26.11.- 20.12.2018 – da war ich zwei

26.11.2018

Und jetzt?!? Was war? Was ist? Ich schaue mich um.
„Das Leben geht weiter.“ Einmal wieder. Dieser Satz ist böse, wenn man es nicht fühlt, das Leben.
Dabei ist es immer da.
Auch in Timbuktu, drei Mails inzwischen. Die letzte enthielt zum ersten Mal einen Finanzierungsvorschlag, bei dem eine Rückzahlung geplant ist. Mit monatlich 450 € soll der LKW in einem Jahr bezahlt sein.
Könnte das gehen? Mamadou hat alles aufgelistet, sieht vernünftig aus. Ich treffe heute Abend meinen Freund für Ouaga, das ist gut. Bin gespannt, was er sagt.

Crowd Funding mit Freunden? Soll ich das machen?
Ich müsste die Verantwortung übernehmen, mir würde man trauen, wie könnte man da nein sagen.
Ich muss Mamadou vertrauen.
Auf meine Crowfunding-Anfrage im Netz ist keine Reaktion gekommen. Dabei sah es so aus, als sei das ein Ort, wo man so etwas organisieren kann. Vielleicht will man Timbuktu nicht.
Oder man merkt, dass ich eine Ahnungslose bin.
Aber Freunde, die mich kennen. Wie viele brauche ich? Wie viele habe ich?
Wenn es funktionieren könnte, wäre es doch eine geniale Idee! Wenn es möglich ist, muss ich es machen.

27.11.2018

Jetzt reicht’s mit der Achterbahn. 

Schon am Nachmittag dämmert mir der Blödsinn. Da kann ich doch gleich meine Reserve für das nächste Auto hernehmen. Zwei Jahre soll meines noch fahren, in dieser Zeit müsste nach Mamadous Plan alles geregelt sein. Damit bin ich da, wo ich immer bin: soll ich – soll ich nicht. Was das Scheußliche ist: Bei beidem geht es mir schlecht. Das kann doch nicht richtig sein.
Ich hoffe auf Klarheit am Abend, und der war ein Glücksfall: Ich habe nicht nur einen, sondern gleich zwei angetroffen, die in Afrika gelebt und dort schon viele Erfahrungen gemacht haben.
Sie sagen’s, wie’s ist. Und sie beschreiben alles, wie ich es erlebt habe. Versprechen ist nicht versprechen.
Wenn ich daran glaube, dem „vertraue“ – ich möchte es doch so gern!!! – werde ich Opfer eines interkulturellen Missverständnisses. Ich möchte kein Opfer mehr sein.
Ich habe mich abhängig gemacht von Dingen, auf die ich keinen Einfluss habe, weil sie viel zu weit weg sind. Und ich habe mich von meinen Ansagen abbringen lassen.
Vielleicht habe ich damit geholfen. Aber es könnte Wege geben, die besser helfen.
Vielleicht hat es sich Mamadou zu leicht gemacht. Ich habe es ihm zu leicht gemacht.

Die Welt ist heute weiß. Das Helle macht das Denken klar und leicht und das Entscheiden auch.
Microfinance ist das Wort des Tages, ich werde es Mamadou sagen. Mit dem Finanzierungsplan, den er mir geschickt hat, kann er zu so einer Bank gehen. 

28.11.2018

Es geht mir besser. Mit den beiden Männern im Rücken kann ich mir das erlauben. Ich werde sie noch brauchen, um standhaft zu bleiben. Dem einen habe ich meinen Dank auf den AB gesprochen, dem anderen eine Mail geschickt. Ich will nicht vergessen, wie scheußlich es ist, einmal wieder auf mein Vertrauenwollen hereingefallen zu sein. Ob ich das noch lernen kann? 

