14.-27.6.2018 – Mittsommer

 

14.5.2018

Zwei Glühwürmchen, acht Buntspechte, drei junge Eichhörnchen. Rundherum rufen die jungen Vögel. Dann wird ihnen der Schnabel gestopft, das Rufen geht weiter.
Gestern war mein Große-Wäsche-Tag. Der findet immer in unserem Viertel mit Migrationshintergrund und buntem Vordergrund statt, dort gibt es genug Waschsalons. Es war der letzte Tag, um für das Zuckerfest zu waschen.
Heute ist Ramadan zu Ende, fertig, vorbei: fini.

1990

Ramadan est fini.
Ein lachendes Schluchzen: Ramadan est fini!
Als ich diesen Satz zum ersten Mal hörte, war es ein Jubelruf.
Ein alter Araber hat ihn mir zugeworfen und sie angesteckt mit seiner Freude. Ich bin aus dem Halbschlaf hochgefahren und auf den Platz der Geköpften gelaufen, um bei den Jubelnden zu sein. Ramadan est fini!

Ramadan est fini. Dabei schaute niemand nach oben außer mir. Ich suchte den Mond. Damals musste ich noch sehen, um zu wissen. 

Das 12-Uhr-Läuten ist im Flugzeuglärm untergegangen. Oder der Wind hat es in die andere Richtung mitgenommen. Vielleicht haben sie auch die Uhr abgestellt, seit gestern umgibt den Kirchturm ein Baugerüst.
Ich kann nichts hören.

Ich werde das einzige Bild abholen gehen, das ich von Marrakesch habe. Ich weiß nicht, ob etwas darauf zu sehen sein wird. Marrakesch ruft mich. Ich komme.
Für Afrika und seinen ganzen ungeschneiten Schnee will ich alles verlassen und bald.

15.6.2018

Ich bin ganz erschöpft aufgewacht. Habe mich durch alles gescheucht, wovon ich mir sagte, ich müsse es tun und zwar sofort. Wie im richtigen Leben. Da muss alles ganz schnell gehen, gleich fertig sein, gemacht und getan, ohne Luft zu holen. So treibe ich mich in die Enge.
Ich möchte das Geschirr schon abwaschen, bevor man davon gegessen hat.
Und dann bleibt die Zeit, von der ich sage: zu viel für einen Menschen allein. Müde mit nichts.

Mich regt es auf, wenn ich sehe, wie jemand etwas langsam macht und mit Bedacht.
Könnte ich das vielleicht auch noch lernen? Achtsamkeit und so? Mal sehn.

Die Kulturzeit empfiehlt, sich mal draußen hinzulegen und in die Sterne zu schauen.
Ist das nicht das Einfachste auf dieser Welt?

Nacht unter Sternen
kein Tag kann nehmen
was sie mir gegeben hat

In einem Vierteljahrhundert ist meine Kleine 75. Vielleicht denkt sie dann auch daran zurück, wie es war, als ihre Mutter 75 war. Vielleicht so: Damals hat meine Mutter ein Buch gemacht. Es ging ihr gut damit. Aber ich wollte nie lesen, was sie schrieb, auch wenn meine Freunde sagten, es sei gut.
Vielleicht wird sie lesen, wenn ich schon lange nicht mehr da bin. Sie kommt so oft darin vor.

