20.-24.9.2018 – unverwelkbare Blumen

20.9.2018

Wolltst Schnee, nu hast Schnee. Das Winterbuch von Masuren. 

 

© H. Tarnowski

Im nächsten Winter habe ich Lucie immer wieder gefragt: Und habt ihr Schnee? Die Antwort war jedes Mal die gleiche: Dass es nicht mehr so wie früher ist, wo der Winter kam und blieb und der Schnee so hoch lag, dass man von einem, der auf dem Weg vorbeiging, nur den Kopf sehen konnte. Aber heute: „Mal schneit es, und dann ist der Schnee gleich wieder weg-“ – „“Wie bei uns  –“
Das Buch zeigt, wie bunt die Wohnung von Lucija ist. So bunt wie die polnischen Friedhöfe mit ihren unverwelkbaren Blumen. 

Weiß ist das Land. Weiß und weit. Wo das Land eben ist, liegt ein See unter dem Schnee. Ein Mann hackt ein Loch ins Eis. Reifenspuren führen darüber vom Wald zum Wald.
Und drinnen ist Lucie. Stolz und bescheiden zeigt sie die Raderkuchen, die sie für mich gemacht hat. Um sie herum stehen die vielen Figuren und Puppen aus Porzellan und Blumen aus Papier oder Plastik. An den Wänden Fotos. Das Wichtigste zeigt sie bei Papst Johannes. Immer wieder hat sie erzählt, wie es war, nach Rom zu fahren. Überhaupt viele Bilder von Päpsten und Heiligen. Manche sind geknüpft, andere gewebt und das Schönste: Die Jungfrau Maria mit Kind ist mit Perlen bestickt mit Ketten behängt.
Aber auch Bilder von der jungen Lucie: oben auf einem Pferd ohne Sattel, im Damensitz.
Und Vitrinen voller Nikoläuse, Osterhasen, Ostereier, alles glänzt und glitzert in seiner Folie, Flaschen und Fläschchen,
Es wird ein schmales Buch und geht schnell, ich bestelle es zweimal: für Lucie und für mich.

 

© H. Tarnowski

Polen 28.2.2011 

Olsztyn – Berlin

Ich bin schon mal lieber nach Hause gefahren.
Mit dem Bus habe ich mich wohl vertan. War zu sehr angeschlagen, um zur rechten Zeit die richtige Frage zu stellen. Jetzt sitze ich da und bleibe, bis mich ein Bus nach Olecko fährt. Außer mir wartet niemand mehr.

Berlin – A
Bis es gestern dunkel wurde, war die Welt vor den Fenstern weiß. Heute ist sie braun.
Der helle Ton beim Tritt auf den Schneestaub ist für meine Ohren verklungen. Das Schimmern der Luft am Morgen, das Glitzern aus den Augen verschwunden. Es war so ein wunderbares Licht, diese kalte Schimmern.
Meinem Goldaper Freund in Berlin habe ich die Raderkuchen mitgebracht, die ich mit Lucie gebacken habe. Dabei habe ich meine Freude an unserer Zusammenarbeit und dem Gelingen der Raderkuchen gezeigt. Lucie hat mich getadelt, es klang streng:
– „Willst spielen?!“
Ich: „Du redst wie deine Mutter!“
– „Na wie soll ich, kann’s doch nicht anders!“ 

Freude, Wohlwollen, Lob hat es nicht gegeben für sie. Dabei wirkt Lucie eigentlich viel freundlicher. Sie berennt, beguckt, bedingst – und manchmal schimpft sie: der Kret!
In Lucies Kühlschrank stehen noch zwei Flaschen mit Blut für Schwarzsauer. Blut im Schrank. Mit Essig und Salz drin, damit es sich hält. 

2.3.2011

Das Wiederkommen habe ich mir nicht einfach gemacht. Erst gefroren, dann mit Rauf-und-Runter-Rennen warm geworden, dann wieder kalt, weil ich zu lange bei Solitär geblieben bin, um schließlich im Bett gar nicht mehr warm zu werden. Hätte ich mir sparen können. Wozu diese besondere Quälerei? Als müsste ich mir beweisen, am falschen Ort zu sein. Ob ich nächsten Winter wieder nach Hause fahre?

3.3.2011

Müd wie krank.

4.3.2011

Wieder hier. Und wieder ist etwas anders. Ich bin anders. Und wie? Was hat meine Winterreise mit mir gemacht? Und die Tage in einer anderen Zeit bei Lucie. Tage mit Lucie. Wo auch ich mich anders sprechen höre. Denke: na was nu? Was willst de. Wer bist de. – Das Vertraute befremdet mich. Wie kann das sein? Ist es Meins oder nicht?
Als ich aus Masuren zu Lucie zurückkomme, fällt es mir erst mal schwer, diese altertümlichen Einfachheiten – das unbequeme Sofa, das Lichtsparen, das kalte Wasser zum Abwaschen – wieder anzunehmen. Ich kann schlecht einschlafen, denke: Warum bin ich nicht noch einen Tag in diesem bequemen Hotelbett geblieben, wo ich zum Licht-Ausmachen nicht aufstehen musste und mir die Decke nicht immer wieder herunter gerutscht ist. Dann wäre mir das Wiederkommen erst morgen schwer gefallen und angekommen wäre ich gar nicht mehr.
So aber bin ich wieder angekommen. Dazu brauche ich immer drei Tage. Damit ich morgen nicht sage: Ich gehe morgen.
Da würde ich gar nicht ankommen. Das Morgen ist ein spürbares Ende, das Übermorgen nicht. Das habe ich bei jeder Station – es waren vier – so erlebt: in Wartenburg, Goldap, Treuburg und wieder Wartenburg. Kommt mir so vor, als könnte nur so ein Sich-Einlassen anfangen.
Und dann war es wieder so gut mit Lucie. Das Raderkuchenbacken. Die Wandrenovierung in der Küche. Der Schnaps, den sie mit der Taschenlampe aus dem Buffet holt und bei Straßenlaternenlicht in ein Gläschen schüttet. Unser Lachen, als ich mich bei der Frage nach dem zweiten Glas betrunken gebe und in „mein“ Zimmer schwanke.
Bei unserer Abschiedsumarmung achtet Lucie darauf, dass sie nicht auf der Schwelle geschieht. Dann winkt sie mir durch das Fenster nach. Ich schaue immer wieder um, winke auch, bis die Gardinen wieder geschlossen sind.