29.11.2018

Die Erleichterung hält an. Ich wache gerne auf, freue mich auf die Arbeit. Es ist sechs Uhr. Ich bleibe noch eine Weile im Bett und höre den Waldkäuzen zu. Pausenlos rufen sie, bis es anfängt zu dämmern. Dass es Waldkäuze sind, weiß ich, seit ich mir die Eulenstimmen angehört habe.
Dann mache ich mich mit Yalla auf den Weg und habe ein paar Ideen, wie es weitermachen will mit dem Text.
Aber ich meide den Schreibtisch. Wenn ich den Rechner aufmache, werde ich nach Mails schauen müssen. Davor fürchte ich mich noch. Es hilft nichts, alles Unwichtige ist einmal getan, also.
Ich freue mich über jede Werbung, die kann ich löschen ohne nachzudenken. Und Timbuktu ist nicht dabei. Gut. 

So kann ich von meinem letzten Stadtausflug erzählen. So etwas mache ich nur selten und widerwillig. Aber für die Steuer musste es sein. Als ich, um mich fit zu machen, unterwegs einen Kaffee trinken will, merke ich, dass ich mein Portemonnaie nicht bei mir habe. Also keinen Kaffee. Ich fahre weiter in die Stadt, aber schon zum Parken brauche ich Geld. Ich suche einen Platz in der Nähe des Kulturamts, wo meine Kleine arbeitet. Sie wird mir Geld leihen. Ich finde eine Parklücke. Früher war ich sehr gut im Einparken – rückwärts am Berg in der Fahrprüfung! – aber bei diesem Combo vertue ich mich oft. Mitten in der Stadt kann ich nicht wählerisch sein. Der erste Versuch misslingt. Ich stehe viel zu schief. Also nochmal. Ein ältere Frau – etwa so alt wie ich – bleibt stehen und schüttelt tadelnd den Kopf. Ich plage mich weiter ab, irgendwann geht sie. Ein junger Mann mit Migrationshintergrund bleibt stehen und macht mit seinen Händen das Zeichen für den Abstand, den ich zum anderen Auto habe. Das ist hilfreich, weil ich mich dann näher ran traue. Hinten das Gleiche. Noch eine kleine Korrektur und fertig. Der Mann nickt freundlich und ich auch mit einem Danke.
Blöde Kuh, denke ich noch. Und: Das ist der Unterschied.
Die hätte auch zu mir „Hure-Flichtling“ sagen können. Und zu meinen Eltern, als deren Name in der Fleischhalle auf dem Stadtmarkt mit riesigen Buchstaben über der Theke zu lesen war. 

Es hatte ganz anders angefangen, als wir nach Bayern kamen und in einem Dorf in Oberfranken ein erstes Zimmer im Schulhaus über der Lehrerwohnung unter dem Dach angewiesen bekamen.  

Ramadan 1990

Da war ich zwei. Alle hatten Hunger, ich merkte nichts davon, nur dass etwas nicht stimmte, wenn die Eltern sagten, dass sie keinen Hunger hätten, und mir das Bisschen, was es gab, hingeschoben haben.
Das war einer der wenigen Anlässe, wo meine Mutter etwas Gutes über meinen Vater gesagt hat. Es war schließlich die Zeit, wo ein Vater das einzige Stück Fleisch, das es gab, auf den Teller gelegt bekam. 

