23.4.2018 – General A. Soumare

23.4.2018 

Ins heiße Herz Afrikas. Mit Wassermusik und Jenseits von Timbuktu. 3sat macht’s möglich.
Hier ist es ein warmer Sommerabend, Amseln singen heute zu den Bildern von Wüste und Fluss. Der Niger. Sie fahren die Strecke, die ich gefahren bin, mit dem gleichen – deutschen – Schiff: der General A. Soumare. Die Luft ist schwer von einem afrikanisch-süßen Duft, der von meiner Traubenkirsche herüberweht, die in diesem Jahr zum ersten Mal blüht. Soviel Erinnerung, soviel Sehnsucht nach Dortsein.

19.11.2008

Bamako – Segou

Das Schiff ist ohne mich in Koulikoro abgefahren. Aber sie sagen, ich kann es in Segou noch erreichen. Gar nicht ganz angekommen in Bamako an meinem Platz unter der Mimose – wie immer – bin ich schon wieder unterwegs.
Als mich der Taxifahrer gefragt hat, was ich machen wolle in Mali, hörte ich überrascht – so schnell hatte ich geantwortet, wie ich sagte: da sein. Ich sah Erstaunen in den Augen, schob schnell nach: Ich will mit dem Schiff fahren, das ich sonst nie mehr erreicht habe. Als müsste ich mehr Gründe angeben als nur da sein. Aber der Andere gab sich verständnisvoll: Ja, so sei es richtig, das Beste und überhaupt. Ich weiß ja auch, dass es richtig ist und genau das, was ich mir wünsche: dort sein, um da zu sein. Jetzt bin ich hier, um hier zu sein. 

© H. Tarnowski

21.11.2008

Schreiben ist überflüssig, wenn etwas nur gut ist wie gestern, wie heute.
Gestern: Auf dem großen, großen Schiff – es gibt hier kein größeres  – , dem letzten, das in diesem Jahr von Koulikoro nach Gao fährt. Es ist ein Geschenk von diesem Schiff, dass es für die 200 km von Koulikoro nach Segou diesmal 16 Stunden braucht. Bei diesem Wasserstand läuft es mehrmals auf, bleibt stecken, muss mit der Hilfe eines Begleitschiffs herausgezogen und wieder flott gemacht werden. Da machen die fünf statt der drei Stunden Bus, über die ich mich nicht einmal ärgere, obwohl ich fürchte, mein Schiff zu verpassen, gar nichts. Dann ist es so.

Nichts ist so. Kein Schiff in Segou. Ist es schon abgefahren? Ich laufe herum, frage überall, jeder schüttelt den Kopf: Nein, es ist noch nicht da. Es lässt mir Zeit zum Schwimmen in der Auberge, dem angenehmen libanesischen Hotel, wo wir immer gewohnt haben, zum Einkaufen, Bier trinken und Essen mit Benjamin, dem Belgier aus dem Bus. Wie sinnlos wäre das Anrufen aus Deutschland gewesen! Ich lege mich auf dem Kai unter die Sterne, warte und döse. Bis Mitternacht. Dann tutet es zweimal kurz, einmal lang. Die General A. Soumare legt an. Das war also Segou. Ich packe meine Sachen und ziehe um, steige hinauf zum Sonnendeck und richte mich in einer Ecke ein, gegenüber von Häufen aus Decken. Aus diesen Decken erheben sich am Morgen drei große Frauen, und neun Kinder schälen sich heraus. Heute.
Es war vielleicht auch mal wieder ein Vorwissen des Unbewussten. Ich lerne mehr und mehr, dem zu vertrauen. Die Stimmung spüren, in der es fließt und nicht denkt.
Ich bekomme den Kaffee geschenkt: süße Milch, heißes Wasser, ein Stück Baguette zum Eintauchen.
Am Abend rutscht mit lautem Krach das Begleitschiff nach vorne weg und lässt uns da, wo wir sind: auf Sand gelaufen. Das leichtere und weniger tiefe Schiff hat sich losgerissen. Der Kapitän verschiebt das Zusammenkoppeln auf den Morgen, nach Sonnenaufgang. Eine geschenkte stille Nacht. Unter diesen Sternen kann ich nicht lesen, da muss ich schauen. Vielleicht schickt mir Papi noch eine Schnuppe.

