Haff oder Watt

  15.8.2011

9 Uhr. Luft 20 Grad, Wasser 17, Wellen 0.
Es war, als hätte ich mich in diesem unbewegten Wasser etwas berührt. Ein paar Mal. Fische? Quallen?
Eigentlich könnte ich heimfahren. Es war schon so viel und es war gut. Alles, was noch kommt, ist Zugabe – vielleicht ein Sonnenaufgang am Haff. Sylt und die Nehrung sind in mir eins geworden. Manchmal verwechsle ich den Sand. Bis ich mir sage: Du bist hier und nicht dort. Aber es ist nicht mehr wichtig. Es ist Eins. Auch wenn das Watt hier das Haff ist.

Anders ist, wie die Menschen sich einrichten mit dem, was hier und was dort ist.
Hier macht zwei Stellplätze weiter der Herr mit den wenigen weißen Haaren, den ich gerade noch am Strand habe langsam joggen sehen, den Kofferraum seines alten Audi auf, holt einen Campingtisch und zwei Stühle heraus. Der Ort scheint gut: letzte Ausfahrt vor Russland. Hier stehen an diesem Feiertag – Mariä Himmelfahrt – drei PKW-Kombis mit verdunkelten Scheiben. Jetzt klappert der Nachbar mit Küchengerät. Kaum sitzt er, da klingt es wie Zwiebeln schneiden, und ihm tränen die Augen.
Fünf Plätze weiter war einer schwimmen, als er wiederkommt, stehen auch Frau und Tochter auf.
Kurz darauf kommt eine blasse, kleine jüngere Frau aus dem Wald, sie hat eine Plastiktüte dabei. Unzufrieden, missmutig schaut sie aus, als sie auf den Mann mit den Zwiebeln zugeht und in die Tüte zeigt: Pilze sind darin, nicht viele. Jetzt gehe ich hinüber. Pilze? „Yes, mushrooms“, sagt er. Aber sie seien nicht gut.  Dann zeigt er auf das Hackfleisch, mit dem er gerade das Frühstück zubereitet. Wieder die Frage, ob ich allein sei. Es ist ja sonst keiner hier zu sehen. Staunen, Kopfschütteln, Lachen. Wo ich herkomme. Sie sind aus Vilnius und wollen zehn Tage bleiben. Mit einer ganzen Küche: große Gasflasche, kleinflammiger Gaskocher, Töpfe und Pfannen, in einer braten schon die Klopse mit den Pilzen. Die Frau macht einen Salat. Als sie sich zum Essen gesetzt haben, wünsche ich Guten Appetit und steige auf mein Rad, um dorthin zu fahren, wo gestern der Cappucino so gut war und die Frauen so schön aussahen. Wie im Kino. Pech gehabt. Die Kaffeemaschine arbeitet heute nicht. Ich gehe enttäuscht an meinen Tisch zurück. Fünf Minuten später kommt die junge Frau, die mich eben noch enttäuschen musste, mit einer kleinen Tasse mit weißem Schaum an meinen Tisch und stellt sie lachend vor mich hin. Oh! Aciu! Aciu! – Danke. Natürlich schmeckt er köstlich, auch wenn er lauwarm ist. Wie alle Kaffees, die ich mir selbst mache, um möglichst lange etwas von dem bisschen Gas zu haben. Lieber zwei lauwarme als einen heißen und einen kalten.

Schön finde ich, wie den Mädchen die Zöpfe geflochten sind. Das kann man ja nicht alleine machen. Es muss jemand da sein, meistens ist es wohl die Mutter, die jeden Tag die Haare in die Hände nimmt und durch ihre Finger zieht.

Am Morgen gab es kleine Tatzenspuren im Sand. Ein Fuchs muss da gewesen sein, wo ich geschlafen habe. Wo gestern der Mond den Schatten der Düne zurückgezogen hat wie heute morgen die Sonne.
Keine andere Landschaft zieht und treibt mich so wie die See. Ist das Meer überhaupt eine „Landschaft“? Nicht eher ein Zustand?
Heute ist es still geworden. Ich höre es im Auto nur noch, wenn ich es unbedingt hören will.
Aber am Flutsaum klingen selbst die kleinen Wellen laut, wenn sie auflaufen. Und sie lassen ein paar blaue Quallen zurück. Von gestern.
Warum kommt mir das so komisch vor, wenn ein dicker nackter Mensch stundenlang im Sand sitzend telefoniert?

