26.10.2018 – Kalabougou

 

Komme nur langsam in den Tag. Kaffee, Klavier, Hund. Im Haus sind es noch 12 Grad, als ich von der Runde um die Felder zurückkomme. Ich entschließe mich, den Ofen anzuheizen, bevor ich mich an den Schreibtisch setze. Es ist das erste Mal in diesem Herbst. Natürlich raucht er erst einmal wild, war zu erwarten bei dem Wind. Der Feuermelder gibt Alarm. Gut, dann weiß ich, dass der in Ordnung ist. Ich lüfte, bis er schweigt, und stelle den Kugeltopf aus Ton, den Dumia in Kalabougou für mich gemacht hat, auf den Ofen. Es war ihr Abschiedsgeschenk für mich.
Die letzte Nacht habe ich in ihrem Hof geschlafen, den Platz in einer Hütte hatte ich dankend abgelehnt. Ich blieb bei den Kühen, die abends heimgekommen waren, den Hühnern, den Ziegen und Schafen und dem Hund, der bei mir liegen wollte und nicht verstand, dass ich ihn wegschickte, habe ich das am Tag doch nie getan.
Dumia. Ich hole mein Kalabougou-Bilderbuch heraus, will ihr Gesicht wiedersehen, ihr Lachen, wenn ich zu ihr kam. Dabei unterbrach sie ihre Arbeit nicht, die Scheibe drehte sich weiter und der Ton ist aus ihren Händen gewachsen. 

 

 © H. Tarnowski 

Mali 6.2.2008

Kalabougou ist ein Dorf am Niger, zwei Stunden mit dem Boot auf dem Fluss westlich von Segou. 

Ich habe Omnisept und Nux vomica vergessen. Dafür habe ich nun schon zweimal einen Gedanken zu Hilfe genommen, wo ich sonst Kügelchen eingeworfen hätte: hinsetzen, Klappe halten, einatmen, ausatmen. Vielleicht komme ich damit zurecht. Dann hätte ich eine Hilfe immer bei mir. Wär schon toll.
Beim Fotografieren merke ich wieder, wie ich den richtigen Moment ganz knapp verpasse. Aber auch knapp verpassen ist verpassen. Das Gefühl wie mit dem Fisch, den ich in der Hand habe ohne zuzupacken. Da ist der Fisch weg. Ich probiere die Hilfsverben durch: Kann ich nicht oder will ich nicht? Kann ich nicht, weil ich nicht will, oder will ich nicht, weil ich nicht kann? Soll ich nicht? Darf ich nicht? Oder muss ich vielleicht gar nicht?
Jedenfalls muss ich gar nichts und dafür bin ich da. Fühlt sich unendlich reich an. Ist es ja auch: eine Woche ist ein ganzer Sommer. Und was für einer! Ein Sommer ohne Zeit. Ich habe mich hineinfallen lassen. In seine und der Menschen Wärme hier. 

Sterntaler. Diesmal ein afrikanisches Märchen.

Es ist, als müsse ich nur die Arme ausbreiten, oder mein Hemd offen halten oder mich hinsetzen – und die erfüllten Wünsche fallen mir in den Schoß. Glück so strahlend wie Sterne.
Ich darf bei Bina, einem Sohn des Chef du village, wohnen, die Frauen im Dorf besuchen und ihnen bei ihrer Arbeit zuschauen. 

8.2.2008

Es gibt eine Toilette zum Sitzen! Unter freiem Himmel natürlich.
Der Chef ist zu mir gekommen und hat mir freundlich, fast strahlend aufgefordert, ihm zu folgen, und mich mal rechts, dann links und wieder rechts durchs Dorf zu einer mannshohen Mauer geführt und mich durch die Öffnung treten lassen: Da stand in der Mitte eines Rechtecks eine strahlend weiße Porzellantoilette mit Klobrille. Ich bin überrascht, zeige Freude und Bewunderung, der Chef nickt, immer noch strahlend. Den Rückweg muss ich mir merken, will ja auch alleine herfinden.
„Ungeniert“ – ist das ein Wort, das hier passt? 