1990

Ich bin für sein Sterben aus Afrika zurückgekommen. Wie immer hatte er sich an sein Versprechen gehalten: „Ich bin schon noch da, wenn du wiederkommst!“ Was ihm jetzt bevorstand, wusste er nicht. Er wusste es so, wie er alles wusste, was er sofort vergaß. Die Schmerzen auch. Eine halbe Stunde, nachdem ich ihm seine Tropfen gegeben hatte, überdosiert  – „überdosieren, ruhig überdosieren, das kann nicht mehr schaden“, sagte der Arzt  – konnte ich ihn fragen: „Wie geht es dir jetzt?“ –“Was meinst du?“ –“Hast du Schmerzen?“ – „Hatte ich denn Schmerzen?“Ich musste die Zeitung sehr hoch halten. Was hätte er gesagt, hätte er die Tränen gesehen, die mir über das Gesicht gelaufen sind? Jetzt waren ihm „die Gedanken“ gnädig. Ein paar Tage noch. Aber ich wusste, dass er starb.Im Krankenhaus halte ich tagelang seine Hände, damit die Schwestern sie nicht anbinden müssen. Sie sind so weich geworden. Er weiß wohl nicht, dass er jetzt meine Hände wärmt, die immer kalt sind, wenn ich zu ihm komme.
Wenn ich mit ihm spreche, macht er manchmal die Augen auf. Ich frage ihn nach seinen Schmerzen. Er stöhnt. Er sagt etwas. Ich kann es nicht verstehen. Ich frage weiter, ob er wieder eine Spritze will. Nickt er? Es kommt nichts mehr. So war es dies. Ich verlange Spritzen, mehr Spritzen, sofort. Wenigstens das kann ich tun. Mehr nicht. Bis die Nachtspritze wirkt, halte ich seine Hand. Und dann?
Was ist, wenn ich ihn nicht mehr verstehen werde. Gar nie mehr.
Vielleicht war dies gerade schon das allerletzte Mal. Oh Gott.
Ich fange an zu trinken, wenn ich aus dem Krankenhaus komme. Schnaps gegen den Geruch. Wein zur Betäubung. In der Flasche blieb kein Rest.

Im Krankenhaus habe ich heimlich seine Stirn geküsst. Zum ersten Mal. Sie schmeckte süß. Das hat mich überrascht. Ich hatte etwas Bitteres und Salziges erwartet. Von oben habe ich mich herangeschlichen und diesen Kuss gestohlen. Er durfte es nicht merken. So komme ich ihm nicht unter die Augen, sondern vom Kopfende des Bettes, hinter dem ich mich sofort wieder zurückziehen und verstecken könnte, wenn er mich erwischt. Aber er weiß ja nicht mehr, was er merkt, er fährt nur mit der Hand durch die Luft, ohne dabei die Augen aufzumachen. Wie um eine lästige Fliege zu verscheuchen.
Ist es Erinnerung, der mit dem Geruch von seiner Stirn in meine Nase steigt? Oder kann man Wünsche riechen -? Soll es das gegeben haben, soll ich ihm einmal so nah gewesen sein?
„Darf ich dich kämmen, Pappi?“
Fünf Jahre war das Mädchen alt. Wenn er die Zeitung las oder später beim Fernsehen, hat es ihn gefragt. Da sagte er nicht nein, er sagte gar nichts, und das Mädchen zog den Scheitel und strich das glatte feine Haar nach beiden Seiten. Dabei wird es ihm wohl auch den Kopf gestreichelt haben.
Jetzt kämmt ihn die Ordensschwester jeden Tag. Einmal hat sie gemeint: Er schaut aber immer noch gut aus. Die Tochter hat sich gewundert, dass sie das sagt, ihr war es selbstverständlich. Er war immer der Schönste gewesen. Warum sollte das aufhören.
Es gibt ein Foto von den beiden, das noch in Ostpreußen – er würde sagen zuhause – gemacht worden ist: Er steht sehr aufrecht mit weißem Hemd und Hosenträgern, groß, sehr groß, hinter dem einjährigem breitbeinigen Kind mit seinen hellen Locken, Schaufel und Eimer in den Händen, er steht immer hinter ihm und schaut auf das Mädchen herunter, es ist sein Stolz, er ist sein Schutz.
Wenn ich dieses Bild betrachte, drehe ich es manchmal um, stelle es auf den Kopf und sehe seine Stirn wie hier, wenn ich hinter ihn schleiche, um ihn zu küssen. Wenn ich auch sicher weiß, dass er sich nicht mehr wehren und mich nicht auslachen kann, fürchte ich dies doch jedes Mal wieder und bin froh, wenn es vorbei ist.