Es ist Freitag. Viele Beter kommen herauf auf das Oberdeck. Ein Alter will sich mit dem Rücken zur Sonne niederknien. Ein Jüngerer klopft ihm auf die Schulter und deutet auf die Sonne. Der Alte dreht sich um, beide lachen, der Alte noch mehr als der Junge.
Da-Sein wäre auch: die Zeit verlieren. Ein bisschen wenigstens. Ich will mir nicht zu viel versprechen, aber ich merke, dass sie manchmal weg ist.
Wir sind wieder flott. Nach dreimal langem Tuten legen wir an einem anderen großen Schiff an. Es ist auf seinem letzten Rückweg nach Koulikoro. Über die Reling werden Hände geschüttelt, jeder reicht sie jedem. Und lacht natürlich dabei.

22.11.2008

Die Zeit: Heute heißt sie Samstag. Der Ort: Mopti – Lac Debo.
Benjamin ist in Mopti ausgestiegen. Dort ist der Aufenthalt in die Nacht gefallen. Also kein Obst. Ich werde bei den Melonen bleiben müssen. Das Oberdeck wird voll. So mag ich es.
Links von mir eine Gruppe junger Militärs, rechts ein sehr großer Songhai mit weißem Cheche und großer Brille. Ich würde die Größe seiner Füße auf 50 schätzen, auch wenn dem rechten der halbe kleine Zeh fehlt. Er hat mich in die Schranken gewiesen: So muss die Matte liegen. Er spricht nur nachts und dann mit weicher Stimme zu der schwarzen Frau. Seinen „Neger“ hat er auch dabei. Der kocht ihm den Tee. Ihn weist er an, auch mir einen zu geben. Nein zwei. Und den dritten muss ich auch noch nehmen. Der kochende Tee duftet süß.
Es gibt soviel zu hören, zu sehen und zu riechen. Wunderbar ist es, in der Symphonie von Stimmen einzuschlafen, darin ein- und wieder aufzutauchen, immer wieder aufzutauchen.

Als ich zu meinem Platz zurückgehe, stolpere ich über ein Gewehr, eine Kalaschnikow. Ich sehe mich erschrocken um, höre und sehe einen großen Militär lachen. Pas de probleme, es hat keine Munition. Soviel verstehe ich.
Am Morgen kommt zu den Stimmen Musik aus Transistorradios. Ein monotoner Rhythmus, der nach Wüste klingt. Bald werden die Tücher und Decken, die in der Nacht gewärmt haben, zwischen die Stangen gespannt. Jeder Familie ihren Schatten. Von meinem Nachbarn bekomme ich ein bisschen geschenkt. Geschenkter Schatten! Es sieht so aus, als könnte es am Nachmittag mehr werden. Bis Tombouctou werden wir nach Nordosten fahren. Jetzt ohne Begleitschiff, das ist in Mopti geblieben. Die Strecke Mopti-Tombouctou soll vor dem Auflaufen sicher sein. Tombouctou-Gao dann wieder nicht. Dauert doppelt so lange wie normal, weil sie schon versandet ist.
Ich bedanke mich für das Schattengeschenk, das mein Nachbar mir strahlend gibt.
Ich habe noch nie Männer so zärtlich Babys halten sehen wie hier die Militärs. Ich kann über ihre liebevoll-vorsichtigen Gesten nur staunen. Drei Männer waren es bisher, einer so schön wie der andere. Ist es die Uniform, die Zärtlichkeiten mit Kindern so unerwartet liebevoll aussehen lässt? Oder spüren die Männer den Unterschied zu dem, was sie sonst tun – müssen?
Bevor die Tagtöpfe herauskommen, werden den Kindern die Nachttöpfe hingestellt. Dann folgen die kleinen Feuerstellen für den Tee.

