsignale am Horizont. Sternschnuppen. Ich denke nur: Charly. Charly, Charly. Schlafen? Eigentlich gar nicht. Nur so weit wegdämmern, um mit dem Wunsch aufzutauchen, dass alles ein Alptraum gewesen ist. Ist es nicht. Auch beim sechsten, siebten Mal nicht. Ach Charly. Was soll ich tun? Willst du ein geschenktes Leben? Das werde ich nie wissen. Aber ich weiß, dass ich dich nicht sterben lassen kann, ohne dich zu sehen.
Übermorgen hole ich dich aus der Klinik und lasse dich leben. Jetzt hast du noch sechs. 

Ich nehme mir diesen Tag als letzten auf der Insel. Nehme das Schönste an, was sie zu bieten hat. Will nicht mehr daneben liegen wie gestern und vorgestern, so neben der Spur und gegen den Strich. Die Gedanken um Charly haben mich wieder aufgestellt. 

Die Stille tut wohl. Macht die Seele weit. Ich lasse sie ausrollen und umarme sie, wenn sie groß und weit zu mir zurückläuft.

28.8. 2014

So viel wie ich an die wenigen Tage an der Ostsee denke, kann ich glauben, dass ich die Erinnerung an das Meer für den Winter brauche. Wie die frischen Beeren aus dem Gefrierschrank.
Das Helle, Weite, Große, Unendliche, mit dem Horizont nur als Übergang.
Diesen Übergang sehe ich gerne und mit der Frage: wie könnte ich ihm näherkommen, bald.

Heute Morgen im Auto auf dem Weg zum TÜV, als ich die Nebelschwaden hinter dem Mais ahnen konnte, da war seit langem zum ersten Mal ein kleines Gefühl, eine Antwort da: Ich sehe wieder. Vielleicht könnte ich sogar einen Fotoapparat in die Hand nehmen wollen. Wo ich doch die Arme kaum zum Schwimmen hoch bekam. Dabei schwimme ich doch so gerne, weil ich da mein Gewicht nicht fühlen muss. Nur mit größter Überwindung habe ich das Allernötigste in die Hand genommen.
Heute greife ich selbst nach den Dingen, Birnen, Pflaumen, Gläser, Rechnungen. Ich wünsche mir, dass es die Wende ist. Heute Abend…
Zwei Arten zu lieben: mit meinen Katzen und meinem Hund.
Ich glaubte: Liebe wird mehr, wenn man liebt, als ich die Katzen zu mir holte. So sollte es doch sein.
In der Nacht, wenn sie in mein Bett kommen, gönnen wir uns manchmal vom Hund unbeobachtete Zärtlichkeiten am Ende der Nacht, wenn der Tag schon näherkommt.
Liebe wird mehr, wenn man liebt.

Das Leben ist kurz und die Tage sind lang. Wenn die Zukunft kürzer wird, werden die Tage länger.
Je kürzer die Zukunft, desto länger die Tage. Länger und länger. Bis sie unerträglich sind.

1.9.2014

Ich hänge im Leeren. Warum? Wo ist die Chance? Im Freien ?
Ich stehe mit leeren Händen da – oder: ich habe die Hände frei.

3.9.2014

Es wird hell, es wird dunkel, und wieder hell und wieder dunkel.
Hell – dunkel – hell – wie lange? Ein Tag kommt, ein Tag geht.
Beim Hellwerden denke ich darüber nach, wann ich mir erlaube zu gehen. In einer Woche habe ich Muttis Zeit erreicht. Bis zum Ende meines Vaters sind es noch – gute? – zehn Jahre. Wie lange muss ich bleiben, wenn ich selbst darüber entscheide? Wenn es Müssen und nicht Dürfen ist. Wie finde ich meine Deadline?
Es regnet, regnet nicht, regnet.