16.8.2011

Der Ostwind ist stehen geblieben. Es beginnt zu regnen. Dann kommt der Wind wieder von Westen und bringt soviel Regen mit, wie wir es schon gewöhnt sind. Gerade hatte ich mir vorgestellt, durch den Kiefernwald und dann die Düne hinauf zu rennen, um das Meer noch einmal zu sehen, bevor es Nacht wird. Das frohe Herzklopfen habe ich schon gespürt. Aber nun wollte ich aus dem Auto doch nicht mehr hinaus.
Heute rauscht die See wieder.
„Was macht das Meer?“ – „Es schwimmt.“ Sylt 67. Da war meine Große fast zwei.

Diese Nacht wäre die Mitte gewesen. Einmal hat der Mond vorbei geschaut. Den Weg, auf den ich mich gestern vergeblich gefreut habe, bin ich heute gegangen. Die zweite Hälfte beginnt, und ich bin ganz ruhig: Es wird gut gewesen sein. Ich muss es halt noch leben.
Ich bilde mir auf einmal ein, dass das Auto bewegt werden muss. Es könnte mich ja im Stich lassen wollen.

Ob jeden Tag so viele „Neugierige“ zur russischen Grenze gehen oder fahren wie gestern? Die ersten waren zwei Mitreisende von der LANA , mit denen ich die Eselsbrücke für „Prost“ gebaut habe. Sie wollten zu Fuß bis zum Häuschen laufen und dann am Strand zurück. Zum Abschied rufe ich ihnen iswekata! nach.

Als ich mich auf den Heimweg von der Düne machte, dachte ich, ich sollte mir eigentlich das „Häuschen“, das ich bisher nur in der Nacht und von weitem gesehen habe, doch mal näher anschauen, und bin nach Süden geradelt. Rechts und links wild verwucherter Laubwald, so still wie tot. Kein Vogel da? Nichts zu sehen, nichts zu hören? Ein Schild warnt vor Wildwechsel, aber nicht gerade jetzt. Wenige Autos. Dann ist ein Fahrzeug hinter mir, muss klein und langsam sein, ja: eine LT-Vespa überholt mich vorsichtig. Der Fahrer ist älter als 70 und trägt einen Helm aus Vespazeiten, die Frau hinter ihm, kleiner, grauer, hält sich gekrümmt an ihm fest, ihr Helm ist ein noch älteres Modell, eine breite, flach gedrückte Melone, die glänzt wie schwarzer Lack. Ich habe mich noch kaum umgeschaut, da kommen sie schon wieder zurück. Als hätten sie nichts anderes vorgehabt, als hinfahren und wieder umkehren, ohne abzusteigen. Die können sich ja hier nicht verfahren haben. Da steht schon lange nichts anderes mehr als KALININGRAD – KARAIAUCLIUS. Nur einen Blick werfen? Und dann noch ein Radfahrer. Tritt fester in die Pedale als ich, fährt weiter als ich, schaut sich rundherum um und kommt auch schon wieder. So weit habe ich mich nicht hin getraut. Warum eigentlich nicht?
Soviel zum Guck-die-Grenze-Verkehr. 

17.8.2010

Zustände gibt es, für die gibt es keine Worte mehr. Da kann ich mich noch so sehr anstrengen. Sie sind nicht „Glück“, sie sind irgendwie jenseitiger. Dem Musil ist auch nichts Besseres eingefallen als „anders“. Der andere Zustand eben. Ich stelle für mich fest: Es fängt dort an, wo die Worte am Ende sind. Er ist und er ist hier und er ist jetzt. Oder so: Wenn ich dort ankomme, muss ich nichts mehr sagen.