 

© H. Tarnowski

23.11.2008

Ich bin dankbar, mit diesen Mesnschen aufwachen zu dürfen. Ich bin fast gerührt, dass ich ihnen so nah sein darf. Als es beginnt, hell zu werden, kommt Bewegung aufs Sonnendeck. 

Ein geschenkter Morgen in Tonka. Niafunke ist wie Mopti in die Nacht gefallen. Das Tuten für Tonka kommt mit dem Morgengebet. Viele packen zusammen, auch die Militärs und ihre Familien. Der Bauch des Schiffs wird ausgeleert und in Dire drei Stunden lang wieder gefüllt.
Ich möchte das Schiff nicht verlassen, auch nicht in Tombouctou, das jetzt bald näherkommt.

25.11.2008

Wir haben jetzt auch einen Hahn. So kräht es nicht nur, wenn wir uns einem Dorf nähern. Unser Hahn kräht aus dem Rettungsboot. Bis er nicht mehr kräht.
In Bama kommen die Passagiere mit Pirogen aufs Schiff. Es gibt im Sand keine Anlegestelle. Hier wird besonders lange getutet. Es sieht so aus, als würde das Dorf noch schlafen. Als wir weiterfahren, geht die Sonne auf.
Nächster Halt ist eine Düne. Gerade so lang, dass die Frauen ihre Körbe auf den Kopf packen mit Orangen, Bananen, Maniok, Gurken, Tomaten, Paprika und Melonen für einen kurzen Markt. Nur 20 Minuten, nicht zwei Stunden wie gestern in Rharous. Die Düne ist voller Menschen, ein Schaf wird an Bord getragen und zu den anderen gebracht, die die Pferde im Bug abgelöst haben. Seit das kleine Schaf nicht mehr allein ist, hat es zu schreien aufgehört.

Seit gestern sind meine Nachbarn Tuareg. Eine Oma und ihr Neffe Afer (tamaschek) und seine kleine Schwester Toufa. Sie wollen in den Niger, wo ein Teil ihrer Familie lebt.
Auf der anderen Seite sieht einer aus wie Osama Bin Laden. Schmales Gesicht, spitze Nase, spitzer schwarzer Bart, scharfe Augen knapp unter dem Cheche.
Ausgestiegen ist die Mutter, eine Songhai, mit ihren beiden Mädchen, die sie oft angeschrien hat. Dann hat die größere Tochter (10) die kleinere (5) geschlagen, bis sie geweint hat. Die Mutter schimpft. Die kleine hat eine schweinchenfarbene Plastikpuppe auf den Rücken gebunden. Die hat glänzende rote Haare, mit denen die große Schwester acht oder zehn winzige Zöpfchen geflochten hat.

Das Schönste ist Aufwachen in tiefer Dankbarkeit. Glück ist viel weniger.
Heike? Ihr Tag ist es und sie ist bei mir. Es ist der schönste Todestag, den wir bisher miteinander hatten. 14 Jahre habe ich dazu gebraucht. 

Toufa hat schon einen Schneidezahn, so ist sie etwa sieben Jahre alt. Sie verlässt die Matte nur, um mit der Oma aufs Klo zu gehen. Die schwarzen Kinder springen überall herum, und wenn sie am Morgen frieren, dann tanzen sie. Toufa schaut zu.
Um 12 Uhr legen wir in Bourem an. Kinder, die gerade aus der Schule kommen, stürmen das Schiff. Hinein, hinauf, hinunter und überall herum. Gestern Abend in Gourma-Rharous haben sich die Großen gegenseitig fast von der Brücke gestoßen. Das Schiff ist ein Fest. Zweimal in der Woche von Juli bis November.