Auch dann, wenn der Chef den Plastikkugellöffel nimmt, nachdem ich ihn dankend – abarka – zurückgelegt habe, und damit weiter isst. Nur ich denke an meinen Schnupfen.
Morgens soll ich mit den Männern essen. Eine Schüssel und sieben kleine Schöpflöffel, um die Hirse daraus zu schlürfen. Fünf Männer sind schon da, als noch zwei kommen. Jetzt fehlt meinetwegen noch ein Löffel. Ich mache verständlich, dass ich gleich fertig bin. Sie schütteln lächelnd die Köpfe, benutzen einen Löffel gemeinsam, abwechselnd eben.
Mittags wollte ich deutlich machen, dass ich mit den Frauen essen will. Da haben die Männer gelacht – die Frauen auch. Manchmal holen sie mich von den Männern weg, wenn der Chef keine Extraschüssel hat bereitstellen lassen. Ich glaube, damit bin ich ein besonderer Gast geworden.

10.2.2008

Diese Nacht bin ich mit Matte und Schlafsack vor das Dorf gezogen. Es hat keinen Sinn, darauf zu warten, das die Dorfjugend sich nicht bei Bina, „meinem“ Haus versammelt. Es stört sie nicht, dass ich dort schlafen will.
So ein Himmel! Der Neumond ist schon verschwunden. Die Räder fahren ohne Licht an mir vorbei.
Jetzt zum Frühstück beim Chef. Hirse. 8.15. Zwischen 12 und 13 Uhr: Mittag: Reis oder To mit Sauce aus Trockenfisch. Abends: 20-21 Uhr: Reissuppe oder Reis von Mittag.
Dieser Chef du village hat drei Frauen, 10 Kinder und 30 Enkel.

11.2.2008

Bina muss heute vor dem Haus schlafen, damit ich mich nicht wieder davon mache in der Nacht, weil mir ein Lärm zu viel ist. So wie gestern, als er mich erst nach Mitternacht wieder fand. Aber vielleicht will er den Lärm abhalten? Soll er mich vor den lauten Freunden beschützen?
Gestern Abend hat Bina für mich eine Zikade aus dem Baum geholt und mir die Beine gezeigt, mit denen sie das Geräusch machen würde. Ich glaube, das konnte sie danach nicht mehr so gut. Sie humpelte im Sand davon.

12.2.2008

Um halbneun gehen die Rinder aus dem Dorf, um sechs Uhr kommen sie in die Höfe zurück.
Die Töpferinnen beginnen ihre Arbeit eine Viertelstunde vom Dorf entfernt. Dort hacken sie den Lehmboden auf. Kinder laden die Brocken mit großen Schüsseln auf Karren, die werden von einem größeren Jungen mit Eseln ins Dorf gefahren und in den Höfen abgeladen. Hier übernehmen die Frauen und Mädchen.
Sie zerklopfen die Lehmbrocken – da helfen auch schon die kleinen Kinder mit – und treten dann das Pulver mit Wasser so lange, bis der Ton geformt werden kann. Jede Woche entsteht ein Modell, jeden Tag wächst ihre Zahl. Die Höfe werden immer voller.
Nach dem Trocknen, das nur einen Tag braucht, werden die Gefäße bemalt und blank gerieben.

