26.-30.4.2018 – l‘étranger

26.4.2018

Auch daran, wie an „alles“, werde ich mich gewöhnen: aufwachen und wissen, dass es auch heute zum Gewecktwerden nicht gereicht hat. Trotzdem aufstehen, den Tag anfangen mit Wohlwollen und der kleinen Hoffnung, dass er am Abend gut gewesen sein wird.
Ein kleiner Vogel liegt tot am Boden unter der Futterstelle. Hat eine gelbe Brust und ein blutiges Loch im Hals. Der Meise, die gestern ins Haus geflogen und von innen ans Fenster gestoßen und heruntergefallen ist, konnte ich helfen: Als sie auf dem Rücken lag, habe ich sie in die Hand genommen, bis sie wieder auf ihren Füßen stand, und in die Luft geworfen, wo es Bäume gibt. Sie hat es geschafft. In meiner Hand blieb die Erinnerung an dieses zarte Leben, so weich und ein bisschen warm.
Der Vogel heute war nass, zerrupft und kalt. Und so klein.

Endlich habe ich Mamadous Projekt an Brot für die Welt geschickt, nachdem ich mich im Anschreiben noch wichtig gemacht habe. Das hat bisher gefehlt. Muss wahrscheinlich sein, schaden kann es nicht. So machen es alle.

27.4.2018

Mamadous Bus ist auf der Rückfahrt nach Timbuktu überfallen und ausgeraubt worden. Davor gab es einen Überfall in der Stadt und in der Nähe des Flughafens, alles in einer Woche. Die Menschen leben in ständiger Angst.

Noch keine Absage von Brot für die Welt, jedenfalls kein schnelles Abschmettern meines „Bettelbriefs“ – wie die Hundefreundin meine afrikanischen Anfragen nennt. Ich werde warten.

Dabei habe ich Zeit zu überlegen, wann ich den Weg zum Ohrenarzt gehe. Meine Jungen sagen, ich würde sie oft nicht mehr hören. Man weiß ja, dass das Hören zuerst bei den hohen Tönen schwach und schwächer wird. Ich denke an meinen Freund, den Ornithologen, der eine Vogelstimme gar nicht hörte, nach der wir ihn – wie üblich – gefragt haben. Damals bin ich sehr erschrocken.
Und jetzt frage ich mich, ob vielleicht mehr Stimmen in der Luft sind, als ich hören kann. Das könnte für mich ein Grund für den Einsatz von Technik im Ohr werden. Gehört zum Thema: Alterserscheinungen. Am schwierigsten ist wohl die Zeit, wo man ein bisschen weniger hört. Wann ist es zu wenig. Das kann man nicht hören.

Heute hat ein Ruf in der Nähe zum Gewecktwerden gereicht, danke!
Aber weil die anderen Vögel nicht mitgemacht haben, bin ich wieder eingeschlafen.
Oder ich habe sie nicht gehört. 

Von Osten kommt der Wind, nach Osten fährt mein alter Freund, ich gebe ihm Grüße nach Hause mit. Ins Land der dunklen Wälder.
Mutti hat sich dieses Lied gewünscht für danach. Wahrscheinlich habe ich mitgesungen. Wahrscheinlich mit einer Gänsehaut. Dieses Lied geht nicht ohne Gänsehaut.

 

Das Ostpreußenlied

Land der dunklen Wälder
und kristallnen Seen;
über weite Felder
lichte Wunder gehn.

Starke Bauern schreiten
hinter Pferd und Pflug;
über Ackerbreiten
streicht der Vogelzug.

Und die Meere rauschen
den Choral der Zeit;
Elche steh‘n und Lauschen
in die Ewigkeit.

Tag hat angefangen
über Haff und Moor;
Licht ist aufgegangen,
steigt im Ost empor.

Heimat wohlgeborgen
zwischen Strand und Strom,
blühe heut‘ und morgen
unterm Friedensdom

Die letzte Strophe kam erst 1945 dazu. Das versteh ein anderer.

28.4.2018

Ich staune, wieviel Glück in einem Alltag, einem Tag wie jeder andere, auftauchen kann. Einfach so. Wie eine Blase im Wasser eines Sees.
Es gibt dafür keinen Grund und alle Gründe. Heute, hier. Danke.
Und dabei ist es noch nicht einmal zehn Uhr! Kaum zu glauben.

 29.4.2018 

Ich habe ein halbes Vogelei, hell türkis, unter einer Tanne gefunden. Das war ein Eichhörnchen, die Vögel können noch nicht geschlüpft sein. Ich gebe wieder Sonnenblumenkerne in das Häuschen, das sie am liebsten mögen.

Heute wird es in meinem Garten riechen wie in Oberlauter, ein paar Jahre nach dem Krieg, ganz nah an der Zonengrenze, wo die Eltern eine Gastwirtschaft gepachtet hatten und der Vater wieder schlachten und Wurst machen konnte. Jetzt auch die Coburger Bratwurst. Die Butzelküh – also Kiefernzapfen – habe ich schon gesammelt, um der ungesundesten Bratwurst Deutschlands ihren besonderen Geschmack zu geben.

Und jetzt noch ein Ei: gesprenkelt, weiß-braun.