Als ich den Schweiß auf seiner Stirn gesehen habe, der da noch nie gewesen war, habe ich gewusst, dass sie nicht mehr weggehen, dass ich das Krankenhaus nicht verlassen würde, bis alles vorbei wäre. Ich bleibe da. Jetzt muss ich dableiben, habe ich zu der Schwester gesagt, die hat mir Kaffee und Brot hingestellt  – „Sie haben doch den ganzen Tag nichts gegessen“  –, und habe mich eingerichtet. Da wusste ich nicht, für wie lange. Stunden oder Tage, jeder, den sie fragte, der Arzt, die Schwestern, ist bei ihrer Frage verschwunden, was hätten sie auch sagen sollen.
Nur, dass ich danach allein sein würde, das habe ich gewusst. Vaterseelenallein.
Oder lieber doch nicht dieses Wort. Ich mag es nicht mehr.

16.6.2018

Da sagt doch einer, der es wissen muss: „Wir machen Dinge immer schneller“ – ich bin also nicht allein?
Welche Dinge meint er? Abwaschen, Wäsche zusammenlegen, Essen kochen – alles mit Zeitraffer? Ich glaube, der meint mich nicht. Zu seinem Wir gehört mindestens ein aktives Smartphone. Das Wundergerät, das das Warten weggezaubert hat. Warten muss keiner mehr, der damit lebt. Abgeschafft.
Wegen der Pausenlosigkeit wäre nun Achtsamkeitsmeditation gut wegen Ruhe und Mitte und Selbst und so. Und ich hatte gehofft, dass etwas Neues kommt. Wieder nix.

Neu ist mein Vorsatz, mir meine artungerechte Naturromantik abzugewöhnen. Immer diese Projektionen. Ich fühle mich ja von einem Fisch angesprochen, wenn ich seine Augen sehe.
Und sofort überfordert. Wie von den Glühwürmchen auch. Was muss ich tun, damit sie leben können? Und die Grashüpfer und die Heuschrecken? Habe ich zur falschen Zeit gemäht?
Kann ich überhaupt etwas richtig machen?
Das Gitter entfernen, mit dem ich das Tor unten verlängert habe, damit der Hund, als er hier ankam, nicht hinauslaufen konnte. Mittlerweile hat er sich viele Ausgänge verschafft und kommt immer wieder. Das Gitter ist überflüssig und lebensgefährlich für Hasen. Falsch.
Die Ordnungen haben sich geändert, was früher selbstverständlich war, also richtig, ist heute falsch. Ich kenne mich nicht mehr und noch nicht wieder aus.
Das ganze Leben eine Überforderung für alle.

Da kann mir auch der Vater nicht helfen.

 

1990

Auch ein stummer Vater fängt an zu reden, wenn er tot ist. Plötzlich hat er zu allem und jedem etwas zu sagen.
Im Herbst sagt er wie immer: „Es werden schon noch schöne Tage kommen.“ Zugegeben, ich frage ihn auch bei der kleinsten und jeder großen Gelegenheit. Er macht mir Mut, wenn ich verzagt bin, weil mir der Bau, den ich begonnen habe, manchmal über den Kopf zu wachsen droht. Ich lasse ihn die Männer, die daran arbeiten, aussuchen. Dann sind es solche, die er noch gekannt hat oder die ihn noch gekannt haben „Was – der lebt nicht mehr?!“ – oder es sind selber Väter, wie der eine, der gerade einen halben Tag lang mein Haus glattgestrichen hat. Er ist ein richtiger Vater, denn er hat zwei Söhne, die die gleiche Arbeit machen wie er. Ich höre sein Klopfen und Reiben von allen Seiten und dazwischen sein Fluchen  –
Himmelherrgottsakrament – schon vor dem Aufwachen. Ich sage „Guten Morgen!“ und frage, wie es geht und was er heute hier machen will. Aber er sagt nichts, was er nicht schon mehrmals gesagt hat, und verschwindet um die Ecke, wo seine Arbeit weitergeht. Der will keine Tochter, der will eine Bauherrin, wenn es schon keinen Bauherrn gibt. Himmelherrgottsakrament.
Das hat der Vater auch immer gesagt, wenn die Mähmaschine abgestorben ist, oder er die Sense gegen einen Stein gerammt hat.
Er konnte sich auch nie vorstellen, wie ich lebte, was ich tat und mit wem. Nur dass ich alles übernehmen sollte, wofür er gearbeitet hat, das war so sicher, wie das Amen in der Kirche. „Da kommt Einiges auf dich zu!“ hat er immer wieder gedroht, wohl weil er merkte, dass ich davon nichts hören wollte und mit „Ja-ich-weiß-schon“ schnell zu etwas anderem überging.
Jetzt hilft er mir bei meinen Entscheidungen. Er, der der zuletzt so geizig wurde, dass er selbst mit dem Wasser zu sparen anfing, sagt zu mir: „Das hast du doch nicht nötig!“ – wenn er sieht, wie ich mich fürchte.