26.11.2008

Weit hat auch der Commissaire ausgeholt, um in meine Hand zu klatschen, als ich ihm sage, dass ich noch eine Etappe, die dritte, von Gao nach Tombouctou, auf dem Schiff bleiben möchte. Einmal lautes Lachen, noch einmal und wieder Lachen bis es viermal geworden sind. Und ich soll über den Tag in Gao die Sachen in sein Büro tun. Wegen der berühmten Diebe von Gao.
Also habe ich ein Ticket bis Gao gelöst. Für Fahrkarten gibt es Laptop und Drucker an Bord. Ich bekomme meine neue Fahrkarte, die Schrift von Segou kann man schon in Tonka nicht mehr lesen. Der Kapitän freut sich, dass ich bleiben will, weil es mir auf seinem Schiff so gut gefällt. Er führt mich stolz zu der großen bronzenen Platte, auf der die wichtigsten technischen Daten eingraviert sind und auch der Ort, wo das Schiff 1964 gebaut wurde: in Duisburg. 
Ich glaube, er denkt, ich bin jetzt stolz.
Ich rufe Idrissa an und sage ihm, dass ich zwei Tage später komme. Natürlich: pas de probleme!

Der Hahn kräht unter der Treppe. Heute muss er hinaus. Den ganzen Tag wird etwas hinaus- oder hereingetragen. Vor Dieben bin ich gewarnt worden. Sie würden die ganze Nacht das Schiff heraufklettern, ich soll meine Taschen in eine Kabine verschließen. So eingestimmt knote ich meinen Rucksack ans Geländer und binde Geld und Papiere um den Bauch statt sie als Kopfkissen zu nehmen. 

Ich bin nicht allein auf dem Oberdeck. Hinten bei den Männern mit den schweren spitzen Strohhüten, wie sie die Dogon tragen, ist es still. Neben mir schieben ein paar Frauen laut redend und geräuschvoll Gepäck herum. Dabei stoßen sie immer wieder an das Rettungsboot, das dann an meiner Seite ans Geländer kracht. Dann war es auf einmal still. Nur eine Frau ist geblieben, eine Mama, die mich bei Sonnenaufgang mit einem freundlichen Bonjour! begrüßt. Die anderen sind verschwunden. Und ich war erschrocken, wie viele sich hier noch einrichten wollten. Es blieb schließlich nur eine Frau.
Mit Toufa und ihrer Oma habe ich keine Sprache, wir tauschen Brot und Beignets hin und her. Die angebotene Orange – Afer hat unten eine Tüte voll gekauft – konnte ich nicht nehmen, weiß ich doch, wie selten diese Kinder so etwas bekommen. Ich habe auf Toufa gedeutet, sie solle sie nehmen. Und erschrecke über meine Überheblichkeit, schäme mich. Besserwisserei, wie ein Refex. Gottseidank reicht mir die Oma jetzt ein Brot. Ich nehme es so gerne und lasse es mir schmecken.
Afer ist bei seiner alten Tante und seiner kleinen Schwester geblieben. Freunde kommen zum Tee und gehen wieder. In Gao steigen sie aus. Säcke mit Reis werden hinuntergetragen. Ich sehe die drei noch lange unten sitzen. Mal winkt Toufa, mal Afer zu mir herauf. Toufa hat die Steppjacke, die ich ihr gegeben habe, über ihr rosarotes Sommerkleid angezogen, dessen Reißverschluss am Rücken immer offen war. Damit hat sie sich nachts unter einer dünnen Decke an die Oma gekuschelt. Die trug den ganzen Tag ihre dicke Jacke unter ihrem Kleid. Die Jacke wird Toufa lange tragen in den kalten Nächten, bis sie in die Ärmel hinein und aus ihnen wieder herausgewachsen ist.
Als sich die Ausgestiegenen und Abholenden und Prostituierten schon verlaufen haben, sitzen die drei immer noch da unten. Dann kommt eine einsame Charette, Afer lädt die Sachen auf, die Oma wird von zwei Männern hinauf gehievt, zuletzt Toufa. Sie war so lebendig, neugierig und fröhlich, hatte süße Grübchen bei ihrem Lächeln und verließ die Matte in den drei Tagen kein einziges Mal allein.

