10.-20.3.2019 – gegen den Strich

10.3.2019

Die Wetteraussichten werden nicht besser. Es ist grauslich. Ich weiß nicht, wohin mit mir.
Gestern habe ich notwendige Aktivitäten dagegengehalten, mein Auto musste ausgeräumt und gründlich saubergemacht werden, schließlich habe ich eine Mitfahrerin. Und man kann sich nicht vorstellen, wie das Auto hier nach einem Winter mit Hund ausschaut.
Aus meinem früheren Garten habe ich Krokusse mitgebracht und sie hier in den Boden gesteckt. Sie und die Schneeglöckchen haben sich inzwischen fast flächendeckend vermehrt. Dafür ist der Regen heute gut. 

Nein: das wird heute nix, ich höre hier auf und gehe schwimmen und ins Kino.
Und morgen früh ins Gebirg.

Der Regen macht gerade eine Pause – das kann ich vielleicht schnell die wichtigsten Sachen ins Auto räumen: die Schneeketten zuerst!

20.3.2018

Das waren nur zehn Tage?!?
Kann man in zehn Tagen in eine völlig andere Welt versinken?
Hier und heute habe ich in dem Spatzenreihenhaus, das ich letztes Jahr aufgestellt habe, eine tote Blaumeise gefunden. Viele kleine Federn und Reste eines Nestes um sie herum. Ich denke sofort an einen Mörder und bin wütend auf meine Naturromantik, mit der jeder Tod, den ein Leben dem anderen antut, ein Unglück ist. Der Buntspecht und die Meisenbrut. Die Eichhörnchen und die Vogeleier. Undundund. Meine Glasscheiben und die Heckenbraunelle und das Rotkehlchen, mein Hund und die jungen Hasen.
Das soll ich mit einem ruhigen Achselzucken hinnehmen. Wozu die Aufregung. Ich hätte es früher lernen müssen, hinzuschauen und es auszuhalten. Vielleicht gäbe es dann auch nicht die irre Hoffnung, dass alle Menschen auf dieser Welt leben könnten.  
Die Nachricht, dass mein Hund wahrscheinlich ein Magengeschwür hat, habe ich beim Skifahren bekommen. Falsch: beim Hoffen auf Skifahren. Das war nämlich schon mit dem ersten Tag zu Ende. Schnee und Wind, Wind und Schnee, man hätte blind fahren müssen. Da schnalle ich ab.
Und nehme eine Frustration mit nach Hause, wie ich sie noch nicht erlebt habe.
Alles gegen den Strich. Und wie ich dieses Gefühl hasse. Als würde ich mit Vollgas in die falsche Richtung fahren und die Spur nicht wechseln können.
Solange ich alleine ins Gebirg gefahren bin, habe ich nicht geplant, sondern bin losgefahren, wenn das Wetter gut war. Das war Glück. Ich hatte ja Zeit. Mein Leben ist inzwischen ein einziges großes Zeitfenster.Nicht so bei meiner Nachbarin, wir mussten planen. Ein paarmal ist das gut gegangen: den Ifen hinunter fliegen mit Juhu!!!
In diesem Jahr konnten wir unser Quartier nicht bekommen, mussten andere Ziele suchen und uns festlegen, denn meine Nachbarin hatte nur eine Woche frei. Also mit ihr oder allein. So sind wir nach Kühtai gekommen.

Da war das Abenteuer beim Hinauffahren, auf das ich stolz sein wollte, schon lange vergessen. Die erwarteten Schneekettenhelfer waren in den Dörfern nicht zu finden. In der letzten Gemeinde vor Kühtai der Tipp: hinter dem Räumfahrzeug fahren. Also los: bei dichtem Schneefall hinterher, bis ich nicht einmal mehr die Stangen sehen konnte, die die Straße markierten. Meine Beifahrerin musste aussteigen und vorauslaufen, um zu sehen, wie es weiterging. Bei einem Skilift mit Parkplatz brauchte ich eine Pause.
Wie weit noch? Ich habe mir die Autos, die raufgefahren sind, angeschaut bis ich dachte: Das kann ich auch. So sind wir auf 2020 m angekommen.
Einen Tag sind wir skigefahren, gerade soviel, dass ich sehen konnte, dass hier genau das war, was ich gewollt habe, als ich die Hütte über 2000 m ausgesucht habe. Der Schnee so toll, dass meine Skier sofort machten, was ich wollte. Einen einzigen Tag. Dann ein paar Versuche, wenn ein Lichtblick auftauchte, wo man etwas sehen konnte. So kurz, dass es den Weg zur Bahn nicht gelohnt hat. Weil die Aussichten auf weiteren Schnee standen, sind wir einen Tag früher abgefahren als geplant. Vielleicht schafften wir es noch einmal ohne Ketten, wir mussten erst einmal den Berg hinauf, um aus Kühtai heraus zu kommen. Da machte ich es wieder so: den Autos zuschauen, wie sie hinauffuhren, ob sie schleuderten oder liegen blieben, bis ich wusste: Das kann ich auch.
So war es dann.
Hier möchte ich mich nur noch schütteln, den Frust abschütteln, mein Highlight des Jahres vergessen. Nichts wie vergessen.

Dabei hilft mir der Hund. Wir müssen zum Arzt , wie geht es weiter: wohin zum Ultraschall, zur Magenspiegelung. 

In meiner Post liegt eine Tagungseinladung der Evangelischen Akademie Tutzing, die mir zu denken gibt:
Sozialverträgliches (Früh)Ableben Bloße Wortschöpfung oder reale Strategie?

Obwohl mir, die ich immer wieder über das nachdenke, was hier Frühableben heißt, da etwas entgegenkäme, würde ich sagen: Diese Wortschöpfung ist obszön, und ich schäme mich, dass es sie gibt. Schließlich machen Wörter Wirklichkeit. Oder sie sagen, was man nicht sehen wollte.
Beim Googeln stelle ich fest, dass ich – wie so oft – 20 Jahre hinter der Zeit liege:
Sozialverträgliches Frühableben war das Unwort des Jahres 1998 in Leistungen- und Qualitäts-Kürzungen, die auch Altgewordene in ihrem letzten Lebensjahrzehnt, wenn die meisten Leistungen der Gesundheitssolidargemeinschaft nötig werden, trafen.

Tutzing 2019:

Sterben nach dem Zeitplan anderer? – Sozialverträglich ableben oder sterben müssen? – Alles hat seine Zeit - “Wir werden morgen über Euch entscheiden“ – „Ich will doch keinem zur Last fallen“ – Qualitätsmanagement als „Schmiermittel“ der Ökonomisierung? - Auf der schiefen Ebene kommen immer die anderen ins Schlittern - Wie wir Zukunft menschenwürdig organisieren können – Einer trage des anderen Last

Wer kann das glauben.

Ich habe zwei Lerchen gehört, als sie über dem Sonnenblumenfeld aufgestiegen sind. Ich wünsche mir, dass der Bauer erst pflügt, wenn die Jungen fliegen können. Ich weiß, dass dieser Wunsch vergeblich ist.

Inzwischen hat es wieder einen Militärangriff zwischen Mopti und Timbuktu gegeben mit 23 Toten. Fast vermisse ich die übliche Meldung von Mahamane, die ich selbst verhindert habe.
Ich suche Fehler, die ich gemacht habe, und bin dabei erfinderisch. Lieber schuld als ausgeliefert sein.