Aber oft meckert er auch und nörgelt herum: Bist du denn ganz verrückt geworden! Warum machst du das! Muss das denn sein. Ich weiß nicht, was dir nicht passt. Das war solange gut, das wird für dich auch noch gut sein.
Und ich antworte leise, dass nur er es hören kann: Vater, eigentlich bist es ja du. Von wem habe ich denn das Haus. Das weiß nur keiner außer mir.
Aus dem Sandkasten greife ich nach oben, nach seiner Hand. So hätte ich es gern.

In Wirklichkeit aber bin ich die Mutter, die sich mit ihm um alles streiten musste, was sie verändern wollte.
So oder so, ich finde, dass es jetzt reicht. Nun könnte er wieder aufhören mit seinem ununterbrochenen Dazwischenreden.

Ich sage: Halt endlich den Mund, das weiß ich selber. Sei doch mal still. Ich will nichts mehr hören. Schweig.
Das hilft. Er ist schon viel ruhiger geworden. Vielleicht auch nur leiser, weil er sich immer weiter entfernt.
Ich muss mich daran gewöhnen, ratlos zu leben.

Ich lege die Zeit in die Tage wie mein Vater seine Brieftasche und sein Portemonnaie auf den Tisch, bevor er zu Bett ging. Genau parallel auf eine Linie gerichtet, die ich nicht sah, aber um die ich noch lange nach seinem Tod vorsichtig und fragend herumging. Woran mag er sich gehalten haben.

 

17.6.2018

Es ist heiß wie die ganze Woche schon. Aus Sorge um Yallas Zähne bin ich über Land durch die Stauden zu einer Spezialistin gefahren und durch Kutzenhausen gekommen. Dort gibt es das Freibad wie vor vierzig Jahren. Ganze Sommernachmittage haben wir mit denn Kindern dort zugebracht. Das Bad hat sich nicht verändert, nur der Kiosk ist gewachsen und bietet vieles an, was es damals noch nicht gab. Am ersten Schild zum Freibad fahre ich vorbei, habe ich doch keinen Badeanzug mit, weil ich immer nur schwimme, wo ich allein bin. Aber dieses schöne Bad neben mir! Am zweiten Abbieger kann ich nicht widerstehen, werde nach einem Badeanzug fragen. Die Kassiererin schüttelt den Kopf, meint, sie haben keine Badeanzüge zum Verleihen. Aber dann fragt sie noch: welche Farbe? – Ach so, sie meint, ich habe meinen liegen lassen – schwarz! – sag ich schnell. Sie geht, kommt wieder und legt eine schwarzen mit schrägen goldenen Streifen vor mich hin. Ich sehe, dass es meine Größe ist, und sage: ja! Und um meine zögernde Sekunde zu erklären: „Das hätte ich nicht mehr geglaubt! Danke!“ Ich strahle natürlich. Jetzt kann ich schwimmen! Der Badeanzug passt genau, aber er ist dick und doppelt gearbeitet, mit Formen für die Brust, was für ein Gerät! Ich werde mir einen ganz feinen, dünnen kaufen, den ich dann immer im Auto beim Handtuch lasse. Diesen hier hänge ich in der Kabine an einen Haken. Niemandem etwas weggenommen und soviel bekommen!
Sie werden denken: Jetzt hat die Frau doch wieder ihren Badeanzug vergessen!