Ein Jahr später wurde in einem nahen Dorf eine Gastwirtschaft mit Fleischerei gepachtet, der Sensenhammer.
Das hieß für den Vater wieder Bauern anfahren, verhandeln, kaufen, schlachten. Wie zuhause.
Einmal kam er in den großen Hof hinter der Gastwirtschaft gefahren, verscheuchte dabei die Gänse, stieg aus dem schwarzen Opel P4 und verkündete stolz, dass er dem Krankenwagen zuvorgekommen sei, den man zu seinem Unfall geschickt hatte.
Torkelnd und lachend kam er auf uns zu.
Er schlachtete die Tiere selbst, und es war vorgekommen, dass er im Kühlraum einen Stier erschießen musste. Der Raum war so klein, dass der Vater nach dem Schuss in die Stirn auf den Rücken des Tieres springen musste, um nicht von ihm erdrückt zu werden, als es sterbend zusammenbrach.
Ich hatte Angst um den Vater, aber auch um das Tier. Ich hatte immer Angst um ihn, vor ihm.
Die Tätowierung in der Armbeuge, die zeigte, wer er war und was er tat, war ein Ochsenkopf über einem O und einem T mit einem kleinen Querstrich, der es eher wie ein F aussehen ließ. Ein Fehler. Seit ich lesen konnte, habe ich mich gefragt, wie es zu diesem Fehler kommen konnte und wie er mit ihm lebte. Mit einem F in der Haut statt mit einem T. Der Ochsenkopf, für den es sich immer geschämt hat, ist geschrumpft, aber nie verschwunden.
Unverändert steif angewinkelt blieben die beiden kleinen Finger der linken Hand, deren Sehnen er als Geselle bei der Arbeit mit einem Fleischmesser durchgeschnitten hatte. Damals gab es noch kein Kind. Das hat erst später die beiden Krallen dieser Hand gesehen und sie gespürt, wenn er mit den starren, harten Fingern über seinen Kopf fuhr und dazu „mein Schäfchen“ gesagt hat.

Ich konnte sehen, wie er mit den Händen dachte. Seine Linke fasste fest ins Fell eines Kalbs, um es straff zu spannen, wenn die Rechte mit dem kurzen, seinem kürzesten Messer, die Haut vom Körper trennte. Sauber und genau, das Tier blieb hautlos unversehrt. Nicht lange.
Da hing es dann an den Sehnen seiner Hinterfüße breitbeinig an Fleischerhaken aufgeknüpft, damit sich der Bauch aufschneiden ließ. Mit beiden Händen griff er hinein und holte die Därme heraus. Die fielen nass und schwer in die dafür bereitgestellten Wannen. Manche wurden gleich gebraucht, die anderen gesalzen und in den Kühlraum gebracht.

Nach dem Schlachten kam das Zerhacken, Zerteilen, Zerkleinern und Wurst daraus Machen, dann Kochen für die Wirtschaft.

Abends saß er rauchend und müde bei den Gästen, bis der letzte aus dem Sensenhammer gegangen war. Manchmal erzählte Schorf an seiner Stirn von einem Sturz in der Nacht, wenn er betrunken war.
Dort mochte man ihn. Aber nach ein paar Jahren wollten die Eltern nachts wieder schlafen, statt mit dem letzten Gast zu warten, bis sein Glas leer war.
Die Flüchtlinge wollten etwas Eigenes und kamen also 1950 nach Augsburg.
Es wurde ein kleiner Betrieb. Mein Vater und ein Geselle und ein Lehrling hinten in der Wurstküche, die Mutter und eine Verkäuferin vorne im Laden, später im Stadtmarkt. 

Der Oskar und die Erika bekamen zum Abschied sogar ein Gedicht.
Da haben sie wohl geglaubt, in Bayern wäre es überall so.
Aber hier wurden wir die „Hure-Flichtling“ genannt, und meine Mutter kam oft weinend nach Hause, wenn sie das wieder einmal zu hören bekommen hatte.
Da kam zu der Sehnsucht nach der verlorenen Heimat noch das Heimweh nach dem Sensenhammer.

30.11.2018

Wo waren die Käuze heute Nacht? Kein einziger Ruf am Abend und die ganze Nacht auch nicht. Schade. Wollte ich mich doch gerade daran gewöhnen.