30.4.2018 

Der April 89 habe ich meine erste Reise nach Afrika – Tunesien, ganz harmlos und organisiert – gebucht und mit meinem Vater darüber gesprochen, ob ich die machen sollte, wo wir nun wussten, dass er krank war. „Geh ruhig“ hat er gesagt und: „Ich bin schon noch da, wenn du wiederkommst.“
Unglaublich. Das hab ich ihm nie vergessen. Von meiner Mutter hatte ich gelernt, dass es sie krank machte, wenn ich mich weiter entfernte. Solange sie lebte, wäre ich nie nach Afrika gekommen.Dort kam durchs Telefon dann die Nachricht vom bevorstehenden Tod meines Vaters. Meine jüngere Tochter war mit ihm beim Arzt gewesen.
Und ich kehrte für sein Sterben zurück. 

April 89

Tunesien

Die Menschen haben keine Brillen. Sie machen die Augen zu.
Sie stellen ihre alten Autos in den Sand.
Ihre Toten haben keine Namen.
Mort est mort
Sie legen ihre Toten in den Sand und darauf einen flachen weißen Stein. Ohne Namen.
Sie sagen: mort est mort. Ihr Tod hat keinen Namen. Ihr Friedhof keinen Zaun.

Seit drei Tagen weiß ich, dass mein Vater bald sterben wird. Dass ein Krebs große Teile von ihm, der niemals zum Arzt ging, schon so zerstört hat, dass man nur noch warten kann.
Mit dieser Nachricht bin ich ans Meer gegangen und fühlte die unendliche Gleichgültigkeit der Welt.

Hier wo es nur schön ist, warte ich darauf, meinen Vater in den Tod zu begleiten.

Nordafrika. Diese Landschaft und der Tod. Die Sonne, der Sand und das Wasser. Camus. L‘Etranger. Der Fremde. Der Tod.

Diese dunklen fremden alten Männer habe ich sofort geliebt, die ganz alten vor allem. Der mir das Kamel zum Ritt gebettet hat mit diesen faltig-schwarzen Händen hatte immer ein Lächeln im Gesicht, wenn ich ihn anschaute. Ich musste sein Kamel nehmen, weil er so schön war. Ein anderer kam  lachend, gestikulierend, unentwegt redend angelaufen, als wir bei einem Zelt in der Wüste anhielten. Ich wollte ihn fotografieren, weil ich die Tiefe seiner Falten nie würde beschreiben können. Diese Furchen im ganzen Gesicht. Sein Lachen zeigt einen Zahn in seinem Mund.
Manchmal habe ich eine Scheu, in solche Gesichter zu schauen. Als dürfe man das eigentlich nicht. Als sei das eine Übertretung einer Grenze und ein Verrat. Und doch möchte ich sie immer wieder sehen und nie mehr vergessen: die Falten und ihre Geschichten.
Wir fahren weiter und ich sehe durch das Rückfenster unseres Landrovers, wie er mit weiten schnellen Schritten in die Wüste eilt: zurück zu seiner Ziegenherde. So muss Jesus in die Wüste gegangen sein.
Im Sand liegt ein Knopf.

Ich staune hier wieder einmal, wie sich Menschen einrichten in der Welt, die sie vorgefunden haben. Sie leben in diesem Sand, graben sich in die Lehmberge mit Höhlenzimmern. An der runden Decke ein Lehmbalken, um das Baby zum Schaukeln daran zu hängen. Und 220 Volt Wechselstrom.

Die Wüste ist die Freiheit für die Phantasie. Was macht es aus zu wissen, dass rund um jeden Ort, an dem man sich befindet, das Unendliche anfängt. Um jeden Punkt, an dem man das Zelt aus den Haaren der Kamele aufgeschlagen hat. Oder in der flachen Oasenstadt, durch die der Wind den Sand fegt. Tagelang, nächtelang.

Überhaupt die Intensität, die es in diesen beiden Wochen immer wieder gegeben hat. Augenblicke, die ich nie mehr vergessen möchte.
Ich war verrückt. Floh in die andere Sprache, in die Hoffnung auf ein anderes Land. Einen Mann lieben, der ein Mann ist, ohne Ausweg und ohne Ausrede, wo reden nicht geht. In einer anderen Sprache altes Junges wiederzufinden: die Bewegungen, die noch im Körper sind und wiederkommen.
Übermut, dass alles möglich wäre, weil Neues möglich ist.
Und ich bin froh um jede Nacht und jeden Tag und jede Stunde voller Lust und Zärtlichkeit und Wildheit. Das kann es geben und ich kann es leben.
Diesen Glauben möchte ich nicht mehr verlieren. Wenn er nicht da ist, warten, bis er wiederkommt. 

Nur die Dinge sind verloren, die man aufgibt. Sagen die Afrikaner.

Die Welt ist ein Geschenk und für ein Nichts zu haben.
1800 km nach Hause. 40 Minuten Mittelmeer.
Dieses Gefühl von Aufsteigen und Loslassen ist eines, wofür es sich lohnt, zu leben. 

Ein paar Briefe lang hat die Hoffnung auf eine Flucht getragen bis zu meinem letzten, wo ich schrieb: Mein Vater ist gestorben. Darauf habe ich keine Antwort mehr bekommen.

Morgen ist Vollmond. Ich freue mich auf den Mondmonat Mai .