Tabaski steht bevor. Der Hammeltourismus ist in vollem Gange.
Die Schafe toben, es rumpelt vom Rempeln an die Schiffsseiten. Ein Bock hat angefangen, ist mit dem Kopf auf einen anderen Bock losgegangen, dann hat er ein Schaf besprungen. Jetzt wollen das alle Böcke, sind wild hinter den Mutterschafen her, jagen sie im Kreis herum, bis es sie aus der Kurve trägt. Dann rumpelt es wieder, der Bug ist klein. Es muss ansteckend sein, wenn einer an dem Schaf etwas riecht, geht es los. Bis wieder eines abgeholt wird.
Ein Mann lädt es auf den Hals oder auf die Schultern und trägt es vom Schiff. So kommt er wenigstens vorwärts mit dem Tier. Sie können auch störrisch wie Esel sein oder gleich davonrennen wollen. Von Schafsgeduld keine Spur. Zustände wie auf der Arche Noah – (geklaut)
Zikaden haben wir auch. Vorne beim Speisesaal. Ein großes Insekt haben sie mir vom Rücken genommen und hinausgeworfen. Ganz schnell, als ob ich es nicht sehen dürfte. Schade. Mit allem will ich leben.
Auch mit Fanta? Aziza legt sie mir in die Arme, sie ist vielleicht drei Monate alt. Aziza bedeutet mir weit ausholenden Armbewegungen, dass ich sie mitnehmen soll.

 

  © H. Tarnowski

27.11.2008

Heute krähen die Hähne von Bourem für uns. Um fünf Uhr laufen wir auf Sand, zwei Minuten später tutet es. Die Betenden sind schon aufgestanden. Das Kaffeewasser kocht, im Speisesaal ist ein Tisch gedeckt, an den ich mich setze. Der Milchkaffee ist süße heiße Milch, auf die ein paar Krümel Nescafe gestreut werden. Genau das Richtige für meinen rasenden afrikanischen Schnupfen. Ein Geschenk. 
Geschenkt ist auch das Beten im Radio, der Singsang des Immams, der viel von den Weißen redet. Nassara, Nassara. Wenn das kein Rassismus ist?
Die rote halbe Stunde um die Sonne, bevor sie aufsteigt und nachdem sie untergegangen ist.

Imbera. Die Verkäufer kommen durchs Wasser. Jungen halten Hähne, Frauen Fische hoch. Eine Piroge legt an unserem Schiff an, Fische gegen Bananen und Orangen. Bananenschalen und Fischgräten fliegen miteinander in den Fluss.
Meine Vorräte sind aufgebraucht, mir fehlen Kaffee, Milch und Zucker. Ich gehe einkaufen in einer der vier Boutiquen auf dem untersten Deck, wo es – wenn das Schiff anlegt – wie auf dem Markt in einem Dorf zugeht.
Zu meinem frisch gegrillten Fisch komme ich heute über drei Etagen. Ein Junge klettert für mich an der Bordwand hinunter, steigt durch eine Piroge und läuft durchs Wasser auf den Sand. Mit Handzeichen und Kopfnicken versichert er mir, dass er alles im Griff hat. Mit zwei Fischen in der einen, dem fettigen Kleingeld in der anderen Hand klettert er wieder zu mir herauf. Danke.

 

 © H. Tarnowski

Ins tiefste Herz Afrikas füllt eine Lücke: Gao. Gao. Ein Tag.
Am Abend warten zwei junge Frauen singend aufs Aussteigen.

Chaque jour est une vie – steht auf der HIV-Tafel.
Rotisserie de l’espoir, Route de l’espoir, Pharmacie de l’espoir, Cafes, Restaurants, Bars … de l’espoir – überall Hoffnung, Hoffnung, Hoffnung? Weil es zu wenig davon gibt? 

Gao. In der Stadt sehe ich große Füße neben dem Bauch einer alten Frau. Ein Junge mit dem Gesicht eines Zwölfjährigen hängt in einem Tuch an ihrem Rücken.  Eine Piroge zieht mit zwei Jungen den ganzen Tag durch die Reisfelder. Einer stakt, der andere schlägt einen Blechteller mit einem Stock.