Tief steht die Sonne
am Mittag
die Welt wird enger
mit jedem Tag 

1.12.2018

Ein einziger Ruf eines Kauzes, als ich ins Bett gehe. Das war alles.
Ein paar Mails von Mamadou. Kein Wort zu meinem Vorschlag des Microcredits. Dafür großes Drama: die Kusine seiner Frau in Goundam ist gestorben. Es muss hin und her gefahren werden, und überhaupt kostet alles… Er braucht 200 €. Klingt dringend, drängend, sehr aufgeregt.
Ich weiß: Die Menschen, die kommen, um sich von dem Toten zu verabschieden, bleiben tagelang und müssen verköstigt werden. Und es sind viele.
Ich gehe an die Decke – warum er?!? – und hole mich wieder herunter. Darauf werde ich keine Antwort bekommen, die ich verstehen kann.
Mit dem Dezember habe ich ja gerechnet. Jetzt muss ich einen Termin setzen, an dem ich dann festhalte, damit er sich um einen Kredit kümmern muss.
Seit es diese Möglichkeit auch in meinem Kopf gibt, geht es mir besser. Viel besser. Das kann nicht falsch sein. Ich möchte es nicht mehr vergessen.
Ist es ein unverschämter Luxus, wenn ich nicht mehr erpresst werden will?

2.12.2018

Sonntag. Regen. Wind.
Ich nehme eine Einladung zum Mittagessen mit Freunden nicht an, weil ich gerade damit angefangen habe, das Reisetagebuch Schweden-Finnland in den Rechner zu schreiben. Endlich!
Ich spüre wieder Vertrauen in diese Arbeit und möchte, dass es so bleibt. 

3.12.2018

Weil der Sturm von Südwesten kam, hat mich das Haus vor dem Regen geschützt. So war es unter der Markise laut, aber nicht nass. Da brauche ich gar nicht daran zu denken, mit meinem Bett ins Haus zu gehen. Jetzt wird jede Nacht zum Geschenk.
Zum ersten Advent trägt das Pferd, das zwei junge Mädchen über den Feldweg führen, einen Kopfschmuck: Zwei rote Mützen mit weißem Bommel an der Spitze über den Ohren und einem großen Bommel auf der Stirn. Ich frage: hat es Geburtstag oder – ist es der Nikolaus? – Der Nikolaus!
Ich sehe hinter ihnen die geschmückten Kamele tanzen: Tabaski bei Timbuktu, das Festival in Essakane, das Fest in Tamanrasset. 

4.12.2018

Auch die letzte, auch wenn der Wind gedreht hat, und von Westen kommt. Aber er hat nachgelassen, mit meinem Windschutz geht es auch noch. Heute Morgen zeigt die strahlend blinkende Sichel über mir, dass bald Halbzeit im letzten Mondmonat ist. Ich bin erschrocken und fange an, nachzurechnen. Ich staune, dass man es so zu spüren kriegt, dass die Zeit schneller als früher vergeht, die allgemeine und die eigene auch.  

6.12.2018

Vor drei Stunden habe ich an dieser Stelle sein wollen. Jetzt ist es halb eins.
Inzwischen war ich mit einer Schweizerin in der Türkei. Die Dezember-Datei verweigerte das Öffnen wegen eines „Lesefehlers“. Ich habe es nicht hingekriegt, nicht mit pdf, nicht mit backup. So habe ich das Telefon genommen. Und heute ging es mal wieder gut: die apple-Frau war mir gleich sympathisch. Ruhig und bedacht machte sie mit mir einen Schritt nach dem anderen, zwischendurch auch immer wieder einen zurück, um es anders zu versuchen. Ich hätte das nicht gekonnt. Hoffentlich finde ich beim nächsten Mal etwas wieder. Aber die Schweizerin hat gemeint, rufen Sie ruhig wieder an! Dann haben wir uns mit guten Wünschen füreinander verabschiedet. Danke.

Jetzt sollte ich das machen, was ich mir vorgenommen habe: eine Mail, um eine Freundschaft auf Eis zu legen, eine Mail an Mamadou, damit er sich um den Microcredit bemüht. Er hat kein Wort zu meinem Vorschlag gesagt. Ich muss ihm eine Frist setzen für das Geld, das aus Deutschland kommt. 