Als ich bei Adimata ankomme, die ich bis dahin nur bei Nacht gesehen habe, als sie beim Schein einer Petroleumlampe die großen Gefäße glatt strich, bekomme ich den gleichen Stuhl hingestellt wie am Abend.
Adimata hat rote Farbe gerieben und angerührt. Neben mir sitzen Kadija (11) und Naji (8) mit einer großen und einer etwas kleineren Schale zwischen den Beinen. Sie reiben diese mit einer nach Wachs riechenden Flüssigkeit ein und mit Perlenketten blank, bis sie in hellem Braun glänzen.
Ich hatte mich schon den ganzen Tag gefragt, wie viel die Kinder arbeiten, und keinen gefunden, der mir eine Antwort hätte geben können, der ich getraut hätte. Aber Abdulai hat mir seine Tochter beim Zerkleinern der Lehmbrocken gezeigt, sie ist vielleicht sechs, neben ihr taten noch jüngere Mädchen, vier und gerade mal zwei, das Gleiche. Das hätte man noch für ein Spiel halten können. Hier bei Kadija und Naji ist es Ernst. Ich sehe ihren Gesichtern die Aufmerksamkeit beim Ausbessern kleiner Fehler an, und die Anstrengung beim Waschen, Einreiben und vor allem Blankreiben. Schweiß steht tropfenweise auf der Stirn. Wenn ein Trog fertig ist, wird er zu den anderen gestellt, der nächste genommen. Nachdem sie drei fertig gemacht haben, hören sie auf. Jetzt zieht Kadija rote Streifen um einen großen Krug, wie es ihre Mutter schon die ganze Zeit macht. 14 fertige Krüge lehnen an der Wand, 5 ohne Farbe vor ihr. Für die musste sie wieder Farbe reiben. Sie stellt sich nach jedem Krug ein paar Minuten hin und hält sich den Rücken. Bedeutet mir, dass er weh tut. Heute würde sie schlafen, zeigt sie mir mit an die Wange gelegten Händen. Gestern war es neun, als ich weg ging, da hatte sie noch 19 Krüge vor sich. Und morgen? Als ich bei meinem Sonnenaufgangsspaziergang bei ihr vorbeikomme, kurz vor sieben, hat sie schon die Schüssel zwischen den Beinen, in der sie die Farbe reibt.
38 Krüge und 24 große Schüsseln macht sie in dieser Woche.

Es ist schon nach acht Uhr und eine gute Stunde dunkel, als ich in den Hof des Chefs komme und Ana ist dabei, den Rand einer Kuskusschüssel, das ist eine Schüssel mit vielen Löchern, hoch zu ziehen und glatt zu reiben. Ich kann Ana nicht sehen und auch die Schüssel nur mit einer Taschenlampe, aber Ana arbeitet noch. 22 Schüsseln stehen schon da, eine hat noch keine Löcher.
Daneben wäscht Auoa die Wäsche, Sata bereitet das Abendessen vor: Die Reissuppe muss noch gerührt werden, damit sie nicht zu heiß ist zum Essen. Heute wird kein Wasser mehr geholt. Gestern ging jede Frau nach ihrer Arbeit dreimal mit ihrem 20-Liter-Eimer zum Brunnen. Jedes Mal blieb brauchte sie fünf Minuten für einmal zur nächsten Pumpe und zurück. Das Dorf hat fünf Pumpen für Trinkwasser. Welch ein Luxus! Strom gibt es nicht. Fernseher und Musikgeräte werden mit Autobatterien betrieben. Am Abend wandern Taschenlampen durchs Dorf. 