Und dabei schreibe ich weiter von allem, was darum herum ist. Davor, danach, daneben. Gestern habe ich gedacht: Es ist gut, jetzt könnte ich heimfahren. Und heute, nach der Nacht, die ich von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, von Mondaufgang bis Mondverschwinden in meinem Bett im Sand gelegen habe, geschlafen auch – heute denke ich, als ich mich so aufwachend neben den Wellen finde, deren Kämme ein Stück weiter draußen in der ersten Sonne leuchten: Ich würde länger bleiben wollen. Und ich verstehe nicht, warum das Unendliche ein Ende haben soll.
Auch auf Sylt habe ich manchmal gedacht: Hier gehe ich nie, nie, nie wieder weg! Dabei weiß ich, dass ich mich wenig später abwenden werde.
Das Weinen. Es muss in dem Jahr gewesen sein, als ich das zweite Mal nach Sylt kam. Wo ich es kennen gelernt hatte und wiederkommen durfte. Kaum angekommen bin ich allein den Heideweg hinuntergelaufen, an der Hecke der Nordseeklinik entlang immer schneller weiter, und dann die Düne hinauf und halt – da war sie. Die See. Da musste ich weinen und weinen und weinen. Später war das nie wieder so.
Und heute frage ich mich, ob es etwas mit Nach-Hause-Kommen-Dürfen zu tun gehabt hat. Es war so tief, wo die Sprache nicht hinreicht.
Ich habe gehört, wie hier jemand „auf Nidden“ gesagt hat – als wäre es eine Insel. Alles beginnt im Kopf.

Ich krabble aus dem Schlafsack und tauche wieder da ein, wo ich eingetaucht war, bevor ich da hineingekrochen bin, und nehme jede Welle, die mich umspült, ganz persönlich. Und sie mich. In diesem Augenblick ist ihre Bewegung auch meine. Danke.
Im Flutsaum stranden Schmetterlingsflügel, Generationen von Kohlweißlingen liegen da. Jetzt ist die Stille am Haff.
Gestern machte ich meinen dritten Versuch, mich der russischen Grenze zu nähern: in den Dünen am Haff. An dieser Grenze noch immer so unsicher wie das Kind, das man vor der Zonengrenze gewarnt hat.

Diesmal kam sie als Überraschung. Ich hatte nur gehen, einfach losgehen wollen, den Sandweg hinauf zwischen den niedrigen Kiefern, wo ich den ersten Fuchs gesehen habe. Ob der Schatten auf dem Parkplatz seiner oder ein anderer war, weiß ich nicht. Den Beinen wollte ich folgen, die es da hinauf gezogen hat, so weit mein Fuß mich tragen würde. Als ich hier ankam, habe ich gerade mal mit großer Mühe 50 Meter geschafft. Aber gestern ging es besser und so ging ich weiter und weiter, dann durch hohen Kiefernwald, vielleicht würde ich zur Hohen Düne kommen, die Richtung musste es sein. Dann schimmert das Licht des Haffs durch die Bäume, weiter, weiter! Am Fuß der Düne am Wasser frage ich meinen Fuß: kannst du? Und ob er kann! Er will – also hinauf!
Ein Stück vor mir geht ein alter Herr, setzt sich auf halber Höhe auf eine Bank, um auszuruhen und dann weiter zu steigen. Gleichzeitig kommen wir oben an, „das hätten wir geschafft!“ ruft er, pustet und strahlt. Schließlich ist er 80 Jahre alt, kommt gerade aus Memel. „Ich bin in Memel geboren!“ Das sagt er mit Ausrufezeichen und strahlt wieder. In der Nähe zur Anlegestelle der Pendelfähre zur Nehrung war ihr Haus. „Is nich mehr.“ Weg sind sie im Herbst 44.
Von Hamburg aus ist er immer nach Spanien geflogen. Als ich meinen Spruch von Sylt und meiner Suche nach dem Original anbringe, ernte ich die bisher größte Begeisterung: Das ist die Insel! Fast alle spanischen Inseln kennt er, aber Sylt!!
Für meine Statistik: Bisher ist jeder, dem ich mit meinem Spruch gekommen bin, auf Sylt gewesen und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Wie ich eben.