4.9.2014

Eine blonde Strähne in meiner Birke. Überall schon blonde Strähnen in Birken. Macht es Angst – so früh?
Lieber nicht – lieber das Gefühl genießen, dass ich mich der Welt wieder in die Arme werfen möchte, oh Gott, bin ich froh. Ist es unverschämt, wenn ich gerne immer so in der Welt wäre? Es ist noch keine ganze Woche her, dass ich mir das kaum vorstellen konnte. Wo ich, um irgendetwas zu fühlen, gewollt hätte, mir täte etwas richtig weh. Eine Kolik, ein Beinbruch, etwas, das mich beschäftigt und von dem nichts ablenkt, was unvermeidlich zum Gefühl von Sinnlosigkeit führt. Von dieser Spur konnte ich abbiegen mit der Hilfe von Citalopram. Ein Geschenk ist das. Diesmal hat es 30 Tage gedauert, bis ich mich wieder gefunden habe. Bei mir angekommen bin. Eigentlich ist es da sehr schön.

5.9.2014

Ein großer Raubvogel hat einer Krähe ein großes Stück Fleisch aus dem Rücken gerissen heute Nacht.
Ich habe Angst, dass mein Humpelkater einem Raubvogel nicht entkommen könnte. Wie froh bin ich, wenn ich ihn finde in seinem Versteck unter dem Bett.

Charly ist mit drei Beinen gut zurechtgekommen, konnte hinaufspringen, wo er wollte. Nur das Mäusefangen funktionierte mit der einzigen Vorderpfote nicht mehr. Da hat ihm Woopi, seine Schwester geholfen. Sie gab ein Zeichen, wenn sie mit einer Maus heimkam, und dann haben sie die zusammen gefressen. Auch die vergiftete. Charly haben wir nach ein paar Tagen beim Nachbarn gefunden, aufgebläht und unversehrt. Ich habe ihn am Bach begraben, wo er so oft auf Frösche gelauert hat. Das musste ich zweimal machen, beim ersten Mal hat ein Fuchs ihn wieder ausgegraben. Den Stein, den ich dann auf sein kleines Grab gelegt habe, kann ich jetzt wieder wegräumen.
Woopi ist zum Sterben verschwunden. Ihr letzter fragender, verständnisloser Blick zu mir herauf tut mir immer noch weh.

Sie waren so schön. So wunderschön. Meine beiden schwarzen Katzen. Sie durften nicht mit mir leben. Ich hatte sie nicht verdient.

2.4.2018

Ostermontag.
Es gibt junge, erwachsene Menschen, die gar nicht wissen wollen, wann die Auferstehung gewesen ist. Gestern? Morgen? Keine Ahnung!
Und ich dachte, das hängt in der Luft, man weiß es, ohne zu wissen. So ist es nicht. Zumal man es hier nicht riechen kann wie in der Osternacht 1983 auf dem Schiff, mit dem ich nach meinem Ostermarsch über Kreta nach Athen gefahren bin. Das Schiff war voller Bauern, oft mit Schafen über den Schultern und mehreren Säcken um sich herum. Sie kamen zu ihrem größten Fest in die Stadt, in der ihre Kinder lebten und ihr Geld verdienten, so gut es ging.
Die Türen der Kapelle standen offen, und überall auf dem Schiff waren Zweige mit Orangen- und Zitronenblüten in großen Vasen aufgestellt. Keiner schlief, alle warteten. In diesem berauschenden Duft.
Ein kleiner Alter kam mir so verloren vor mit seinen Säcken und seinem Schaf. Da stand er die ganze Zeit am Kai, die meisten Passagiere hatten sich schon verlaufen oder waren abgeholt worden. Ich hatte mich auf eine Bank gesetzt und wartete, wollte sehen, dass er ankam, wo er hinwollte. Es dauerte eine Weile, dann kam ein größerer, vielleicht Vierzigjähriger im eleganten Anzug gerannt und nahm ihn mit. Jetzt konnte ich auch gehen.