7.2.2018

Ich hab’s geschafft. Mit Ermutigungen zum Mikrokredit und dann: „Rufe mich bitte nicht an, ich werde dich wieder anrufen.“ Ich atme auf. Der Hals tut nicht mehr weh.
Ich denke an das, was ich lernen wollte: Du musst nicht krank werden, um zu sagen, dass du etwas nicht willst, was ein anderer will.
Ich bestelle die Bücher, die ich verschenken will, reserviere unseren Tisch für den 21. beim Griechen und suche die Eisblumenbilder aus, die jeder gerne von mir bekommt, und bearbeite noch kleine Fehler. 

8.12.2018

Kurz vor Sonnenuntergang, als die Tannenspitzen aufleuchten
Ich probiere den Gedanken aus, mich freizukaufen, indem ich ihm das Geld, das er in einem Jahr von mir bekommt, auf einmal schicke. 

9.12.2018

Solange der Sturm ohne Regen kam, bin ich draußen geblieben. Schlafen konnte ich lange nicht, so laut wie er war. Ich habe seinem Atmen zugehört. Wenn er leise wurde, war es, als würde er Luft holen, je länger es anhielt, war das Rauschen und Wüten umso lauter. So laut wie noch nie? Es kam mir so vor. Ich wartete auf ein Krachen – wie konnten die hohen Tannen und Fichten das aushalten?
Um sechs Uhr machte auch der Regen mit, ich musste ins Haus.’
Um sieben Uhr ist es still. Kein Wind, kein Regen.
An den Rändern ist mein Bettzeug nass geworden. Ich hänge es zum Trocknen auf und wünsche mir, es in den nächsten Tagen wieder hinauszutragen.

10.12.2018

Ich lasse den Wunsch vorbeigehen und hole mein Bett in die Veranda. Die Ansage meint es ernst mit dem Schnee. Verleugnen hilft nichts, ich gebe auf.
Wenn ich ins Bett gehe, schiebe ich daneben das große Fenster hoch, um die Käuze zu hören und die Bewegung der Luft zu spüren. So werde ich durch den Winter kommen. Soll er doch anfangen.

Ich schreibe Mamadou, dass er mir den Namen des Freundes geben soll, damit ich ihm 2000 € als Beitrag zum Camion schicke. Nach seiner letzten Rechnung müsste es dann reichen. Wenn es stimmt, was Mamadou schreibt. Und dass er dann ein für alle Mal nichts mehr von mir will. Wie gerne ich das glauben möchte und wie ich es ihm – und mir – wünsche!
Es ist, als würde ich mich freikaufen wollen von der ständigen Angst vor den Mails aus Timbuktu. Klappe ich doch den Laptop nie ohne Herzklopfen auf. 

11.12.2018

Abends: vielleicht trage ich die große Matratze doch wieder hinaus? Es regnet nicht mehr, der Himmel macht auf für die Sterne. Ich schaue nach oben und trete auf Weiches. Schnee!!
Zurück und jetzt Schluss. Heute baue ich ein Winterbett richtig zusammen.

Über diese Mail bin ich froh: Hamma heißt Mamadous Freund in Paris. Er klingt sympathisch – ich weiß nicht, wie „unsympathisch oder unglaubwürdig“ für mich klingen müsste. Er ist aus Timbuktu und lebt seit fünf Jahren in Frankreich. Es sieht wie ein guter Plan aus. Die Bankverbindung ist dabei. Möge es gut weitergehen, inshallah!
Ich gebe zu: Ich habe gefürchtet, dass der Freund in Paris so einer ist wie der unerreichbare in der Schweiz. Vielleicht kann ich aufatmen.