Dann steigt er zu der Säule hinauf – „einmal will ich den Russen sehen!“ – und ich gehe weiter zur Grenze hin, die über die Mitte der hohen Düne gezogen ist. Ich laufe durch den Sand, hinauf und hinunter, wie laufen doch gut ist! Der Fuß hat gelernt, im Sand zu gehen. Nach einer Weile mutet es mich afrikanisch an, wie das Gehen mit den Kamelen in der Ténéré am Morgen, bevor es zu heiß wurde. Hier gehe ich weiter und länger, bis mich ein Zaun zum Umkehren zwingt. Es ist die Grenze zum streng bewachten Naturschutzgebiet. Näher kann man den Russen hier nicht kommen. Auf dem Haff schiebt sich ein militärisches Schiff langsam hin und her. Der Russe.
Beim Zurückgehen wird das Afrikanische immer stärker.
Als ich an dem ersten windigen Abend mein Nachtlager in den Dünen suchte und fand, da fehlte jemand, der hätte hören können, wie ich sage: Hier schlafe ich. Wie an einem Wüstenabend. Alles andere ist gleich: Rucksack abstellen, Isomatte auslegen, Schlafsack drauf und fertig. Gut – hier ziehe ich mich wärmer an, und gegen Regen habe ich auch was dabei. Auch gegen Mücken, von denen es hier auch viele gibt, nur die böse ist nicht darunter.
Der Blick auf das Haff holt mich hierher zurück.  

An den Nebentisch ist ein Paar gekommen mit einem Jungen, der ist 12 oder 13 Jahre alt, und hat für ihn zwei mit Bananen gefüllte Pfannkuchen und Kakao bestellt. Die Eltern schütteln auf die Frage des Kellners nach ihren Wünschen den Kopf. Der Junge verschlingt die Pfannkuchen, löffelt den dicken Kakao. Den vorletzten Schluck nimmt der Vater, den letzten wieder der Junge. Der Vater will mit 20 Litas bezahlen, es sieht so aus, als hätte er das mit der Frau besprochen. Aber das reicht nicht, er muss noch eine Münze dazulegen. Der Junge ist schon aufgesprungen und zum Fahrrad gelaufen. Die Eltern gehen zu Fuß.
Ich denke an Mönchröden 46. Ich war drei. „Iss du“, sagte die Mutti, „ich habe keinen Hunger“, und der Pappi: „ich auch nicht.“ Ich aß.

In dem Restaurant auf dem Campingplatz, wo ich meinen Akku für die Leica auflade, habe ich ein deutsches Paar getroffen, das nicht hier geboren ist, sondern später. Sie begrüßt mich mit „Guten Tag!“ – Ich: „Sieht man das gleich?“ – Sie: „Nein, ich probiere es nur, dann sehe ich schon, wie der Andere reagiert.“ Sie erzählen gern und viel von ihren Ost-Reisen und wie sich der Osten in den letzten zwanzig Jahren verändert hat. Als sie dann zu ihrem Platz gehen, sehe ich noch, wie der Mann den Arm um die Frau legt. Das ist häufig so: Wenn ein Paar mit mir gesprochen hat und es lebhaft und lebendig war – ich möchte meinen: lebhafter und lebendiger als zuvor, wo sie miteinander geschwiegen haben –, dann greifen sie nacheinander, und ich denke sie sagen: Gut, dass wir uns haben und nicht so allein durch die Welt müssen!

Auch eine Zweisamkeit: Männerschuhe stehen unter der Fahrertür des PKW auf meinem Parkplatz ein paar Streifen weiter. Die Scheiben des Autos sind dicht beschlagen. Als ich mit dem Fahrrad losfahre, sehe ich an der Beifahrertür auch ein paar Schuhe stehen: kleine Flop-Flops mit Plastikblumen drauf.
Mittag. Ich sitze am Haff in Preila/Preil und es ist wunderbar. Davon habe ich heute Morgen noch nichts gewusst. Ich liebe meine Überraschungen und lasse sie mir zufallen. Danke!

Nach der Nehrung werde ich an der gegenüberliegenden Seite des Haffs nicht weit von Minchenwalde, Kreis Labiau. Muttis Geburtsdorf, Station machen. Für einen Besuch fehlt mir das russische Visum.

18.8.2011

Still ist es heute am Haff – nicht. Der Wind muss gedreht haben und macht hier nun kleine laute Wellen. Gestern Abend tat er das an der Westküste, und ich dachte, man könnte sagen: Wie kann man schlafen bei diesem Lärm!