Ich habe mit Katzen gelebt und sie geliebt, seit uns eine schwangere Katze zugelaufen war und vier Junge geboren hat. 50 Jahre ist das her. Es wurden viele, zeitweise waren es zwei Mütter mit Jungen, die beiden letzten wurden über 20 Jahre alt.

Hunde? – ach, die sind mir zu hündisch! Hab ich gesagt. Ich schätzte die selbstbestimmte Anschmiegsamkeit meiner Katzen. Sie gaben mir Nähe, als ich sie brauchte, und gingen ihrer Wege, als es mir besser ging.

In der afrikanischen Zeit habe ich keine neuen Tiere an mich gewöhnt. Daran wollte ich erst wieder denken, wenn ich sesshafter wäre. Und ich dachte mehr und mehr an einen Hund. Als es so weit war, habe Yalla gefunden und lebe mit ihr in einer besonderen Beziehung. Die sehe ich in ihren Augen. Ich sage Yalla! – ihr Kopf fährt herum: Was willst du – ich bin da!
Ist es wieder da: Wo du hingehst, da will ich auch hingehn ?

Dass dann Katzen zu uns gekommen sind, lag an den Mäusen, die inzwischen so schlau waren, dass sie den Speck aus den Fallen holten, ohne geschnappt zu werden. Da konnte nur noch eine Katze helfen. Es wurden zwei.
Ich musste erst wieder lernen, mit Katzen zu leben. Aber sie hab mich bald gewonnen. Aber das wären zu viele Geschichten.

10.2.2014

Schlafend erwarte ich meine Katzen. Sie kommen gegen Morgen und warten zweistimmig und zweistöckig aufs Aufstehen. Die Kleine schnurrt unter der Decke an meinem Bauch, der Dicke oben schwer auf meiner Hüfte. Liebe? Ja, Liebe.
So erfüllen meine Tage und meine Nächte meinen Traum vom richtigen Leben.

13.11.2014

Wenn ich aufwache, finde ich schon ein Lächeln in meinem Gesicht. So muss es schon vorher da gewesen sein. Mit den Katzen am Bauch und in der Kniekehle. Es schnurrt. Nachmittags kommt der Hund dazu, mit Anlauf. Keine Katze würde mir so in die Haare springen wie er. Er will in die Kniekehle, wo er immer war. Da rollt sich dann das Mädchen in die Ecke zwischen Schienbein und Fuß. Grob und zart, fest und weich, laut und leise – so sind sie.
Wir vier haben jetzt 13 Füße.
Ich würde uns gerne von oben sehen, nicht nur denken.

Den nächsten Sommer haben meine Katzen nicht überlebt. Es war so ein grausamer Tod. Und ein grausamer Schmerz.
Ich werde nie mehr eine Katze hierher bringen. Sollen mir doch die Mäuse die Haare vom Kopf holen für ihr
Meine Tochter hat jetzt einen Katzer, die heißt wie mein Vater. Ich sage Oskarchen zu ihm.

3.4.2018

Drittfeiertach!
Der ADAC hat meinen Combo geholt. Ich habe ihm nachgeschaut, als würde ich ihn nicht mehr wiedersehen.
Ich fange an, mit dem Telefon ein neues Auto mit Faltdach zu suchen. Mit dem Internet bin ich die ganzen Osterfeiertage auf meine Hoffnungen hereingefallen. 

4.4.2018

Ich bekomme überall zu hören, dass es das Faltdach nicht mehr gibt. Wegen fehlender Nachfrage. Mein Combo war der letzte seiner Art. Auf einmal ist mein bescheidenes, armes, verschrammtes, von den Mäusen heimgesuchtes Auto wertvoll geworden. 