In Allenstein habe ich mal wieder ein Sprachproblem. Das Schließfach will 9 Zloty, ich muss einen Zehner wechseln. Wie oft so kurz vor Schluss fehlt mir die Energie, meinen Wunsch verständlich zu machen. Also hole ich mir einen Kaffee, dann bekomme ich, was ich brauche. Zum Sitzen bleibt mir nicht die Zeit, ich habe doch nur eine Stunde für Allenstein. Also gehe ich mit dem heißen Kaffee, der nicht to-go ist, sondern in Styropor ohne Deckel. Furchtbar heiß. Er hüpft mir aus dem Becher, über den Mantel, auf den Boden, während ich mich für den Marsch durch die Stadt zurecht mache. Da habe ich dann immer noch Kaffee in der Hand. 

Wenn ich doch nur sprechen könnte. Heute ist hier früher Frühling. Sieht so aus, fühlt sich so an, riecht auch so. Und doch kommt er mir nicht nah, weil noch ein Winter in mir ist. Ein Winter, wie er sein muss: gewiss und dauernd. Man muss das Leben auf ihn ausrichten. Kann nicht nur abwarten und ihn vorüber gehen lassen. Wenn man sich aber darauf einstellt, was bekommt man dann! Das Silber, das Helle, das Flirren, das Weiche, das Weiße allemal. Und das Wissen: es ist auch morgen da. Es hat Beständigkeit. Lässt die Autos auf die Seen.
Auch das gehört nun zu mir: ihn gespürt zu haben.

4.3.2011

Vielleicht komme ich nun bald an. Gestern konnte/wollte ich den Tag nicht füllen. Er ist leer geblieben. Und doch habe ich heute das Gefühl, er oder diese Nacht hätten mir die Kraft für den heutigen Tag gegeben.
Was mich nachdenklich gemacht hat, kam durch das Telefon: aus Coburg der Sturz mit Oberschenkelhalsbruch und aus Wartenburg Lucies Erkältung, die sie gleich nach meiner Abreise ins Bett gelegt hat. 86, 84 – meine beiden lieben alten Freundinnen.

6.3.2011

Wann ist es Zeit, mit dem Zurückschauen aufzuhören? Wann wird es langweilig? Wie spüre ich das? Oder ist meine Vergangenheit meine Zukunft? Mein Morgen und Übermorgen?

7.3.2011

Zu wissen, warum ich nicht weinen kann, genügt nicht, um weinen zu können.
Es bleibt so: Aufsteigen und wegdrücken sind eins. Wie bei der Abbiegung nach Ortrand.

24.9.2018 

Nach Hause ist da und mit dem Buch der Schock: Ich habe die Städte meiner Sommereise vergessen – die vielen Bilder von Goldap, Allenstein, Angerburg, Rhein, Rastenburg, Danzig, Elbing, Marienburg, dem Oberländischen, Elblaski-Kanal – wie weit bin dich für die gelaufen! Sie sind nicht im Fotoprogramm des apple-Rechners angekommen, sondern einfach nur als Bilder gespeichert ohne Spur in meinem Kopf, als gäbe es sie gar nicht. Das ist ein Loch, in das ich stürze, als alles vorbei ist. Das war der größte Schock bei dieser Arbeit. Dass das passieren kann. Da kann ich es doch gleich lassen. Ich hatte noch immer eine Spur von Vertrauen, dass ich merken würde, wenn etwas dran ist. Wenn s die Zeit dafür ist. Mit Verspätungen meinetwegen, aber nicht zu spät.
Jetzt war es zu spät.
Das tat weh. Tut es immer noch. Wie soll ich mich damit einrichten? Zurechtfinden?
Auf die andere Seite schauen? Welche andere Seite? Wenn ich alle Fotos vor mir gehabt hätte, wäre nichts aus dem Buch geworden. Ich hätte aufgegeben wie schon einmal, gezwungenermaßen. Das wurde kein Buch, sondern eine Depression, aus der ich mit ohnesinnherausgefunden.
Jetzt gibt es nur ein kleines Buch, mein Masuren eben.

Mit solchen trickreichen Überlegungen muss ich mich durchschlagen, denn jetzt fällt mir natürlich alles ein, was im Bilderbuch fehlt.
Dazu der Rat: Du musst es dir aufschreiben!
Was? Dass ich nicht vergessen darf, was dazugehört wie die Städte zum Land?
Das mag keiner verstehen, der es nicht kennt. Der wehrt es ab und sagt: aufschreiben.

Immerhin ist Vollmond.