22.12.2018 – Es war eine Liebesgeschichte

Bevor mein Mondjahr um 18.54 zu Ende geht, nehme ich auch hier Abschied vom Vater.
Denke an unsere erste Begegnung bei Dave, wo ich ihn 2007 zum ersten Mal wirklich kennenlernen durfte. Auch da – wie schon bei meiner Mutter – bin ich staunend und kopfschüttelnd nach Hause gegangen.

Dave: Mit zunehmendem Alter muss er sehr viel Zeit verbracht haben, wo er einfach ruhig gesessen oder gelegen ist und nichts gesagt hat. Als ob er die Welt beobachtet, ohne was zu sagen. Er schmunzelt und sagt, er fühlte sich manchmal wie ein Goldfisch in einem Aquarium. Schaut die Außenwelt an, ist aber nicht daran beteiligt. So als ob eine Glasscheibe dazwischen ist.
Es muss sein, dass es für ihn nicht leicht war, seine Gefühle in Worten auszudrücken. Er redet stolperhaft: 
Ich weiß, was ich sagen möchte, aber ich weiß nicht, wie das geht.

Dave lacht: Er hat Humor! Er sagt: Du weißt schon, wie beim Militär: Meine Liebe meldet sich zum Dienst!
Vorher hat er ganz leise gesagt: Ich liebe dich.

Ich glaub’s nicht! Diese Worte gab’s in seinem ganzen Leben nicht! Soll ich das glauben?!?
Das frage ich immer mal wieder und antworte mir: ich will.

Wo seine Gefühle geblieben ist, habe ich dann 2010 erfahren. Da war wieder der Goldfisch.

Ich: Er war am Anfang im Krieg, dann viel krank und zu Hause, der Betrieb musste weitergeführt werden für das Volk.
Dave: Er lacht, wenn du sagst das Volkes ist zynisch. Die haben gesagt „für das Volk“ und die Hand an der Waffe gehabt. Wir machen das für das Volk und wenn nicht, wird man erschossen.
Ein Volk hilft sich gegenseitig, man hält sich nicht die Pistole an den Kopf.

Es ist ein Irrtum, den Alliierten die Schuld zu geben, dass wir kein Heimatgefühl und keinen Nationalstolz hätten. Das haben wir selber geschafft, das müssen wir akzeptieren, um es zu heilen. 
Es waren diese Typen, die das durch Missbrauch solcher Gefühle zerstört haben.
Wir haben die nicht ernst genommen.
Dave: Er lacht und versucht, sich zu beherrschen.

D: Bei Ausflügen war er in der Lage, seine Gefühle dir gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Dass du ihm sehr viel Freude gebracht hast. Er ist froh, dass es dich gibt.
Er ist der Meinung, das hätte er dir irgendwie klar gemacht. Er habe es geschafft, dir klar zu machen, dass er dich sehr geliebt hat.
Er hat mir ein Foto gezeigt.
Dave beschreibt dieses Bild. Ich erkenne es.

 © H. Tarnowski

Bitte denk so an mich.

Es ist sehr schwierig, weiterzuleben ohne Hoffnung. Du hast mir sehr viel Hoffnung gegeben, dass das Leben weitergeht.

Ich war ein Goldfisch in einem Aquarium.
Ich habe mir eine Glasscheibe vorgestellt zwischen mir und der Welt da draußen. Damit war es leichter zu ertragen.
Aber für die Leute in meinem Umfeld war das nicht immer so einfach. Die haben die Glasscheibe gespürt und missverstanden, als Ablehnung. Aber das war es nicht, das war die Methode, die ich entwickelt habe, um zu überleben.
Ich hab sehr früh gelernt, wie es ist, alles zu verlieren. Es war sehr schwer.
Im Krieg lernt man schnell, dass es nicht gut ist, jemanden lieb zu haben, wenn man ihn verliert.

Dave: Das hat ihn sehr verändert, das war nicht seine Natur, das hat er gelernt.
„Sternschnuppen“? Er zeigt mir gerade eine. Wie ein Geschenk für dich. 

Ich habe den Vater immer mal wieder bei Dave getroffen. Seinen Rat gesucht, seine Sicht auf mich und mein Leben. Es war oft hilfreich, manchmal rätselhaft, aber immer gut.

Zurück ins Heute. Nach unsrer Runde um die Felder hat es zu regnen angefangen. Das soll nun so bleiben. Der weiße Schimmer ist schon seit Tagen verschwunden.
Wir haben den kürzesten Tag begrüßt.
Gegen Abend leuchtete der Himmel flammend rot, als die Sonne schon bei der Tannengruppe am Horizont verschwunden war. Von nun an wird sie jeden Tag wieder ein Stück nach rechts rücken, um den Horizont zu berühren.
Das Licht kommt wieder. Das ist das Glück.

Der Winter fängt an, und der Mond wird rund. Dazu fehlt ihm nicht mehr viel.
Heute Abend ist es so weit. Dann sieht er aus wie die Sonne am Mittag – so weiß.