Der letzte Rückruf zum Faltdach kommt von VW: Der Mann am Telefon sagt, er will nachfragen und fängt an zu lachen, als ich erkläre, warum ich ein Faltdach will. Er lacht und lacht. „Warum lachen Sie da jetzt?“ –  frag ich, er lacht weiter und dann: „Meine Schwiegermutter hat das gleiche Problem.“ Jetzt lache ich auch.
Von wegen keine Nachfrage! 

Dann die Meldung: 800 € soll die Kupplung kosten. Ich sage: Machen Sie’s.
Alles für das Faltdach. Den offenen Himmel überall, wo ich schlafen will.
Mein Auto ist ein Schatz geworden, wenn auch nicht mehr des Vertrauens würdig so doch einzigartig, lieb und teuer.

Traue ich mich mit diesem Auto noch einmal nach Finnland? Oder nur noch bis Sylt? Oder bleibe ich einfach nur hier? Ich muss es noch nicht wissen.

5.4.2018

Ein Nachzügler-Rückruf von Toyota, der Mann hat sich viel Mühe gegeben – ohne Erfolg. Er hat sich auch über einen nachträglichen Einbau Gedanken gemacht: kaum möglich, weil heute mehr Stabilität ins Dach gebaut wird. Das habe ich schon im Internet gesehen, jetzt muss ich es glauben.  

Mit dem Wind sieht es aus, als würde er die Vögel in die Luft werfen, wo sie sich fallen lassen, um abermals geworfen zu werden. Die Spitze der Tanne weicht der Amsel aus, als sie sich dort zum Singen niederlassen will, wie sie es jeden Abend tut. Vorgestern war es um viertel nach sieben. Gestern saß um diese Zeit eine große Krähe an ihrem Platz und hielt das Schwanken aus.

7.4.2018

Um sieben Uhr schon soviel Glück!
Die Amsel ist viermal gekommen, hat sich an die Ecke des Daches gesetzt, um mich mit ihrem Lied in den Tag zu rufen. Nach dem vierten Mal bin ich aufgestanden.
Freue mich, dass ich mein Wasser nicht erst holen und warm machen muss. Dass mein Wahlenkelkind mit seiner ungl
ücklichen Mama in der Charité angekommen ist. Dass ich heute Hilfe haben werde, um der Garten vom Winter zu befreien. Was für ein Tag!

8.4.2018

Ich fange an, die beliebten Adjektive zu benutzen: zauberhaft, traumhaft, wunderbar.
Schauderhaft brauche ich auch manchmal.

Sabrina. Ich war neugierig auf den Film, den ich mit meiner einzigen großen Liebe zusammen gesehen habe. 1961 wahrscheinlich. Habe mich schon den ganzen Tag darauf gefreut, wollte mich erinnern lassen, hatte ich doch nur noch die Melodie im Kopf, die sich mir immer dann wieder unvermeidlich aufdrängt, wenn es Frühling wird. Gehört für mich dazu. Ich will’s nochmal sehen.
Und was sehe ich? Einen Film, den ich nie gesehen habe, von dem es in meinem Kopf nicht den kleinsten Zipfel einer Erinnerung gibt. Keine Spur eines Bildes. Nur die Musik. Und das Gef
ühl einer schwindelerregenden Umarmung. Und wie ich mich angezogen hatte nach langem Überlegen: hellbrauner Plisseerock und olivgrünes Twinset. Zum Dran-Herum-Zupfen.
Morgen jährt sich mal wieder der Hochzeitstag. Auch unvermeidlich.

Eine Kohlmeise ist gegen die Fensterscheibe geflogen. Dann zum nächsten Baum, dort setzt sie sich mit eingezogenem Kopf und offenem Schnabel auf einen Ast und hält ganz still. Fünf Minuten, zehn, dann kommt das Köpfchen hervor, und bald pickt der Schnabel in die Federn, mal rechts, mal links, und dann lässt die Meise den Zweig los und sich fallen, um gleich wieder aufzusteigen. Fort ist sie.
Ich atme auf. Danke.