Diese Geschichte habe ich zur langen Kunstnacht beigetragenWeil der, dem ich sie erzählt habe, so schön lachen kann. Ich habe viel geschenkt bekommen gestern Abend – nicht nur die Idee, wie ich auch beim vom Regen glatten, steilen Ufer aus dem Fluss herauskommen kann: mit Hering und Strick.
Sollte den für die Geschenke Verantwortlichen die Neugier hierher getrieben haben – sage ich danke!

Als es dunkel genug war für die Spiele mit dem Licht, fällt mir mein Hund ein. So lange habe ich ihn noch nie allein gelassen. Ich schaue mich nur noch um, verweilen kann ich nicht mehr, die Ruhe ist vorbei. Yalla freut sich und tanzt – und jault dabei so laut wie noch nie.  

1990

Ich bin Im heißen Marrakesch aufgewacht und am frühen Morgen durch die Kasbah gegangen. Allein. Vielleicht hätte ich den Djellaba übergezogen, den mir die Großmutter zum Abschied geschenkt hat, damit er mich schützen sollte. Wozu hätte sie mir den geschenkt, wenn ich nicht wiederkäme. Den Ring, den sich die Alte vom Finger gezogen hat, drehe ich jetzt, wie sie es immer tat. Nie habe ich auch nur ein einziges Wort verstanden von dem, was die alte Frau sagte. Ihr Lachen und die Küsse zum Abschied, vielleicht. Der Großvater hatte sein Stück Brot unter die Schale geschoben, in der das safrangelbe Ramadan-Huhn lag, damit die Soße zu der Seite fließen konnte, an der ich aß. Zum Abschied hat er mir einen schweren silbernen Ring gegeben und dazu: „Für deinen Vater“ gesagt. Ein paar deutsche Worte waren ihm aus der Zeit geblieben, wo er zusammen mit den Deutschen gekämpft hat.

 

18.6.2018

Nach der Kunstnacht mein Event: So viele Glühwürmchen habe ich schon lange nicht mehr in meinem Garten schweben sehen. Diese tanzenden Lichter. Zau-ber-haft.
Sind sie wieder da? Kommen sie zurück? Vielleicht weil ich soviel Wiese habe wachsen lassen?
Ich bremse: Achtung! Naturromantik! So wichtig bist du nicht.

 Ein Schmetterling kommt durchs Fenster geflogen und setzt sich auf meine Nase. Fliegt weg und kommt wieder, auf meine Stirn, auf meine Schulter. Oder ist es ein anderer? Auf einmal sehe ich mehrere. So können sie hier leben. Das ist gut. 

19.6.2018

Gestern waren es noch mehr. Als das erste des Abends auf mich zu schwebt, tue ich einen Juchzer, der den Hund vom Bett ins Haus jagt, als wäre ein Schuss losgegangen. Ich bleibe sitzen bis Mitternacht, nur um ihnen zuzuschauen.

20.6.2018

Traurig – gestern waren es nur noch zwei, nachdem meine Tochter ihr Stück wieder kurz gemäht hat.
Jakob Preuss: Als Paul über das Meer kam. Tagebuch einer Begegnung.
Es war der richtige Film zu dem Zynismus: zurück in die Aufnahmeländer. Die Deutschen sitzen reich und fett in der Mitte – und das ist gut so?!? Nicht auf Kosten Dritter – so Merkel. Sie sagt das Selbstverständliche. Allein ist sie damit nicht, aber ich fürchte: in der Minderheit. Und die „Dritten“ und die Menschenrechte? Aquarius?
Schengen war eine andere Zeit in einer anderen Welt. Da ging es um eine – fragwürdige? – Ordnung.
Und die Welt hat sich gedreht. Nach dem Film bleibt wieder die Frage: Wie kann ich leben mit diesem Wissen, das wieder einmal aufgefrischt ist am Weltflüchtlingstag.
Der Film kam zu mir, die ich von den Glühwürmchen nur sehr schwer wegkomme, für Kino schon gar nicht, wenn es draußen so hell ist. 