 © H. Tarnowski

13.2.2008

So ist auch Dumia, eine Grandmère, mich besuchen gekommen. Sie ist die Töpferin, die mir die ersten Handgriffe mit dem Lehm gezeigt hat. Sie hat zwei kleine Öfen für mich gemacht: Gefäße, in die man unten Holz schiebt und oben auf den festen Deckel mit großen Löchern die Kohle legt, auf die dann der Topf gestellt wird. Dumia hat die beiden Öfchen für mich mit Reisig gebrannt, der kleinere ist heil, der größere ist dabei zersprungen. Seine Scherben werden schon wieder zu neuem Material zerklopft. Mehr als 20 Öfen hat Dumia in dieser Woche gemacht. Gestern ging sie mit mir ein Stück, um zu sehen, wo ich wohne.
Am Abend sitzt sie da, als ich von Adimata zurückkomme, sieht wunderschön aus – soviel ich sehen kann – in ihrem dunkelblauen Gewand, mit langen Ohrringen und einem leichten weißen Schal locker um Kopf und Schultern gelegt. Sie freut sich, weil sie glaubt, ich hätte sie nicht erkannt. Jetzt sieht ihr Gesicht noch schöner aus als am Tag, wenn sie zur Arbeit ein T-Shirt und eine Pagne trägt. Dann geht sie wieder, ich begleite sie nach Hause, morgen werde ich wiederkommen.
Dumia ist eine Großmutter. Einmal zog sie einen Busen aus ihrem Ausschnitt und zeigte lachend auf einen Mann, der gerade in den Hof kam. Sollte heißen: Das ist mein Sohn! 

Eines ist wie immer: die Reise ein Berg und die Mitte der Gipfel, der überstiegen werden muss, wenn das Ende – ein Ziel? – in den Blick kommen soll und ich daran glauben kann.
Heute bin ich über den Kalabougou-Gipfel gestiegen, morgen wird es der Mali-Gipfel sein. Es ist, als könne ich dann sicher sein, heil nach Hause zu kommen. Das Hinuntersteigen ist dann viel leichter. Ist es das?
Deshalb vielleicht: Ich muss die Wege durch die Tage nicht mehr suchen, sie sind fast, bis auf Variationen – Segoukoro? – vorgegeben, denn am Ende ist: 17.2. Segou. 18.2. Bamako.
Jetzt gehe ich zu dem Baum, der abends so berauschend süß duftet. 

13.2.2008

 

 © H. Tarnowski

Heute – am Samstag – wird gebrannt. Jungen bringen die Charettes mit Reisigbergen zum Feuerplatz und bauen große Berge damit auf. Adimata , Dumia  Auoa und alle anderen Töpferinnen und Kinder sind schon lange dabei, ihre Gefäße in den riesigen Reisigbergen zu verstauen.
Und die Touristen sind auch schon da. Bekommen eine Vorführung und gehen wieder.
Es tut sooo gut zu bleiben. Ich schäme mich noch heute für meine Frage, als ich ankam: Wo sind die Frauen, die hier töpfern? Blöd bin ich mir erst später vorgekommen.

 

  © H. Tarnowski

Ich bleibe bei den Frauen, die ihre Werke versorgen, Reisig nachlegen, darin herumstochern, um das Feuer zu erhalten und dafür zu sorgen, dass die Gefäße mit Glut bedeckt sind.
Wenn die größte Hitze vorbei ist, holen die Frauen die noch heißen Gefäße aus der Asche und tauchen sie in rot gefärbtes Wasser. Da kommen sie matt oder glänzend heraus und sind fertig. So werden sie auf Karren geladen und auf den Charettes an den Fluss gefahren, einen Nebenarm des Niger.
Sehr früh am nächsten Morgen – die Sonne ist noch nicht aufgegangen – bringt die Töpferinnen ihre die Gefäße auf große Pirogen, die Holzboote mit einem Außenbordmotor, und fährt noch am selben Tag oder dem nächsten Morgen nach Segou.

 

  © H. Tarnowski

 14.2.2008

Auch das gibt es: die Piroge mit der Poterie war für 7 Uhr angesagt und ist um 6.35 abgefahren. Ich war um 6.40 da, weil ich glaubte, die „Afrikaner“ zu kennen. Dabei habe ich vergessen, dass sie Nachtaugen haben und schon stundenlang aufladen konnten, wo ich gerade  seit einer Stunde einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden kann.
Also mit einer Charette nach Kaladanga. Auch schön. So muss ich nächsten Sonntag nochmal nach Kalabougou weil ich einmal mit den Frauen und ihren Gefäßen auf dem Fluss nach Segou fahren will. Vielleicht. Hab schon ein bisschen Sehnsucht dahin zurück obwohl hier viel mehr Niger ist.