Es schneit wieder. Jeder Schnee versöhnt mich.
Auch mit meinem Neid?
Ja: Ich bin neidisch. Auf die Unbekümmertheit, mit der man sich von der Welt nimmt, was einem gerade einfällt, auch wenn man weiß, dass es schlecht für sie ist. Auch die Freunde, die mir wichtig sind, machen es so. Wenn ich mir nehme, was ich nicht vermeiden kann, habe ich ein schlechtes Gewissen. Von wegen „genießen“! Das kann ich nur mit Licht und Luft und Wasser. Gibt es sonst noch etwas, das man unbedenklich „verbrauchen“ kann? Das fängt schon mit dem Essen an. Und wenn ich davon rede, mache ich ein schlechtes Gewissen. Das tut man nicht.
Vielleicht sehe ich zu viel fern. Da vergeht keine Stunde ohne eine schlechte Nachricht.
Kommen die Mittelstreckenraketen zurück? Die Pershings? Da war doch mal eine Menschenkette von Stuttgart bis Ulm. 1983. Vergessen.  

Alltage gehen weiter. Es ist der elfte! Die Buchgeschenke stehen schon seit Tagen eingepackt in der Weihnachtstüte. Zwei Wochen vor Weihnachten.
Der Dienstag – heute – sollte mindestens der Freitag sein.
Als könnte ich die Welt schneller drehen, wenn ich alles schneller mache.
Was mache ich bloß, wenn ich mit allem fertig bin?
Schreiben und Menschen.
Zu den Menschen muss ich mit dem Auto fahren. Dabei habe ich ein schlechtes Gewissen.

Für die Überweisung nach Frankreich muss ich mein Konto freischalten. Mach ich. Dauert 24 Stunden.
Ich höre die Musik nicht, für die ich leben wollte. Warum.
Zuviel Berührung. Noli me tangere

12.12.2018

Ich mache wieder einen großen Bogen um den Advent. 
Advent ist immer. Hat Ernst Bloch gesagt.
Was soll also das Theater.

13.12.2018

Es ist mir gelungen: Ich habe 2000 € an Hamma Maiga überwiesen und alle meine guten Wünsche und Hoffnungen mitgeschickt.
Verwendungszweck: Camion für…
Ich habe das Gefühl, das Richtige zu tun. Wie gerne würde ich mich diesmal nicht täuschen.
Frohe Weihnachten!

Fliegen oder fallen? Was macht der Schnee heute?
Mein Blick klammert sich an die Flocken. Sie schweben auf Umwegen zu Boden. Sie sind das Schönste im Winter.
Ich male Vögel an die Scheiben mit einem wasserfesten Edding. Lauter schwarze Vögel gegen tödliche Irrtümer. 

15.12.2018

Timbuktu heute. Phoenix – Timm Kröger – ist dort. Ich erkenne jedes Bild der Stadt. Dass die Musik langsam wiederkommt, auch wenn das Wüstenfestival Vergangenheit ist. Man wird es nicht wiederbeleben.
Und dass es keine Jobs gibt.
Nach Afghanistan ist Nord-Mali der gefährlichste Einsatz für die UN.
Das Telefon. Idrissa. Ich rufe später zurück.
Drei Mails von Mamadou: Banditen haben einen 4×4 mitten in der Stadt geraubt.
Ein Bild von der kleinen Heide. Ein zauberhaftes Mädchen.

Nach Mali geht es nach Niger. Agadez. Auch dort wollte ich wieder hin. War ganz sicher, dass es sein musste und sein würde. War es nicht und wird nicht mehr sein.
Aber wo bin ich?
nicht hier nicht jetzt

16.12.2018

Inzwischen ist es draußen weiß geworden. Als ich 16.12. schrieb, war es noch grün.
Ich werde Mamadou wieder ein Missverständnis sagen müssen. Ich hatte ihn so verstanden, dass ihm ein Freund 5000 € leihen würde, meine 2000 € kamen dazu. Jetzt sagt er: Es fehlen 3000! Er sagt es dreimal am Tag. Zuerst musste ich lachen, dann war mir zum Heulen. Wie mir jetzt ist, kann ich nicht sagen.
Habe die letzten Tage in Mali hervorgeholt. Abschied gelesen, Abschied gespürt. Als müsste er jetzt sein. 