Je kleiner der Mond wird, umso mehr Sterne tauchen auf. Jede Nacht kommt er später über die Düne, um den Schatten zurückzuziehen. Wenn die Sonne dasselbe am Morgen macht, sind es nur sieben oder acht Minuten, die es täglich später wird. Beim Mond müsste es fast eine Stunde sein.
Spinnweben habe ich auch im Auto, ohne dass ich eine Spinne gesehen hätte. Am Fahrrad hängen sie sowieso, und wenn ich durch meinen Wald zum Strand fahre, zerreiße ich viele. Selbst wenn ich denselben Weg eine halbe Stunde später zurückfahre, haben schon wieder welche den Weg versperrt. Es kommt kaum Sonne in das Wäldchen, so sehe ich sie nicht. Und die Kiefernzapfen gehen hier vielleicht niemals auf.

Wo ich gestern die Promenade von Preila hin und her gegangen bin, waren Spuren von Möwenkrallen, von großen und kleinen Pfoten und von Menschen im Beton, Männerschuhe, Kinderschuhe und ab und zu auch mal ein kleiner Absatz. Es roch nach Rauch. Der stieg aus den Räucherhäuschen, von denen in jedem Garten eins steht. Eine Frau hustet, sie spaltet Holz und legt es unter das Häuschen. Die Türen stehen offen, ich kann die Fische darin hängen sehen. Es raucht erbärmlich von Preilasberühmtem Räucherfisch, der mir ja leider nicht schmeckt.

Als es gestern schon beinahe dunkel war, habe ich wie am Tag zuvor Flaschen klappern hören. Da kam ein Mann mit einer Plastiktüte, von MAXIMA wahrscheinlich, und einem Stock und stochert damit in der Abfalltonne herum. Er scheint Glas heraus zu holen, Pfandflaschen. Dann steigt er die Treppe zur Düne hinauf. Es war die letzte Tonne vor Russland. Heute stelle ich meine drei Bierflaschen neben eine solche Tonne.

Nachdem ich das Polizeiauto von meinem Parkplatz habe rollen sehen, denke ich: Man kann sich geradezu beschützt fühlen. Sie wissen, dass da jemand schläft. Heute Morgen waren sie wieder da. Bei mir war niemand zu Hause, das sieht man gleich daran, dass die Scheiben klar sind. Als ich zum Frühstück komme, rollen sie gerade wieder weg. Im Nachbarauto wird noch geschlafen. Die anderen Nachbarn, die aus Vilnius, haben ihre Mahlzeiten jetzt ein Stück in den Wald verlegt. Ich treffe sie beim Sonnenuntergang auf der Düne. Sie gehen, als ich gerade mit Rucksack und Matte komme. Sie hätten sich gefragt, ob ich denn keine Angst hätte, so allein. Wenn ich die hätte, täte ich es ja nicht. Wo sie schlafen? Ich habe ihn an einem Regenabend mit einer großen schwarzen Tasche Richtung Wald gehen sehen. Stimmt: „In the forest.“– sagt er, in einem kleinen Zelt. Also dann: Gute Nacht!

Polizei oder Miliz – das war Prag 83, ein Kafkas Jubiläumsgeburtsjahr. Ich war mit meinem Panda über Wien nach Prag gefahren. Ein Versuch. Habe mich neben – nicht unter – die Moldaubrücke gestellt, die Kafka vor Augen gehabt haben muss, als er Das Urteil schrieb. Als sich Georg von der Brücke stürzt, geht darüber ein geradezu unendlicher Verkehr.
Ein Uniformierter klopfte an mein Fenster, fragte etwas, schaute herein, nickte freundlich und ging weiter. Er ließ mich mit dem Gefühl zurück: Mir kann nichts passieren, sie passen auf.

Auch hier ist der Verkehr gerade unendlich. Kaum ist ein Fahrrad vorbei, kommt schon das nächste. Man kann sich überall ein Rad leihen, oder man kann damit gefahren kommen, wie die drei Berliner, die gestern von der Grenze anrollten. Da nimmst du das Rad – in Berlin – und fährst an die See, und wenn du es bis dahin geschafft hast, kannst du auch weiter fahren, erst nach Polen, mit Stettin fängt es an, am Frischen Haff hört es auf, dann nach Kaliningrad Oblast und in Rauschen auf die Nehrung. So kann man es machen. Aber viele Deutsche fliegen nach Vilnius und fahren mit einem gemieteten Auto oder einem litauischen Bus weiter. So kommen nicht viele deutsche PKW wie meiner und die von den Ludwigsburgern und Bremern hier an. Und ein paar Wohnwagen finden auf dem Campingplatz zusammen. Aber inzwischen ist der Platz schon leerer geworden.