21.6.2018

Gestern Abend sitzt mir plötzlich in junger Hase gegenüber, die langen Ohren aufgestellt schaut er mich an.
Mein überrascht-erschrecktes Zucken reicht, ihn in die Flucht zu schlagen. Weg ist er, um dem Schuppen herum zum Gartentor hin und – hoffentlich – hinaus. Nur sein Bild hat er mir da gelassen. Dieses: Schau – ich bin da, allein.
Yalla! Wo ist der Hund?!? Ich rufe ihn, sehe ihn nirgends, es bleibt still, kein Quieken. Dann kommt Yalla suchend die Nase am Boden daher.
Aber das Bild in meinem Kopf. Es macht mich wieder traurig.

Jeden Tag kann man Fluchtgeschichten sehen, wenn man will. Gestern habe ich eine alte Geschichte aus dem Kosovo genommen. 

Dann wieder Glühwürmchen. Aus meinem Bett sehe ich sie zwischen den Sternen schweben.

 Zwölf Uhr siebzehn: die Sonne wendet sich.

22.6.2018

Neues vom Glühwürmchen: eines ist in mein Glas mit Wasser gefallen, als ich gerade in Papua war, und leuchtend darin herumgeschwommen! Ich habe das Wasser auf den Boden geschüttet, da hat es noch immer geleuchtet. Dann hat es das Licht ausgemacht.
Jetzt will ich es noch einmal wissen: Warum leuchten die Glühwürmchen? 

An warmen Sommernächten, vor allem aber um den 24. Juni, lässt sich ein faszinierendes Naturschauspiel beobachten. Wer sich schon einmal gefragt hat, was die vielen kleinen leuchtenden Punkte auf Wiesen, in Gärten oder an Waldrändern zu bedeuten haben, erfährt hier die Antwort.

Leuchtkäfer, auch als Glühwürmchen bekannt, sind für das leuchtende Spektakel verantwortlich. Der Name „Glühwürmchen“ täuscht jedoch gleich doppelt. Bei den Tieren handelt es sich nämlich nicht um Würmer, sondern um Käfer.   Auch vom „glühenden“ Würmchen kann nicht gesprochen werden, denn die Tiere erhitzen sich nicht beim Leuchten. Ganz im Gegenteil: Sie erzeugen das so genannte „kalte Licht“.

Die weltweit verbreiteten „Glühwürmchen“ können mit Hilfe von sogenannten Leuchtorganen am Hinterleib Lichtsignale aussenden. Die Lichtsignale dieser Insekten dienen der Kommunikation zwischen geschlechtsreifen Weibchen und Männchen. Da die Weibchen flugunfähig sind, deshalb auch der Begriff „Würmchen“, locken sie mit den Lichtzeichen die paarungswilligen, flugfähigen Männchen an. Durch die fehlenden Flügel sind die Leuchtorgane der Weibchen besonders gut sichtbar. Das Leuchten der Käfer dient somit der Partnersuche.

Damit ein Glühwürmchen leuchten kann, muss eine biochemische Reaktion in den Zellen ablaufen. Biologische Energieumwandlungen, die unter Abstrahlung von Licht ablaufen, nennt man Biolumineszenz. Dabei wird die bei einer chemischen Reaktion freigesetzte Energie in Form von Licht abgestrahlt. Genauer gesagt, sind an der Lichterzeugung sogenannte Luciferine, unterschiedliche Naturstoffe, beteiligt.

Bei der Veränderung, meistens der Abspaltung von Teilgruppen an dem Luciferin, wird somit Energie in Form von Licht abgegeben. Der Wirkungsgrad, also der Anteil an Energie, die in Licht umgewandelt wird, beträgt bei den Leuchtkäfern erstaunliche 98 Prozent. Im Vergleich: Bei der elektrischen Glühbirne sind es gerade einmal 5 Prozent der Energie. Das tierische gelbgrüne Lichtspektakel können wir allerdings erst bei ausreichender Dunkelheit beobachten.