Aber ich weiß jetzt: Ich brauche noch mehr schwarze Vögel an meinen Fenstern. Gleich morgen, weil heute ja Sonntag ist.

Unter das Dach vom Holzhaus nebenan wollen Spatzen einziehen? Ihr Nest bauen? Ständig fliegen sie unterm Giebel ein und aus. Ich muss fotografieren und vergrößern, vielleicht erkenne ich sie dann. Vielleicht sind es ja Grauammern?

Aus der Akazie wird mein Telefonklingelton gerufen. Immer wieder. Der Star oder die Amsel?
Google: Beide k
önnen das. Mich ans Telefon holen.

Es ist gelungen! Ich hab sie eingefangen trotz ihrer Rumhüpferei. Spatzen sind’s! Feldsperlinge. Viele, weil sie gerne zusammenleben. Ganz schön schlau: Sie wohnen über dem gedeckten Tisch, in den Azaleen unter den Einfluglöchern hängt das Futter. Ich gehe nachfüllen, auch wenn vieles die Eichhörnchen futtern.

9.4.2018

Es ist wunderbar: Die Spatzen sind eingezogen. Es gibt kaum einen Blick, in dem kein Spatz vorkommt. Wenn es hell wird, sitzen sie schon aufgeplustert auf dem Giebel.
Soll wohl hei
ßen: Schau, ich hab eine Wohnung!
Und zauberhaft ist der Abend, bis der letzte Ton verklungen ist. Immer ferner, immer leiser.

Davor aber sind sie noch einmal laut, sehr laut. Es sind neue Töne dabei, durcheinander und lauter, wie aggressiv, und sehr nah.
Aber dann wird es still. Ich warte auf den Kauz.
Statt ins Kino zu fahren.

10.4.2018

Das erste Jahr soll jetzt in die Welt gehen. Die Agentin hat das Paket geschnürt, als Leseprobe haben wir uns für den März entschieden.
Zuletzt musste ich noch einmal anschauen
den Schritt machen, dem ich ausgewichen bin, nachdem erste Versuche, den Text vom Papier zu lesen, mich verstört und gestört haben. Deshalb sollte er ja dahin gehen, wo ich ihn mir immer vorgestellt habe: ins www.
Bis mit der Freude dar
über, dass so viele es lesen wollten, das Buch dazwischenkam. Und damit auch die Angst zu verlieren, was es möglich gemacht hat: die Freiheit, ja Gesetzlosigkeit des www. Wo mein Überich nichts verloren hatte.
Und wenn es mein Trick war, um dies abzusch
ütteln? Mit der Idee des Blogs konnte ich etwas tun, was ich ohne sie nicht gekonnt hätte. Erzählen. Da drohte keine Schublade. Wunderbar.

Wenn ich jetzt die für das Buch anfallenden Arbeiten mache, fallen sie mir leicht und machen auch Spaß.
Da stellt sich die Frage, ob ich den Blog noch brauche. Ob ich ohne ihn weiter machen kann.
So wie man einen Katalysator nicht mehr braucht, wenn der Prozess, den er bewirkt hat, von selber l
äuft.
Dabei ver
ändert sich der Katalysator kein bisschen.
Das hat mir in der Chemie so sehr imponiert, dass ich diesen Katalysator bis heute nicht vergessen habe.
Ich kann die Leiter wegwerfen, nachdem ich auf ihr hinaufgestiegen bin.

Mit diesem Bild entließ uns Wittgenstein aus dem Tractatus.
Wittgenstein, Benjamin, Heidegger. Heute tauchen sie zusammen in einem Buch wieder auf.
Sie waren unsere Zeit. Sein und Zeit. Noch besser Sartre: Das Sein und das Nichts. Entweder
oder. Ein Drittes gab es nicht und auch nicht das Eine. Existentialismus war die einzige Antwort auf die Toten.
Sie ist mir lange geblieben.
Bis ich meinen eigenen Tod sehen konnte.