27.12.2018 – 3.1.2019 – weg damit!

27.12.2018

Einmal Weihnachten hin und zurück.
Als ich aus dem vollen Leben in mein Auto stieg, um in mein Leben zurückzufahren, fühlte ich mich leer, so leer. Von dem, was war, oder von dem, was kommt?
Was war: viele Menschen, die ich gern habe und von denen ich weiß, dass auch sie mich gern haben.
Kleine neue Menschen, die ich staunend kennenlerne. Ein alter Mensch aus früher Zeit, in den Ferien mein Bruder. Seine Aufgabe in der Küche ist es, die Spülmaschine einzuräumen, auch wenn die Hände jetzt zittern. Ratlosigkeit angesichts der umgestülpten Töpfe.

Bilder aus Urzeiten tauchen auf schweben herum, versinken wieder. Sylt und immer wieder Sylt. Meine allererste Verabredung mit einem Jungen. Er hieß Uwe. Ich war vielleicht 15 oder 16 Jahre alt. Wir saßen in unserer Strandburg, und ich wusste nichts anzufangen mit meinen Händen, mit meinen Beinen, mit meinen Wörtern, ich hatte keine Ahnung, was ich zu Uwe sagen konnte, und mein Ferienbruder, drei Jahre jünger als ich, hüpfte um die Strandburg herum, grinste und quiekte hihi-hihi-hihihi!
Immer wieder stoßen wir an gemeinsames Erinnern. Es ist ein Schatz und ich habe einen Weihnachtsbruder. 

Je mehr Menschen zusammenkommen, desto kleiner ist der gemeinsame Nenner? Was mich beschäftigt, kommt hier nicht vor. Was ich hier geschrieben habe und jetzt hier weiterschreibe. Ich habe nicht versucht, davon zu reden. Es hätte in dieser Zeit nicht dorthin gepasst.
Wenn ich an meine Tochter denke, wird mir warm „ums Herz“, und ich bin froh und ruhig, dass sie dort, wo sie ist, glücklich ist. Jedes Mal, wenn sie davon erzählt hat, konnte ich es sehen.
An Timbuktu habe ich kaum gedacht, geschweige denn davon erzählt.

Ich bin schon fast am Weißwurstäquator, da fasse ich einen befreienden Entschluss: Von nun an werde ich Weihnachten ausfallen lassen. Ich weiß jetzt, wie ich das mache: Ich werde mir eine Insel suchen, wo keiner mich kennt. Eine Insel, zu der ich nicht fliegen muss.

28.12.2019

Wie schön hier doch das Heimkommen ist.
Ich bin weiß empfangen worden, der Reif von letzter Nacht ist den ganzen Tag geblieben. Sofort sind wir um die Felder gelaufen, einfach nur froh.
Und heute noch vor dem Müsli den Berg hinauf, es war leicht, ich hätte tanzen mögen, hüpfen, springen – wenn das so leicht wäre. Die Luft ist wieder frei von Erwartungen. Abgezogen sind sie und haben die Enttäuschungen gleich mitgenommen.

Meine Weihnachtsinsel wäre so klein, dass ich sie umrunden kann, so oft ich will. Und immer ist Licht über dem Wasser, von Osten, von Süden, von Westen. Es ist die Fraueninsel im Chiemsee.

29.12.2018

Zwischen den Jahren steht meine Zeit still. Da fange ich nichts Neues an.
Und weil ich eine Halsentzündung mitgebracht habe, wird Silvester mit den Menschen, die mich so freundlich in ihre Runde aufnehmen wollen, ausfallen.
Jetzt geht nur noch fernsehen. Hängen bleiben Sätze wie dieser: Die Probleme, die wir verursachen, sind die Mutter der Migration. 

31.12.2018 

Das Mittagsläuten ist das letzte in diesem Jahr. Weg damit! 

31.12.2009

Ich warte schon wieder. Darauf, dass es hell wird. Dass der Regen aufhört und ich Holz und Wasser holen kann. Dass der letzte Tag des Jahres anfängt. Dass auch dieses Jahr zu Ende geht. Dass das Leben…?