Wissenschaftler sehen in Glühwürmchen gute Vorbilder. Die Methode dieser Tiere ist so effizient, dass Forscher aus aller Welt versuchen, kaltes Licht industriell herzustellen.  

Toll !!! Ich bin ein Fan!

Als ich heute meine wöchentliche Tour auf den Berg gemacht habe, fiel mir ein, dass es das letzte Mal vor der Mitte von ohnesinn ist. Ich habe mir drei Jahre, Mondjahre, vorgenommen und die erste Hälfte ist mit dem nächsten Vollmond vorbei. Noch fünf Tage.
Die drei Jahre sind dem Wassermann geschuldet.
Das habe ich in der Krebs-AHB gelernt, wo ich bei meinem spirituellen Therapeuten darüber gejammert habe, dass mich Dinge, die ich mit Begeisterung beginne, so dass ich denke, die möchte ich mein Leben lang tun – zuletzt war es der Sprachunterricht – nach drei Jahren nicht mehr interessieren, ja langweilen. Wie soll das ein Lebenswerk werden?!
Der Therapeut hat nach meinem Sternzeichen gefragt. Genickt. Gesagt: Wassermänner sind so. Lebenswerk – warum? Was war das für eine Erleichterung! 

Drei Jahre also sind in fünf Tagen zur Hälfte vorbei. Zeit für das „Bergfest“.

Ich habe bei allen meinen Reisen mit einem „Bergfest“ gelebt, auch wenn das mitten in die Sahara gefallen ist. Das letzte Stück vor dem Gipfel ist immer das schwerste. Da muss ich Ermutigungen bemühen: klar schafft du das – noch!
Auf dem Berg bin ich über den Berg. Heißt: Wir haben das Schlimmste hinter uns.
Das nennt man dann Bergfest.
Von jetzt ab geht es leichter. Die größte Anstrengung ist geschafft. Wenn wir oben sind, können wir nach beiden Seiten sehen, woher und wohin. Wenn wir darüber gestiegen sind, geht kein Zurückschauen mehr. Was war, ist verschwunden. Es wäre blanker Unsinn, beim Herabsteigen rückwärts zu schauen. Über den Berg zu sein, heißt soviel wie: den tiefsten Punkt überwunden haben.

24.6.2018

Johannis
Ein Bussard ist in dem alten Brunnen ertrunken. Nun fressen ihn die jungen Füchse auf.
Es ist kalt geworden, da leuchten die Glühwürmchen nicht gerne. Es könnte die Schafskälte sein.
Aber der Kuckuck und die Amsel habe sich kurz vor der Dämmerung abgewechselt: Der Kuckuck hat gerufen, die Amsel hat gesungen,  als würden sie aufeinander antworten. Zum ersten Mal seit ein paar Tagen höre ich sie wieder, Blitz und Donner und starker Regen hatten eine Schallmauer um mich gezogen. Und dann gestern die Überraschung: Die Stimmen sind wieder da! Noch.
Mit abnehmendem Licht beginnt das Verstummen der Vögel. Welche Stimme fehlt?

26.6.2018

Samen sammeln lernen. Welche woher und wohin. Für meine Wiese.
Mein Oberförster hat mich in die Lehre genommen und mir gezeigt, welche Arten ich in meinen Garten tragen kann, damit es eine richtige Wiese wird.
Dass es schwer ist und ich Geduld, viel Geduld haben muss, sagt er auch. 

27.6.2018

Bergfest also. Siebenschläfer.
Morgen um diese Zeit geht es wieder hinunter. Ich schaue mich noch einmal um. Wo ich herkomme, wo ich hingehe, und wie wo es vielleicht einmal weitergehen könnte. Ob es ein Buch geben wird?
Ob ich ihm die Bilder mitgeben werde, um die ich mich so lange nicht kümmern konnte? 