Mit dem ersten Text, den ich nach Vaters Tod geschrieben habe, verlasse ich mein Jahr mit dem Vater. Ich habe ihm einen Platz in der Welt gegeben, wo auch immer dieser ist.
Im www. überallundnirgends – wo sonst.

1990

Eine Liebesgeschichte. Natürlich.

Sie ist aus der Wüste zurückgekommen.
So fängt keine Liebesgeschichte an.
Sie wäre gelandet. Hätte die Wüster zurückgelassen und mitgenommen. Und in ihr alles, was sie nicht verstand. Das Neue, Andere, Fremde, den Fremden, den dunklen Fremden. Als könnte nur das Fremde retten.
Sie ist gelandet für den Tod.
Nicht für irgendeinen Tod, es ist der Tod des Vaters, der ihr bevorsteht. Afrika war der letzte Fluchtversuch. Gerade Afrika.Und Liebe, dunkler Erdteil. Und sie weiß, dass ihre Flucht vor dem Untergang jetzt ihr Ende hat.
Sie ist dabei immer wieder nur dunklen Männern in ihre Gesichter gelaufen. So dunkel wie der Vater und ebenso alt.
Heute ist sie gelandet. Hat Europa wieder betreten und den Fuß aufs Vaterland gesetzt. Die Erinnerung an die Wärme des Sandes in ihren Fußsohlen schmilzt den Schnee. Überall wo sie auf ihn tritt, treibt es tiefe schwarze Spuren aus dem Boden.
Weiche warme Wüste ist noch in ihr und strömt aus ihrer Haut und ihren Worten, füllt augenblicklich jeden Raum, den sie betritt, mit einer Unendlichkeit vor dem Ende.
Da sieht er sie kommen.
Er kennt die Wüste. Er liebt die Wüste. Er erkennt die Wüste in ihr. Das Lächeln in seinen hellen Augen wird zur wilden Hoffnung vor dem Untergang.
Immer kommt sie vom Bett des Vaters, wenn sie zu ihm kommt. Wie weiß sich nicht zu kleiden. Sie friert. Sie schwitzt. Sie weiß nichts zu essen. Sie trinkt. Sie weiß nicht zu erzählen. Als:
Heute hat er mit einem Auge nichts mehr gesehen.
Heute konnte er nicht mehr sprechen.
Heute ist er zusammengebrochen.
Heute habe ich ihn weggegeben.
Sie schweigt mit seiner Stimme.
Sein Bett steht vor der Wüste. Sie hängt an seinem Gitter und an seiner Hand, die ihre kalte wärmt, ohne dass sie noch davon weiß.
pappi. Sagt sie. Und pappi. Seine Lider zucken. pappi. Sein Bett steht vor der Wüste und sie hat Sand in den Augen. Bald wird der Wind es zudecken.
Nachts steigt sie barfuß durch das Bett ihres Vaters, läuft die Dünen hinunter und lässt sich fallen in ausgebreitete Arme.
Kann er verstehen? Er kennt doch die Wüste.
Sein Parfum vertreibt die Todesluft aus ihren Lungen. Gierige Atemzüge lang.
Atemzüge sind nicht lang.
Seine Hände halten sie in der Welt, als der Vater geht.
Seine Arme fangen sie, als sie verloren ist, danach.
Ihr wahnsinniges Begehren, als der Vater verbrannt ist.
Ihr zitternder Wunsch nach Vergehen in einem Anderen. Auf der Stelle und ganz.
Du? – Ja. Nein.
Das Glück über die Hände, die Stimme, den Blick.
Alles, was sie inzwischen dem Vater mitgegeben, im Augenblick seines Todes an den Vater weggegeben hat. Ihre Hände. Ihre Stimme. Ihre Augen für sein Sterben.
Und jetzt seine warmen Hände, seine tiefe Stimme, seine hellen Augen.
Die Hände, die Stimme, der Blick.
Die braucht man zum Sterben.
Die braucht man zu Glück.
Nur das.
Es ist alles.
Sie trägt die Urne zum Grab. Das kleine leichte Gefäß läßt sich nicht mehr hineindrücken in den Bauch. Nur ein bißchen warm wird es auf dem langen Weg zu seinem Grab.
Die Eichhörnchen. Schau pappi.’
pappi
pappi
Ich muss den Ort verlassen, den du nicht mehr verlässt.
Zu dem Mann sagt sie: Ich habe Sehnsucht nach dir und ich habe Angst.
Da schweigt er. Wie du.
Und geht.
Da erst packt sie das Grauen über die Liebe und über den Tod.
Nachts rollt sie – ein Mädchen mit Zöpfen – als ein brennendes Leuchtrad einen Berg hinunter. Die Flammen ergreifen sie mehr und immer mehr – die Zöpfe! – und schließlich ganz. Bis sie unten liegenbleibt. Vielleicht tot.
Vielleicht nicht tot.
Als es hell wird, geht sie zurück in die Wüste.
Es war eine Liebesgeschichte.