Der letzte Abend: Es würde etwas Besonderes zum Abschiedsessen geben, habe ich mir gedacht.Dann sitze ich da mit meiner Schüssel mit Reisbrei wie jeden Abend. Plötzlich steht der Chef auf, seine Augen blitzen, er geht in sein Haus und kommt mit einem Plastiktütchen wieder heraus.: Er schnürt die Tüte auf und schüttet ein Häufchen auf den Reis, bis ich heftig danke. Ich nicke sehr erfreut, ja: Jetzt schmeckt es wirklich gut. Gestern war der Reis ein bisschen salzig, vorgestern ganz wenig süß. Aber heute! Guuut!
Der Chef ist sehr zufrieden. Ich auch. War es doch die Henkersmahlzeit.
Wie er sich über die 20 000 gefreut hat!

Mir bleibt das Staunen über den lebendigen Umgang mit der Erde, dem Lehm, für Gefäße, Häuser und Moscheen. Und für Geld: Kalabougou war das erste Dorf, in dem ich eine Bank gesehen habe.

Ich muss tatsächlich noch einmal nach Kalabougou gekommen sein, auch wenn mich mein Tagebuch im Stich lässt. Ich habe stundenlang mit allen möglichen Stichworten gesucht – nichts.’
Aber ich sehe mich doch mit der lachenden Dumia und vielen festlich gekleideten Frauen in der Piroge sitzen, dann im Fluss waten und die mit den Gefäßen voll beladene Piroge über den Sand schieben. Sie war aufgelaufen, und es hieß aussteigen! Als ich das auch tat, lachten die Frauen. Mit geballter Frauenkraft in hochgebundenen Kleidern kamen wir über den Sand und wieder flott bis Segou. Am Ufer warteten schon die Jungen, um die Krüge und Schüsseln aufzufangen, die aus der Piroge hinaufgeworfen wurden. Jeder Wurf ein Fang.
Dann wurde abgeladen, abgeklopft, abgezählt – und verkauft.
Frauen handeln mit Frauen. Die Töpferinnen stehen bei den Frauen mit Stift und Notizbuch und verhandeln.
Auch Dumia. Ich winkte ihr zum Abschied. Da habe ich sie um letzten Mal gesehen.
Die Gefäße bleiben zum Teil in Segou auf dem Markt, zum größten Teil aber gehen sie mit Lastwagen ins ganze Land und weit darüber hinaus.

 

  © H. Tarnowski 

15.2.2008

Segou Koro
Ein Esel läuft, wenn er genügend geschlagen wird, in der Stunde 4 – 5 km. Das macht eineinhalb Stunden von Kalabougou nach Kaladanga durch den Busch.
Für Segou Koro warte ich auf die pinasse publique.
Hier muss ich zuerst den Chef du village aufsuchen und um Erlaubnis fragen hierzubleiben. Ich schlafe am Fluss! Danke.
Manchmal ist es so, dass die Wörter mir nicht mehr folgen. Es ist. Es ist Leben. Und ich lebe hier. 

16.2.2008

Hier bin ich wieder hier bei Wünsch dir was! Bekomme eine Matratze und ein Abendessen ans Ufer des Djoliba getragen.
Ich schaue, schlafe, jede Nacht wird ein bisschen heller, der Mond ist ein Sternefresser, Sternenschlucker, bevor er drüben, auf der anderen Seite des Flusses verschwindet.
Ich liebe die lautlose Bewegung der Pirogen bei Tag und bei Nacht. Sehe dem Hellwerden zu. Das leuchtende Rosa im Osten. Wenn die Sonne auf den Inseln liegt, gehe ich zu Gallettes und Kaffee.