Es ist Mittwoch und ich gehe den Berg hinauf, wie jeden Mittwoch. Heute sind so viele Himbeeren reif, wie noch in keinem Jahr. Ich kann nicht an ihnen vorbeigehen, nehme mein erstes Frühstück und pflücke, bis der Saft aus der kleinen Plastiktüte tropft. 

Die Gespräche mit meinem alten Freund habe ich noch bei mir, und das Wissen, dass sich unser Leben – wenn es nach ihm gegangen wäre – vor bald sechzig Jahren verbunden hätte. Obwohl ich spürte, welchen Schmerz ich ihm zufügte, konnte ich nicht anders, als den anderen Weg nehmen.
Wie ich ihn jetzt sehe mit seinen vier Kindern und sieben Enkeln, muss ich sagen: Für dich war das der bessere Weg. Mit mir hättest du nicht so ein Leben leben können. Denn – heute weiß ich es und kann es sagen – ich bin nicht fähig zu einem guten Zusammenleben. Ich habe es nicht lernen können – dürfen – müssen, nur ein bisschen nachlernen. Der alte, gute Freund schüttelt den Kopf, lässt das nicht gelten, lässt sich nicht davon abbringen: Mit ihm wäre es anders gekommen.
Ich gebe Erklärungen, schließlich kannte er meine Eltern. Die Mutter war den ganzen Tag im Geschäft und abends müde, der Vater schwieg. Und ich war das einzige Kind. Mich stellen meine Erklärungen auch nicht zufrieden, da war doch noch was.
Als es mir langsam wieder einfällt, ist der Freund nicht mehr hier. Langsam, weil ich nicht mehr dorthin denken möchte, nicht wieder spüren, endlich.
Da war die Angst  – immer sprungbereit, wenn ich einen Menschen liebte.
Wenn ich den Mund aufmache, ist alles aus.
Ich darf den Mund nur nicht aufmachen.
So sagte ich nichts, besonders dann, wenn ich etwas anders gewollt hätte. Wenn ich mir etwas gewünscht hätte, wenn ich hätte sagen wollen, was ich fühlte.
Nein, ich sagte nichts, auch nicht, wenn es der Andere wollte, weil er mich liebte. Eben. Gerade deshalb war es zu gefährlich.
Es ging nicht, kein Wort habe ich herausgebracht.

Auf dem Rückweg den Berg hinunter, will ich es akzeptieren, dass man die ersten Dinge kaum verändern kann. Wenn das Baby schrie, kam es ins Schlafzimmer. Allein. Wenn es still war, konnte es bei den Anderen bleiben. Das war meine erste Lektion in Selbstwirksamkeit, die sorgte in jeder Liebesbeziehung für Spannungen und Krämpfe. Die sind erst vorbei, seit ich allein lebe. Auch wenn mein Freund das nicht glauben will.
Freunde sein ist gut. Weil ungefährlich.
Schreiben war möglich, das Geschriebene zu sprechen nicht.Mit dem ersten Wort packt mich das Herzklopfen bis in die Haarspitzen.
Was ich dann noch höre, bin nicht mehr ich. Unzusammenhängendes Zeug, das ich selbst nicht mehr verstehe.
Wenn ich eine Aufgabe habe, wie einen Vortrag zu halten, dann verhindert die Angst davor schon eine richtige Vorbereitung. Auch wenn – oder gerade weil – ich mir ein Thema selbst gewählt habe, weil es meins ist, wie in Tutzing zum Thema Freitod. Auf einmal weiß ich nicht mehr, was ich sagen will. Habe nichts zu sagen. Warum stehe ich an diesem Pult?!
Das konnte sich der ewige Hochschullehrer nun gar nicht vorstellen. Er machte Vorschläge aus einer anderen Welt, in der mit sehr viel Wissen sehr viel machbar ist.

Bis weit nach Mitternacht haben wir dem Mond beim Rundwerden zugeschaut. Die Glühwürmchen haben ihr Licht schon früher ausgemacht, es wurde ihnen zu kalt.