17.2.2018

Im Nebel ist das Ende unendlich.
Ich liebe das. Dafür stolpere ich gern über gefrorene Felder. 

 

18.12.2018

Nebelschwaden
ziehen über die Felder
und schweben
durch die Wipfel der Fichten
meine Wiese dampft
unter der Sonne

Zauberhaft. 

19.12.2018

Ich hab’s getan: 3000. Vielleicht kommt davon etwas zurück, vielleicht auch nicht. Ich werde nicht daran denken, nur hoffen, dass es hilft.
„Jetzt hat die liebe Seele Ruh‘.“ sagte meine Mutter, wann – das weiß ich nicht mehr.
Heute brauche ich ihren Satz. Die liebe Seele.
Ich fühle Dankbarkeit. Ist das nicht komisch? Kann ich keinem erzählen.
Muss ich auch nicht. Behalt’s für mich.

Dass Beziehungen, Freundschaften zu Ende gehen dürfen, müssen, und dass das Leben, das ich hier schaffe, der Welt gut tut, ihr Energie gibt – bekomme ich zu hören. Ich fange an darüber nachzudenken und dann fällt mir mein Kraftort ein. Ich sollte vielleicht mehr an ihn denken als an alles, was falsch läuft auf dieser Welt. Es ist, wie es ist. 

20.12.2018

Die Datei existiert nicht Die Datei existiert nicht Die Datei existiert nicht

Das ist gemein. Zwei Stunden habe ich gekämpft, bis ich Dateien in völlig falschem Format gefunden habe, mit dem ich weitermachen muss. Wie es funktioniert hat, weiß ich nicht, aber egal.
Zwischendurch nehme ich mir zur Entspannung das Königsberger Marzipan vor, das ich vom letzten Besuch des Oberförsters für Weihnachten aufgehoben habe und zum Verteilen umpacken will.
Es ist diesmal in kleinen Portionen verpackt, und die sind verschimmelt! Ich fasse es nicht: Wie oft haben wir Marzipan von Weihnachten noch Ostern gegessen! Ich weiß nicht, was mich mehr schockiert: die Dateien oder das Marzipan.

Meine Tochter ruft wegen Timbuktu zurück. Nach langer Zeit habe ich sie mal wieder damit beschäftigt, schließlich kennt sie Mamadou. Sie ist mit Überlegungen eingestiegen, durch die ich seit Monaten – Jahren? – gegangen bin. Rückschläge auf der ganzen Linie. Soll ich noch einmal durch?
Mir bleibt die Aufgabe, Bild und Daten für das Auto zu holen. Mach ich sofort.
Das war der Vormittag.
Wo ich gestern geschwebt bin, finde ich mich heute am Boden. Soll das System haben? Wie komme ich da wieder raus?

15.00: Mamadou schickt ein Bild von einem LKW, von dem ich fürchte, dass er meinen Rechner sprengt, so lang wie er ist. Ich lache und lache und lache immer noch.
Und schicke das Bild an meine Tochter mit dem Wunsch: Frohe Weihnachten!

Mein Luxus in diesem Leben heißt: Timbuktu.
So werde ich versuchen, mich verständlich zu machen, wenn heute Abend, der unser Weihnachtsabend beim Griechen werden soll, die Rede davon ist.
Es kann nicht darum gehen, was richtig oder falsch ist, sondern darum, wie ich leben kann, ohne schlechte, weil belastende Gedanken wie den: Hätte ich doch helfen sollen?
Auch die Frage: Werde ich belogen? – hat keinen Sinn: Dafür ist Timbuktu zu weit weg.
Mamadou will 3000 € in einem Jahr zurückzahlen. Also heißt es jetzt: Kredit. So lange, bis …
Nein. Dieser Gedanke hat keinen Sinn. Ruhe!