Ich bleibe am Hafen. Sitze bei den Frauen, die Obst und Gemüse verkaufen. Den Versuch, eine verzierte Kalebasse für zuhause zu suchen, habe ich schon an der nächsten Hauptstraße aufgegeben. Bin über einen kleinen Markt gestreift, habe Beignets aus Mehl und Reis gegessen, die Kalebasse nicht gefunden, nur grobe ohne Verzierung, einen Quirl mitgenommen, und dann den Männern zugeschaut, die glänzende Muster in die Stoffe schlagen. 

Ein Mann aus Liberia, den man hier nicht versteht, weil er Englisch spricht, wollte Geld von mir für die Flucht nach Europa. So fängt es an? Mit 1000 Fcfa für etwas zu Essen war er auch zufrieden. Ich nicht. Habe mich nur geschämt, habe ich ihn doch zum Bettler gemacht.
Dann bin ich einem kleinen Jungen auf der Suche nach meinem Flaschenkürbis in einen Hof gefolgt, wo mir eine winzige Alte ihre nasse Hand reichte. Auch ihre Kalebassen waren viel zu groß. Nun war ich schon auf der anderen Straßenseite, da bin ich wieder zum Hafen gegangen.
Dort sehe ich, wie unser Schiff gestürmt wird. Jetzt verstehe ich den Kapitän. Es ist wirklich so: Den ganzen Tag geht man auf dem Schiff ein und aus als wäre es ein Fest.
Ich freue mich darauf, dass ich die Strecke nach Tombouctou noch einmal von oben sehen darf: morgen!

Die ehemals reiche Hauptstadt des Königreiches der Songhai ist heute ein staubiges Provinznest und Endstation der Passagierschifffahrt in Mali.
Vom Schiff aus haben wir die hoch aufragenden Tonbauten gesehen. Nach der Kolonialzeit war dort für die, die es sich leisten konnten, jahrzehntelang der abendliche Treffpunkt zum Sundowner.
Dieses Kino ist das schönste Freiluftkino am ganzen Niger. Der größte Erfolg war Tarzan. Der Vorführer von damals, 70 Jahre alt ist er, lässt den Schrei hören. Er schüttelt den Kopf, wenn er die verstaubten Filme aus den Rollen zieht. – Es sei doch ein Ort der Erziehung gewesen, das Kino war eine Schule, wo man sehen konnte, was man tun darf und was nicht. Heute gibt es in ganz Gao kein Kino mehr.
Der verfallende Kinopalast ist heute ein Durchgangsquartier für Migranten, die von der Weiterreise nach Europa träumen, wie Ibrahim. Er kommt aus Nigeria und ist vor fünf Jahren hier gestrandet und lebt jetzt davon, dass er jeden Tag im Niger Wäsche wäscht. Auf dem Weg hierher haben ihn Männer angehalten und gesagt, sie seien von der Einwanderungsbehörde. Aber es waren Banditen und sie habe ihm alles weggenommen. 15000 € kostet der Weg nach Europa.
Ibrahim wäre gerne auf unserem Schiff. Für ihn bleibt es ein Traum. Wie für so viele.

Heute ist es unmöglich, in Gao nachts herumzulaufen.
Auch so ein Ort, nach dem ich vergeblich Sehnsucht habe.
Mit Jenseits von Timbuktu geht es auf Pinassen weiter in leeres, vertrocknetes Land bis zu den Stromschnellen bei Boussa, in denen Mungo Park zu Tode gekommen ist.

28.11.2008

Wir sind wieder auf dem Fluss, jetzt zurück nach Norden: Gourma-Rharous – Tombouctou.
Tombouctou liegt wieder am Fluss. Auf einem kleinen Kanal kann man mit Pinassen und Pirogen vom Niger in die Stadt kommen. Gaddafi sei Dank. Was man mit Geld alles machen kann.
Die General A. Soumare muss ich verlassen und in ein Sammeltaxi steigen, das uns nach Tombouctou bringt.

30.11.2008

Sonntag in Tombouctou. Es ist immer noch so, dass die Welt unter mir weggleitet, wenn ich aufwache. Als wäre sie ein Schiff.