Abends hat sich Haoua zu mir gesetzt. Sie ist vielleicht 14, 15. Hat Erdnüsse geknackt und mir immer wieder ein kleine Handvoll gegeben. Gerade richtig bei dem großen Hunger vor dem Essen. Danach kam sie wieder und saß da, bis Jussuf kam. Da steht sie wortlos auf und geht. Genau wie Jussuf, als später sein „großer Bruder“ kommt. Es fällt mir immer noch schwer, diese selbstverständliche Rangordnung zu akzeptieren. Möchte das Mädchen halten, die Männer wegschicken. Irgendwie undenkbar hier. Ich muss mit dem Mann sitzen bleiben, der immerhin französisch spricht und mir erzählt, dass die Kühe das Wasser nicht mögen. Nur die Ochsen werden durch das Wasser auf die Insel und wieder zurück getrieben.

Ich bleibe eine Nacht länger, für den Mond im Wasser, die Pirogen am Morgen und in der Nacht, und „Mariam?“ (das bin ich?) – höre ich von rechts, ein Alter bringt mir eine Strohmatte. Fünf Minuten später von links sucht mich Jussuf, hat mich im Haus erwartet. Er holt eine weiche Matratze. Dann bringt seine Schwägerin die Hirse an mein Bett.           

 17.2.2008

Wenn ich gehe – das wird in 5 Tagen und 4 Nächten sein – dann werde ich mich satt gesehen, satt gerochen, satt gehört und satt gefühlt haben. Mit der Haut und mit der Seele. Und es wird gut sein. Es soll so tief in mich fallen, dass es dort ruhen kann und ein guter Boden wird für alles, was in diesem Jahr wachsen will. Wie ich mich darauf freue. Auf den Tag heute und morgen und alle, die dann kommen. Ganz bald: die jubelnden Vögel!

Aschita ist mit 22 Jahren in den Brunnen gefallen, beide Füße sind an den Fersen gebrochen. Sie sehen aus wie mein linker Fuß nach meinem Sturz. Sie kann nur gehen, wenn sie sich festhalten kann. Jussuf, ihr Mann, hat die Füße nach dem Sturz über einem Feuer in die Länge gezogen, traditionell eben. Ist sie im falschen Erdteil geboren, ich im richtigen? So kann es doch nicht sein. 

18.2.2008

Bousseini hat sich beim Abschied in Segou Koro hinter die Frauen oder Männer gestellt, die mit mir sprachen, und mir souffliert, was ich sagen musste. Schlitzohr mit lachenden Augen. Abschied von Segou Koro im Flussnebel. Unvergesslich bleiben die Nächte unter Mond und Mangos bei zweistimmiger Zikadenmusik. Die tastenden Schritte durch die mondhelle Stadt. Soviel Sinnliches zwingt mich fast ihn die Knie, sobald ich stehen bleibe.
Es ist genug und gut wieder heimzukehren. 

La vie est belle! ruft der Krüppel, der mit den Händen und zwei Beinstümpfen läuft, wenn du gesagt hast, dass du nichts, keine Kette, keinen Armreif, kaufen willst. Damit wendet er sich ab und rutscht weiter, zum nächsten Weißen, der den Kopf schüttelt.

Weit weg vom Rest der Welt von Andreas Altmann ist auch ein Sterntaler. Als ich das Ende las, hatte ich eine Gänsehaut, und mir sind fast die Tränen gekommen.
Ja: Wäre er einer, der den Abfallhaufen neben seinem Kiosk wegräumen würde, so wäre er keiner, der der dir jedes Mal zulacht, auch wenn du vorbeikommst, ohne etwas zu kaufen. Afrika.

Ich bin wieder da, wo es Bier gibt. Es schmeckt mir nicht. Hätte nicht sein müssen. 16 Tage lang habe ich weder an Wein noch an Bier gedacht. Nur manchmal fiel mir auf, dass ich nicht dran dachte am Abend zur Sundownerzeit.