Manchmal wüste ich gerne, wie oft ich etwas noch tun werde. Zähneputzen zum Beispiel. So wie ich es in Afrika abgezählt habe. Alle Endlichkeiten haben etwas Beruhigendes, Erleichterndes. Als wäre das Leben als Aufgabe immer ein bisschen zu schwer. So ein Tag, der so lang ist. Ich freue mich über das Ende genauso wie über den Anfang. Silvesterworte.

Mein größter Dank für das Jahr geht an Yalla. Dass sie in mein Leben gekommen ist und wie sie es verändert hat. Mit Freude, mit Lachen, mit Sprechen, mit der Zärtlichkeit in den Händen und der Wärme der Umarmungen im Herzen. Und in meinem Lächeln, wenn ich sie durch die Welt wirbeln sehe. Und ihrem Juchzen im Ohr. Danke. 

1.1.2019

Alles war schon einmal da und kommt immer wieder. Jeder Tag beginnt mit Herzklopfen in dem Augenblick, wo ich die Birke vom Himmel unterscheiden kann – oder einen schwarzen Faden von einem weißen? Als wäre das eine Überraschung. Als könnte ich nie sicher sein, dass jede Nacht ein Ende nimmt.

1.1.2012

Das Jahr ist neu, und ich bin froh. So ein Anfang ist gut. Nach dem wie immer unvermeidlichen Moratorium, das so gar keine Entschlüsse erlaubt. Es ist gut, das zu fühlen, zu nehmen und vergehen zu lassen.

Es sind so viele Bilder vorbei gezogen in diesen Tagen. Weiße mit schwarzen Linien darin. Graue mit verschwimmenden Rändern wie heute Nacht. Um halbeins war kaum ein Baum mehr zu sehen. Alles verhängt mit einem dichten Schleier im Lärm. Der kam sehr nah heran. Eigentlich zu nah für diesen Ort. Aber, wie zu erwarten war, ging er vorbei. Jetzt rauscht es nur noch leise, in der Ferne ein Zug.

Ich freue mich auf alles, was ich jetzt anfangen werde, auch wenn ich noch nicht weiß, was es ist. Es wird richtig sein, wenn es absichtslos geschieht. Dann schaue ich mir an, was es gewesen sein wird. In einem Monat, in einem Jahr. Mein Wort für 2012: Absichtslosigkeit. 

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen absichtslos und unabsichtlich? Darüber werde ich noch nachdenken müssen.

2.1.2019

Wenn ein Tag so flammend beginnt wie dieser, dann scheint alles möglich – auch dass du aus diesem Feuer als Rauch aufsteigst. Nichts kann verloren gehen.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne... das kennt jeder.
Vielleicht nicht, wie es weitergeht: der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Ich muss meinen Hund nach dieser kriegerischen Nacht vor seiner Angst beschützen. Er möchte ins Auto fliehen, als ich ihn zum Gartentor rufe. Dann muss ich ihn so kurz an die Leine nehmen, dass er neben meinen Beinen bleibt. Anders macht er keinen Schritt. Ich bin schon vor meinem Müsli mit ihm gegangen, um sicher zu sein, dass die, die heute ihre Restknaller verpulvern, noch nicht draußen sind. Wir sind die einzigen auf dem Feldweg, kein anderer Hund ist mit Herrchen oder Frauchen unterwegs.
Gefragt, wie ich Silvester verbringe, hab ich gesagt: Gegen Mitternacht laufe ich zum Hochsitz und schaue mir den schönen Dreck an. Gedankenlos.
Dann bin ich zum ersten Mal nicht zum Hochsitz gelaufen und hinaufgestiegen, seit ich die letzten Stunden eines Jahres hier draußen verbringe. Der Spaß ist mir ganz und gar verdorben, seit ich die Zahl für den Jahresanteil dieses Feinstaubs im Kopf habe. Warum machen wir das? Aus Freude? Gegen die Angst? Dass Altes das Neue hindern könnte?
Dann wollte ich den Krach, den ich hören musste, doch sehen und bin die Leiter hinaufgeklettert, die ich nach dem Ausräumen der Dachrinne stehen gelassen habe. Ganz nah im Dorf und weit über den Horizont verstreut fliegen die bunten Fontänen krachend in die Luft. Schmutzige Schönheit.
Was ist, wenn es sie nicht – mehr – gibt? Was würden wir stattdessen tun?

Es ist keine Frage, ob ich den Faden einer Freundschaft ins neue Jahr hinüber knüpfe oder ob ich ihn hängen lasse. Es wäre etwas tot, ohne gestorben zu sein.
Ich rufe Lucie in Wartenburg an. Sie nimmt nach dem fünften Klingeln ab. Sofort erzählt sie, sie habe ein „Schluckchen gehabt“ und sich gefragt, wer wohl an sie denkt. Ich bin es. Wie es ihr geht?
„Es ist, wie es war. Man kann nur noch sein Ende erwarten…“ Ich schaue schnell in meinen Geburtstagskalender – am 10. Februar wird sie 92.
Dann will sie wissen, ob ich etwas über die Mennoniten in Wartenburg weiß. Es habe sie gegeben, wo sind sie jetzt? Das Blatt der Deutschen Minderheit bekomme sie nicht mehr. Wen kann sie noch fragen? Wie lebhaft und interessiert sie ist, aber ich muss sie enttäuschen: mein Vater hat nichts erzählt. Wir hatten nur Die Heimatbrücke, den Goldaper Heimatbrief. Zuletzt ist der von Weihnachten 2010 zu mir gekommen. In diesem Jahr war ich zum ersten Mal nach Hause gefahren, die Eltern lebten schon lange nicht mehr. Sie versucht es noch einmal, bis sie dann sagt: na ja. 

3.1.2019

Es hat geschneit. Wie ich mich freue! Das hört wohl nie auf. Ich bin kindisch. Meine Schritte machen die ersten Spuren auf dem Weg. Yalla will in die andere Richtung laufen, als ich sie rufe, kommt sie näher, verschwindet aber gleich wieder. Ich gehe zurück: Sie ist unter dem Tor in den Garten geschlüpft und wartet am Auto. Noch einmal und jetzt nach rechts, wie sie es wollte. Da läuft sie munter voraus, meinetwegen, wenn sie dabei die Knallerei vergisst. Der Schnee genügt ihr schon, um sich darin zu wälzen.

Schneeflocken. Einzeln.
Sind schnell vergessen. Der Spatz
trägt den Sieg davon 

Am Abend dann mit dem Traumschiff nach Santorin.
In Athen habe ich meinen roten Panda lange suchen müssen. Endlich angekommen nach dem Ritt über den Autoput bin ich glücklich losgelaufen, ohne mir den Ort zu merken, wo mein Auto stand. War es eine Stunde oder waren es zwei? Gefühlt waren es drei.

Nach Kreta bin ich geflogen. Unten und oben gelaufen, habe in den einzigen Zimmern der Dörfer geschlafen, wo alle Touristen unterkamen. Zuletzt wollte ich die Samariaschlucht hinaufsteigen. Unten wurde ich gewarnt, nicht zu spät loszugehen, weil es unterwegs keine Unterkunft gab, erst oben wäre ein Dorf.
Ich bin spät losgezogen und fing bald an, mir Möglichkeinen zum Schlafen auszudenken. Eine kleine Gruppe mit einem Esel ist mir entgegengekommen. Erst als sie an mir vorbeikamen, konnte ich sehen, dass ein Mensch über dem Esel hing. Er war tot. Ein Kreter führte das Tier vorsichtig und langsam, hinter ihm ging eine Frau mit zwei Kindern.
Die Männer, die dann herunterkamen, erzählten, dass der Mann von einem Stein erschlagen worden sei. Es sind Deutsche gewesen.
Vielleicht bin ich dann schneller gegangen und bei den ersten Häusern angekommen, als es dunkel wurde.

Santorin. Sollte Yalla gehen, bevor ich es tue, nehme ich den nächsten Flieger, der mich nach Griechenland ins Licht der Ägäis bringt.